Die Zukunft der Kulturarbeit.

Die Art, wie wir Kunst und Kultur betreiben, hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Es stellen sich Fragen um Professionalisierung und Prekariat, politische und inhaltliche Ausrichtung, Vernetzung oder Anbindung an andere Sektoren. Wie sieht die Zukunft aus? Was ändert sich an der Art, wie wir arbeiten? Was könnten neue Herausforderungen werden? Welche Themen werden uns in den nächsten Jahren beschäftigen? Wir haben mit Kulturarbeiter*innen aus der unterschiedlichsten Schwerpunktsetzung, verschiedenen Generationen und mehreren Bundesländern gesprochen, wie sie die Zukunft sehen. 

Zukunft der Kulturarbeit

Soweit ich weiß, hatte niemand eine Glaskugel bei sich zuhause. Aber wenn man eine möglichst heterogene Gruppe Kulturtätiger befragt, was zukünftige Szenarien betreffen könnte, lässt sich aus der Summe der Antworten womöglich etwas ableiten. Manche kommen aus der Musik, Radio oder TV, der politischen Arbeit oder Vertretung, Vernetzungsplattformen, Festivals, kleiner Initiativen oder großer Kulturhäuser. Ich habe sowohl frische Stimmen als auch alte Hasen zum Gespräch gebeten. Die gemeinsame Erfahrung schon spürbarer Entwicklungen lässt vielleicht zu, ein wenig darüber zu spekulieren, welche davon auch in den kommenden Jahren tragend sein werden. So unterschiedlich die Antworten teils auch waren, dass Kulturarbeit an Relevanz verlieren wird, glaubt kaum jemand. Die Gesellschaft braucht einen Rahmen „in dem man sich austauschen und diskutieren kann, neue Impulse und Denkanstöße finden kann – das wird nicht aufhören“, so Jolanda de Wit vom OKH Vöcklabruck. Yvonne Gimpel, Geschäftsführerin der IG Kultur, sieht aber dennoch Bedarf gegeben, diese wichtige Funktion der Kulturarbeit besser nach außen zu vermitteln. Gerade die Diskussionen in der Pandemie hätten gezeigt, dass vielerorts nicht wirklich verstanden wird, was Kultur ist und welche Funktionen es erfüllt. Das betrifft nicht nur die marktwirtschaftliche Dimension, gemäß derer Kultur eine treibende Kraft darstellt, sondern vor allem den Mehrwert, den der Sektor für die Gesellschaft erbringt. 
Es wird auch weiterhin künstlerische Nischen brauchen, in denen man experimentieren kann, Neues entwickeln und neue Ideen verfolgen kann „und diesen Freiraum bietet die freie Szene“, so Gerald Gröchenig von der Europäischen Theaternacht. Dieser Dampfkessel ist wichtig, denn hier werden nicht nur künstlerische Formate entworfen, sondern auch gesellschaftliche Probleme besprochen und durchaus auch Lösungen gefunden, so Andrea Hummer, früher beim Festival der Regionen. 

