Theater auf der Straße - Theater mitten im Leben

Ich bin Straßenkünstlerin mit Schwerpunkt Schauspiel, Akrobatik und Körpertheater. Begonnen hat alles vor 12 Jahren in Frankfurt am Main bei der Gruppe „Antagon TheaterAKtion“. Damals haben wir Theater auf der Straße mit einem sehr großen Ensemble von bis zu 12 SchauspielerInnen inszeniert.

©Sabine Maringer, Straßenkunstfestival

Ich bin Straßenkünstlerin mit Schwerpunkt Schauspiel, Akrobatik und Körpertheater. Begonnen hat alles vor 12 Jahren in Frankfurt am Main bei der Gruppe „Antagon TheaterAKtion“. Damals haben wir Theater auf der Straße mit einem sehr großen Ensemble von bis zu 12 SchauspielerInnen inszeniert. Unsere Bühnenbildkonstruktionen waren zu groß, um ohne den Rahmen eines Festivals auf der Straße zu spielen. Zurück in Österreich habe ich „Belle Etage Straßentheater“ gegründet und dann die „Compania Tetate“, die sich auf Straßentheater für Kinder spezialisiert hat. Doch leider sind die Auftrittsmöglichkeiten in Wien, über Straßenkunstfestivals wie zum Beispiel das „Buskers Vienna“ hinaus, gering, denn meine künstlerisch-theatrale Arbeit lebt unter anderem von der musikalischen Untermalung, wofür ein Verstärker unerlässlich ist. Verstärkte Musik ist aber laut Straßenkunstverordnung verboten.

 

Auszug aus der Straßenkunstverordnung in Wien:1

Allgemeine Benützungsbedingungen
§ 3. Folgende allgemeine Benützungsbedingungen sind bei der Darbietung von Straßenkunst einzuhalten:
7. Verstärkeranlagen dürfen nicht verwendet werden.

 

Deshalb habe ich, seit ich aus Frankfurt am Main zurück bin und in Wien lebe, kein einziges Mal abseits eines Straßenkunstfestivals in Wien auf der Straße gespielt. 
Die Straßenkunstverordnung hat abseits der „Verstärkerregelung“  auch noch weitere Gesetze, wie die Regelung der zu bespielenden Plätze, der Uhrzeiten, der Platzkartenkosten und dem Abmeldezeitpunkt einiges zu bieten, um es StraßenkünstlerInnen wirklich schwer zu machen.

Es ist beschämend für die Kulturstadt Wien, einer Form der dramatischen Darstellung, "Straßentheater", die sehr wohl ihre künstlerische Berechtigung hat, keinen Raum für Ausdruck zu bieten. Es muss einfach möglich sein mit Verstärkung auf der Straße aufzutreten.

Ja, ich fühle mich als Straßenkünstlerin in Wien, mit der Art und Weise wie ich inszeniere, definitiv im künstlerischen Ausdruck eingeschränkt. Als Wienerin kann ich meine Arbeit hier nicht zeigen. Ich werde auf die mühsame Akquise für Straßenkunstfestivals reduziert und werde durch die herrschenden Gesetze gezwungen die Stadt zu verlassen, wenn ich meine Kunst zeigen will. Oder ich muss bange abwarten, ob ein Straßenkunstfestival gewillt ist mich einzuladen.
Ein Straßenkunstfestival bekommt je nach Größe zwischen 150 und 1500 Bewerbungen aus der ganzen Welt und hat die finanzielle Möglichkeit zwischen 9 und 50 (manchmal mehr) KünstlerInnengruppen einzuladen, die Konkurrenz ist also groß.

 

 

Aber wie soll sich der Nachwuchs entwickeln, wenn es nicht erlaubt ist, sich vollends, ohne künstlerisch-kreative Einschnitte, auf der Straße zu zeigen?

 

 

StrassenkünstlerInnen in Wien

2014 habe ich die Facebook Gruppe „Buskers in Vienna“ eingerichtet, wo sich in Wien lebende KünstlerInnen austauschen können und seit Mitte diesen Jahres findet sich unter „www.streetartistsvienna.com“ auch eine selbstverwaltete Marketingplattform für StraßenkünstlerInnen in Wien.

Andererseits gibt es junge Kreative, ZirkusartistInnen, SchauspielerInnen und MusikerInnen, die gerade Lust auf Straßentheater bekommen. Es tut sich was. Das war vor 10 Jahren, als ich begonnen habe in Wien zu arbeiten, noch ganz anders. Straßentheater in Österreich steckt in den Kinderschuhen. Andernorts, wie Frankreich oder Polen, gibt es eine viel längere Tradition und somit auch viele Gruppen und Shows. Aber wie soll sich der Nachwuchs entwickeln, wenn es nicht erlaubt ist, sich vollends, ohne künstlerisch-kreative Einschnitte, auf der Straße zu zeigen? Ein Straßentheaterstück kann man nur bedingt im Proberaum erarbeiten, den Feinschliff holt man sich dann vor Ort mit Publikum auf der Straße, denn nur hier kann man als KünstlerIn überprüfen, ob das, was man im Proberaum inszeniert hat, auch auf der Straße funktioniert.

 

Straßentheater gehört auf die Straße!

Wien ist in aller Welt als Kulturstadt bekannt und ich schätze diese hier gebotene künstlerische Vielfalt sehr, und ja, auch Straßenkunst gehört nun mal zum Spektrum künstlerischen Ausdrucks dazu.

Als unter anderem ausgebildete Kulturmanagerin sehe ich es als Schwäche der Stadtverwaltung an, sich nicht mit professionellen, in Wien ansässigen KünstlerInnen zusammen zu setzen, um eine neue Straßenkunstverordnung auszuarbeiten, die sowohl für die Stadt, als auch für die StraßenkünstlerInnen vertretbar und stimmig ist. Ich bin mir sicher, wir finden gemeinsam Lösungen, die für alle akzeptabel sind.

 

Meine Damen und Herren in der Gemeindeverwaltung, der Stadtregierung und dem Bundesministerium für Kunst und Kultur. Rufen Sie mich an. Ich würde mich sehr gerne mit Ihnen und meinen StraßenkunstkollegInnen an einen Tisch setzen. Wir haben einiges zu besprechen. Ich würde wirklich gerne in Wien auf der Straße Kunst machen. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich – uneingeschränkt -  im öffentlichen Bereich auftreten kann.

 

 

1    https://www.wien.gv.at/recht/landesrecht-wien/rechtsvorschriften/html/i5800700.html (abgerufen am 04.11.2016)

 

Straßenkunstfestival, Foto: ©Sabine Maringer

 

Autorin

Sabine Maringer ist ausgebildete Theaterpädagogin (But) und Kulturmanagerin. Seit 2010 leitet sie die Straßentheatergruppe Belle Etage und seit 2016 ist sie künstlerische Leiterin der Compania Tetate.

 

Fotos: ©Sabine Maringer

 

www.belleetage-stelzentheater.com

www.strassentheater.jimdo.com

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