WebTalk „Wissen schafft Kultur“: Kulturarbeit neu verstehen. Von der Desillusionierung ins Handeln kommen

Auf der einen Seite steht das Streben, durch Kulturarbeit zu einem besseren, freieren Miteinander beizutragen. Auf der anderen Seite steht die harte Realität von Doppel- und Mehrfachrollen in prekären Arbeitsverhältnissen, die belasten und zermürben. Es ist Zeit, das „Karottenprinzip“ in der Kulturarbeit, das permanente Nachhecheln nach dem Unerreichbaren, zu beenden – so die Forderung von Michael Hirsch. Wie dies gelingen kann, diskutieren wir in der nächsten Ausgabe unserer WebTalk Reihe „Wissen schafft Kultur“ am 23. November um 15.30 mit unserem Gast Michael Hirsch. Teilnahme kostenlos, Anmeldung erbeten.

Ein Gespräch mit Michael Hirsch, Philosoph, Politologie, Kunsttheoretiker und Autor von „Kulturarbeit. Progressive Desillusionierung und professionelle Amateure“. 

 

In den letzten Jahr(zehnten) haben sich die Arbeitsbedingungen im Kulturbereich stark verändert. Wachsender Projektdruck, schlechte Bezahlung und asymmetrische Machtverhältnisse sind prägend geworden. Und dennoch streben viele in die Kulturarbeit danach, zu einem besseren, freieren Leben beizutragen. Die Hoffnung auf ein besseres Leben wird jedoch angetrieben von falschen Versprechungen des Kulturbetriebs, die für die meisten – trotz aller Anstrengungen unter immer größer werdendem Produktivitäts- und Leistungsdruck – unerfüllt bleiben.
 
Es ist Zeit, diese „falsche Professionalisierung“ zu beenden, so Michael Hirsch, und durch eine „progressive Desillusionierung“ ins Handeln zu kommen. Als bildliche Metapher wirft er das „Karottenprinzip“ in den Raum und ruft die „Eseln des Kulturbetriebs“, die Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen, zum Innehalten, zur Reflexion und zur Aktion auf, bevor sie weiter der unerreichbaren „Karotte am Gestell des Betriebes“ hinterher hecheln. „Wir, die Esel des Kulturbetriebs“, müssten endlich zu zögern beginnen.“ Die Coronapandemie hat zu einem kurzen Innehalten geführt, jedoch zu keinem selbst gewählten. Jetzt brauche es eine erneute selbständige Pause, mit Elementen des Streiks und einer aktiven Verweigerung.
 
Im WebTalk diskutieren wir mit Michael Hirsch seine Thesen und wie diese in ein konkretes Handeln übersetzbar sind. Wie sollen oder können Kulturarbeiter*innen sich gegen die Produktionsbedingungen stellen? Ist ein selbstgewähltes Innehalten im Sinne von „Slow Down Kulturarbeit“ realistisch oder nur ein Programm für Privilegierte? Braucht es mehr „professionelle Amateure“ oder läuft dies dem Anspruch von fairer Bezahlung für Kulturarbeit zuwider? Inwiefern kann Kulturarbeit eine Vorbildfunktion für eine alternative, gesellschaftliche Entwicklung haben, wenn sie selbst immer mehr zum Rädchen im Getriebe der Verwertungslogik wird? Welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten gibt es für eine gemeinsame politische Organisation des Kulturbereichs mit anderen prekären Arbeitsfeldern, beispielsweise dem Sozial- und Pflegebereich? 
 

Moderation: 
Daniel Gönitzer
 

Die Gesprächsreihe „Wissen schafft Kultur“... 
...stellt aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft vor und beleuchtet, inwiefern diese für die Kulturarbeit nutzbar sind. Der moderierte Talk lädt dazu ein, in den offenen Austausch zwischen Wissenschaftler*innen und Kulturakteur*innen zu treten, Fragen zu stellenInput zu geben und so Lücken zwischen Forschung und Praxis zu schließen. Offen für alle in der Kunst und Kultur Tätigen und Interessierten.


 

 

 

 

Termin:
Mittwoch, 23. November 2022, 15.30 bis 17.00 Uhr

Anmeldung zum ZOOM-Talk:
Wir bitten unter @email um Anmeldung, der ZOOM Link wird zeitnah zur Veranstaltung übermittelt.
 

Unser Talk-Gast: 
Michael Hirsch  (*1966 in Karlsruhe) ist ein deutscher Philosoph, Politologe, Kunsttheoretiker und Autor. Er ist Privatdozent für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Siegen. Letzte Veröffentlichungen: Kulturarbeit. Progressive Desillusionierung und professionelle Amateure (2022), Utopien des Überflusses. Über künstlerische Arbeit und Bildung in den Zeiten der Krise (2020), Richtig falsch. Es gibt ein richtiges Leben im falschen (2019), Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft. Eine politische Philosophie der Arbeit (2016), Logik der Unterscheidung. Zehn Thesen zu Kunst und Politik (2015), Warum wir eine andere Gesellschaft brauchen (2013)
 

Leseempfehlung
Michael Hirsch (2022): Kulturarbeit. Progressive Desillusionierung und professionelle Amateure. Hamburg: Textem Verlag.

Es gibt nicht nur das Unbehagen an der Kultur, es gibt auch ein Unbehagen an der Kulturarbeit, an ihren Produktionsverhältnissen: an den Bedingungen, unter denen Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Musiker, Publizisten und Schriftstellerinnen diejenigen Tätigkeiten ausüben, die eigentlich für ein anderes, freieres Verhalten zu Dingen, zu anderen und zu sich selbst stehen. Dieses Buch handelt von progressiver Desillusionierung und professionellen Amateuren. Welche Lebensweisen und Handlungsformen sind es, die möglicherweise schon längst da sind, die aber nicht sichtbar werden können, da wir dauernd mit den unausweichlichen Enttäuschungen des Betriebs kämpfen.

Hirsch liefert mit „Kulturarbeit“ ein kulturpolitisches Manifest. Es ist ein unglaublich dichtes sowie kurzweiliges, zutiefst theoretisches, dabei aber auch praktisch handlungsorientiertes Desillusionierungsmittel. Wir empfehlen das Büchlein nachdrücklich als Pflichtlektüre für alle prekären Kultur-, Kunst- und Wissensarbeiter*innen.

Leseprobe

Buchbesprechung als Radiosendung (IG KiKK Radiosendung „KiKK OFF – za kulturo gestaltet von Daniel Gönitzer, 04.09.2022)

Unbehagen an der Kulturarbeit. Wer hat, dem wird gegeben. (Bayern 2, Nachtstudio, Ein Beitrag von Michael Hirsch und Martin Zeyn, 15.3.2016) 
 

 

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