Zwischen Gulag und shopping mall. Europäische Identität und "Osterweiterung"

Boris Buden

Aus: Einheit Europa. Kulturrisse. Dezember 1998.

Boris Buden

Aus: Einheit Europa. Kulturrisse. Dezember 1998.

Wenn sich heute die europäische Kultur mit dem Problem der sogenannten Osterweiterung befaßt, muß sie in erster Linie ihr Verhältnis zur Politik kritisch reflektieren. Hier wie kaum anderswo kommt ihre politische Rolle zum Vorschein, da sie - die Kultur - es ist, die in der gegenwärtigen Welt die wichtigsten Prozesse der politischen In- und/oder Exklusion entscheidend reguliert.

Nun, bevor wir uns auf das Problem konkret einlassen, müssen wir mit einer Illusion aufräumen - der Illusion, daß der Ort, an dem wir unser Problem diskutieren, außerhalb des Problemfeldes liegt.

Wien ist keine sichere Beobachtungsstelle, von der sich ein guter Blick auf die politischen Ruinen des osteuropäischen Kommunismus darbietet, sondern selbst das Zentrum einer anderen Ruine - der eines politisch gescheiterten Kulturprojektes. Ich denke da an Mitteleuropa, und zwar nicht an seine glorreiche Vergangenheit in der politischen Form der Donaumonarchie, sondern an den Versuch, diese politische Leiche kulturell wiederzubeleben. In dem, was heute ein sich vereinendes Europa ist, sah Milan Kundera noch Anfang der 80er den Raum kultureller Dekadenz. "In Paris", schrieb Milan Kundera in seinem Essay "Die Tragödie Mitteleuropas", "redet man beim Abendessen über das Fernsehprogramm, nicht über kulturelle Zeitschriften", und fragte sich, ob der westliche Mensch überhaupt noch verstehen kann, was für ein kultureller Verlust es war, eine literarische Zeitschrift mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren zu verlieren. Er dachte an die Wochenzeitschrift des Vereins tschechischer Schriftsteller, die nach der sowjetischen Invasion verboten wurde.

Mit dem Projekt "Mitteleuropa" weint Dissident Kundera jener Distanz nach, die Kultur traditionell der gesellschaftlichen Realität und insbesondere der Politik gegenüber gehabt hat, und deren kritisches Potential sich in dem berühmten Autonomieanspruch auch politisch artikulieren konnte.

So sollte Mitteleuropa ein Raum der Freiheit werden, die sich zwischen zwei Diktaturen kulturell reproduziert: einer östlichen des totalitären Kommunismus und einer westlichen des Marktes und der Medien. Dazwischen, in einer Form des "dritten Weges" - zwischen Gulag und shopping mall -, positionierte Kundera sein Mitteleuropa als einen Zufluchtsort für die anderswo bedrohte "authentische" kulturelle Identität Europas. Dieses Mitteleuropa war von Anfang an als das kulturell bessere Europa gedacht, und seine kleinen Völker waren zu einer Art Kulturadel unter den europäischen Nationen erklärt.

Kunderas Kulturprojekt war aber politisch reaktionär. Um verwirklicht zu werden, mußte es "die Vergangenheit restaurieren, die Vergangenheit der Kultur und die Vergangenheit der modernen Zeit überhaupt." Ein neues politisches Termidor war also notwendig, um die authentische kulturelle Identität Europas retten zu können.

Das Kulturprojekt "Mitteleuropa", das der Dissident Kundera Anfang der 80er skizziert hat, scheiterte, wie alle anderen "Dritter-Weg-Versuche", an der geschichtlichen Realität. Sein politischer Kern aber setzte sich durch, wie es scheint. Die von Kundera beschworene Vergangenheit ließ sich mit dem Fall des Kommunismus überall in Osteuropa erstaunlich leicht restaurieren, und zwar allzu oft in der Form aggressiver Nationalismen, die an den politisch schwächeren Stellen inzwischen viel Blut vergossen haben. Die jugoslawischen Kriege sind nur ein Beispiel davon. Hier hat man die eigenen kulturellen Identitäten, die natürlich seit je authentisch europäisch gewesen sind, bis zur politischen Vernichtung der anderen - weniger authentischen und weniger europäischen - kulturellen Identitäten verteidigt.

Und wie war die Reaktion des heutigen Europa auf diese neue politische Herausforderung? Natürlich, ein "kulturelles" Europa sah in diesen Kriegen vor allem einen Ausbruch der alten Atavismen, die der kulturellen Identität des betroffenen geographischen Raumes eigen sind (Balkan). Die kriegerischen Auseinandersetzungen wurden als ein Ausarten politischer Konflikte verstanden, dessen Ursache auf einen Mangel an sogenannter politischer Kultur, also in letzter Konsequenz auf einen kulturellen Mangel zurückzuführen wäre. Dementsprechend war auch die konkrete Reaktion: eine Entwicklungshilfe im Bereich der Zivilgesellschaft, die durch eine für Naturkatastrophen typische humanitäre Hilfe begleitet wurde.

