Wenn das Zuhause auch der Arbeitsplatz ist - Perspektiven auf häuslich Erwerbstätige mit Kindern im Kultur- und Kreativbereich

Heimarbeit oder auch häusliche Erwerbsarbeit kann als jegliche Erwerbsarbeit definiert werden, die zu Hause oder in dessen unmittelbaren Umfeld ausgeübt wird. Diese Definition beschreibt sowohl selbständige als auch unselbständige Arbeitsverhältnisse und umfasst unterschiedliche Arbeitsformen: von digitalisierter Wissensarbeit hin zur Anfertigung von Gegenständen und Produkten. Das Erwerbsarbeit im häuslichen Bereich ausgeübt wird ist an sich nichts Neues.


Annabel: „Ja und irgendwie haben wir eher den Plan gehabt ein eigenes Arbeitszimmer zu haben und das auch als kinderfreie Zone zu haben....“
Alex: „Das ist jetzt das Lego-Zimmer!“
Annabel: „Das hat nicht so funktioniert. Ja, wir wollten irgendwie einen Raum nur für Erwachsene und das ist überhaupt nicht gegangen. Und jetzt ist eben die Hälfte des Raumes Lego.“ 1

In diesem einführenden Interviewauszug beschreiben Annabel und Alex, die beide Zuhause arbeiten, wie das geplante „kinderfreie“ Arbeitszimmer zur Hälfte zum Lego-Zimmer ihrer beiden Söhne wurde. Das ist nicht zuletzt aus der Notwendigkeit heraus entstanden, die beiden Kinder beschäftigt zu halten, damit die Eltern ungestört an ihren Schreibtischen arbeiten können. Dieses Beispiel illustriert das Spannungsfeld in dem sich Kultur- und Kreativarbeitende befinden, wenn das Zuhause zum Arbeitsort wird. 

Heimarbeit oder auch häusliche Erwerbsarbeit kann als jegliche Erwerbsarbeit definiert werden, die zu Hause oder in dessen unmittelbaren Umfeld ausgeübt wird2. Diese Definition beschreibt sowohl selbständige als auch unselbständige Arbeitsverhältnisse und umfasst unterschiedliche Arbeitsformen: von digitalisierter Wissensarbeit hin zur Anfertigung von Gegenständen und Produkten. Das Erwerbsarbeit im häuslichen Bereich ausgeübt wird ist an sich nichts Neues. Im Gegenteil, die historische Perspektive zeigt, dass dies ein weitverbreitetes Phänomen war, das jedoch im Zuge der Industrialisierung in den Hintergrund rückte. 
In den letzten Jahren haben Erosionen der globalisierten Wirtschaft und die zeitgleiche Digitalisierung standardisierte und institutionalisierte Arbeitsverhältnisse geschwächt. Das Zuhause ist, gemeinsam mit anderen nicht institutionalisierten Arbeitsorten- und Formen wie Co-Working-Spaces oder Crowdworking, (wieder) zu einer potentiellen und legitimen Erwerbsarbeitsstätte geworden. Wenn auch unter veränderten Vorzeichen und folglich neuen Fragen und Herausforderungen.

Die Grenzen von Heimarbeit zu anderen sogenannten atypischen Erwerbsarbeitsformen sind fließend. Somit stellen Probleme wie Prekarisierug, Flexibilisierung, Subjektivierung und Entgrenzung, die in diesem Kontext häufig diskutiert werden, auch ein zentrales Charakteristikum von Erwerbsarbeit, die Zuhause ausgeübt wird, dar. Erschwerte Planungsmöglichkeiten, Arbeitsplatz- und Einkommensunsicherheit sowie geringe soziale Absicherungen werden jedoch oft vom Leitbild der Kreativität, Authentizität und Selbsterfüllung überdeckt3. Als erstrebenswert und erfolgreich gelten in rezenten Arbeitskontexten aktive und situationsbezogene Tätigkeiten, die neue Ideen und Dinge hervorbringen und nicht vordergründig durch exakte Planung und bürokratisch-technische Organisation geprägt sind4
Dieses Ideal, das Kreativität als intrinsisch motiviertes und abstraktes Produkt einer einzelnen (meist männlichen) Person stilisiert, wurde und wird allem voran der Kultur- und Kreativarbeit zugeschrieben. Aktuelle sozialwissenschaftliche Diskussionen, die den Alltag in den Blick nehmen, erweitern dieses idealisierte und psychologische Verständnis und machen die Relationalität und Kontextualität kreativer Prozesse ersichtlich5. Der Soziologe Andreas Reckwitz diagnostizierte, dass Kreativität zu einem Imperativ für die Gestaltung unterschiedlichster Gesellschaftsbereiche geworden ist und somit auch in die private Lebensführung Eingang gefunden hat6.

