Heute auch an morgen denken

Die Idee der Nachhaltigkeit ist nicht neu und bedeutet knapp zusammengefasst: Heute auch an morgen denken. Ein Grundsatz, der für Museen per se zum Selbstverständnis gehört. Aber denken wir auch ausreichend an zukünftige Generationen jenseits vom Sammeln und Bewahren? Wie können Museen ihre Plattform nutzen, um das Thema Nachhaltigkeit gemeinsam mit dem Publikum zu reflektieren? Und wie können Museen ihrer ökologischen Verantwortung als Betrieb nachkommen?

Klimaprotestbewegungen in Ausstellungen

Grüne Museen können viele Hebel in Bewegung setzen

Die Idee der Nachhaltigkeit ist nicht neu und bedeutet knapp zusammengefasst: Heute auch an morgen denken. Ein Grundsatz, der für Museen per se zum Selbstverständnis gehört. Aber denken wir auch ausreichend an zukünftige Generationen jenseits vom Sammeln und Bewahren? Wie können Museen ihre Plattform nutzen, um das Thema Nachhaltigkeit gemeinsam mit dem Publikum zu reflektieren? Und wie können Museen ihrer ökologischen Verantwortung als Betrieb nachkommen?

 

Museen als Botschafter der Nachhaltigkeit
Als Museum, das schon seit langem Themengebiete rund um Nachhaltigkeit, Klimawandel, Umweltschutz, erneuerbare Energien oder Abfallproblematik in Ausstellungen und Vermittlungsprogrammen mit seinem Publikum reflektiert, hat sich das Technische Museum Wien seit Anfang 2020 diesem Schwerpunkt noch intensiver verschrieben und diesen Fokus auch klar im neuen Leitbild verankert. Denn Museen als soziale Lern- und Diskursorte können gemeinsam mit dem Publikum aktuelle Fragestellungen rund um das Thema Nachhaltigkeit reflektieren und kritische Denkanstöße liefern, um BesucherInnen zu ermutigen und zu ermächtigen, visionär an den großen Herausforderungen unserer Zeit mitzuarbeiten. Das schlägt sich in der Ausrichtung unserer Sonderausstellungen nieder, aber auch im kontinuierlichen Ausbau von innovativen Vermittlungsformaten zum Thema Nachhaltigkeit, die vor Ort, in der neuen Museums-App „TMW ToGo“ und auch als Online-Programm sowie via App bei einem Stadtspaziergang oder im Online-Magazin „Nachhaltigkeits-ZINE“ angeboten werden.

Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit macht auch vor den Dauerausstellungen nicht halt: So sind derzeit die bedeutendsten Umgestaltungen der Dauerausstellungen seit der Wiedereröffnung des Museums im Jahr 1999 im Gange. Die Bereiche „Natur und Erkenntnis“ und „Schwerindustrie“ werden entsprechend dem Leitbild des Museums mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Innovation – sowohl inhaltlich als auch in der Gestaltung – neu konzipiert. Gleichzeitig entsteht eine neue Ausstellung, die Ursachen und Handlungsoptionen in Bezug auf den Klimawandel reflektiert. Zusätzlich planen wir auch im Außenbereich des Technischen Museums Wien einen interaktiven Erlebnisbereich, der sich den Themen Energiewende und resiliente Stadt widmet.

 

Nachhaltigkeit geht weiter als Umweltschutz
Wir interpretieren Nachhaltigkeit aber nicht nur in ihrer ökologischen, sondern auch in ihrer ökonomischen und sozialen Dimension und orientieren uns dabei an den von den Vereinten Nationen (UN) erstellten 17 Sustainable Development Goals (kurz SDGs), die als Agenda 2030 auch in vielen Regierungsprogrammen verankert sind. Unser Ziel dabei ist, den Bekanntheitsgrad der SDGs weiter zu erhöhen und sie öffentlichkeitswirksam mit einem breiten Publikum zu teilen. Als Auftakt der Beschäftigung mit den SDGs haben wir bereits im Sommer 2020 die erste Museumsschau zu den Auswirkungen der Corona-Krise präsentiert. In der Rapid-Response-Ausstellung „Corona Impact“ wurden die Folgen der Pandemie auf die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele dargestellt und in Kontext gesetzt. Nun wurden die SDGs auch in der Schausammlung verankert: Einhundert Objekte in den Dauerausstellungen wurden mit aktuellen Fragestellungen entlang der Nachhaltigkeitsziele verknüpft. Mit entsprechenden Hinweistafeln wird gezeigt, dass auch historische Objekte aufschlussreiche Perspektiven auf gegenwärtige gesellschaftsrelevante Herausforderungen und die Agenda 2030 bieten.

