Studie belegt: Leistbarkeit von Kulturangeboten entscheidend
Eine vom Kulturministerium beauftragte Studie hat die kulturelle Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund untersucht. Die Erkenntnis: Menschen mit Migrationsgeschichte beteiligen sich in Österreich in selben Ausmaß am kulturellen Leben wie die Gesamtbevölkerung – wobei ausschließlich die passive Teilnahme untersucht wurde. Entscheidende Faktoren sind und bleiben, unabhängig von der geographischen Herkunft die Leistbarkeit und Zugänglichkeit kultureller Angebote bzw. Einkommen und Bildung.
Bereits die 2023 veröffentlichte Grundlagenstudie „Kulturelle Beteiligung in Österreich“ zeigte: Menschen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheiden sich bei der Nutzung von Kulturangeboten kaum. Allerdings wurde damals ausschließlich auf Deutsch befragt; Menschen mit geringeren Deutschkenntnissen konnten damit nur unzureichend erfasst werden. Die nun vorliegende Folgestudie wurde in sieben Sprachen durchgeführt und bestätigt den grundlegenden Befund.
Kultur wird ähnlich breit genutzt
85 % der Befragten mit Migrationshintergrund haben in den vergangenen zwölf Monaten zumindest eines der abgefragten Kulturangebote genutzt. 15 % nutzten keines; in der Grundlagenstudie 2023 waren es in der Gesamtbevölkerung 19 %. Da die Werte aus zwei unterschiedlichen Erhebungen stammen, sollte die Differenz nicht überinterpretiert werden. Entscheidend ist: Eine geringere kulturelle Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund lässt sich nicht feststellen.
Auch nach Sparten zeigt sich überwiegend ein ähnliches Bild. Denkmäler und Gedenkstätten, Kino sowie Museen werden von Menschen mit Migrationshintergrund häufiger besucht, Theater und populäre Konzerte annähernd gleich häufig; deutlich niedriger ist lediglich der Anteil beim Kabarett.
Kulturbesuche nach Sparte
Mindestens ein Besuch in den vergangenen zwölf Monaten; Menschen mit Migrationshintergrund 2026 im Vergleich zur Gesamtbevölkerung 2023
Denkmäler & Gedenkstätten
Migrationshintergrund
65 %
Gesamtbevölkerung
54 %
Kino & Filmvorführungen
Migrationshintergrund
65 %
Gesamtbevölkerung
54 %
Museen & Ausstellungen
Migrationshintergrund
60 %
Gesamtbevölkerung
45 %
Populäre Konzerte
Migrationshintergrund
35 %
Gesamtbevölkerung
34 %
Theater
Migrationshintergrund
26 %
Gesamtbevölkerung
27 %
Kabarett
Migrationshintergrund
19 %
Gesamtbevölkerung
27 %
Quelle: FORESIGHT / BMWKMS (2026); Vergleichswerte Gesamtbevölkerung: SORA, Kulturelle Beteiligung in Österreich (2023).
Was Zugang erleichtern würde
Für Kulturinitiativen besonders relevant ist die Frage, was eine häufigere Teilnahme erleichtern würde. An erster Stelle stehen billigere Preise oder kostenlose Angebote: 70 % nennen sie als möglichen Anreiz. 55 % nennen leichter verständliche Informationen über Angebote und Preise, 41 % mehrsprachige Angebote. Auch Repräsentation spielt eine Rolle – unter Mitwirkenden, in den Inhalten und im Publikum. Die Studie hält ausdrücklich fest, dass die wirksamsten Maßnahmen nicht migrationsspezifisch sind, sondern kulturelle Beteiligung insgesamt erleichtern würden.
Was würde kulturelle Teilhabe erleichtern?
