VorRisse

Konzepte und Wirklichkeiten von Stadt verändern sich zusehends dramatischer und nicht unbedingt in einer Weise, die eindeutige Analysen und Prognosen zulässt. Gerade aufgrund dieser Schwierigkeit dürften sich über das kleine Feld der Urbanismustheorie hinaus auch die Diskurse im Kunstfeld und die Praxen des politischen Aktivismus vermehrt um die Veränderungen des städtischen Raums drehen; und damit auch um die in Bewegung geratenen Vorstellungen von Öffentlichkeit.

Konzepte und Wirklichkeiten von Stadt verändern sich zusehends dramatischer und nicht unbedingt in einer Weise, die eindeutige Analysen und Prognosen zulässt. Gerade aufgrund dieser Schwierigkeit dürften sich über das kleine Feld der Urbanismustheorie hinaus auch die Diskurse im Kunstfeld und die Praxen des politischen Aktivismus vermehrt um die Veränderungen des städtischen Raums drehen; und damit auch um die in Bewegung geratenen Vorstellungen von Öffentlichkeit: Aus den disparaten Überbleibseln relativ homogener öffentlicher Räume von der griechischen Agora bis zur bourgeoisen Stadt entwickeln sich aufs neue wuchernde Strukturen der Irregularität und informellen Organisation. Vor der grausigen Folie eines urbanen Publicum als graue Masse von KonsumentInnen entsteht immer wieder die Notwendigkeit, gegen die Mechanismen des Spektakels punktuellen und temporären Widerstand zu setzen. Deswegen also Reappropriation, Wiederaneignung der Stadt.

Die Beiträge dieser Ausgabe beschreiben verschiedene Ausformungen von Verschiebungen, die sich zwischen Zentrum und Peripherie und auch zwischen verschiedenen peripheren Zonen entwickeln. So verschieden sie ansetzen, ist ihnen doch eine Bedingung gemeinsam: die Problematisierung des Einheitlichen, des Regulären, des Übersichtlichen, des Verregelten, dessen, was in der poststrukturalistischen Theorie von Deleuze/Guattari ein "eingekerbter Raum" genannt wird. Doch die aktivistischen Praxen, die sich um die Wiederaneignung der Stadt bemühen, bekämpfen nicht nur diesen gekerbten Raum der Macht, sie stoßen in der Passage von disziplinar- zu kontrollgesellschaftlichen Regimes auch zunehmend auf Situationen, die komplexer sind als das Schwarz-Weiß zwischen Widerstand und Macht.

Das führt einerseits zu Plädoyers für das Offenhalten, für das Aushalten von Disparitäten, etwa für eine Linzer "Schotterwüste" oder eine Wiener "Verkehrshölle"; andererseits auch zur konkreten Methodenentwicklung von Eingriffen in den Stadtraum: In Hamburg entstehen so immer neue Formen des experimentellen Urbanismus nicht nur als Gegenwehr gegen die rechtspopulistische Regierung, in Napoli protestiert die Bevölkerung ganzer Viertel mit Autobahnblockaden, Bahnhofsbesetzungen und innerstädtischen Demonstrationsrouten gegen die Wasserknappheit, in Moskau wird die art of campaigning aufgrund erhöhter Repressionsgefahr weniger stürmisch und massenhaft auf die Straßen gebracht.

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