Die oben skizzierten Transformationen spiegeln sich auch in der alltäglichen Lebensführung und so im Leben als Familie wider. Zum einen sind Familienmitglieder vermehrt in viele unterschiedliche Arbeits-, Bildungs-, und Freizeitaktivitäten eingebunden und zum anderen wird das Konstrukt der bürgerlichen Kernfamilie – ein heterosexuelles Ehepaar, das mit seinen biologischen Kindern in einem Haushalt lebt – durch die Pluralisierung von Familien- und Partnerschaftsformen sowie die Fluidität dieser herausgefordert. Die Familienwissenschaftlerin Karin Jurczyk stellt fest, dass Familienleben heute durch die komplexen raumzeitlichen Einbindungen der einzelnen Familienmitglieder, in unterschiedliche Aktivitäten an unterschiedlichen Orten, wie Schule, Arbeit und Hobbies, geprägt ist. Sie bilden den Rahmen für die „Praktiken der Herstellung und Gestaltung persönlicher Beziehungen zwischen Generationen und gegebenenfalls auch Geschlechtern. Diese Beziehungen kreisen in unserer Gegenwartsgesellschaft mehr oder weniger direkt, vor allem aber auch mehr oder weniger gelingend, um Fürsorge (…) zwischen Familienmitgliedern (…), als Erwartung aneinander oder als praktisches Tun“7

Dieses (Nicht-)Gelingen von Familienpraktiken gewinnt unter Tendenzen von Entgrenzung – wenn das Zuhause neben dem Wohnort ebenso zum Ort der Erwerbsarbeit wird – besondere Brisanz. Gesellschaftlich etablierte und prosperierende Vorstellungen über gute Fürsorge oder gelingende Elternschaft werden genauso wie Ideale von professioneller oder erfüllender Erwerbsarbeit auf die Probe gestellt. Die unterschiedlichen Lebensbereiche – Familienleben und Erwerbsarbeit – müssen nicht nur raumzeitlich koordiniert werden, sondern die unterschiedlichen Zuständigkeiten, Bedürfnisse und Ansprüche erfordern eine laufende Aushandlung: Was ist ein geeigneter Arbeitsplatz? Muss es ein separater Büroraum sein, oder tut es auch der Küchentisch? Wie kann man sich überhaupt frei nehmen, wenn der Arbeitstisch im Wohnzimmer steht? Was sind legitime Arbeitszeiten – dann, wenn alle außer Haus sind oder in der Nacht, wenn die Kinder schlafen? Was ist, wenn die Deadline bereits morgen ist und keine Kinderbetreuung verfügbar ist? Wie kann gearbeitet werden, wenn die Kinder zu Hause oder gar krank sind? Und wer macht dann eigentlich die Hausarbeit? Wer räumt das dreckige Geschirr vom Küchentisch bevor darauf gearbeitet werden kann? Und wer kümmert sich um die schmutzige Wäsche?

Die raumzeitliche Koordination des Arbeits- und Familienlebens ist besonders schwierig, wenn andere Personen, allen voran Kinder, im selben Haushalt leben und die Erwerbsarbeit, wie im Kultur - und Kreativbereich üblich, projektförmig ist. Beide Bereiche sind von Unstetigkeit und Phasen mit hoher Intensität geprägt und damit schwer planbar und vereinbar. Dies bedeutet, dass nicht nur spezifische raumzeitliche Arrangements geschaffen werden müssen – die eine räumlich und zeitliche Koordination zwischen Familienleben und häuslicher Erwerbstätigkeit ermöglichen – sondern, dass auch äußerst flexible und oft auch kreative Arbeits- und Familienpraktiken erforderlich sind. Denn der Arbeitsalltag orientiert sich nicht nur an den Inhalten der Erwerbsarbeit selbst, sondern ebenso an den aktuellen Bedürfnissen und Tätigkeiten der anderen Familienmitglieder und der Akzeptanz der Heimarbeit von anderen. Der folgende Interviewauszug von Catherine, einer zu Hause arbeitenden Mutter, verdeutlicht dies:

„Ob ich daheim bin und da noch ein krankes Kind ist, dass macht ja keinen Unterschied von außen. Das hat auch meine Mutter letztens gesagt: ‚Das ist aber schon super, dass du von daheim arbeitest, wenn dann mal ein Kind krank ist oder so’. Nein das ist nicht super, weil ich muss dann meine komplette Arbeit liegen lassen. Dass ich am Nachmittag arbeite, wenn die Kinder da sind, das will ich eigentlich nicht. Ich würde wahnsinnig gerne sagen: ‚Schluss, der PC wird heruntergefahren und jetzt bin ich einmal nur Mama’ und das gibt es für mich halt überhaupt nicht, weil immer alles da ist.“