Dadurch, daß es einen genuin politischen Konflikt als ein Kulturproblem bekämpfte, konnte Europa einen geographisch-geschichtlichen Teil seines Selbst ausschließen und eine neue ideologische Grenze ziehen - die zwischen einer Welt der kulturell hochentwickelten, geschichtslosen Postpolitik und einer anderen, kulturell zurückgebliebenen Welt, die noch an den politischen Antagonismen leidet.

Es wäre aber falsch, Kultur nur als ein Exklusionsmedium zu verstehen. Sie wird auch unersetzlich, wenn das Ausgeschlossene wieder eingegliedert werden muß.

Im April 1997 veröffentlichte das amerikanische Magazin Wired einen Essay unter dem Titel "The Internet Revolution". Es ging um die inzwischen wegen ihrer politischen Unwichtigkeit schon wieder vergessenen demokratischen Proteste der Belgrader Studenten gegen das autoritäre Regime Serbiens im Winter 96/97. Wired sah in ihnen ein geschichtliches Novum von größter Bedeutung für die ganze Welt. Nicht aber wegen der Inhalte der politischen Forderungen Belgrader Demonstranten, sondern einzig und allein dank der Tatsache, daß sie sich dabei reichlich der neuen Medien, besonders desInternet bedient haben. Politisch also blieben sie weiterhin in ihrer ausgeschlossenen Partikularität eingesperrt. Kulturell aber durften sie sich über eine entscheidende Universalisierung ihrer geschichtlichen Situation freuen. In dem Bereich sind sie plötzlich das Zentrum der Welt geworden. Wired: "There is something in computers that seems to promote a certain culture, wherever in the world you may be.” So wurden von Wired die serbischen Demonstranten zu einer Avantgarde dieser neuen Kultur hochstilisiert - was auch immer ihre politischen Forderungen bedeuteten.

Wessen Blick war es eigentlich, für den ein unbedeutender politischer Kampf kulturell so universal wichtig geworden ist? Die Frage beantwortete Wired in derselben Nummer unter dem Titel "Birth of a Digital Nation". "The Postpoliticos" sind es gewesen, die als eine Art neuer Klasse sich ausschließlich kulturell artikulierend eine neue, glückliche postpolitische Welt für uns alle schaffen.

Das postpolitische Subjekt des globalkapitalistischen Westens ist das, was aus Kultur seine gefährlichste politische Waffe geschmiedet hat.

Jene Distanz der Kultur zur Realität, der Kundera nachweinte und die einst als Autonomie des kulturellen Bereiches eine gesellschaftskritische Relevanz der Kultur sicherte, verschwand für immer, nicht aber, weil sie zwischen der totalitären politischen Macht einerseits und der gnadenlosen kapitalistischen Vermarktung andererseits einfach zerrieben wurde, sondern weil sich der Begriff der Kultur in der postmodernen Zeit so ausgedehnt hat, daß er den ganzen sozialen Bereich samt jener Distanz in sich aufgesaugt hat. Alles ist Kultur geworden. So auch die Politik.

Das sind die neuen Umstände, unter welchen sich im heutigen Europa das sogenannte "cultural management" organisieren muß und seine Aktivisten die Ziele ihres Einsatzes definieren müssen. Ihnen sollte aber schon jetzt klar werden, daß sie nie wieder die alte Rolle der Kulturträger übernehmen können, weil Kultur als solche ein Politikträger geworden ist.

Einst war Krieg als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln gedacht. Ist heute nicht an seine Stelle die Kultur getreten? Ist nicht in unserer postmodernen Zeit die Kultur nur noch als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zu verstehen? Und vor allem - sollten wir das als einen Fortschritt verstehen?

Kaum! Kriege werden weiter geführt. Dadurch, daß sie politisch unfaßbar gemacht wurden, sind sie nicht weniger blutig geworden. Und obwohl man sie als eine Art des Kulturmangels versteht, sind sie allein durch den Kultureinsatz nicht zu stoppen. Nichts kann die Rolle der Politik ersetzen, keine Kultur und keine wie auch immer politisch bewußte Kulturträger. Nicht eine Repolitisierung der Kultur, sondern die der gesellschaftlichen Realität selbst, scheint der einzige Ausweg zu sein.

Boris Buden ist Editor-in-Chief des politischen Pop-Magazins ARKZIN Zagreb, Autor ("Barikade“) und Publizist, u.a. in Literatur und Kritik, Transit, Du, Transeuropeenne.

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