Stadt Raum für Alle 

Rund um Raum brodelt es, wenn es um Kunst- und Kulturarbeit geht. Neben der Frage des Zugangs zu Ressourcen (inklusive Geld) und der Anerkennung geleisteter Arbeit, ist die Frage des Zugangs zu Raum genauso wichtig. Denn Raum bietet eine fundamentale Grundlage für viele (die meisten) Aspekte unseres Schaffens. Das Finden, Erhalten, Betreiben und Nutzen von Raum sind in der freien und autonomen Kulturarbeit Dauerthemen. 

Rund um Raum brodelt es, wenn es um Kunst- und Kulturarbeit geht. Neben der Frage des Zugangs zu Ressourcen (inklusive Geld) und der Anerkennung geleisteter Arbeit, ist die Frage des Zugangs zu Raum genauso wichtig. Denn Raum bietet eine fundamentale Grundlage für viele (die meisten) Aspekte unseres Schaffens. Das Finden, Erhalten, Betreiben und Nutzen von Raum sind in der freien und autonomen Kulturarbeit Dauerthemen. 

Nicht nur im Kontext von Stadt braucht es Orte eines offenen sozialen Austauschs, um ein „gutes“ gesellschaftliches Miteinander überhaupt erst zu ermöglichen. Gerade in einer Großstadt wie Wien, wo verdichtete Unterschiedlichkeiten eine noch stärkere Relevanz haben, ist (Stadt-)Raum noch einmal umkämpfter. Kulturarbeit gestaltet in Wien tagtäglich städtisches Zusammenleben. Es sind dabei jene vielfältigen und lokal agierenden Initiativen, Gruppen und Vereine einer freien und autonomen Kulturszene, die ein lebendiges Miteinander in der Stadt ermöglichen und garantieren. Kulturarbeit verstehen wir dabei als Teilhabe und Mitgestaltung des sozialen, politischen und kulturellen Lebens der Stadt für alle – unabhängig von Wohnort, Herkunft und sozialem Hintergrund. 
 

BEISPIEL MO.Ë:
Ab 2010 wird eine Hinterhoffabrik in Ottakring nach jahrelangem Leerstand als Kunst- und Kulturraum genutzt. Es gibt einen Mietvertrag mit Aussicht auf Verlängerung/ Entfristung. Das Gebäude (Fabrikhalle und Wohnhaus im vorderen Teil) ist baufällig, Investitionen werden nötig. Es kommt zu einem Verkauf des Objektes an eine spekulative Immobilienverwertungsfirma. Diese ist auf Rendite aus. Der Mietvertrag wird nicht verlängert, es kommt zu einem Mietstreit. Auch für die Bewohner_innen des Vorderhauses wird es eng. Der Investor setzt eine Mischung an Metho- den ein, um Mieter_innen los zu werden. Denn ein von Nutzer_innen befreites Haus erleichtert ein kapitalori- entiertes Aufwerten. Der Druck von Nachbarschaft und Szene(n), die sich mit dem Raum solidarisieren, reicht nicht aus, um den Investor ganz zu vertreiben. Unterstützung jeglicher Art durch den Kulturstadtrat bleibt aus. Er zieht sich auf die Position zurück, es handle sich um einen privaten Mietstreit. Der Druck hoher finanzieller Forderungen im Gerichtsverfahren und damit verbundene mögliche Haftungen führen dazu, dass rechtliche Möglichkeiten nicht bis zu Ende durch den Verein ausgeschöpft werden und damit kommt es zum Raumverlust. Nach erfolgreicher Entmietung des Vereins und einiger Wohnungen wird das Objekt wieder weiterverkauft.

