Prekäre Arbeit, prekäres Leben?

Als Prekarisierung werden Veränderungen der Beschäftigungsverhältnisse und der sozialen Sicherungssysteme beschrieben, die im Kontext permanenter neoliberaler Austerität seit drei Jahrzehnten durchgesetzt werden, und die Existenz- und Reproduktionsbedingungen der Menschen unterminieren (Motakef, 2015). Insbesondere die Auswirkungen der Finanzkrise 2008 und die austeritätspolitische Bearbeitung der Staatsschuldenkrise, die aus der staatlichen Rettung des Finanzsektors resultierten, führten zu einer weiteren Verschärfung von Prekarisierungstendenzen in vielen Länden.

Auf der Ebene der Beschäftigungsverhältnisse ist daher von einer Erosion des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses (unbefristeter Arbeitsvertrag; arbeits- und sozialrechtliche Absicherung; gewerkschaftlich verhandelte Lohnfestsetzung) und der Zunahme atypischer und flexibler Beschäftigungsverhältnisse die Rede. Letztere sind mit einem erschwerten Erwerb sozialer Rechte (z.B. Ausdehnung notwendiger Versicherungszeiten, Durchrechnungszeiträume usw.) und der Reduktion sozialstaatlicher Leistungen verknüpft. Als atypische Beschäftigungsverhältnisse gelten in Österreich neben Teilzeitarbeit (kürzere Arbeitszeit als im Gesetz oder Kollektivvertrag festgelegt) v.a. geringfügige Beschäftigung (<12 Wochenstunden), befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit sowie freie Dienstverträge. 

Auch in Österreich, das aufgrund der wirtschaftlichen Dominanz der Exportnationen in der EU relativ glimpflich durch die Finanzkrise 2008 gekommen ist, kam es seitdem weiter zu durchaus gravierenden Verschiebungen. So ist in Österreich zwischen 2008 und 2016 nicht nur die Arbeitslosigkeit um (netto) etwa 145.000 Personen von 5,9% auf 9,1% gestiegen (seitdem aber leicht gefallen), vielmehr hat sich bis 2017 die Zahl der atypisch beschäftigten Personen von 592,200 Teilzeitbeschäftigten im Jahr 2008 auf 795,800 2017 erhöht – mehr als 80% davon Frauen. Die Zahl der sonstigen Formen atypischer Beschäftigung stieg im gleichen Zeitraum von 407,000 auf 496,300 (Statistik Austria, 2013, 2018). 

Mit diesen arbeitsmarktspezifischen Veränderungen sind aber die Zusammenhänge zwischen der Prekarisierung der Arbeit und der Lebensbedingungen nicht vollständig erfasst. Erstens deutet die hohe Zahl von Niedriglohnbeschäftigten, aber auch Werkvertragsnehmer*innen bzw. EPUs (Einpersonenunternehmen) – insbesondere, wenn sie von nur einem/einer Auftraggeber*in abhängig sind – darauf hin, dass es für wachsende Gruppen der Bevölkerung schwieriger wird, dauerhaft Einkommen zu lukrieren, das über das bloße Überleben hinausgeht und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen würde. Zweitens verstärken die Kürzungen der sozialen Transferleistungen (Pensionsreformen), Privatisierungen von Teilen der sozialen Sicherungssysteme (Altersvorsorge, Gesundheit usw.) sowie die Inwert-Setzung sozialer Dienstleistungen (z.B. durch Privatisierungen), die zur Prekarisierung von Arbeit und sozialer Absicherung beitragen, die Unsicherheit wachsender Teile der Bevölkerung bis weit in die Mittelschichten hinein. 

 

Kreative Prekarisierungen


Da die skizzierten Prekarisierungsprozesse eng mit Transformationen der Arbeit im post-industriellen Kapitalismus verbunden sind, rücken insbesondere die Arbeitsbedingungen bzw. -verhältnisse im Kulturbereich bzw. der weiter gefassten Kreativwirtschaft als angenommene Vorreiter einer umfassenden Transformation der gesellschaftlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in den Mittelpunkt (Manske/Schnell, 2012). Diese Bereiche sind im Kontext weitreichender Transformation des Staates und der Kürzung staatlicher Mittel bzw. einer zunehmend betriebswirtschaftlicher Kontrolle unterliegenden öffentlichen Vergabe weitreichenden Kommodifizierungs- und Vermarktlichungsprozessen ausgesetzt. Das zeigt sich auch im neuen diskursiven Framing der Arbeit in der Kreativwirtschaft, wo man es nicht mehr mit Künstler*innen sondern mit Kulturdienstleister*innen, Kulturunternehmer*innen oder Culturepreneurs zu tun hat (ebda.)… 