Die Ausübung der Erwerbsarbeit im gemeinsamen Zuhause eröffnet eine Vielzahl an Fragen über die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Fürsorgearbeit sowie Freizeit- und Familienleben. Die als Gegensätze konstruierten Vorstellungen zwischen Öffentlichkeit und Privat, Arbeit und Zuhause oder auch Karriere und Elternschaft geraten ins Wanken. Grundsätzlich geht damit die Möglichkeit einher, auch die zugeschriebenen Geschlechterverhältnisse abzuschwächen. Dabei zeigt sich jedoch, dass trotz Flexibilitätsgewinne und der prinzipiellen Möglichkeit Fürsorge- und Hausarbeit jenseits traditioneller Muster zu arrangieren, diese tendenziell aufrecht erhalten werden8. So stellt insbesondere für Frauen mit betreuungspflichtigen Kindern die Heimarbeit eine Herausforderung dar. Die klare Trennung zwischen Erwerbsarbeit und Familie – oder zumindest der Wunsch danach – dient auch dazu, den Wert und die Sichtbarkeit ihrer beruflichen Tätigkeit zu erhöhen und eine Abgrenzung zu Fürsorge- und Haushaltstätigkeiten herstellen zu können9. Heimarbeit ist jedoch oft – aufgrund von räumlichen, zeitlichen oder ökonomischen Ressourcen – die einzige Möglichkeit, die Tätigkeit im Kultur- und Kreativbereich mit einem Familienleben zu verwirklichen. 

Diese Perspektiven auf häuslich Erwerbstätigen mit Kindern verdeutlicht, dass die Nähe – auf räumlicher, zeitlicher und inhaltlicher Ebene – zwischen der Kreativarbeit und dem Familienleben zu einer wechselseitigen Verknüpfung führt. Diese Verbindung resultiert in der alltagspraktischen Konsequenz, dass für Personen, die Zuhause arbeiten, sowohl das Familienleben als auch die Erwerbsarbeit ständig präsent sind. Auf der einen Seite kann das von Vorteil sein, weil auf Bedürfnisse unmittelbar und flexibel reagiert werden kann. Auf der anderen Seite gehen damit aber große Schwierigkeiten einher, da die beiden Bereiche in einem widersprüchlichen und häufig konkurrierenden Verhältnis zueinanderstehen. 

 

(1) Die Auszüge aus den Interviews sind anonymisiert. Sie wurden im Rahmen meiner laufenden Doktorarbeit mit dem Titel „Wenn Zuhause zum Arbeitsort wird“ erhoben. Ich suche nach wie vor nach interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, bei Interesse melden Sie sich gerne unter: jana.mikats@uni-graz.at
(2) Katherine Gough, Home as workplace. In: Susan J. Smith (Hg.): International Encyclopedia of Housing and Home. Amsterdam: Elsevier. 2013, S. 414-418.
(3) Angela McRobbie, Be creative. Making a living in the new culture industries. Cambridge: Polity Press. 2016.
(4) Hannes Krämer, Die Praxis der Kreativität: Eine Ethnografie Kreativer Arbeit. Bielefeld: Transcript. 2014.
(5) David Gauntlett, Making is Connecting: The Social Meaning of Creativity, from DIY and Knitting to YouTube and Web 2.0. London: Polity Press. 2011.
(6) Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität: Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung. Berlin: Suhrkamp. 2012.
(7) Karin Jurczyk, Andreas Lange, Barbara Thiessen (Hg.), Doing Family. Warum Familienleben heute nicht mehr selbstverständlich ist. Weinheim: Beltz Juventa. 2014, S. 9
(8) Lyn Craig, Abigail Powell, Natasha Cortis, Self-employment, work-family time and the gender division of labour. In: Work, Employment & Society 26(5). 2012, S. 716-734.
(9) Emma E. Surman, Dialectics of Dualism: The symbolic importance of the home/work divide. In: Ephemera 2(3). 2002, S. 209-223

 

Jana Mikats ist Universitätsassistentin am Institut für Soziologe der Universität Graz im Forschungsschwerpunkt Geschlechtersoziologie und Gender Studies. Sie arbeitet an ihrer Doktorarbeit zu dem Thema des Artikels und untersucht Familien mit Kindern im Kontext von häuslicher Erwerbsarbeit im Kultur- und Kreativbereich.


Foto: Jana Mikats

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe „prekär leben“ des Magazins der IG Kultur in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien erschienen. Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5€) bestellt werden. 

 

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