Manifest soziokultureller Zentren
Von Projekten zur Infrastruktur: Lokale Kulturzentren als öffentliche Dienstleistung finanzieren
Soziokulturelle Zentren helfen das lokale Gedächtnis zu bewahren, bieten Raum für Vielfalt und schaffen Orte, an denen sich Menschen begegnen und selbst organisieren können – ohne Vorbedingungen oder äußere Zwänge. Gerade in einer Zeit, in der sich Krisen häufen und das Vertrauen sinkt, sind wir kein optionales Extra. Wir sind Teil jener Infrastruktur, die zivilgesellschaftliches Leben erst möglich macht.
Wir halten die Türen unserer Zentren offen, während der Alltag teurer, polarisierter und anstrengender wird. Menschen kommen zu uns mit Gefühlen der Einsamkeit, Trauer, Wut, Verwirrung und dem dringenden Bedürfnis nach einem Ort, der sich menschlich anfühlt. Wir begegnen ihnen nicht unter idealen Bedingungen. Wir begegnen ihnen so, wie sie sind, unter den Bedingungen, die tatsächlich herrschen.
Wir arbeiten nicht außerhalb der Krisen. Wir arbeiten mitten in ihnen.
Was wir tun
Wir bringen das kulturelle Leben nah an den Alltag heran. Wir schaffen Zugang, nicht als Slogan, sondern als tägliche Praxis: eine einladende Atmosphäre, einfache Möglichkeiten, zu kommen und mitzumachen, ungezwungene Einladungen und Zeit, einfach da zu sein, ohne sich beweisen oder dazugehören zu müssen.
Wir bringen Menschen zusammen, die sich sonst nicht begegnen würden. Wir bringen Nachbar*innen zusammen – unabhängig von Sprache, sozialem Hintergrund, Migrationsgeschichte, Identitäten und politische Ansichten.
Wir reagieren auf Konflikte, indem wir die Voraussetzungen für Dialog, Sicherheit und
Heilungsprozesse schaffen. Wenn Spannungen zunehmen, helfen wir, eine Eskalation zu verhindern. Wenn Schaden entstanden ist, unterstützen wir die Konfliktbewältigung und den langwierigen Prozess der gesellschaftlichen Versöhnung.
Wir schaffen Raum für Reflexion, gemeinsamen Kampf, gemeinsame Freude und den langsamen Wiederaufbau von Würde. Wir bieten Möglichkeiten, sich auszudrücken und sich als Teil von etwas zu fühlen, ohne die richtigen Worte, den richtigen Hintergrund oder den richtigen Status zu brauchen.
Von außen betrachtet wirkt ein Großteil dieser Arbeit ganz gewöhnlich. Genau deshalb funktioniert sie. Sie wächst durch Wiederholung: bekannte Gesichter, die wiederkehren, Beziehungen, die sich vertiefen, und kleine Reparaturen, die verhindern, dass eine Gemeinschaft weiter zerfällt. Es ist die Art von Wert, die erst bemerkt wird, wenn sie fehlt.
Was fehlt
Förder- und Bewertungssystem verlangen, dass wir die Wirkung unserer Arbeit in der einfachsten Form nachweisen: Anzahl verkaufter Tickets bzw. Besucher*inne, Medienresonanz, Zahlen und Berichte. Das kann nützlich sein, aber es vernachlässigt das, was wirklich zählt.
Es zeigt nicht, wie Vertrauen zwischen Menschen entsteht. Es zeigt nicht, wie Vorurteile abgebaut werden. Es zeigt nicht, wie jemand engagiert bleibt, statt zu verschwinden. Es zeigt nicht, wie eine Gemeinschaft wieder lernt, sich miteinander zu verständigen.
Weil diese Kennzahlen dominieren, bestimmen sie, was möglich wird. Zeit verlagert sich weg von den Menschen hin zur Bürokratie. Programme richten sich danach aus, was in ein Formular passt. Organisationen lernen, dem Vorrang zu geben, was sich berichten lässt, selbst wenn es nicht das ist, was für echte, nachhaltige Wirkung nötig ist.
Gemeinschaften leben nicht nach Förderzyklen
Ein Kulturzentrum beginnt nicht, wenn eine Förderung beginnt. Es endet nicht, wenn ein Berichtszeitraum endet. Gemeinschaften durchlaufen Jahreszeiten, Schuljahre, Betreuungsaufgaben, Migration, Konflikte, steigende Kosten, Krisen im Gesundheitswesen, plötzliche Schocks und langwierige Erholungsphasen.
Kurzfristige Finanzierung mit strengen Regeln steht im Widerspruch zu langfristig angelegter soziokultureller Arbeit. Als Erstes verschwindet die Zeit, um Beziehungen aufzubauen, um langsam Vertrauen, Wertschätzung und Zugehörigkeit zu etablieren. Dann ein stabiles Team, dass diese Prozesse begleitet. Dann die Kontinuität der Tätigkeit. Danach wird das Zentrum zu einem Flickenteppich aus losen Projekten statt zu einem Ort, auf den sich die Menschen verlassen können.
