Femen – Einfach fame-inistisch oder doch radikal?

Femen-Aktivistinnen sind der letzte Schrei feministischer Aktionskunst, und deren Organisatorinnen stoßen auf immer mehr Kritik, vor allem auch aus feministischer Ecke. Sie ziehen sich aus, um Politik zu machen und kritisieren gleichzeitig jene Frauen – nämlich Sexarbeiter_innen –, die sich ausziehen, um Geld zu machen.

Ein Lächeln auf seinem Gesicht, Heidi Klum ihrerseits machte große Augen. Der Mann in Anzug und Bandana Haarband mit dem breiten Grinsen war sichtlich erfreut über die Intervention der Femen-Aktivistinnen bei Germany´s Next Topmodel. Nackte Haut war mann ja gewöhnt bei der grenzwertigen Model-Suche, Barbusigkeit jedoch nur bedingt und dann auch noch anfassen dürfen ...

Femen-Aktivistinnen sind der letzte Schrei feministischer Aktionskunst, und deren Organisatorinnen stoßen auf immer mehr Kritik, vor allem auch aus feministischer Ecke. Sie ziehen sich aus, um Politik zu machen und kritisieren gleichzeitig jene Frauen – nämlich Sexarbeiter_innen –, die sich ausziehen, um Geld zu machen. Diese seien jedenfalls immerzu Opfer und niemals nie selbstbestimmt. Das gleiche gelte ebenso für Muslima, die per se Unterdrückte ihrer Religion seien. Bei näherer Betrachtung klingt das alles nach sehr rechten oder wenigstens konservativen Ideen, und wen wundert es dann, dass sich eine der Femen-Aktivistinnen, die ihre 15 minutes of fame neben Heidi Klum verbuchten, eine CDU-Politikerin ist. Aber auch die Körperpolitik der Femen selbst gerät immer mehr in den Fokus der Kritik, es sollen ja in Auswahlverfahren besonders hübsche, schlanke Aktivistinnen angeworben werden, und wenn sie noch nicht fit genug sind, werden sie fit gemacht. Eine Art der Militanz, die eigentlich ganz nach Heidi klingt. Feminist_innen haben eine lange Tradition körperlicher Interventionsformen, manche erinnern sich noch an Valie Exports Tapp- und Tastkino oder an den Rosa Wirbel, als zwei nackte Männer die Bühne des Neujahrskonzertes in Wien erklommen, um für Schwulenrechte zu demonstrieren.

Das eigentlich verstörende an Femen sind ihre völlig ungenauen und wenig präzisen Setzungen, die aufgrund von Unkenntnis über lokale Begebenheiten nicht ungefährlich sind. Sie riskieren lange Haftstrafen und in manchen Ländern zusätzlich ihre körperliche Unversehrtheit, ein sehr hoher Preis, insbesondere angesichts der Widersprüchlichkeiten, die mit Femen unweigerlich verbunden sind. Explizite wie auch implizite Abwertung anderer Frauen, wie etwa durch den hohen Grad an Lookism, das unkritische Verwenden nationalistischer Symboliken oder der Vergleich von Sexarbeit mit dem Naziregime lösen in vielen (queer-)feministischen Kontexten Unbehagen aus, insbesondere, wenn immer deutlicher wird, dass Aktionskunst und ihr performativer Einsatz nicht mehr nur für Bewegungen reserviert sind, die sich für Emanzipation und Befreiung einsetzen. Immer öfter werden diverse Formen direkter Aktion auch von rechten und rechtsradikalen Kontexten verwendet, wie etwa beim diesjährigen Finale der French Open, als ein homophober Aktivist mit nacktem Oberkörper auf den Tennisplatz lief, um gegen die Einführung der Ehe für alle zu demonstrieren. Schwarze Buchstaben auf seinem Körper forderten stattdessen „Kinderrechte“. Weitere Aktivist_innen hielten ein Transparent hoch, das verlautbaren ließ: „Frankreich trampelt auf Kinderrechten rum!“ Deswegen gern einmal genauer nachfragen, was verschiedenste Aktivismen fordern und unterschwellig mit befördern. Und: In einer globalisierten Welt ist es immer wieder verwegen, Strategien der Intervention so zu vermarkten, wie es Femen leider tun. Das macht die Aktionen oftmals ungenau und gefährlich für die lokalen Aktivist_innen. Wer Femen etwa mit Pussy Riot vergleichen will, wird schnell auf eklatante Unterschiede stoßen.

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