Mit Theater Gesetze gegen Prekarisierung schreiben?

Dieses Verfahren, mit Theater Gesetze zu erarbeiten, mag naiv scheinen, die geschriebenen Gesetze vorschnell, oder auch zu sehr am existierenden staatlichen System orientiert. Dennoch ist es beeindruckend, was an einem einzigen Abend geschaffen werden kann. Ein Erfahrungsbericht über den Versuch der kollektiven Ermächtigung.

Prolog. Wer konnte in den letzten sechs Monaten jede Rechnung pünktlich bezahlen?
Es ist eine einfache Frage, mit der der Theaterabend beginnt. Die Zuschauer*innen sind gebeten aufzustehen, wenn sie die Frage mit ja beantworten können. Viele im Publikum, aber längst nicht alle, stehen auf. Weitere Fragen folgen: Wer hat in den letzten Jahren unbehelligt von seiner/ihrer Arbeit zwei Wochen Urlaub gemacht? Wer hat eine Festanstellung? Fast jede/r ist von einem der genannten Probleme betroffen, bleibt bei zumindest einer der Fragen sitzen. Prekäre Arbeit beschäftigt hier viele. Dennoch würden sich viele im Publikum an diesem Abend wohl zur Mittelschicht rechnen, was zeigt, dass prekäre Arbeit weit in diese hineinreicht.

Es handelt sich um einen legislativen Theaterabend mit dem Titel „Status Quo“1, den das Theater der Unterdrückten Wien in Kooperation mit der slowenischen Theatergruppe Vse ali ni? (produziert von Zavod Bob und Kud Transformator) und vielen Partnerorganisationen aus der österreichischen Zivilgesellschaft veranstaltet.2 Ziel des Abends ist es, mittels Forumtheater Gesetzesvorschläge gegen prekäre Arbeit mit Betroffenen, Prekarisierten also, zu schreiben. Ziel ist aber auch, über prekäre Arbeit und den bestehenden Schutz dagegen zu informieren, die individuellen Handlungsspielräume von Betroffenen zu erweitern, eine interaktive und spielerische Diskussion über das Thema zu öffnen und eine Vernetzung von politischen Akteur*innen zum Thema in Österreich zu erreichen.

1. Akt: Status Quo: Prekarität überall 
Das Stück „Status Quo“, das auf die anfänglichen Fragen folgt, basiert auf den Lebensgeschichten der Schauspieler*innen und/oder deren Bekannten, stammt also von Menschen, die prekäre Arbeit nur allzu gut aus der Praxis kennen. Es handelt von einer Mitarbeiterin in einem Call-Center, die gefeuert wird, weil sie die monatliche Vorgabe nicht erreicht hat und die fortan als Selbstständige für ihr früheres Unternehmen weiterarbeiten kann. All das sind gängige Vorgangsweisen in der heutigen Arbeitswelt. Die Protagonistin sucht bei Leidensgenoss*innen Hilfe und trifft auf viel internalisierte neoliberale Ideologie: „With the right attitude and persistence, you can do it“. Am Ende muss sie herausfinden, dass es heutzutage nur möglich ist, zu überleben, wenn sie den Staat betrügt: „So this is where we got to. You have to cheat the state to make it.“ 

Arbeiten im Call-Center? Das hat nichts mit der Realität im Kultursektor zu tun? Das stimmt wohl leider so nicht. Über ein Jahr hinweg arbeitete ich als selbstständiger Kulturschaffender in Wien und kann aus eigener Erfahrung sagen: Die Arbeit hört nie auf, E-Mails werden von mir auch noch um zehn Uhr abends beantwortet, weil es keine geregelten Arbeitszeiten gibt und ständig muss ich mich über die Sozialversicherungsgrenzen neu informieren. Eine Anmeldung bei der SVA bei sehr niedrigem Einkommen ist sehr teuer und auch wenn es den Künstler-Sozialversicherungsfond gibt, entspricht die Anmeldung bei der SVA oft nicht der wechselnden Auftragslage im Kulturbetrieb mit extrem schwankenden Monatsgehältern. All das brachte mich in die absurde Situation, für meine Krankenversicherung eine vollkommen fachfremde Teilzeitstelle anzunehmen, nur, weil mir das Sicherheit bot bzw. zwanghaft zu versuchen, unter der SVA-Pflichtversicherungsgrenze zu bleiben und somit keine SVA Beiträge zahlen zu müssen. Die aktuellen Regelungen in der Sozialversicherung für Selbstständige wirken wie eine Selbstbegrenzung des Werts der eigenen Arbeit.

