Zerrieben zwischen Zuständigkeiten - alle kürzen, niemand übernimmt Verantwortung

Die Finanzierung freier Kulturarbeit ist ein Flickwerk. Öffentliche Zuschüsse, so es welche gibt, müssen kleinteilig von unterschiedlichsten Stellen zusammengetragen werden, bis die Finanzierung steht – quer über Gebietskörperschaften und Ressorts hinweg. Damit besteht angesichts drohender Budgetkürzungen eine massive Gefahr: Denn, wenn jede Stelle nur auf die eigene Förderung schaut und „eh nur ein bisschen“ kürzt, kann aus einem kleinen Einschnitt schnell eine existenzieller werden. Umso dringender braucht es jetzt Budgetentscheidungen mit Weitsicht und Verantwortung über die eigene Zuständigkeit hinaus.

Ein Patchwork-teppich mit einem ausgefransten Loch in der Mitte

 

Hier ein paar Prozent, da ein paar Prozent – am Ende kommt ganz schön was zusammen. Die bereits erfolgten und noch drohenden Kürzungen im Bundesbudget sind nur ein Teil der Einschnitte, die gemeinnützige Kulturinitiativen derzeit treffen. Entwicklungen auf Länder- und Gemeindeebene – von Kürzungen bis zum Wegbrechen der gesamten Unterstützung (Stichwort „Abgangsgemeinden“, „Härtefallgemeinden“) wirken nicht nur gleichzeitig, sondern verstärken sich gegenseitig. Die Basisfinanzierung kultureller Nahversorgung und die Aufrechterhaltung eines kulturellen Angebots in seiner regionalen Breite drohen damit sukzessive wegzubrechen; Nicht in einem großen Knall, sondern Schritt für Schritt werden Angebote weniger, bis sie letztlich dauerhaft verlorengehen. Das hat systematische Gründe: 

 

Mein Budget ist eine Insel


Die öffentliche Finanzierungszuschüsse vieler Kulturinitiativen speisen sich aus verschiedensten Töpfen – „vertikal“ über Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Gemeinden) ebenso wie „horizontal“ über Ressorts (Kultur, Jugend, Integration, Bildung). Viele Förderstellen haben jedoch nur ihr eigenes Budget und ihre Förderrichtlinien im Blick. Daraus entsteht ein trügerischer Eindruck: „Nur“ 5 bis 10 Prozent Kürzung wirken – für sich betrachtet – verkraftbar, wenn davon ausgegangen wird, dass die anderen Ebenen stabil bleiben. In der Realität ist das jedoch fast nie der Fall. In der Summe bedeuten die kumulierten Kürzungen für einen Kulturverein schnell minus 30 bis 50 Prozent im Budget – und niemand fühlt sich verantwortlich.

 

Subsidiaritätsprinzip als Brandbeschleuniger


Voraussetzung für eine Förderung des Bundes ist eine Förderung des Landes, manche Landesförderungen setzen wiederum eine Förderung der Gemeinde voraus. Die Höhe der Summen sind in der Praxis häufig aufeinander abgestimmt: Der Bund schießt nur so viel zu, wie das Land beisteuert, usw. Kürzt nun eine Ebene, zieht die andere nach und die Abwärtsspirale setzt sich in Gang. 

Noch dramatischer kann diese Dynamik sein, wenn das Land eine kommunale Förderung voraussetzt: Streicht eine Gemeinde ihren Beitrag – selbst wenn dieser nur 10 Prozent des Gesamtbudgets ausgemacht hat und die Gemeinde weiterhin nicht-monetär unterstützt, etwa indem Räume kostenlos zur Verfügung gestellt werden – kann das automatisch den Wegfall der Landesförderung nach sich ziehen, die wiederum Bedingung für eine Bundesförderung ist. „Von 100 auf Null in drei Jahren“ ist in einem solchen System kein Horrorszenario, sondern Realität.  

Was als gut gemeinter Mechanismus zur geteilten Verantwortung gedacht ist, wird so in Zeiten der Budgetsanierung zum Brandbeschleuniger für den Abbau kultureller Infrastruktur in den Regionen.

 

Verantwortungsdiffusion


Am Ende steht der Verein vor drastisch reduziertem Budget, eingeschränktem Programm, Personalkürzungen – oder der Auflösung. Verantwortlich fühlt sich niemand: „Irgendwo muss man sparen“, „Wir sind an Richtlinien gebunden“, „Unser Beitrag war eh klein“... Diese Muster schaffen Verantwortungsdiffusion. Statt den kulturellen Wert und die gesamtgesellschaftlichen Funktionen von Kulturinitiativen – Teilhabe, Austausch, Bildung, Zusammenhalt – zu würdigen, wird auf Zuständigkeiten und Sparzwänge verwiesen und die eigene Verantwortlichkeit ignoriert.
 

Die gegenwärtige Budgetsanierung entscheidet auch darüber, welche kulturelle Infrastruktur in fünf oder zehn Jahren noch existiert.



Das Gesamtbild sehen und Verantwortung übernehmen


Die gegenwärtige Budgetsanierung entscheidet auch darüber, welche kulturelle Infrastruktur in fünf oder zehn Jahren noch existiert. Gerade weil Finanzierungsstrukturen in der freien Kulturarbeit sehr verflochten sind, brauchen wir Verantwortung jenseits der eigenen kleinen Budgetinsel.