Die Vorreiterrolle, die der Arbeit in der Kreativwirtschaft zugeschrieben wird, soll sich nicht zuletzt aus dem angenommen Ethos von Kultur- und Kreativarbeiter*innen ergeben, die wechselnde, von direkter Arbeitgeber*innenkontrolle unabhängige Arbeitsbedingungen und -formen als Mittel zur Verwirklichung der eigenen kreativen Ziele freiwillig wählen. Die Entgrenzung von Arbeit aus allen Regelungssystemen, sodass bspw. überlange Arbeitszeiten wieder Normalität und auch das Privatleben in eine Ressource für den Markterfolg umgewandelt werden muss, erscheinen aus dieser Perspektive aber als Seitenstück kreativer Zerstörung und Dynamik. Dies bedingt eine Verschärfung der Polarisierungstendenzen der Arbeits- und Reproduktionsbedingungen im Kulturbereich bzw. in der Kreativwirtschaft (Manske/Schnell, 2012). Einigen wenigen Kreativen oder Kulturarbeiter*innen, denen es gelingt, in einer Kultureinrichtung oder einem –unternehmen dauerhaft angestellt oder als Selbständige profitable Aufträge lukrieren zu können, steht eine – in den letzten Jahren weiter zunehmende – Zahl gegenüber, denen dies nicht gelingt. Für diese bedeuten die skizzierten Beschäftigungsbedingungen nicht nur eine permanente Instabilität des Einkommens, sondern auch ein oft vergleichsweise niedriges Einkommensniveau. Außerdem sind sie aufgrund der Kleinteiligkeit und Kurzfristigkeit vieler Aufträge dem Zwang ausgesetzt sich permanent an Ausschreibungen und Wettbewerben, die in der Regel die unentgeltiche Arbeit an Konzepten erfordern, zu beteiligen. Beschäftigte im Kulturbereich aber auch in der Kreativwirtschaft insgesamt, sind daher in einem höheren Maß als EPU selbständig und es gelingt nur einem vergleichsweise kleinen Anteil in ein dauerhaftes Anstellungsverhältnis im Laufe ihres Erwerbslebens zu gelangen – nämlich eher männlichen Künstlern über 40 Jahre. 

Aufgrund der spezifischen oft eher informellen, von Selbständigkeit und wechselnden Auftragslagen geprägten Arbeitsbedingungen (Schörpf/Schönauer/Eichmann, 2016), sowie dem spezifischen Ethos der Arbeitskräfte im Kultur- und Kreativbereich sind traditionelle gewerkschaftliche Organisierungen in der Regel wenig erfolgreich (Manske/Schnell, 2012). Das schließt zwar ein hohes Maß an Politisierung und Bereitschaft zu Aktionismus unter Kulturarbeiter*innen nicht aus (siehe dazu die Aufsätze in: Fink u. a., 2013), es scheint aber, dass sich diese eher an allgemeingesellschaftlichen Interventionen orientieren und weniger an dauerhaft organisierten Kämpfen um bessere Arbeits- und Entgeltbedingungen sowie soziale Absicherung. 

Bei Kultur- und Kreativarbeiter*innen wird daher mitunter auch von „geduldigen Prekariern“ gesprochen, die über die subjektiven Ressourcen verfügen, sich mit ihrer Lage im Arbeitsleben aber auch privat zu arrangieren. Isabell Lorey (2016) hat daher die „freiwillige Selbstprekarisierung“ der Kreativ- und Kulturarbeiter*innen kritisiert und als Voraussetzung für gesamtgesellschaftliche Prekarisierungsprozesse gekennzeichnet. Wenn man die Frage außer Acht lässt, ob es eine adäquate Einschätzung der gesellschaftlichen Rolle der Kreativwirtschaft und Kulturarbeit ist, ihr auch im Negativen, also für gesellschaftliche Prekarisierungsdynamiken, eine Avantgarderolle zuzuschreiben, so bleibt aber richtig, dass die Polarisierungs- und Vermarktlichungstendenzen in diesen Bereichen eng mit der Verschiebung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zwischen Lohnarbeit und Kapital verwoben sind. Diese manifestiert sich eben in den skizzierten Veränderungen der Beschäftigungsverhältnisse und dem Umbau des Wohlfahrtsstaates, dem ja auch eine wesentliche Rolle für die dauerhafte Finanzierung nicht-verwertbarer gesellschaftlicher Bedürfnisse (z.B. Produktion von Kunst, Gesellschaftskritik, Aufklärung) zukam. Die für die skizzierten Entwicklungen charakteristischen Polarisierungen konstituieren daher neue Spaltungslinien zwischen den Beschäftigten entlang klassenspezifischer (z.B. hoch- vs. niedrigqualifiziert), ethnischer (Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Ausbildung, sozialen Rechten usw.) und geschlechtsspezifischer (z.B. Vereinbarkeit von Care-Verpflichtungen und Erwerbsarbeit) Dimensionen, was Solidarisierungsprozesse erschwert.

