Baumgartner: "Österreicher lieben ihre Geschichte, sie wollen sich nur nicht daran erinnern!"

Gerhard Baumgartner vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes im Interview über Erinnerungskultur in Österreich, die Geschichte der Aufarbeitung, wie es um die FPÖ-Historikerkommission steht und was er vom Haus der Geschichte hält.

Kwasi: Was bedeutet Erinnerungskultur in Österreich?

 

 

Baumgartner: Ein Bonmot lautet: Die Österreicher lieben ihre Geschichte, sie wollen sich nur nicht daran erinnern. Selbst bei großer Affinität zu Geschichte, was zweifellos viele Menschen in Österreich haben, ob nun traditionsbewusst oder verklärend idealisierend, heißt das noch lange nicht, dass es sich um eine Erinnerungskultur handelt. Was öffentlich als „Geschichte“ bezeichnet wird, ist meist eine Verklärung der Vergangenheit, die im gegenwärtigen Leben nützlich oder brauchbar ist. Der Gegenversuch ist das akademische Bestreben, Geschichte sichtbar zu machen. Also Dinge zu finden, die in der Erzählung keinen Platz haben, aber dennoch entscheidend und wichtig waren.

 

 

Kwasi: Wie würden Sie sagen, hat Aufarbeitung in Österreich stattgefunden?

 

 

Baumgartner: Nach dem zweiten Weltkrieg war der Nationalsozialismus eigentlich nur eines der großen Themen, die man aufzuarbeiten hatte. Ein anderes war der große politische Gegensatz der Zwischenkriegszeit, der in einem austrofaschistischen System kumuliert ist. Die Gegner von einst waren nach 1945 auf einmal aufeinander angewiesen. Sie mussten ein Land aufbauen. Der Gegensatz zu den Nationalsozialisten war durch die Anwesenheit der Alliierten insofern gelöst, als da sie als politische Kraft neutralisiert waren.

 

Von den Alliierten wurde auf dem Silbertablett auch noch eine Erzählung geliefert, die man in Österreich gerne angenommen hat: Sie lautete, dass Österreich das erste Opfer des Nationalsozialismus war. Da ist ja auch etwas dran, es war ja ein Einmarsch, eine militärische Okkupation. Die andere Sache ist jene, dass viele Österreicher die Politik der Nationalsozialisten bereitwillig mitgetragen und umgesetzt haben. Diese beiden Dinge muss man auseinanderhalten. Das wird später einmal das große Problem der österreichischen Aufarbeitung. Erst nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages änderte sich das ein wenig, denn da begannen sich die Anhänger des Nationalsozialismus neu zu formieren und sich wieder unverschämt öffentlich zu exponieren. Gerade deshalb wurde übrigens das Widerstandsarchiv gegründet: Weil Männer und Frauen, die im Widerstand aktiv waren, das Gefühl hatten, jetzt trauen sich Nazis wieder aus ihren Löchern und dagegen müsse man etwas tun.

 

Zu einem richtigen Bruch in dem Narrativ des Opfermythos kam es aber erst viel später, denn nach 1945 ging es sowohl vonseiten der SPÖ als auch der ÖVP darum, das sogenannte dritte Lager als Wähler zu gewinnen. Da war man bereit, die Vergangenheit auch Vergangenheit sein zu lassen.

 

 

Kwasi: Trat das erst Ende der 1980er, Anfang der 1990er in das öffentliche Bewusstsein, mit der Waldheim-Affäre?

 

 

Baumgartner: Wir sehen eigentlich schon in den 1970er Jahren, dass das Narrativ des Opfermythos zu bröckeln beginnt. Bereits da gab es wissenschaftliche Arbeiten, die in eine andere Richtung gingen. Auch im Schulunterricht wurde das Thema vermehrt aufgegriffen. Es erschienen die ersten Dokumentationsbände. Das war für uns wie eine Offenbarung: Täter und Opfer wurden erstmals klar benannt. Es war bis dahin ziemlich totgeschwiegene Geschichte. Der nächste große Schritt im Wandel war wohl der Besuch von Vranitzky in Israel, der zum ersten Mal eine Mitverantwortung Österreichs an dem, was den Juden angetan wurde, verbalisierte. Da sah man deutlich, dass sich was geändert hat.