 

Mo.e
Kunst- und Kulturraum Mo.. in Wien Ottakring, vor Entmietung des Vereins aus den Räumlichkeiten. Foto © Marie-Christin Rissinger



2018 formierte sich die ARGE Räume: ein Solidarverband von Kulturräumen, der dazu beitragen soll, dass bestehende Räume abgesichert, neue Räume geschaffen und allgemein Raum für viele vorhanden ist. Das Raumverständnis ist dabei nicht auf geschlossene Kulturräume begrenzt, auch Initiativen wie „Kaiserwiese für Alle“, die die Entwicklungen der Kaiserwiese und damit verbundener Ausschlüsse und Teilprivatisierung der Fläche beobachten und kommentieren, sind Teil des Verbands. Der Anspruch an Räume ist, auch hier ein sozialer Begegnungsort zu sein, im Sinne eines gemeinsamen und offenen Treffpunkts, Plätze/Orte des Miteinanders, wo Menschen in ihrer Vielfalt zusammenkommen (können). Die Devise und das Ideal sind: Raum für Alle! 

Das Existieren von Orten/Räume, an denen Teilnahme möglich ist, ist Grundlage gesellschaftlicher Partizipation. Damit ist Raum ein wichtiger Faktor, um demokratische Beteiligung sowie allgemein jede Form von Beteiligung(en) überhaupt erst möglich zu machen. Damit verbunden stellt sich eine der zentralsten Fragen zu gesellschaftlicher bzw. räumlicher Teilhabe: Wer geht leer aus? 
 

Kämpfe um Raum zeigen: Nicht-kommerziellem Raum wird in der Stadt zu wenig Platz in gelassen.


Idealanspruch an Raum ist dabei immer, so zu bauen, zu betreiben und zu regeln, dass keine Ausschlüsse generiert werden. Idealerweise gibt es Orte, die Ausschlüsse verhindern; realerweise Orte, die das temporär garantieren oder gar auf Ausschluss abzielen. Während ein soziales Zentrum versucht Beteiligung zu generieren und Raum für alle aufzumachen, ist der Marktplatz, auch wenn er öffentlich (und damit für alle sein sollte), schnell ambivalent in seiner Offenheit gegenüber allen. Nicht alle dürfen verkaufen, nicht immer ist die Nutzung möglich, der Raum ist kontrolliert und normiert, auch wenn der Zugang auf den ersten Blick für alle (noch) gegeben scheint. Ein Extrembeispiel für ausschließende Raumpolitik ist die Bude einer deutsch-nationalen Burschenschaft: nur Männer können mitmachen, sie müssen einem bestimmten ideologischen Dogma folgen, das rassistisch, heteronormativ und nationalistisch aufgeladen ist, und sie müssen Aufnahmerituale durchlaufen, die Hierarchien reproduzieren. Alle anderen sind unerwünscht. 

Ideale Raumpolitik inkludiert aber die Unerwünschten. Daher ist es notwendig gegenzusteuern, wenn Ausschlüsse passieren. Problematisch wird Raumpolitik, wenn sie über Kontrolle, Bezahlschranken sowie mittels Faktoren, die Diskriminierung und Ausschluss reproduzieren, gelebt wird. Seien es rassistische Polizeikontrollen im öffentlichen Raum, Planungspolitik, die Projekte von unten überbaut, bauliche Barrieren für Menschen mit Dis_abilities oder, dass Raum als (kapitalorientierte) Ware gehandelt wird und dadurch Personen mit weniger finanziellen Ressourcen (tendenziell) ausgeschlossen bleiben. Raum frei zu halten von Diskriminierungsmustern (die uns aber zugleich alle durch fließen) und damit für einen anderen (besseren) Umgang miteinander zu sorgen, ist somit eine ständige Herausforderung. Viele dieser Ansprüche finden sich im Kontext von Freiraumpolitik wieder. 

Dabei hilft es, Raum intersektional zu betrachten, also einen Blick einzunehmen, der unterschiedliche Unterdrückungs- und Diskriminierungsformen miteinbezieht. Intersektionalität ist ein Ansatz, der versteht, dass Unterdrückung und Diskriminierung nicht additiv, sondern komplex und in vielfältigen Formen negativ wirken. Daraus abgeleitet ist es notwendig, das Thema Raum „von den Rändern aus“ zu betrachten, also die Frage zu stellen, wie Race / Class / Gender / dis_ability / Herkunft und andere Faktoren die Position (von uns und anderen) innerhalb von Gesellschaft bestimmen und wie sich diese im Kontext zu Raum und damit einhergehend zu Teilhabe/Zugang verhalten. Eine Perspektive des intersektionalen Zugangs ist es gemeinsame Handlungsmacht zu erlangen und im Kontext überschneidender Aktions- und Handlungsfelder gemeinsam zu kämpfen. Beispiele dafür sind Bündnisse gegen Zwangsräumungen und Gentrifizierung/Verdrängung, Vernetzungen wie „Recht auf Stadt“ oder Auseinandersetzungen rund um das Thema Miete oder eben ein Verband wie ARGE Räume. Damit verbundene Diskurse, Konzepte und Ansätze von (anti-sexistischer, -diskriminatorischer, -rassistischer, barrierefeier) Raumpolitik sind daher wichtige Wegbegleiter_innen für alle, die Raum „haben“. 