Hier wird der Widerspruch sichtbar: Die Arbeitsbelastung wächst, während die Bedingungen für Verbundenheit schrumpfen. Das Ergebnis ist nicht nachhaltig, weder für die Gemeinschaften noch für die Menschen, die die Arbeit leisten. Wir spüren es in unseren Körpern und unseren Teams: unterbezahlte Arbeit, Burnout, Brain Drain, ständiges Improvisieren und das stille Verschwinden von Menschen, die die Last nicht mehr tragen können.
Was wir sind...
- Wir sind soziokulturelle Zentren: Orte, an denen Kultur Teil des Alltags ist.
- Wir arbeiten mit Gemeinschaften so, wie sie sind, nicht als Zielgruppensegmente.
- Wir schaffen öffentlichen Raum in der Praxis: Räume, die Menschen betreten können, ohne über das nötige Vokabular oder bestimmte Qualifikationen zu verfügen, ohne bereits dazuzugehören zu müssen.
- Wir tun mehr, als nur Veranstaltungen zu organisieren. Wir sorgen dafür, dass ein Ort ein verlässlicher und einladender Ort bleibt, Woche für Woche.
...und was wir nicht sind
- Wir sind keine Bühne, die nur existiert, wenn ein Programm finanziert wird.
- Wir sind keine Vermieter*innen von Veranstaltungsräumen.
- Wir sind kein Dienstleister*innen, die vordefinierten Aufgaben erledigen, um einen Auftrag zu erfüllen.
- Wir sind kein Marketinginstrument für das Branding einer Stadt oder einer Gemeinde.
- Wir sind kein sozialpolitisches Instrument, um Lücken zu stopfen oder Versäumnisse in anderen Bereichen zu kompensieren, während wir als „nettes Kulturextra“ finanziert werden.
- Wir sind nicht dazu da, um politische Agenden oder Initiativen, die wenig mit Kultur, Gemeinschaft oder Fürsorge zu tun haben, mit Kultur aufzuputzen.
- Wir sind keine Talenteschmiede, die auf unbezahlter Arbeit, Erschöpfung und ständiger Unsicherheit basiert.
Was wir ablehnen
- Wir lehnen die Vorstellung ab, dass Wert erst dann entsteht, wenn er für Geldgeber*innen sichtbar wird.
- Wir lehnen ein System ab, in dem die beste Arbeit aus den Aufzeichnungen verschwindet, weil sie sich nicht auf Zahlen reduzieren lässt.
- Wir lehnen es ab, um Krümel zu konkurrieren, während uns gesagt wird, wir hätten denselben öffentlichen Auftrag.
- Wir lehnen es ab, Burnout als beruflichen Standard zu normalisieren.
- Wir lehnen „Projektlogik“ ab, bei der Kontinuität und Stabilität als Luxus behandelt werden, obwohl Vertrauen nur durch Kontinuität aufgebaut wird.
- Wir lehnen die Fiktion ab, dass Rechenschaftspflicht gleichbedeutend mit Papierkram ist.
Die unsichtbare Arbeit, die die sichtbare Arbeit zusammenhält
Wir schaffen Vertrauen durch Beständigkeit. Wir sind immer da. Wir bleiben lange genug, damit Menschen ganz selbstverständlich und aus eigenem Antrieb wiederkommen, ohne dass man sie dazu drängt oder mit Werbung bombardiert. Wir schlagen Brücken zwischen Gemeinschaften, die sich von Natur aus nicht begegnen, bis der Kontakt real wird. Wir nutzen Kultur als gemeinsame Sprache, wenn andere Sprachen versagen. Wir bauen mit und für Menschen. Eigenverantwortung wächst, wenn Verantwortung geteilt wird.
Ein großer Teil unserer Wirkung ist präventiv und reparativ: Wir helfen, Spannungen
abzukühlen, bevor sie zu Krisen werden, und wir helfen Menschen, wieder zueinander zu finden, nachdem Dinge zerbrochen sind.
Fördermittel finanzieren Programme, aber selten die tägliche Arbeit, die sie am Laufen hält. Das Ergebnis sind unbezahlte Arbeit, Burnout und Instabilität.
Unsere Forderungen
Wir wollen, dass soziokulturelle Zentren als zivilgesellschaftliche Infrastruktur behandelt werden. Wir wollen eine Finanzierung und Verwaltung, die der Realität entsprechen, nicht nur Papierkram.
Wir fordern die EU und die Mitgliedstaaten auf: eine eigene Haushaltslinie für lokale / kommunale Kulturzentren zu schaffen; mehrjährige Basisförderungen als Standard festzulegen; den Berichtsaufwand proportional zur Förderhöhe zu begrenzen; und Vermittlungsarbeit und Community-Building als förderfähige Kosten anzuerkennen.