 

Dann brach die Waldheim-Affäre auf, die wohl deshalb so einschneidend ist, weil eine historische Frage zum ersten Mal im politischen Wahlkampf entscheidend wurde. Wenn man sich nun den Film von Ruth Beckermann ansieht (Anmerkung der Redaktion: Der Filmtitel lautet „Waldheims Walzer“), ist man doch erstaunt, wie viel man vergessen hat und wie radikal und auch antisemitisch schon damals in der Politik argumentiert wurde. Man hat ja immer das Gefühl, dass unsere politische Kultur verroht und heute viele Dinge möglich sind, die vor dreißig Jahren unmöglich wären. Da sieht man im Abstand von Jahrzehnten, dass es damals nicht anders war. Vielleicht war der Aufschrei lauter. Heute hat man sich resignierend damit abgefunden, dass es viel öffentlicher agierende Rechtsradikale gibt.

 

 

Kwasi: Die FPÖ versucht sich sozusagen selbst mit einer Historikerkommission aufzuarbeiten. Was sagen sie dazu?

 

 

Baumgartner: Wir haben aus den Medien vernommen, dass die Vertreter der FPÖ immer wieder behauptet haben, dass auch das Dokumentationsarchiv eingebunden werde. Es passt mir nicht, dass es so hingestellt wird, als wären wir an etwas beteiligt. Das wurde dann auch klargestellt. FPÖ-Klubobmann Rosenkranz sagte dann, es wäre erst eine parteiinterne Kommission vorgesehen und in einer späteren Phase gegen Ende des Jahres würden auch externe Experten beigezogen. Wir werden von Medien immer wieder gefragt, ob wir da mitmachen würden. Wir haben einen klaren Standpunkt dazu: Wenn es sich um eine nach unseren Kriterien reelle Kommission handelt, in der alle Mitglieder gleichberechtigt sind und nur die Kommissionsmitglieder und sonst niemand die Endversion des Berichtes redigieren und abweichende Meinungen in einem Minderheitenvotum festgehalten werden, dann können wir uns das vorstellen. Auch eine Variante mit Hearing-Verfahren, in der alles öffentlich ist und publiziert wird, würde internationalen Standards entsprechen. In jedem Fall ist es aber nicht meine persönliche Entscheidung, sondern jene des Stiftungsrates.

 

 

Kwasi: Eine Aufarbeitung der FPÖ-Geschichte wäre ja durchaus eine gute Sache.

 

 

Baumgartner: Das würde ich in jedem Fall gutheißen, auch bei anderen Parteien. Ich glaube aber nicht, dass es das ist, was die FPÖ eigentlich braucht. Sie ist ohnehin die Partei in Österreich, die historisch am besten erforscht ist. Ich würde mich freuen, wenn es über die SPÖ und die ÖVP so viele Forschungsarbeiten gäbe, wie über die FPÖ in der Nachkriegszeit, vor allem auch dahingehend, was die Involvierung verschiedener Vertreter in den Nationalsozialismus betrifft. Da wissen wir fast alles. Das ist also nicht das, was sie am dringendsten bräuchte. Die FPÖ bräuchte so etwas wie einen politischen Rubikon, der ausdrückt, wer diese Grenze in der politischen Argumentation überschreitet, der hat in der Partei keinen Platz. Dieses Problem wird auch die Historikerkommission nicht lösen. Es ist kein historisches Problem, sondern ein Problem der politischen Kultur.

 

Kwasi: Also macht es sich die FPÖ leicht?

 

 

Baumgartner: Ich finde das zwar interessant, weil bestimmt wieder neue Dinge an das Tageslicht kommen werden, aber das politische Problem der FPÖ wird damit nicht gelöst. Das habe ich auch Professor Brauneder, dem Vorsitzenden der Kommission, auch so gesagt.

 

 

Kwasi: Inwiefern ist Deutungshoheit ein wesentlicher Faktor in der Aufarbeitung von Geschichte?

 

 

Baumgartner: Deutungshoheit ist, wenn es um Geschichte geht, ein ganz zentraler Aspekt. Die österreichischen Regierungen haben sich viel zu selten bemüht, diese auszuüben. In den 1990er Jahren haben wir die Rechnung dafür präsentiert bekommen, dass die Geschichte totgeschwiegen wurde. Man hat sehr lange ausgeklammert, worum es bei österreichischer Identität geht, ohne das einmal zentral zu deuten. Wie man uns in der Welt gesehen hat war auf die grundlegendsten Dinge der Neutralität reduziert. Was Österreich definiert, was die historischen Anknüpfungspunkte sind, war kein breit diskutiertes Thema.