Zwar sind alle SDGs gleichwertig in unserer Strategie integriert, einige sind aber in unserer Arbeitsweise und unseren Werten besonders verankert und wir fühlen uns verantwortlich, auch direkt zu ihrer Zielerreichung beizutragen: Als wichtiger außerschulischer Lernort sei hier zum Beispiel SDG 4 – Hochwertige Bildung genannt, wo uns ebenfalls breite und inklusive Teilhabe ein Anliegen ist. Deswegen bauen wir auch laufend unsere niederschwelligen Online-Angebote aus und touren mit dem roadLAB – einem E-Bus, der zu einer digitalen Produktionswerkstatt aufgerüstet wurde – mit mobilen Vermittlungsformaten durch ganz Österreich. Als größtes österreichisches Technikmuseum wollen wir auch einen Beitrag zum Gleichgewicht der Geschlechter in Naturwissenschaften und Technik leisten. SDG 5 – Geschlechtergleichheit ist dementsprechend ein weiteres Beispiel, das sich als Querschnittsthema in allen unseren Aktivitäten wiederfindet und sich in unserer Sammlungs-, Ausstellungs- und Vermittlungsstrategie spiegelt.

 

Operative Nachhaltigkeit braucht ein stabiles Rückgrat
Das Thema Nachhaltigkeit hat also einen zentralen Einfluss auf unsere inhaltliche Museumsarbeit, aber da ein Museum auch ein Betrieb ist, der wie jeder Betrieb einen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, war es ein logischer Schritt für uns, dieses Bekenntnis auch im operativen Museumsbetrieb verstärkt umzusetzen. Mit Anfang 2020 wurde eine Task Force „Nachhaltigkeit“ gegründet und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – von den Sammlungen bis zum Shop, vom Facility Management bis zur Wissensvermittlung – wurden eingeladen, Vorschläge und Ideen einzubringen, wie der Museumsbetrieb umweltfreundlicher gestaltet werden kann. Binnen weniger Wochen wuchs die Ideenliste auf beinahe unbändige Größe an. Kleinere Initiativen wie verbesserte Mülltrennung oder die Nutzung von nachhaltigen Materialien in unseren Workshops waren dort ebenso zu finden wie ehrgeizigere Vorhaben wie bauliche Sanierungen des historischen Museumsgebäudes oder Recycling im Ausstellungsbau. Aus der Bestandsanalyse unseres ökologischen Fußabdrucks und den Vorschlägen aller MitarbeiterInnen wurde ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept erstellt, das seither Schritt für Schritt umgesetzt und erweitert wird. Zahlreiche umweltfreundlichere Lösungen konnten wir bereits implementieren, wofür uns im Dezember 2020 als erstem österreichischen Bundesmuseum das Österreichische Umweltzeichen und der Titel Grünes Museum verliehen wurden – ein Meilenstein, auf den wir sehr stolz sind, aber auf dem wir uns nicht ausruhen.

 

Kein Schritt ist zu klein, keine Ambition zu groß
Ökologischer Museumsbetrieb fängt schon bei kleineren Maßnahmen an, die ebenfalls eine große Wirkung erzielen, wie sorgsamer Umgang mit Ressourcen – sei es Wasser, Energie, Verpackungen oder Büromaterial. Bei allen Wasseranschlüssen im Museumsbereich und in den Büroräumlichkeiten haben wir zum Beispiel Perlatoren eingebaut, wodurch wir im Schnitt fünfzig Prozent Wasser einsparen. Die Umrüstung von Leuchtmittel auf energieeffiziente LED-Technik oder die Umstellung unseres Museumsmagazins auf elektronische Erscheinungsweise sind weitere simple, aber effektive Maßnahmen.