Hans Oberlechner, MuKu St. Johan, sieht auch die Notwendigkeit sich der Aufgabe zu stellen, es der Jugend leichter zu machen, sich aktiv im Kulturbereich zu betätigen: „Das sehe ich jetzt auch als meine Aufgabe, dass junge Menschen das Zepter in die Hand nehmen und für gute Entwicklungen in der Zukunft sorgen!“ Die Anbindung an die nächsten Generationen steht auch in Verbindung mit einem anderen drängenden Thema. Wie wir nicht zuletzt in den Suppenwürfen und der Klimaprotestwoche wahrgenommen haben, wird uns auch das Klimathema noch über Jahre weiter begleiten. Gabriele Gerbasits spekuliert über die Beziehung zur neuen Jugendbewegung: „Ich bin neugierig, was Friday for Future im Kulturbereich entwickeln werden, ob sie an Bestehendes andocken werden oder etwas ganz Neues entwerfen.“ Tatsächlich sieht es ein wenig so aus, als wäre das Klimathema ein wenig am Kulturbereich vorbeigegangen. Die Jugend hat sich abseits der freien Szene formiert. Richard Schachinger vom Klimabündnis und früher KUPF OÖ bemerkt, dass das Thema, obgleich es eine Zeit lang am Sektor vorbeiging, langsam im Kulturbereich Fahrt aufnimmt und auch in den nächsten Jahren Schwerpunktthema bleiben wird: „Das wird nicht nur dem Thema guttun, es ist auch gut für die Szene, sich damit auseinanderzusetzen.“ Alina Zeichen, UNIKUM und IG KIKK, fügt hinzu, dass es auch darum geht, sich der Frage zu stellen, wie man nachhaltige Kulturarbeit betreiben kann, da Kunst und Kultur mit ihren Bühnenbeleuchtungen und Belüftungen auch große Energiefresser sind. 

Gerald Gröchenig erwähnt in Sachen Nachhaltigkeit auch die Wichtigkeit von sozialer Nachhaltigkeit, wie Umverteilung, Fair Pay oder dem Grundeinkommen. Gabriele Gerbasits hofft dahingehend auf ein Steigen der Budgets, auch wenn es nach den vielen pandemiebedingten Kosten während Corona etwas unwahrscheinlich wirken mag. Und doch wurde für das Jahr 2023 bereits 9 Millionen für Fair Pay budgetiert. Es soll für Zuschüsse zur Verfügung stehen. Eine Verankerung von fairer Bezahlung ist das noch nicht, aber es ist ein wichtiger Schritt. 
Unter den gegebenen Bedingungen muss hinterfragt werden, wer es „sich leisten“ kann, Kulturarbeit zu betreiben und auch hier eine Entwicklung angestoßen werden: „Auch das ist eine soziale Frage. Das muss man kritisch reflektieren.“ Wenige Menschen können von ihrer Kulturtätigkeit leben und viele nur in äußerst prekären Verhältnissen. „Ich habe nie von Kulturarbeit gelebt und mir das nur leisten können, weil ich woanders gearbeitet habe“, so Michaela Schoissengeier von FIFTITU% aus Linz. Auch Thomas Randisek vom Dachverband Salzburger Kulturstätten sieht die Absicherung der Kultur als zentrales Thema: „Hier wurde die letzten Jahre gut lobbiiert.“ Yvonne Gimpel sieht in diesem Kontext momentan ein politisches Möglichkeitsfenster gegeben, um Fair Pay endlich umzusetzen – wenn neben Bund auch Länder und Gemeinden zu konkreten Maßnahmen bewegt werden können. 

Die Art und Weise wie Kultur gemacht wird, könnte sich auch verändern – dafür sind die digitalen Organisationsformen der Jugendbewegungen womöglich schon Vorboten. Die freie Szene erfindet sich selbst stets neu, so Klemens Pilsl, früher bei der Linzer KAPU und der KUPF OÖ. Martin Wassermair von Dorf TV denkt, dass die Partizipationsweisen im Wandel begriffen sind. „Menschen werden sich auf unterschiedlichste Weise zusammenschließen oder individuell das tun, worauf wir unsere Visionen aufbauen – auch ohne zu wissen, dass sie das tun, was wir freie Kulturarbeit nennen“. 
Pilsl sieht auch die nächsten Jahre eine weitere Professionalisierung des Sektors auf uns zukommen: „Das Know-How des Kulturmanagements ist in der freien Szene angekommen. Der Zwang zur Professionalisierung wird weiterwachsen, man kann nicht mehr mit einem handgeschriebenen Zettel zum Kulturstadtrat gehen, man muss Förderanträge, Budgets, Finanzierungspläne und Abrechnungsmodalitäten beherrschen. Das hat Vor- und Nachteile.“ 

