Blimlinger: "Es müsste eine großartige Ausstellung werden, um den Fortbestand des Haus der Geschichte zu sichern."

Keine Zeit, keine Idee, kein Beirat? Eva Blimlinger ist gemeinsam mit Gerhard Baumgartner unter Protest aus dem Beirat für das Haus der Geschichte ausgetreten. In sehr kurzer Zeit habe man eine möglichst starke Idee für die Eröffnungsausstellung des HdG entwickeln wollen und sei dabei auf starke Widerstände gestoßen. Wir haben mit ihr über die Probleme gesprochen und gefragt, wie das Haus der Geschichte doch noch ein Erfolg werden könnte.
Historische Bücher. Photo by Patrick Tomasso on Unsplash.

Kwasi: Braucht Österreich ein Haus der Geschichte?

 

Blimlinger: Nein, Österreich braucht kein Haus der Geschichte. Ganz abgesehen davon, dass es in St. Pölten schon eines gibt. Nun wird es ein zweites in der Hofburg geben. Im Sinne eines Ortes, wie er museal gedacht wird, braucht es das nicht. Es gibt das Konzept von Claudia Haas (Anmerkung der Redaktion: Das wurde von der österreichischen Bundesregierung 2007 in Auftrag gegeben), das einen Neubau vorsieht und einen diskursiven Ort festlegt. Das wäre ein geeigneter Ort, ein gutes Haus der Geschichte oder Haus der Demokratie. Es wäre ein Ort, an dem viele Themen der Geschichte und auch der Gegenwart aufgegriffen werden könnten.

 

Kwasi: Nun sind sie gemeinsam mit dem Kollegen Baumgartner unter Protest aus dem wissenschaftlichen Beirat ausgetreten, mit dem Hinweis, es sei unklar gewesen, was der Beirat überhaupt machen solle. Außerdem entnimmt man ihrer Stellungnahme, es gäbe kein schlüssiges Konzept zur fachlichen Ausrichtung. Die Direktorin Sommer hat die Zusammenarbeit mit dem Beirat aber immer als konstruktiv bezeichnet. Wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Wahrnehmung?

 

Blimlinger: Die Arbeit war insofern konstruktiv, weil wir uns sehr stark an der Entwicklung eines inhaltlichen Konzeptes beteiligt haben. Nach der Auswahl der Direktorin ging es um die Umsetzung. Da gab es gleich die erste Dissonanz mit dem Vorsitzenden Oliver Rathkolb, der sich bemüßigt fühlte, an den Verfassungsdienst eine Anfrage zu stellen, was unsere Aufgabe sei. Er wollte sichergehen, dass wir uns nicht zu viel einmischen. Die Aufgabe ist ja im Gesetz klar definiert, nämlich die Entwicklung zu begleiten, aber letztlich auch ein Gesamtkonzept abzusegnen. Unsere Vorstellung war es, inhaltlich konstruktiv mit Ideen mitzuarbeiten. Das heißt nicht, dass man jeden Teil mitgestalten will. Es bedeutet aber durchaus dafür Sorge zu tragen, dass es 2018 eine gute Ausstellung gibt. Hier haben wir konstruktiv zusammengearbeitet, weil wir beispielsweise die Begleittexte und Raumtexte überarbeitet haben. Wir haben viel gemacht, was sicherlich über den normalen Rahmen eines wissenschaftlichen Beirates hinausgeht. Wir wollten möglichst mithelfen, die Ausstellung zu bewerkstelligen, was in diesem kurzen Zeitraum eine große Aufgabe war. Eigentlich hat man sich zwar alle Vorschläge angehört, die wir gebracht haben, letztlich insbesondere was Inhalte betrifft jedoch unsere Kritik nicht wirklich zur Kenntnis nehmen wollen. Uns war das Narrativ der Ausstellung ein Anliegen. Ich habe Frau Sommer gebeten, sich vorzustellen, wie sie die Ausstellung in fünf oder sieben Sätzen einer Journalistin erklären würde. Wenn ich dann immer nur sagen kann, dass es diese und jene Themenkreise gibt, dann mag das für die einzelnen Bereiche interessant sein, ist aber kein Narrativ einer Ausstellung. Wenn ich eine Ausstellung zu „100 Jahre Österreich“ mache, die letztlich auch eine Repräsentationsausstellung ist, die als staatstragend eingerichtet wurde, ohne eine ordentliche Erzählung umzusetzen, dann wurde sie meiner Meinung nach verbockt. 

