... und raus bist du!

Nun ist es schon wahr, dass in Österreich das Kulturgeschehen nachhaltig vom Staat beeinflusst wird. Der Staat ist der größte Financier und Konsument von Kulturgütern, aber dennoch, was zu weit geht, geht zu weit.
Nun ist es schon wahr, dass in Österreich das Kulturgeschehen nachhaltig vom Staat beeinflusst wird. Der Staat ist der größte Financier und Konsument von Kulturgütern, aber dennoch, was zu weit geht, geht zu weit. Es ist zwar vielleicht alles, was aus den Kunsttöpfen bezahlt wird Kunst (überprüfen sollte mensch das nicht), aber es ist noch lange nicht alles, was nicht finanziert wird, keine Kunst. In Graz scheinen da einige KulturstädterInnen anderer Ansicht zu sein. 2003 wird Graz Kulturhauptstadt - daran ist schon lange nicht mehr zu rütteln! - und da wird dann auch Kulturhauptstadtskultur gezeigt und sonst nichts. Unglücklicherweise gibt es aber KünstlerInnen in der grünen Mark, die sich erdreisten, ihre Füße nicht still zu halten, wenn sie nicht ausgewählt werden, die Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas Organisations-GmbH zu vertreten. Die Kulturhauptstadt ist eine GmbH und muss natürlich auch nach den Grundsätzen eines "ordentlichen Kaufmanns", denken wir an den Herrn Finanzminister, handeln, und in denen ist politisches Engagement nun einmal nicht vorgesehen. Wenn der Geschäftsführer diesem Grundsatz zuwider handelt, macht er sich selbstverständlich strafbar. Aber zurück zum Anfang.

Ganz Graz war Kulturhauptstadt. Ganz Graz? Nein!

Ein kleines Häufchen unbeugsamer KulturarbeiterInnen leistete unerbittlichen Widerstand. Zunächst bestand der Widerstand in der Besetzung einer URL. Da wurden unter www.graz2003.com bzw. www.graz2003.at Inhalte gebracht, die nicht von den Kulturhauptstadtkulturmachern (also den "ordentlichen Kaufleuten") abgesegnet waren. Daraufhin wurde der in Österreich beliebte Weg gepflegter politischer Auseinandersetzung beschritten: Man klagte. Und danach setzte man sich zusammen. Und damit sich dabei niemand einsam fühlte, waren auch die Medien eingeladen. Nun ist ein solches Szenario in der österreichischen Kulturszene nichts Neues. Graz2003 wie auch das Museumsquartier sind schöne Beispiele für innovativen Anspruch und traditionelle Konzepte, die dann letztendlich nur hinterwäldlerische Kunstvorstellungen einer altväterlichen Herrenpartie widerspiegeln.

Wobei niemand behaupten kann, dass diese Kunstvorstellungen eindimensional wären: Zum einen geben sich die Herren doch große Mühe, ein neues Vokabular für alte Inhaltslosigkeit zu benützen - Quartier 21 und Creative Industries schimpft sich das im MuseumsQuartier, während die Kulturhauptstadt ihre fehlenden inhaltlichen Konzeptionen gerne als "Offenheit" missversteht und die Ziellosigkeit der Vorgangsweise als "work in progress" bezeichnet. Was natürlich ein wenig seltsam ist: auch wenn das Werk noch nicht beendet ist, wäre es doch schön zu wissen, in welche Richtung es denn letztendlich eigentlich gehen soll, wir sind ja hier nicht beim Topfschlagen.

Andererseits aber sind die neuen Kulturvorstellungen der neuen Kulturpolitik schon ziemlich up to date - zwar nicht, was die Kunst betrifft, wohl aber was die politische Großwetterlage betrifft, die bekanntlich von verächtlichem Nasenrümpfen für Wohlfahrtsstaat und Keynesianismus und ungeteilter Verehrung des "freien Marktes" geprägt ist. Und so wird die Umwandlung von Graz in eine Kulturhauptstadt einer GmbH übertragen. Die dann - ganz wie ein ordentlicher Kaufmann - eine Corporate Identity entwickelt, innerhalb derer unbotmäßige Kulturschaffende nichts zu suchen haben. Klar auch, denn die Kundschaft hat's gern einfach und der Kunstgenuss soll nicht durch unnötige Komplikationen den Appetit auf einen echt steirischen Antipasti-Teller danach verderben.

Einigermaßen typisch für die österreichische Variante des Spätkapitalismus ist, dass diese Gesellschaft ihre privaten Süppchen mit nicht unerheblichen Mengen öffentlicher Gelder kocht, wenn mensch den kolportierten 54-200 Millionen Euro - die Schätzungen gehen etwas auseinander - Glauben schenken darf. Ein Vergleich, wie viele Steirische Herbste oder Jahresprogramme des Forum Stadtpark, ganz zu schweigen von den vielen Kulturinitiativen, damit hätten finanziert werden können, wird hier besser nicht angestellt. Die Situation in Graz lässt sich somit in dieser Form zusammenfassen: Eine Kulturpolitik, die nicht weiß, was sie will, überträgt die Agenden einer privaten Gesellschaft, die daraufhin ihr kulturelles Programm gegen ansässige KünstlerInnen gerichtlich durchsetzt. Das Ganze kostet enorm viel Geld, die inhaltlichen Zielsetzungen bleiben auf der Strecke. Nicht ganz, zumindest kristallisieren sie sich auf diese Art und Weise ex negativo heraus. Nach solchen politisch-gerichtlichen Auseinandersetzungen weiß mensch zumindest, was punktuell nicht erwünscht ist.