Aber auch zahlreiche ambitionierte Maßnahmen wurden bereits umgesetzt: Das Museum stellte beispielsweise seinen Fuhrpark komplett auf Elektrofahrzeuge um oder fördert mittels Wiener-Linien-Jahreskarte für Mitarbeiter*innen den umweltfreundlichen Weg zum Arbeitsplatz oder spart durch regenerativen Antrieb der Aufzüge bis zu 86 % des dort benötigten Energieverbrauchs ein. Zusätzlich erzeugen wir mit drei Photovoltaikanlagen sogar eigenen Strom. Unser Depot in Haringsee versorgt sich auf diese Weise sogar mit der Hälfte des dort benötigten Stroms.

 

Auch der Ausstellungsbetrieb lässt sich grüner denken
Ein besonders gewichtiger Fußabdruck von Museen ist die Klimatisierung. Da unsere Objekte einen Verzicht auf Raumkühlung erlauben, können wir hier viel Energie einsparen und klimatisieren nur dort, wo besonders sensible Objekte es erforderlich machen. Auch im Ausstellungsbau findet sich unser Bekenntnis zu Nachhaltigkeit wieder: So besteht beispielsweise die 2021 eröffnete Erlebnisausstellung miniXplore, die Kindern ab drei Jahren MINT-Themen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) näherbringt, vorwiegend aus nachhaltigen Materialien regionaler Herkunft. Zusätzlich ist die Wiederverwertung von Ausstellungsarchitektur ein großes Thema. Nicht mehr verwendetes Mobiliar wird an Partnerorganisationen und karitative Institutionen gespendet und übrige Materialien werden im hauseigenen Maker*Space einem Upcycling unterzogen. Aber auch größeren Initiativen zur nachhaltigen Nutzung von Ausstellungen wird nachgegangen. Die aktuelle Sonderausstellung FOODPRINTS, die sich mit den Themen Ernährung, Technik und Nachhaltigkeit beschäftigt, ist Teil einer europäischen Kooperation, innerhalb derer jedes Museum eine Ausstellung zu den gemeinsamen Schwerpunktthemen Nachhaltigkeit und Innovation gestaltet und die dann zu den anderen Partnermuseen wandert. Unter dem Motto #Alliance4Science wird so nicht nur der internationale Austausch gefördert und das Publikum um globalere Perspektiven bereichert, ebenso können Ausstellungen ressourcen- und umweltschonender produziert und genutzt werden.

Zitat grüne Museen

Museen haben Hebelwirkung
Unser Bekenntnis zur Nachhaltigkeit verstehen wir als kontinuierlichen Prozess, durch den wir einen Beitrag zu einer lebenswerten Zukunft leisten. Um unserer Verantwortung als Betrieb nachzukommen, setzen wir alle machbaren Hebel in Bewegung und teilen im Sinne der Transparenz und um aufzuzeigen, dass jeder Schritt zählt, alle bereits gesetzten Maßnahmen in unserem Online-Magazin „Nachhaltigkeits-ZINE“, wo wir ebenfalls Best-Practice-Beispiele aus unserer Museumsarbeit vorstellen. Vor allem aber sind Museen in der privilegierten Lage, dass uns als Bildungsinstitutionen ein noch nachhaltigerer und effektiverer Hebel zur Verfügung steht, denn mit unseren Ausstellungen und Programmen können wir viel zur Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung der Bevölkerung beitragen. Museen und vor allem „Grüne Museen“ sind gerade jetzt als Plattform für kritische Reflexion und Diskurs und als Multiplikatoren von nachhaltigen Denkanstößen gefragt.

Peter Aufreiter ist Generaldirektor und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Technischen Museums Wien

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