 

Kwasi: Es ist also das Konzept für das Haus an sich unter den Tisch gefallen, weil man sich zunächst auf die Ausstellung konzentrieren wollte. Wenn jetzt das Konzept der fachlichen Ausrichtung der Ausstellung auch nicht stimmt, was ist dann das Problem?

 

Blimlinger: Das Hauptproblem ist sicherlich, dass hier zu wenig inhaltliche Expertise und Erfahrung im Team vorhanden war, um eine solche Ausstellung zu konzipieren und durchzuführen. Am Anfang meinten Gerhard Baumgartner und ich, dass man sich beispielsweise ein Thema wählen könnte. Und anhand dieses Themas könnte man andere Themen und Kontexte abhandeln. Am Thema Schule beispielsweise kann man andere Kontexte wie Minderheiten, Sprache, Geschlechtersituation oder Sport abhandeln. Da könnte man im Ausstellungsdisplay mit einer Schiefertafel beginnen und mit einem iPad aufhören. Dann hätte man auch eine passende Darstellung. Das wäre ein roter Faden, der sich durch eine Ausstellung ziehen könnte.

Kwasi: Warum wurden die Vorschläge nicht aufgegriffen?

 

Blimlinger: Das müssen sie Frau Sommer fragen (Anmerkung der Redaktion: das Haus der Geschichte war trotz mehrmaliger Anfragen nicht für eine Stellungnahme zu erreichen). Die Eingangssituation ist ein anderes Problem. Dort wollte man Screens einrichten und „Wir sind Kaiser“ zeigen. Aber wir beginnen 1918, was ist das für eine Idee? Ich bin neugierig, wie dieser Eingang jetzt aussehen wird.

 

Kwasi: Was kann man sich jetzt überhaupt vom Haus der Geschichte erwarten?

 

Blimlinger: Unsere Ansage war immer, es müsse eine großartige Ausstellung werden, um den Fortbestand des Haus der Geschichte zu sichern. Wenn ich eine Ausstellung mache, die eher mau wird, dann ist die Legitimation für ein Haus der Geschichte nicht gegeben.

 

Kwasi: Das Haus der Geschichte war ja von Anfang an parteipolitisch bestimmt. Nun haben sich die Machtverhältnisse in der Bundesregierung geändert. Welche Rolle spielt das für die Zukunft des Hauses?

 

Blimlinger: Ich hoffe keine. Baumgartner und ich wurden ja von Mitterlehner eingesetzt und wir stehen beide wohl kaum in Verdacht, sonderlich ÖVP-nahe zu sein. Man wird sehen, was Faßmann nun macht.

 

Kwasi: Wovon ist es nun abhängig, ob das Haus der Geschichte noch ein Erfolg werden kann?

 

Blimlinger: Es kommt darauf an, wie man Erfolg definiert. Wie Sie wissen, ist es leider so, dass es fast ausschließlich an Besucherzahlen bemessen wird, was man auch bei den anderen Bundesmuseen sieht. Es gibt vonseiten der Politik keine andere Erfolgsdeterminante, was ich in hohem Maße bedaure. Wenn die Zahlen halbwegs stimmen, dann wird es wohl egal sein, was da drinnen vor sich geht. Das ist aber nicht allein das Problem des Haus der Geschichte, sondern grundsätzlich von Bundesmuseen. Dass nämlich nicht entsprechend darauf geachtet wird, was daraus gemacht wird und Erfolg inhaltlich qualifiziert wird, sondern nur aufgrund von Besucherzahlen. 

 

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Eva Blimlinger, Foto Claudia Rohrauer

 

Eva Blimlinger ist Historikerin, Rektorin der Akademie der bildenden Künste Wien und Präsidentin der Österreichischen Universitätenkonferenz.

Das Interview fand vor den Ankündigungen vonseiten Kulturminister Blümel sechzehn Tage vor der Eröffnung zu der Umbenennung in „Haus der Republik“ und der geplanten Anbindung an das Parlament statt.

 

 

 

 

Zum Artikel über das Haus der Geschichte und österreichische Aufarbeitung

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