VorRisse

Wer queer als Werkzeug benutzen will, hat es immer schon mit einer nie fertig zu stellenden Baustelle zu tun. Während die einen die Natürlichkeit von (biologischem) Geschlecht und (hetero-normierter) Sexualität demontieren, werken andere an identitären Nischen oder undefinierten Zwischenräumen.

Wer queer als Werkzeug benutzen will, hat es immer schon mit einer nie fertig zu stellenden Baustelle zu tun. Während die einen die Natürlichkeit von (biologischem) Geschlecht und (hetero-normierter) Sexualität demontieren, werken andere an identitären Nischen oder undefinierten Zwischenräumen. Wieder andere suchen Verbindungstüren – manchmal auch Tunnel – zu anderen anti-hegemonialen Kämpfen, seien es Antifaschismus oder Antirassismus. Doch unabhängig davon, woran gerade konkret gebaut wird, ist queer als Kritik und Aktivismus schon eine ganze Weile allgegenwärtig. Erst seit kurzem hingegen zieht es queer auch in die Akademia, um dort Furore – vielleicht sogar Karriere? – zu machen. Dabei bleibt queer bis auf Weiteres so beliebt wie unbeliebt: Manche sagen, es ermögliche neue Öffnungen abseits von Identität(en); andere meinen, es lade dazu ein, sich hinter einem oszillierenden Label zu verstecken.

Doch was konkret bedeutet queer eigentlich? Mitunter fungiert es als Sammelbegriff für unterschiedliche LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender)-Belange. Zuweilen wird das LGBT jedoch auch um ein Q (und I) (Queer, Intersexual) ergänzt, womit queer auf etwas neben oder jenseits der Kategorien lesbisch/schwul/bisexuell/… zu verweisen scheint. Auf die hier sich andeutende Schwierigkeit einer genauen Definition des Begriffs gehen Sushila Mesquita und Katharina Wiedlack in ihrem einleitenden Beitrag zum vorliegenden Heftschwerpunkt ein. Aus dieser Vieldeutigkeit des Begriffs sowie aus seinem spezifischen Entstehungskontext leiten sie in der Folge eine Reihe von Spannungsfeldern ab, die sich als rote Fäden durch das Heft ziehen. Dies betrifft etwa das kritisierte Auseinanderdriften von Aktivismus und Theoriebildung, das insofern Gegenstand des anschließenden Gesprächs zwischen Mike Laufenberg und Bini Adamczak ist, als hier unterschiedliche Facetten des Verhältnisses zwischen queeren Theorien und queeren (Lebens-)Praxen verhandelt werden. Im Zentrum steht dabei die Frage nach queeren Utopien im Sinne der unmöglichen Möglichkeit queerer Kollektivität. Mit den sich aus der universitären Institutionalisierung herrschaftskritischen Wissens ergebenden Ambivalenzen und Paradoxien beschäftigt sich in der Folge Heike Raab. Am Beispiel der Queer-, aber auch der Disability- und Gender-Studies werden dabei Implikationen des Transfers von im Kontext sozialer Bewegungen entstandenen Wissensformen in das akademische Feld untersucht.

Ein anderes der eingangs zum Heftschwerpunkt skizzierten Spannungsfelder resultiert aus der tendenziellen Ignoranz vieler Akteur_innen gegenüber theoretischen Ansätzen und politischen Aktivismen aus dem zentral- und osteuropäischen Raum. Dessen Bearbeitung ist Gegenstand der Texte von Marty Huber und Mima Simić: Während erstere anhand eines neuen Sammelbands zum Thema einen allgemeinen Überblick über den Stand sexualpolitischer Debatten in der Region liefert, fokussiert letztere am Beispiel von Pride-Parade-Politiken in Kroatien auf einen besonderen Aspekt dieses Felds. Anthony Clair Wagner schließlich nimmt in dem den Heftschwerpunkt abrundenden Beitrag die Figur des Monsters zum Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Fragen der (künstlerischen) Transgression geschlechtlicher und sexueller Kategorien.

Der eingangs angesprochenen Trias bestehend aus Queer Activism, Queer Critique und Queer Theory wird sich von 28. bis 30. April unter dem Titel „Import – Export – Transport“ eine Konferenz in Wien widmen. Eine Medienkooperation zwischen besagter Konferenz und den Kulturrissen ist nicht bloß unmittelbarer Anlass für den vorliegenden Heftschwerpunkt. Dieser orientiert sich auch in inhaltlicher Hinsicht zentral an den von den Organisato-r_innen der Konferenz – namentlich von Katrin Lasthofer, Sushila Mesquita und Katharina Wiedlack – entwickelten Konzepten und verdankt diesen mithin wesentliche Impulse.

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