2. Akt: Intervention. Geht es auch anders? 
Umso gespannter war ich, was auf das Stück „Status Quo“ im Rahmen des legislativen Theaterabends folgen sollte. Die Zuschauer*innen (und Betroffenen) sind als SpectActors/SpectActresses eingeladen, in das Stück einzugreifen. Sie können die Protagonistin ersetzen und Vorschläge machen, wie sie Unterstützung für ihre Position bekommen kann. Dafür wird das Stück wieder von vorne begonnen. Das Publikum kann jederzeit „Stop!“ rufen und Ideen selbst ausprobieren. Es herrscht eine gespannte Arbeitsatmosphäre an diesem Theaterabend im Publikum. Viel wird ausprobiert, das Stück immer wieder unterbrochen um Lösungsideen auszuprobieren. Ist es möglich, in prekären Kontexten solidarisch zu handeln? Und wie könnte Solidarität aussehen? Eine SpectActress versucht ihre Kollegin, die sich unsolidarisch verhält, zu überzeugen, mit ihr gemeinsam zur Chefin des Call-Centers zu gehen, um für einen unbefristeten Arbeitsvertrag für sich selbst zu kämpfen, anstatt einfach eine befristete Beschäftigung hinzunehmen. 

Inspiriert von dem Gesehenen und den Interventionen werden im nächsten Schritt in Gruppendiskussionen konkrete Vorschläge für Gesetzesvorschläge erarbeitet, die die Situation der Betroffenen von prekärer Arbeit verbessern sollen. Die an diesem Abend erarbeiteten Forderungen reichen von mehr sozialer Unterstützung (bedingungsloses Grundeinkommen, Anhebung der Zuverdienstgrenze) über Mindestlohn und maximal zulässiger Lohnschere, Ausbau des Kündigungsschutzes und der arbeitsrechtlichen Beratung, mehr (staatlichen) Kontrollen von Arbeitsbedingungen, rechtliche Angleichung von selbstständiger und angestellter Beschäftigung bis zur Stärkung der Gewerkschaften. Es ist ein sehr breites Spektrum an Vorschlägen, die alle aus der Anregung durch das Theaterstück gespeist sind. Etliche der Vorschläge hören sich selbstverständlich an, aber doch sind sie von unserer gegenwärtigen politischen Realität meilenweit entfernt. Die Tatsache, dass sie von Betroffenen kommen, macht die Vorschläge authentisch und kann politischen Druck erhöhen.

3. Akt: Von der Idee zum Gesetzestext  
Alle Forderungen werden noch an diesem Abend durch die sogenannte „metabolic cell“, eine kleine Gruppe aus Aktivist*innen und Anwält*innen, aufbereitet. Die Forderungen sollen in konkrete Gesetzessprache übersetzt werden, sodass über diese abgestimmt werden kann. Eine wichtige Funktion der „metabolic cell“ ist es aber auch, Anwesende über ihre schon bestehenden Rechte zu informieren. Oft sind die gemachten Vorschläge bereits geltendes Recht, das aber nur selten zur Anwendung kommt. Angesichts der Fülle an Vorschlägen und der begrenzten Zeit, greift unsere „metabolic cell“ einen Vorschlag heraus und formuliert folgende Gesetzesänderung, über die abgestimmt werden soll: „Bei Betrieben und ihnen zugehörigen Teilbetrieben mit fünf und mehr Dienstnehmer*innen ist verpflichtend ein Betriebsrat einzurichten. Sollte die Dienstnehmer*innenanzahl für einen Zeitraum von mehr als drei Jahren unter fünf sinken, so entfällt die Verpflichtung bis die Dienstnehmer*innenanzahl wieder fünf erreicht.“

