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Als Mitte Oktober dieses Jahres die Bilder von demonstrierenden Roma und Romni in der ostungarischen Stadt Miskolc durch internationale Medien gingen, war selbst aufseiten liberaler Kommentator_innen eine gewisse Erleichterung zu spüren.

Als Mitte Oktober dieses Jahres die Bilder von demonstrierenden Roma und Romni in der ostungarischen Stadt Miskolc durch internationale Medien gingen, war selbst aufseiten liberaler Kommentator_innen eine gewisse Erleichterung zu spüren. Nachdem ein gutes Monat zuvor bereits Meldungen über die Gründung einer „Roma-Garde“ im Süden des Landes die Runde gemacht hatten, schienen die Bilder schließlich einen weiteren Hinweis darauf zu liefern, dass sich Ungarns Roma und Romni vermehrt zur Wehr setzen. Der Protest gegen den Aufmarsch der extremen Rechten und ihres paramilitärischen Flügels in Miskolc machte jedenfalls Strukturen der Selbstorganisation sichtbar, die bis dahin kaum in die mediale Wahrnehmung vorgedrungen waren.

Das mag auch daran liegen, dass besagte Strukturen nur in Ausnahmefällen einen lautstarken Ausdruck etwa in Gestalt von Demonstrationen finden: Was ihr „Alltagsgeschäft“ anbelangt, sind die von Roma und Romni entwickelten Selbstorganisationen – und das freilich gilt nicht bloß für Ungarn – zumeist weniger offensichtlich. Wie Simone Schönett in ihrem einleitenden Beitrag zum Heftschwerpunkt der vorliegenden Kulturrisse-Ausgabe zeigt, lässt sich in historischer Perspektive dabei eine Vielzahl von Modellen unterscheiden. Erst in jüngster Zeit jedoch haben hier Fragen der Rechtsförmigkeit und Schriftlichkeit – mitsamt allen damit verbundenen Widersprüchen – an Bedeutung gewonnen. Die Rolle, welche in diesem Zusammenhang selbstproduzierten und -verwalteten Medien zukommt, zeigt im zweiten Beitrag Gilda-Nancy Horvath anhand von Zeitschriften, Fernseh- und Radiosendungen der Roma/Romni-Community in Österreich auf.

Die folgenden Artikel beschäftigen sich ausgehend von drei konkreten Beispielen mit unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen hiesiger Selbstorganisationen: Florian Schwanninger verweist in seinem Beitrag über den Verein Ketani in Linz u. a. auf die Bedeutung, welche der Erinnerungspolitik und dem Kampf um Opferentschädigung zukommt. Die Volkshochschule der Burgenländischen Roma führt im Rahmen eines Selbstportraits aus, welche Rolle politische Bildungs- und Kulturarbeit für die Verständigung zwischen Roma/Romni und Nicht-Roma/-Romni spielt. Und Nenad Marinkovic und Gabriele Gerbasits fragen schließlich anhand des antirassistischen EU-Kultur-Kooperationsprojekts Romanistan, an dem das Roma Kulturzentrum Wien sowie Projektpartner in Berlin und Barcelona beteiligt sind, nach dem Sinn und Zweck von (internationaler) Vernetzungsarbeit.

Die beiden letzten Beiträge des Heftschwerpunkts nehmen sich „Beispiele guter Praxis“ aus anderen Ländern vor: So macht André J. Raatzsch Kai Dikhas, eine Galerie für zeitgenössische Kunst der Sinti und Roma in Berlin, zum Gegenstand einer Auseinandersetzung mit Fragen der auf gesellschaftliche Veränderung zielenden Kunst- und Kulturvermittlung. Pedro Aguilera Cortés wiederum fragt mit Blick auf die Organisationsformen von Roma und Romni in Spanien danach, inwiefern sich diese in politisch-strategischer Hinsicht als Neue Soziale Bewegung fassen lassen.

Nach Heft 4/2011 zum Thema „Antiziganismus“ wartet die aktuelle Ausgabe zum Thema „Roma-Selbstorganisation“ mit einem weiteren Heftschwerpunkt auf, der im Rahmen des Projekts Romanistan. Crossing Spaces in Europe entstanden ist. Dieses von der IG Kultur Österreich gemeinsam mit den erwähnten Roma/Romni-Organisationen getragene Projekt wird sich noch bis Mai 2013 aus einer politisch-antirassistischen Perspektive mit Fragen der Ent-Exotisierung von Roma/Romni-Kulturarbeit beschäftigen und das Potenzial kultureller Produktion als konkreter Intervention erproben.

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