Anteil der Befragten, die angeben, die jeweilige Maßnahme würde sehr oder ziemlich zu häufigerer Teilnahme beitragen
Billigere oder kostenlose Angebote70 %
Leichter verständliche Informationen55 %
Mehrsprachige Angebote41 %
Mehr Repräsentation als Mitwirkende39 %
Mehr Repräsentation in den Inhalten37 %
Mehr Repräsentation im Publikum35 %
Quelle: FORESIGHT / BMWKMS, Kulturelle Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund in Österreich (2026).
Bildung und (kulturelles) Kapital machen den Unterschied
Hinter dem insgesamt ähnlichen Nutzungsverhalten zeigen sich dennoch deutliche Unterschiede. In der ersten Zuwanderungsgeneration berichten Menschen mit höherer formaler Bildung wesentlich häufiger, dass ihnen Kulturbesuche geholfen haben, Österreich besser kennenzulernen: Die Zustimmung steigt von 40 % bei höchstens Pflichtschulabschluss auf 70 % bei Hochschulabschluss. Auch soziale Kontakte konnten Personen mit Hochschulabschluss häufiger über Kulturveranstaltungen knüpfen (43 %) als Menschen mit höchstens Pflichtschulabschluss (26 %). Die Studie verweist hier selbst auf ungleich verteiltes „kulturelles Kapital“: Wer bereits über mehr entsprechende Ressourcen verfügt, kann das Potenzial kultureller Angebote stärker nutzen.
Die Grundlagenstudie 2023 beleuchtet diese soziale Trennlinie noch breiter: Die Häufigkeit der Kulturbesuche hängt deutlich mit Bildung, Einkommen und Armutsgefährdung zusammen. Die beiden Studien zusammen sprechen daher deutlich gegen die Annahme, dass die geographische Herkunft Unterschiede bei der kulturellen Teilhabe bedingen würde: Auf den wirtschaftlichen und sozialen Hintergrund und entsprechende Ressourcen und Voraussetzungen kommt es an, am Migrationshintergrund liegt es nicht.
Was heißt hier eigentlich Teilhabe?
Eine wichtige Einschränkung benennt die Studie sogar selbst: Kulturelle Teilhabe wird darin ausschließlich als Besuch bzw. Nutzung kultureller Veranstaltungen und Angebote definiert. Untersucht wird also streng genommen nur die Teilnahme. Die Beteiligung auf der Angebotsseite – etwa als Künstler*in oder gar in Leitungsfunktionen – ist ebenso ausdrücklich nicht Gegenstand der Untersuchung wie selbst ausgeübte kulturelle Tätigkeiten.
Damit bleibt ein wesentlicher Teil kultureller Teilhabe unsichtbar, der vor allem freie Kulturarbeit ausmacht: In Kulturinitiativen wird nicht nur konsumiert. Menschen organisieren, konzipieren, veranstalten, vermitteln, übernehmen Verantwortung und entscheiden mit. All dies klammer die Studie jedoch aus.
Die Studie beantwortet daher sehr gut die Frage, wer bestehende Kulturangebote nutzt und was den Zugang erleichtern kann. Sie beantwortet aber kaum die weitergehende Frage, wer kulturelles Leben selbst mitgestalten kann.
Fazit
Ein mangelndes Kulturinteresse von Menschen mit Migrationshintergrund lässt sich empirisch nicht feststellen. Der stärkere Befund liegt bei den Bedingungen des Zugangs: Leistbarkeit, verständliche Information, Repräsentation sowie vorhandene Bildungsressourcen beeinflussen, wie Kulturangebote genutzt werden und was Menschen aus ihnen mitnehmen können.
Für Kulturinitiativen zeigt sich hier ein Dilemma: Höhere Eintrittspreise sollen Finanzierungslücken schließen, können aber zugleich den Zugang erschweren. Denn die Befragten nennen den Preis am häufigsten als Hürde, Kulturangebote öfter zu nutzen.
Zugleich sollte kulturelle Teilhabe nicht auf die rein passive Teilnahme verkürzt werden. Wer nur Besuche zählt, klammert einen wesentlichen Aspekt echter Teilhabe aus.
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