kulturrisse 03/05

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Als Interpretation des deutlichen Neins zur EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden haben sich über weite Strecken der medialen und politischen Landschaften zwei Muster durchgesetzt. Zum einen die Punzierung der in den Referenda für Nein Votierenden als eines dumpfen, rückwärts gewandten Pöbels. Dieses Interpretationsmuster entspricht einer langen Tradition der Denunzierung des "Volkes" als grauer und gefährlicher, im besten Fall durch Aufklärung zu bessernder Masse.
Panik herrscht in Europa. PolitikerInnen sind ratlos. Die Zukunft ist ungewiss. Die Stimmung erinnert an die nach einer Naturkatastrophe, ein Tsunami ist über das europäische Einigungswerk hereingebrochen. Diese schwere Erschütterung wurde durch die Entscheidung der europäischen oder, präziser: einiger europäischer BürgerInnen gegen ein Dokument hervorgerufen, das europäische PolitikerInnen als wesentlichen Schritt der Demokratisierung der EU verstehen, nämlich den europäischen Verfassungsvertrag.
Am 1. Mai 2005 war es so weit: die erste EuroMayday Parade hat sich ereignet. Im Nachklang und Weiterdenken dieser wieder angeeigneten Form des Protests gegen die inzwischen massive Abwertung der Welt und des öffentlichen Auftretens für soziale Rechte für alle – wie auch immer sie orientiert oder desorientiert sein mögen.
Verwirrung macht sich breit in den Räumen der Online-Redaktion einer österreichischen Tageszeitung. In welches Ressort passt die eben eingetroffene Meldung von der Entführung einer Kuh aus dem Garten des Schloss Belvedere?
Ob man in Frauenkollektiven wohnt und Männer nur ab und an als Lustspender zu Gast bittet, ob man polymorph perverse Wunschverkettungen Hausgemeinschaften stiften lässt, ob die Lesbendreierehe mit adoptiertem Pinguin oder die Sultanin mit Männerharem zur gesellschaftlichen Normlebensform der Zukunft werden wird, das steht alles noch in den Sternen. Derweilen ist zumindest im Einflussbereich der großen patriarchalen monotheistischen Weltreligionen die heterosexuelle Ehe, die auf jeden Fall die Frauen auf strengste Monogamie verpflichtet, noch die triste Norm.
Lentos-Direktorin Rollig ist überzeugt, dass "Kunst ein Instrument ist, um die Welt und die Bedingungen des Lebens besser verstehen zu können". Diese Überzeugung spiegelt sich beispielsweise in Begriffen wie "Spurensuche", "Reflexion" bzw. "Selbstreflexion", "Milieustudien", und findet sich im Programm des Lentos auf vielen Ebenen wieder.
Die in Hamburg lebende Künstlerin, Autorin und Netzwerkerin Cornelia Sollfrank wurde im vergangenen Jahr als aussichtsreiche Kandidatin für die Nachfolge von Gerfried Stocker als künstlerische Geschäftsführerin der Ars Electronica in Linz gehandelt. Nach einem nicht nur in der Linzer Szene viel kritisierten, sondern international negative Schlagzeilen verursachenden Verfahren hieß der Nachfolger Stockers am Ende allerdings wieder Gerfried Stocker.
Was passiert, wenn im österreichischen Staat ein Jubilieren ausbricht und gleichzeitig der Bundeskanzler einen Historiker als Freund hat? Der Freund wird mit einer Ausstellung zu einem der Jubiläumsthemen beauftragt. Das ist nichts Seltenes und nichts spezifisch Österreichisches, und letzten Endes trägt es kaum zur Klärung des Sinns der Ausstellung bei. Es gehört aber zu den Vorbedingungen für die Beantwortung der Frage, wer heute eine Ausstellung machen kann und wer das in der Geschichte auch gemacht hat.
Kürzlich in der BBC: Touristen springen auf dem frisch eröffneten Denkmal an die Ermordung der europäischen Juden in Berlin herum. Das Monument ist bekanntlich in Form etlicher Stelen errichtet. Die Besucher springen von Stele zu Stele und scheinen viel Spaß dabei zu haben. Die Meinung der Experten: ratlos. Darf man auf einem Denkmal für die Shoah herumhüpfen? Bricht dies nicht mit dem Ernst, den das Gedenken an den Massenmord gebietet?
Auf einer Konferenz in Karlsruhe (das Thema: "Postkommunismus") habe ich in meinem Vortrag unter anderem auch den folgenden Satz gesagt: "Man soll auch nicht vergessen, dass Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde." Nach dem Vortrag fragte mich eine Frau aus dem Publikum, was ich damit eigentlich gemeint hätte?
Was hier zentral zur Debatte stehen soll, ist vielmehr die Frage, was es überhaupt bedeutet, von einem "politischen Anti-Antisemitismus" zu sprechen.
Was hier zentral zur Debatte stehen soll, ist vielmehr die Frage, was es überhaupt bedeutet, von einem "politischen Anti-Antisemitismus" zu sprechen.