Schlüsselfaktor Ehrenamt

Freiwilliges Engagement ist der Grundpfeiler vieler Kulturinitiativen. Die Basisdatenerhebung der IG Kultur Österreich liefert den Beweis.
Ehrenamt ist ein zentrales Element der Kulturarbeit; Anteaters against everything im Container 25 in Wolfsberg, Kärnten

Den offiziellen Festival Trailer schneiden, frische Fotos aus dem Theater an der Gumpendorfer Straße teilen, die Website im feschen Design auf dem neuesten Stand halten – Patrick hat viel zu tun bevor die Europäische Theaternacht an über 70 Spielstätten über die Bühne gehen kann. Er filmt, fotografiert, schreibt, schneidet und ist Medienmädchen für alles. Zum Teil arbeitet er für Geld, zu 50% engagiert er sich ehrenamtlich, ganz ohne Bezahlung.

So wie Patrick halten es viele. Die Hälfte der KulturarbeiterInnen arbeitet ehrenamtlich. Hochgerechnet auf die 1.095 Kulturinitiativen haben die 12.300 aktiv Mitwirkenden 2015 über 33.800 Veranstaltungen durchgeführt und dabei über 1,7 Millionen Stunden freiwilliger Arbeit aufgebracht. Bemessen an einem fiktiven Stundenlohn von 20 Euro haben die Initiativen nur durch ihr ehrenamtliches Engagement eine Arbeitsleistung im Gegenwert von 34,8 Millionen Euro erbracht. Das ist eines der Kernergebnisse der Basisdatenerhebung der IG Kultur Österreich.

Ohne das ehrenamtliche Engagement geht gar nichts. Viele Projekte wären nicht realisierbar. Zahlreiche Initiativen müssten ihre wertvolle Kulturarbeit einstellen. Jeder Aktive des Straßganger Kulturzentrums hat sich 2015 beispielsweise 1.000 Stunden ehrenamtlich engagiert. Ohne den freiwilligen Einsatz, wären mindestens fünf Vollzeitbeschäftigte für die Ausstellungen, Aufführungen, Kurse und Vorträge notwendig gewesen – aber nur, wenn niemand in Urlaub geht und Überstunden schiebt.

Der Blick in die Basisdaten zeigt den hohen Wert des Ehrenamts. Ohne Ehrenamt kommt der Löwenanteil der Einnahmen der Kulturinitiativen mit 58% von der öffentlichen Hand. Die Länder stehen dabei ganz oben auf dem Förderpodest. Mit etwas Abstand folgen die Gemeinden und der Bund auf den Plätzen zwei und drei. Zählen wir das Ehrenamt zu den Eigenmitteln, überholen sie die Subventionen als wichtigste Einnahmequelle. Über ein Drittel der Eigenmittel sind Ehrenamt.

Ex-Kulturminister Josef Ostermayer hat sich einst über das hohe Maß an ehrenamtlicher Kulturarbeit gefreut. Es sei ein positives Zeichen dafür, dass Menschen bereit seien, sich über ihren Beruf hinaus zu engagieren, hat er dazu im Kulturausschuss verkündet. Angesichts der damals diskutierten Studie zur sozialen Lage von Kulturschaffenden ist die Aussage ein Gustostückerl an Zynismus. Denn Ehrenamt passiert nicht immer freiwillig, sondern ist oft schlicht das Resultat prekärer Rahmenbedingungen.

 

 

Sollten ehrenamtliche KulturarbeiterInnen deshalb immer bezahlt werden?

Ehrenamt ist ein wesentlicher Bestandteil von Kulturarbeit. Das belegen die Basisdatenerhebungen der IG Kultur genauso wie externe Studien. Die prekären Rahmenbedingungen, die keine Bezahlung ermöglichen sind ein triftiger und unfreiwilliger Grund ehrenamtlich zu arbeiten. Doch es gibt auch gute Gründe, freiwillig auf Bezahlung zu verzichten.

Manche suchen nach Stabilität, Einbindung in die Gemeinschaft, sozialen Kontakten und neuen Begegnungen. Andere handeln aus Menschlichkeit und helfen gerne anderen. Auch der Wunsch nach Aufmerksamkeit kann ein Motiv sein, genauso wie Dankbarkeit oder die Möglichkeit neue Netzwerke zu spannen, sowie ohne Druck und Zwang zu arbeiten. Wenn die Tätigkeit Spaß macht, ist der Ansporn, freiwillig zu arbeiten. Mitunter soll der freiwillige Einsatz als Sprungbrett zum Jobeinstieg dienen. Meistens ist es eine Kombination aus mehreren Gründen.

Viele engagieren sich mit Freude freiwillig und möchten dafür auch gar keine Bezahlung. Sobald jedoch ein hohes Maß an Verlässlichkeit, Zeit und Kompetenz gefordert sind, also die Verbindlichkeit steigt, steigt auch die Forderung nach Bezahlung.

Die Vorteile bezahlter Tätigkeit liegen auf der Hand. Bei entsprechendem Aufwand müssten Freiwillige nicht mehr doppelt arbeiten. Sie können sich ganz auf ihr soziales oder kulturelles Engagement konzentrieren. Ihre Arbeitsleistung erfährt auch monetäre Wertschätzung, die ab einem gewissen zeitlichen Umfang unerlässlich ist.

Im Gegensatz dazu können sich durch die Bezahlung Gewöhnungseffekte einstellen. Damit einhergehen eventuell Erwartungen hinsichtlich regelmäßiger Erhöhungen. Die ursprünglichen Motive könnten ins Hintertreffen geraten. Zusätzlich entstehen Weisungsbedingungen zwischen Geldgeber und Empfänger. Freiheit und Kritikfähigkeit leiden womöglich unter einem Zwang zum Wohlgefallen.

Eine allgemeine Forderung nach der Bezahlung freiwilliger Arbeit scheint zu weit gegriffen. Einerseits besteht mitunter der Wunsch, nur freiwillig tätig zu sein. Andererseits wären die notwendigen finanziellen Ressourcen dafür wohl deutlich zu hoch, um eine realistische Chance auf Umsetzung zu haben.

Statt pauschal Bezahlung für alle Freiwilligen zu fordern, wäre es in einem ersten Schritt sinnvoller, Instrumente wie den Freiwilligenfond weiter auszubauen und hierdurch Freiwilligenorganisationen wenigstens die Möglichkeit zu bieten, einzelne Personen anzustellen, die strukturellere Aufgaben übernehmen und dafür sorgen können, dass die Anerkennungskultur auch für die anderen Freiwilligen ausgeprägter ist.

Zusätzlich sollte für die Freiwilligen mindestens Versicherungsschutz während der Arbeitszeit gegeben sein und Ausgaben wie Öffi Tickets erstattet werden. Wenn die Organisation dieses nicht leisten kann, ist es an der öffentlichen Hand, Mittel zur Verfügung zu stellen.

Letztlich, und das ist der entscheidende Punkt, muss eine Strukturförderung für Kulturinitiativen kommen. Sie schafft Rahmenbedingungen, in denen es möglich ist, sich mit vollem Engagement einzusetzen und von Kulturarbeit zu leben – ganz ohne Prekariat.

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