BEISPIEL NORDBAHNHALLE:
In einem Stadtentwicklungsgebiet, dem Areal des ehemaligen Nordbahnhofs in Wien-Leopoldstadt, stehen Hallen sowie ein ehemaliger Wasserturm (Nutzung weiterhin ungeklärt) leer. Im Zuge einer jahrelangen Diskussion und Auseinandersetzung, in der u. a. informelle Gärten und ein Skatepark angelegt und von Seiten der Verwaltung wieder zerstört wurden, wird eine „freie Mitte“ durchgesetzt. Für die Halle gelang es im Laufe des Prozesses eine (Zwischen-) Nutzung zu erwirken. Mit offiziellem Ende der Nutzung sollte im Juni 2019 aber auch der erfolgreiche Hallenbetrieb eingestellt werden. Darauf hin gründete sich eine breit getragene Initiative, bei der die Nachbarschaft beteiligt ist, die gegen den Abriss der Halle eintritt und Unterschriften für eine Petition sammelte. Dabei wird von Seiten der Initiative differenziert – eine freie (parkähnliche) Mitte ist ebenso gewollt wie eine Mehrzweckhalle. Dass es vorerst nur zu einem Teilabriss der Halle kam, ist ein Erfolg. Doch eine langfristige nicht-kommerzielle, soziokulturelle Nutzung der Halle wird aktuell von Seiten der Stadtplanung nicht gewünscht. Bezirk und Kulturpolitik sprechen sich für den Erhalt aus. Mittlerweile wurde die Petition zum Erhalt der Halle im Gemeinderat lanciert, um die Wichtigkeit dieses einzigartigen Ortes für die Nachbarschaft in und für den neuen Stadtteil zu unterstreichen. Der Petitionsausschuss schließt am 7. 11. den Akt mit der Begründung, „der Erhalt der Nordbahnhalle über das Jahr 2020 hinaus, decke sich nicht mit den städtebaulichen Planungen und die darauf basierenden politischen Beschlüssen für das Gebiet des ehemaligen Nordbahnhofs.“ Am 10. 11. brennt die Nordbahnhalle ab. Die Brandursache ist bislang ungeklärt.

Nordbahnhalle nach dem Teilabriss, vor dem Brand
Die Nordbahnhalle nach dem Teilabriss und vor dem Brand. Foto © Mariana Gutierrez Castro

 

Kämpfe um Raum zeigen: Nicht-kommerziellem Raum wird in der Stadt zu wenig Platz gelassen. Beispiele dieser Kämpfe zeigen aber auch, dass Frei-Raum nicht (mehr) unwidersprochen zerstört werden kann. Und seit 2018 brodelt es nun verstärkt in Wien, wenn es um das Thema Räume für freie Kunst- und Kulturarbeit geht. Dies ist nicht zuletzt dem anhaltenden Druck und Diskurs(en) der Szene(n) durch neue Vernetzungen wie ARGE Räume, Mit-der-Stadt-Reden, Wiener Perspektive, Wiener Pakt, Independent Space Index und seit Jahren der Arbeit der IG Kultur Wien, die diesbezüglich Pionier_innenarbeit geleistet hat, geschuldet. Was die verantwortliche Kulturstadträtin tatsächlich tun kann, um den Forderungen, die 2018 als 10-Punkte-Programm präsentiert wurden und in denen das Thema Raum eine wichtige Stelle einnimmt, bleibt abzuwarten. 
 