 

Prekarisierung als Regierungsstrategie

Aufgrund ihrer über die Beschäftigungssituation hinausgehenden Auswirkungen ist Prekarisierung also nicht etwas, das durch eine striktere Regulierung von Beschäftigungsverhältnissen oder großzügigeren Sozialleistungen einfach verschwinden könnte, handelt es sich doch, wie Pierre Bourdieu feststellte, um eine neue Form der Herrschaft durch Unsicherheit. Diese Herrschaftsform geht jedoch über den Zwang zu einer mehr oder weniger passiven Hinnahme des intensivierten Wettbewerbs hinaus. Die Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse ist daher mit dem Übergang zu aktivierender bzw. workfaristischer Arbeitsmarktpolitik verknüpft. Dabei werden Kürzungen der Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung (Arbeitslosengeld; in Österreich auch Notstandshilfe) in Bezug auf Höhe und Bezugsdauer mit einem ausgebauten Sanktionierungsregime und der Entwicklung sogenannter aktivierender Maßnahmen (Job-coachings, Bewerbungstrainings, Umschulungen usw.) verbunden. Auf diese Weise soll die Marktgängigkeit der Ware Arbeitskraft und ihrer Bereitschaft, zu den am Markt vorgefundenen Bedingungen einer Erwerbsarbeit nachzugehen, wieder forciert werden. Es ist daher Ziel dieser Politiken, Arbeitslose möglichst rasch in Beschäftigung zu bringen (work first), auch wenn diese atypisch oder prekär ist. Es geht hier also nicht (mehr) darum, Märkte den Menschen anzupassen, sondern Menschen den Märkten, die marktkonforme Demokratie (Angela Merkel) also mit marktkonformen Menschen zu bevölkern.

Dieses arbeitsmarktpolitische Regime will aber nicht nur, „leistungsbereite“ und „-willige“ Arbeitslose von „Durchschummlern“ (Sebastian Kurz) unterscheiden, sondern – wie es auch die neue türkis-schwarz/blaue Regierung anvisiert – den Zugang zu Sozialleistungen national begrenzen, um eine herbeifantasierte „Zuwanderung in die Sozialsysteme“ zu bekämpfen. Der Rechtspopulismus kulturalisiert auf diese Weise das neoliberale Misstrauen gegen die unterstellte Faulheit der individuellen Nutzenmaximierer*innen. Es gelingt ihm auf diese Weise Arbeitslosigkeit und Mindestsicherungsbezug als Ausdruck parasitärer Parallelgesellschaften, die den „Fleißigen und Anständigen“ auf der Tasche liegen, rassistisch zu kodifizieren. Prekarisierung wird damit auch zu einer Technologie der Regierung von Migration.

 

Literaturverzeichnis
Böhle, Fritz/Voß, G.Günter/Wachtler, Günther (Hrsg.) (2012): Handbuch Arbeitssoziologie, Wiesbaden: VS Verlag, 2012
Fink, Dagmar u. a. (Hrsg.) (2013): Prekarität und Freiheit?: Feministische Wissenschaft, Kulturkritik und Selbstorganisation, Münster: Verl. Westfälisches Dampfboot, 2013
Lorey, Isabell (2016): Vom immanenten Widerspruch zur hegemonialen Funktion. Biopolitische Gouvernementalitat und Selbst-Prekarisierung von Kulturproduzentlnnen, in: Gerald Raunig/Ulf Wuggenig (Hrsg.), Kritik der Kreativität, 2016, S. 257–282
Manske, Alexandra/Schnell, Christiane (2012): Arbeit und Beschäftigung in der Kultur- und Kreativwirtschaft, in: Fritz Böhle/G.Günter Voß/Günther Wachtler (Hrsg.), Handbuch Arbeitssoziologie, 2012, S. 699–728
Motakef, Mona (2015): Prekarisierung, Berlin/Bielefeld: Transcript, 2015
Raunig, Gerald/Wuggenig, Ulf (Hrsg.) (2016): Kritik der Kreativität, Wien: Transversal Texts, 2016
Schörpf, Philipp/Schönauer, Annika/Eichmann, Hubert (2016): Arbeit und technischer Wandel in der Kreativwirtschaft Erwerbsbiografien zwischen lokalen kreativen Milieus und Perspektiven virtueller Arbeit. Ergebnisbericht
Statistik Austria (Hrsg.) (2013): Arbeitsmarktstatistiken. Ergebnisse der Arbeitskräfteerhebung und der Offenen-Stellen-Erhebung, 2013
Statistik Austria (Hrsg.) (2018): Arbeitsmarktstatistiken. Ergebnisse der Arbeitskräfteerhebung und der Offenen-Stellen-Erhebung, 2018

 

Roland Atzmüller ist Soziologe und Assistenzprofessor an der Johannes Kepler Universität Linz. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Veränderungen des Wohlfahrtsstaates und der Sozialpolitik, sowie Transformationen der Arbeit und Ausbildungspolitik.

Foto: Gabriele Gerbasits

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe „prekär leben“ des Magazins der IG Kultur in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien erschienen. Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5€) bestellt werden. 

 

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