- 1) Anerkennung
Wir wollen, dass soziokulturelle Initiativen auf EU-Ebene als zivilgesellschaftliche Infrastruktur anerkannt werden und dass sich diese Anerkennung auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene in der Praxis wiederspiegelt
Anerkennung bedeutet:
- Soziokultur in politischen Programmen und Budgets konkret zu benennen;
- kleine Zentren und Initiativen zu unterstützen, nicht nur große Vorzeige-Einrichtungen;
- die tagtägliche unsichtbare Arbeit wertzuschätzen, nicht nur große Ereignisse;
- Zeit für Vernetzung und Beziehungsaufbau als integralen Teil der Arbeit zu verstehen;
- 2) Finanzierung, die der Realität entspricht
Wir wollen drei Arten der Finanzierung:
- Basisförderung
Mehrjährige Betriebsförderung, die Miete, Ausstattung, Personal, Instandhaltung, Koordination und Beziehungsarbeit abdeckt. - Programmförderung
Programm- bzw. Projektförderung hat ihren Platz, wenn sie auf stabilen Grundlagen aufbaut, anstatt diese zu ersetzen. - Kleinstzuschüsse
Einfache Kleinstzuschüsse für Experimente und lokale Initiativen, mit Einreichungs- und Abrechnungsanforderungen, die in einem angemessenen Verhältnis zur Förderhöhe stehen, damit die Mittel nicht nur an jene gehen, die die besten Anträge formulieren können;
Wir wollen einen eigene, leicht-zugängliche Finanzierungslinie für den soziokulturelle Arbeit – inklusive Mittel für n Bereich – inklusive basisdemokratisch und migrantisch geführter Zentren.
- 3) Verhältnismäßige Rechenschaftspflicht und echtes Lernen
Wir akzeptieren Aufsicht. Wir lehnen das Abhaken von Checklisten ab.
Wir wollen, dass:
- sich Berichtspflichten nach Förderhöhe und Kapazitäten richten;
- aus der Praxis gewonnene Erkenntnisse als legitimes Ergebnis gewertet werden;
- sich die Evaluierung darauf konzentriert, was sich verändert hat, was gelernt wurde und was die Gemeinschaften weitergebracht hat;
Denn Veränderung sieht so aus: Menschen kommen zurück und bringen andere mit; die Beteiligung wächst; Gruppen kommen miteinander in Kontakt, mit weniger Vorurteilen und weniger Angst; Würde und Selbstwertgefühl entstehen; Partnerschaften bilden sich; Gemeinschaften treiben Programme voran.
- 4) Arbeitsbedingungen
Wir wollen, dass die Arbeit möglich ist, ohne dabei auszubrennen oder zusammenzubrechen.
Wir fordern:
- ausreichende Finanzierung für die Arbeitszeit der Mitarbeitenden, einschließlich Koordinations- und Beziehungsarbeit;
- Mehrjahresverträge, die dem langfristigen Charakter sozio-kultureller Arbeit entsprechen;
- Mentoring und Kapazitätsaufbau für jüngere Kulturarbeitende;
- Unterstützung für Mobilität und Austausch als strukturiertes Lernen.
- 5) Stärkung von Zusammenarbeit und gemeinsamen Kapazitäten
Wir wollen Bedingungen, die es uns ermöglichen, nicht in Konkurrenz zueinander agieren zu müssen, sondern partnerschaftlich gemeinsam an Zielen zu arbeiten.
Wir fordern:
- Förderkriterien, die Zusammenarbeit zwischen Zentren, Stadtvierteln und Gruppen belohnen;
- Unterstützung für gemeinsam entwickelte Ressourcen, gemeinsame Personalmodelle, gemeinsame Räume und den Austausch unter Gleichgesinnten;
- Zeit, die für Vernetzung und Beziehungsaufbau reserviert ist;
- 6) Governance und Feedbackschleifen
Wir wollen eine Politik, die den Bezug zur Realität nicht verliert und von lokalem Wissen, gelebter Erfahrung und den Erkenntnissen aus der Praxis im Laufe der Zeit geprägt ist.
Wir fordern:
- einen finanzierten, regelmäßigen Dialog zwischen Entscheidungsträger*innen und soziokulturellen Zentren bzw. Initiativen;
- dass lokales Wissen als zentraler Input behandelt wird;
- dass Zeit für Reflexion und Abstimmung, die als legitime Arbeit finanziert wird.
Der Veränderung, den wir brauchen
Weniger Mikromanagement, mehr vertrauensbasierte Finanzierung und verhältnismäßige Rechenschaftspflichten. Nachhaltige und beständige, mehrjährige Unterstützung mit einer eigenen Budgetlinie für Soziokultur. Nicht die beste Berichterstattung zu belohnen, sondern die beste Arbeit. Anerkennung soziokultureller Arbeit als eigenständiger Wert, nicht als Mittel zur Erreichung anderer politischer Ziele.
Wir verlangen keine Perfektion. Wir verlangen Bedingungen, die unsere Arbeit erst möglich machen. Wir lehnen ein System ab, das stabile Finanzierung und professionelle Arbeit durch unbezahlte Arbeit ersetzt, und wir verlangen, als legitime Arbeitskräfte behandelt zu werden, die einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.
Wir verlangen nicht mehr Papierkram. Wir verlangen mehr Zeit mit den Menschen.