Freiraum ist Raum, der nicht (!) nach der Logik der kapitalistischen Verwertungsgedanken als Ware funktioniert. Raum und Raumnutzung lassen sich nicht (!) endlos optimieren und rationalisieren.


Der neoliberale Diskurs (Stichwort: Verwertbarkeit und Projektlogik), der seit den 90er Jahren letztendlich auch den Kulturbereich erreicht hat, wird von Kultur- und Stadtpolitik aber auch von Teilen der Szene zu wenig hinterfragt. Unter dem Regelwerk des (neoliberalen) Kapitalismus werden Sektoren wie Bildung, Kunst, Kultur, Soziales und Gesundheit weiter kaputtgespart. Legt das Paradigma des Kapitalismus und die Idee von produktiven Verhältnissen zwar nahe, dass alle Bereiche des Lebens (in denen es um (Dienst-)Leistung und Produktion geht) beliebig optimierbar und rationalisierbar sind, wurde dies bereits Ende der 60er wirtschaftstheoretisch mittels der baumolschen Kostenkrankheit widerlegt. Freiraum ist Raum, der nicht (!) nach der Logik der kapitalistischen Verwertungsgedanken als Ware funktioniert. Raum und Raumnutzung lassen sich nicht (!) endlos optimieren und rationalisieren. Und unabhängig davon, dass das nicht möglich ist – wollen wir das auch nicht! 

Beteiligung an Gesellschaft und Mitbestimmung für möglichst alle sollte ein vorrangiges Ziel von Politik sein. Die Raumfrage kann dabei nicht ausgelassen werden. Ein erster Schritt dahin muss sein, die Langfristigkeit in Förder- und Raum/Infrastrukturen zu gewährleisten, um damit jene gemeinnützigen, nicht- kommerziellen Kulturräume und deren geleistete (sozio-)kulturelle Arbeit zu stärken und deren Verschwinden zu verhindern. „Wien hat Kultur: Für alle, mit allen“ im Regierungsübereinkommen (Stand: 2015) sollte als Auftrag gesehen werden, auf der gesamten stadtpolitischen Ebene auch Taten folgen zu lassen. Ressortübergreifende Strategien unter Einbindung der Szene(n) und ihrer Vertretungen sind dabei der nächste notwendige Schritt. Denn jene freien Szenen sind letztlich mit ein Garant dafür, dass ein Austausch von allen mit allen in Wien stattfinden kann. 

 

_willi Hejda ist (Gegen)Kulturarbeiter_in und in diversen Kontexten aktiv. They war u. a. im Vorstand der IG Kultur Wien sowie der ÖH_akbild aktiv. Aktuell ist _willi bei macuco, ist mit 4lthangrund Teil der ARGE Räume sowie im mobilen Infoladen „biblio:media>take“ organisiert. Neben Aktivitäten für ein „Recht auf Stadt“ ist es _w ein Anliegen, sich f r ein „gutes Leben für Alle“ einzusetzen. 

Irmgard Almer ist Geschäftsführer_in der IG Kultur Wien. Diese setzt sich seit 1990 für die Verbesserung der Rahmenbedingungen für freie und autonome Kulturarbeit in Wien ein. Seit 2008 agiert sie verstärkt zum Thema Raum. www.igkulturwien.net  

 

Coverfoto: Nordbahnhalle nach Löschung des Brandes. Foto © APEX


Weiterführende Information:

ARGE Räume – solidarische Kulturraumvernetzung von unten. ARGE Räume ist Preisträger_in des „Preis der freien Szene Wien“ 2019: https://arge-raume.org

IG Nordbahnhalle – setzt sich für den langfristigen Erhalt der Nordbahnhalle als offenen und demokratischen, nicht-kommerziellen und selbstorganisierten Raum ein: https://ig-nordbahnhalle.org/

Die Akte Mo.ë – Protokoll einer abgesagten Zukunft (2019), edition-mono.at

Wer geht leer aus? – Plädoyer für eine andere Leerstandspolitik (2014), edition-mono.at 


IG Magazin 2019
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.19 „Kultur als Rezept“ des Magazins der IG Kultur Österreich - Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda erschienen.
Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5 €) bestellt werden. 

 

 

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