Wussten Sie, dass es keine Betriebsratspflicht für Unternehmer*innen in Österreich gibt? Momentan ist dies lediglich eine Möglichkeit für Unternehmen, die Pflicht, einen Betriebsrat einzurichten, liegt bisher aber bei den Arbeitnehmer*innen. 
An diesem Abend fällt die Abstimmung über den Vorschlag eindeutig aus: 25 Anwesende sind für die vorgeschlagene Gesetzesänderung, 17 stimmen mit Vorbehalt zu, keine/r ist dagegen.

Epilog: Die Wirklichkeit ist veränderbar!
Dieses Verfahren, mit Theater Gesetze zu erarbeiten, mag naiv scheinen, die geschriebenen Gesetze vorschnell, oder auch zu sehr am existierenden staatlichen System orientiert. Dennoch ist es beeindruckend, was an einem einzigen Abend geschaffen werden kann. Klar ist nach diesem Abend auch, dass Betroffene sich eindeutig für mehr Solidarität, mehr Arbeiter*innenrechte und für bessere soziale Absicherung entscheiden, wenn sie danach gefragt werden. Im Nachhinein sollen die erarbeiteten Forderungen übrigens zusammen mit unseren Partnerorganisationen aus der Zivilgesellschaft an die Politik weitergeleitet werden… Mal sehen, was aus ihnen wird. Die aktuelle Politik läuft mit der Einführung des 12-Stunden-Tags als Speerspitze und Angriffen auf die Sozialversicherungen dem Ergebnis des Abends fundamental entgegen.

Einige abschließende Worte zur Prekarität des Arbeitens – auch in diesem Projekt: Wir haben ein Stück zu prekärer Arbeit nach Wien gebracht, um dagegen zu kämpfen, dass Ausbeutung passiert, insbesondere im Kulturbereich.  Für circa einen Monat Vollzeitarbeit an Organisationsaufwand können wir uns aber nach Abzug aller Sachkosten und Künstler*innenhonorare (auch nicht üppig), kein Gehalt auszahlen, das den Lebenshaltungskosten eines Monats entspricht und deutlich unter dem Gehalt der schlechtesten Kollektivverträge in unserer Gesellschaft liegt. Die Bezahlung erfolgt mittels Honorarnoten, die selbstständig zu versteuern sind. Das hat wieder viel mit Selbstausbeutung und dem verzerrten Bild zu tun, dass alles aus Idealismus zu machen. 
Trotzdem stellt sich auch die Frage, warum wir für das Projektbudget nicht die wahren Kosten unserer Arbeit in Rechnung gestellt haben? Warum wir trotz radikaler Kürzungen in den Förderbudgets nicht einfach um mehr Subventionen angesucht haben? Der Abend hat zumindest für mich neue Denk-und Handlungsräume geöffnet. Auch ohne neue Gesetze hat er mir neue Hoffnung gegeben, selbst etwas an meiner Situation zu ändern.

 

(1) Das Projekt wurde finanziert durch die ÖH Uni Wien, Bezirkskulturförderung Landstraße, WUK und Bagru Soziologie (Uni Wien).
(2) Die kooperierenden Partnerorganisationen sind: Wiener Armutsnetzwerk, attac Österreich, ÖH Uni Wien, IG Flex, IG Kultur, IG Bildende Kunst, UNDOK, Verein Amsel

http://tdu-wien.at/status-quo/


Joschka Köck ist Mitglied beim Theater der Unterdrückten Wien und Mitorganisator des Forumtheaters „Status Quo“. Aktuell arbeitet er an seiner Dissertation zum sozialökologischen Transformationspotential des Theaters der Unterdrückten an der Universität Kassel.

Foto: © Joschka Köck

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe „prekär leben“ des Magazins der IG Kultur in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien erschienen. Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5€) bestellt werden. 

 

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