 

 

Kwasi: Genauso, wie sie meinten, dass es beim Haus der Geschichte eigentlich um eine zentrale, identitätsstiftende Positionierung geht?

 

 

Baumgartner: Museumsprojekte können hier eine gewisse Rolle einnehmen. Nehmen wir mal einen Reibepunkt, den es in Österreich immer noch gibt, nämlich nicht das Verhältnis zur Nazizeit, sondern das Verhältnis zu den Jahren davor, von 1934 bis 1938. Was war das jetzt? Austrofaschismus, Kanzlerdiktatur, Regierungsdiktatur, Ständestaat, Faschismus nach italienischem Vorbild, etc. – hier gehen die historischen Einschätzungen weit auseinander. So etwas kann man in einer musealen Ausstellung zeigen und inszenieren. Es kann ja auch verschiedene solche Themen geben. Ein anderes vernachlässigtes Thema wäre auch die Geschichte des ersten Weltkrieges. Das interessiert in Österreich niemanden, während das in Frankreich und England beispielsweise mindestens so zentral ist, wie der zweite Weltkrieg. Leider, denn ich glaube, dass die Geschichte des ersten Weltkrieges entscheidend und prägend war für die Geschichte des zweiten. Die Praxis der riesigen Lager, des Einsperrens auch großer Bevölkerungsgruppen – das hat man schon im ersten Weltkrieg exerziert und dafür gibt es viele Anknüpfungspunkte. Es waren ja nur 20 Jahre zwischen den Kriegen. Die Leute, die Lager errichteten und geführt haben, sind auch nicht einfach verschwunden. Mauthausen war ein riesiges Gefangenenlager für serbische Kriegsgefangene im ersten Weltkrieg, in dem 6.000 Leute in knapp zweieinhalb Jahren gestorben sind. Genau dort errichteten die Nazis dann ein anderes Lager. Diese Verbindungen verlieren wir völlig aus dem Blickwinkel.

 

 

Kwasi: Deshalb meinten sie, es fehle an den schlüssigen zentralen Aussagen oder der inhaltlichen Positionierung für das Haus der Geschichte?

 

 

Baumgartner: Einer der Gründe, warum ich aus dem Beirat zurückgetreten bin, war, weil ich der Meinung war, dass die Aufgabe, das Thema „100 Jahre Republik“, in dieser Besetzung nicht zu verwirklichen ist. Das Thema ist so groß und umfasst so viele politische Mienenfelder. Das lässt sich in der kurzen Zeit und mit der kleinen personellen Besetzung so nicht machen. Das zweite Problem war, dass ich bis zu meinem Austritt kein schlüssiges Narrativ erkannt habe. Zum Austritt wurde ich schließlich von einem anderen Beiratsmitglied aufgefordert, dem meine ständigen Fragen auf die Nerven gegangen sind. Diese Person hat wohl auch angenommen, ich würde das nicht tun, weil gleichzeitig ein Antrag eingebracht wurde, ich dürfe keine weiteren Fragen stellen, außer der Beirat stelle fest, dass die betreffende Frage zulässig sei. Ich bin zwar durchaus kritisch in den Beirat gegangen, doch die Geschichte der zweiten Republik zu erzählen, empfand ich als interessante Aufgabe. Aber so kann man nicht vernünftig diskutieren.

 

 

Kwasi: Was würden sie dem Haus der Geschichte wünschen?

 

 

Baumgartner: Wenn es gelingt eine Ausstellung zu machen, die den Leuten vermittelt, was in den letzten 100 Jahren passiert ist, was in Österreich gut gemacht wurde, was geschafft wurde, wo es Probleme gibt und was noch zu leisten ist und wie es weitergehen könnte, dann ist sie gelungen. Für das Haus selbst braucht es ein eigenes Gebäude. Es ist das falsche Symbol, es in der Hofburg unterzubringen. Die Republik hat sich ein eigenes Haus verdient.

 

 

 

 

 

Gerhard Baumgartner, Dokumentationsarchiv DÖW

 

Gerhard Baumgartner ist Historiker und wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW).

 

 

 

 

 

 

 

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