Budgetentscheidungen müssen sich an ihren Wirkungen messen lassen. Nicht: „Alle Bereiche leisten denselben prozentualen Beitrag zur Budgetsanierung“, sondern: „Wo bringen Einschnitte tatsächlich Entlastung – und wo bringen sie Strukturen zum Kippen?“ Nicht: „Dort kürzen, wo es rechtlich am einfachsten ist“, sondern: „Dort, wo die Eingriffe verhältnismäßig sind und keine irreversiblen Schäden verursachen.“   

Politik ist nicht nur Budgetverwaltung, sie gestaltet Gesellschaft. Wer Kulturförderung „ein bisschen“ kürzt, kürzt am Ende ganz konkret Begegnungsräume, Teilhabe und demokratische Öffentlichkeit. Gute Förderpolitik sieht das Gesamtbild – und übernimmt Verantwortung.

Sollte der angekündigte Kürzungspfad des Bundes umgesetzt werden, drohen bis 2029 Einschnitte von über 60 Millionen Euro in der Kunst- und Kulturförderung des Bundes.  

 

Basiswissen Förderpolitik


Öffentliche Kulturförderung ist in Österreich in der Regel mehrstufig organisiert: Gemeinden, Länder und Bund tragen gemeinsam Verantwortung. 

Dieses Zusammenspiel folgt dem Subsidiaritätsprinzip, also der Idee, dass staatliche Aufgaben möglichst auf jener Ebene wahrgenommen werden sollen, die dafür am besten geeignet ist.

Daraus ergibt sich auch das Prinzip der Ko-Finanzierung: Viele Kulturinitiativen werden nicht von einer einzigen Stelle, sondern von mehreren Gebietskörperschaften unterstützt. Diese fördern stets mit Bezug auf ihren sachlichen und räumlichen Zuständigkeitsbereich. Ist eine Kulturinitiative etwa österreichweit aktiv oder überregional bedeutsam, fördert das Bundesland nicht gesamtösterreichisch alles, sondern nur anteilig und der Bund beteiligt sich (im Optimalfall) ebenso am Gesamtbudget. 

Dabei ist – auch beim Blick ins Transparenzportal – wichtig: Mehrere Förderungen für eine Initiative oder ein Vorhaben sind nicht automatisch eine zu vermeidende „Doppelförderung“, sondern im Gegenteil sehr üblich und meist (wie im Kunstförderungsgesetz) sogar gesetzlich vorgesehen – gelebte Subsidiarität. Eine oft kolportierte „Doppelförderung“, besser „Überförderung“, dass also dieselbe Aktivität tatsächlich mehrfach gefördert wird, verhindern Förderrichtlinien und -praxis bereits heute.

Voraussetzung ist dabei stets, dass ein tatsächlicher Finanzierungsbedarf besteht, der nicht anderweitig gedeckt werden kann – und entsprechend geprüft wird. Kulturförderung ist daher keine Anschub- oder Anreizfinanzierung zur Entwicklung oder Erprobung von Marktangeboten, sondern dient der Aufrechterhaltung einer leistbaren kulturellen Grundversorgung.

Wenn eine einzelne Förderung gekürzt wird oder wegfällt, kann das weitreichende Folgen haben. Weil die Förderlogik aufeinander aufbaut, kann eine verhältnismäßig kleine Kürzung etwa auf Gemeindeebene auch Landes- oder Bundesmittel gefährden. Gute Förderpolitik muss deshalb immer das Gesamtbild im Blick haben.

 

 

 

Ähnliche Artikel

Beim kulturpolitischen Jour Fixe diskutieren wir mit Eva Mion (Kulturabteilung des Landes Kärnten), Heidi Burger (Kärnten Werbung) und Gertrude Ortner (Kärnten Werbung) über die neue digitale Veranstaltungsplattform: Welche Vorteile bietet sie? Was bedeutet das Ende der bisherigen Veranstaltungsdatenbank des Landes? Was bringt die neue Website der Kulturabteilung? Und welche Kooperationspotenziale zwischen Kultur und Tourismus sind noch ungenützt?
Soziokulturelle Arbeit ist kein nettes Extra, sondern grundlegende zivilgesellschaftliche Infrastruktur. Gerade in krisenhaften Zeiten ist sie wichtiger denn je. Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, die die Realität von Kulturarbeit verstehen und stützen – anstatt sie durch immer mehr Auflagen, kürzere und unsichere Förderzyklen sowie steigenden finanziellen Druck zu erschweren. Ein Manifest soziokultureller Zentren, mit Beteiligung und Impulsen von europaweit über 100 Initiativen.
Symbolbild: Protestkundgebung bei der eine Person ein Schild mit der Aufschrift "Act Not" hochhält Kunst ist Arbeit, Kultur ist Arbeit. Arbeit bedeutet Einkommen und soziale Absicherung. Nicht, wenn es nach dem Willen der jetzigen Regierung um die Absicherung künstlerischer Tätigkeiten und Kulturarbeit geht. Das seit 1.1.2026 geltende Zuverdienstverbot zu AMS-Geldleistungen verhindert entweder die soziale Absicherung oder das Einkommen. Über 1300 Künstler*innen und 138 Kulturinstitutionen und -verbände verlangen daher, das Zuverdienstverbot aufzuheben. Sie sagen Nein zu einer armutsfördernden Maßnahme, die ganz besonders Frauen trifft.