Gabriele Gerbasits, langjährige Geschäftsführerin der IG Kultur, befürchtet, dass mit der Professionalisierung und damit einhergehenden Abhängigkeiten, womöglich auch der politische Anspruch in den Hintergrund gedrängt werden könnte. Das könnte eine reale Befürchtung sein, war die freie Szene in den Protestbewegungen der letzten Jahre nicht mehr so prominent an vorderster Stelle vertreten, wie noch die Jahre zuvor – man denke an die Donnerstagsdemos bei Schwarz-Blau 1. Es ist auch auffällig, dass selbst einige Interessenvertretungen des Sektors, wohl gegenüber der aggressiven Stimmung unter Türkis-Blau und vor allem seit der Existenzbedrohung in der Pandemie weitaus weniger politisch und verstärkt als Serviceeinrichtungen auftreten. Beißen wir nicht mehr so gern die Hand, die uns füttert?  
Die politische Haltung wäre jedenfalls immer noch bitte nötig. David Prieth vom p.m.k. in Innsbruck meint, dass die Pandemie gezeigt hätte, welche Konflikte unter der Oberfläche brodeln: „Man hat auch gesehen, wie leicht es ist, Menschen für unlautere Anliegen einzuspannen.“ Andrea Hummer ist sich sicher, dass „Antirassismus noch über Jahrzehnte hinaus relevant sein wird. Da ist vieles kaputt gegangen, was in den 1990er Jahren noch zu einem Aufschrei geführt hätte.“ Oberlechner ist nicht so pessimistsisch, was den Antrieb der freien Szene betrifft: „Kulturarbeit war früher davon getragen, verkrustete Strukturen aufbrechen zu wollen und als politisches Korrektiv zu fungieren. Dieses Denken hat sich bis heute erhalten, nur die Herausforderungen sind anders geworden. Die Rechtsextremisten treten heute auch ganz anders auf. Dagegen aufzutreten, auch mit künstlerischen Mitteln, ist es allemal wert.“ David Prieth findet, dass gerade jetzt der Zeitpunkt sei, darüber nachzudenken, wie wir Menschen genug absichern können, dass sie eher bereit sind zu kooperieren, als Dinge zu zerschlagen.  

Eine andere Frage betrifft den eigenen Tellerrand. Laut Gabriele Gerbasits fehlt dem Kulturbereich auch die Anbindung an den Bildungsbereich. Das wurde zwar vielerorts versucht, man war aber stets erfolglos, die Politik davon zu überzeugen, entsprechende Förderstrukturen zu schaffen. „Hier stellt sich die Frage, ob Kunst und Kultur nicht stärker in den Bildungsbereich könnte. Auch Post-Corona wäre es eine Chance, um gut abgesichert Kulturarbeit machen zu können“, so Gerbasits. 
Yvonne Gimpel bemängelt auch, dass der Fokus während der Pandemie zu national eingestellt war. Eine internationale Perspektive ist in den Hintergrund geraten: „Was stark verloren gegangen ist, ist ein globaleres Verständnis, das wir schon mal hatten.“ Simon Hafner, IG Kultur Steiermark, denkt dabei auch an Verbindungen jenseits des Kulturbetriebs: „Allianzen über den Kulturbetrieb hinaus sind ein zentraler Punkt. Die Verbindungen, die es hier gibt, müssen wir weiter stärken.“

Nachdem wir über Jahre im Krisenmodus versunken waren und zum Teil immer noch sind, uns mit existenziellen Sorgen wie Krankheit, Krieg, Teuerung auseinandersetzen und die letzten Jahre auch gefühlt mehr damit beschäftigt waren, extremistischen Stimmen gegenzusteuern, als eigene Kritiken und Visionen zu formulieren, scheinen sich die Rahmenbedingungen der Kulturarbeit verschoben zu haben. Das ist nicht alles schlecht, es gibt auch gute Tendenzen. In manchen Leerstellen zeigt sich Potenzial. Nun ist es an uns, diese Entwicklungen aktiv zu gestalten. 


 

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