Aber nicht nur aus Gerichtsurteilen, auch aus der Homepage von Graz2003 kann zu lesen versucht werden, nach welchen Gesichtspunkten die Teilnehmenden ausgesucht wurden. Und natürlich auch aus dem Kaffeesatz, der vermutlich die einzige Quelle bleiben wird, soweit die Aussagen der zuständigen KulturpolitikerInnen gefragt sind. Stellt sich die Frage: Wozu das Ganze? Um ein paar Provinz-Honoratioren und ihren Schützlingen ein Repräsentationsforum und bezahlte Jobs zu verschaffen? Oder steckt noch ein anderer Zweck hinter den Kulturhauptstädten Europas?

Kulturhauptstädte werden bekanntlich auf Initiative der Europäischen Kommission ernannt; erfunden wurde dieses Konzept Mitte der 80er Jahre von der damaligen griechischen Kulturministerin Melina Mercouri. Die EU trägt auch etwas zur Finanzierung bei; allerdings im Vergleich zur Gesamtsumme einen eher bescheidenen Betrag. Der Sinn besteht darin, eine Art kulturelle europäische Identität zu schaffen, bei der die lokale und/oder nationale kulturelle Identität im Vordergrund steht, zugleich aber der positive Beitrag der EU zur Erhaltung und Entwicklung dieser Identität wahrgenommen wird. Es steht zu bezweifeln, ob dies in Graz gelingt: Zum einen spricht bisher insgesamt wenig für eine mögliche positive Wahrnehmung der Kulturhauptstadt. Zum zweiten führt der Ausschluss heimischer Kulturschaffender sicher nicht zu dem erwünschten Koppelungseffekt von supranationaler und lokaler Ebene. Und drittens scheint auch das Programm der Graz2003-Gesellschaft nicht angetan, spezifische Entwicklungsschritte für die Kunst- und Kulturszene in Graz zu setzen.

Ein Blick auf die so tapfer erstrittene Homepage von Graz2003 zeigt, dass die Kriterien für eine Aufnahme in das Programm anderen Zielsetzungen als den oben genannten folgen; den Grazer Kriterien zufolge muss Kunst mindestens so nachhaltig sein wie eine neue Autobahneinfahrt, denn: "Was nicht nachhaltig war, musste schon gewichtige Qualitäten anderer Art haben, um zu einem Bestandteil des Programms zu werden." Jene "gewichtigen Qualitäten" sind natürlich nirgends nachzulesen, und sie aus der Zusammensetzung der Teilnehmenden abzuleiten, ist sicher nicht zulässig.

Die Rahmenbedingungen bei einem solchen Mega-Jahresevent wirken nicht besonders einladend, was die Frage aufwirft, warum KünstlerInnen etwas an der Teilnahme liegt? Wäre es nicht einfacher und effizienter, die ManagerInnen mit ihrem Kulturprogramm allein zu lassen und sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern? Gegen eine solche Reaktion sprechen ein paar praktische und mindestens ein normatives Argument. Die praktischen Argumente lauten erstens Geld und zweitens Aufmerksamkeit:

ad 1. wäre es geradezu fahrlässig, das viele Geld für die Kulturhauptstadt liegen zu lassen, ohne sich zumindest um einen Teil zu bemühen. Zudem steht zu befürchten, dass Grazer, bzw. steirische Kulturinitiativen in den nächsten Jahren kaum zu Geld kommen werden, falls es ihnen nicht gelingt, an der Kulturhauptstadt mitzunaschen, denn irgendwo muss das viele Geld dafür schließlich herkommen. Die künftigen Auswirkungen der kurzzeitigen Kulturbudgetexplosion werden an Nachhaltigkeit nichts zu wünschen übrig lassen.

ad 2. gilt es natürlich, sich gegen eine Kulturpolitik zur Wehr zu setzen, die Kulturinitativen nicht nur nicht unterstützt, sondern ihnen sogar durch eigene, sehr viel höher dotierte Veranstaltungen Konkurrenz macht. Auch dieser Effekt wird sich als nachhaltig herausstellen, da einige Initiativen ein solches Jahr vielleicht nicht überleben werden.

Drittens und grundsätzlicher aber muss mensch sich darüber klar werden, dass die ewige Streitfrage der Kulturpolitik in der Demokratie eine neue Qualität gewonnen hat. Die Polarisierung zwischen Mehrheitsgeschmack und Anrecht einer Kunst für und von Minderheiten wird dadurch aufgelöst, dass private, in keiner Weise politisch legitimierte Gesellschaften kulturpolitische Aufgaben formulieren und dann mithilfe öffentlicher Mittel selbst zu erfüllen versuchen. Im spätkapitalistischen Österreich paart sich diese Form eines falsch verstandenen "public management" mit pseudodemokratischen, populistischen Aktionen, wie der Abstimmung um das Linzer Musiktheater - womit Kunst und Kultur auf die Funktionen der Volksunterhaltung, der Tourismusankurbelung und der Schaffung politischen Kleingelds reduziert werden.

Eine solche Vorgangsweise kann auch als äußerst dynamische Entwicklung in Richtung Starrheit begriffen werden. MedienkonsumentInnen verlangen immer das Bekannte, und sowohl der ordentliche Kaufmann als auch die Politik fühlen sich genau diesen verpflichtet. Aus genau diesem Dilemma heraus kann eine innovative Politik immer nur Minderheitenpolitik sein. Wer Politik als die Reaktion auf mehrheitlich geäußerte Wünsche versteht, muss sich vom Begriff der Innovation verabschieden.

Elisabeth Mayerhofer, Monika Mokre, Paul Stepan sind Mitglieder von FOKUS, Forschungsgesellschaft für kulturökonomische und kulturpolitische Studien

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