"Maybe the Problems came home after all"

Der Westen erzittert vor den unvorhergesehenen Veränderungen. Vielleicht ist es so, dass wir erst jetzt direkte Auswirkungen von Entwicklungen spüren, die wir andernorts schon vor langer Zeit selbst ausgelöst haben. „Maybe the Problems came home after all“ meint Yamam Al-Zubaidi.
The Future  is here, it's just not been widely distributed yet. Culture Action Europe, Beyond the Obvious.

Der Westen erzittert vor den unvorhergesehenen Veränderungen. Der gebürtige Iraker Yamam Al-Zubaidi fragte sich jahrelang, wie das alles möglich sei. Und gibt uns eine Fremdwahrnehmung.

Er fragte sich Anfang der 90er Jahre bereits, wie manche politische Entscheidungen zu legitimieren seien. Vor allem in der Heftigkeit kriegerischer Handlungen. Wie könnte es sein, dass die USA sein Heimatland bombadieren, nur weil es einen Diktator hätte, wie viele andere Länder auch? Die Geschichte stellte sich immer nur innerhalb der Stabilität und des Wohlstandes des Westens als schlüssig dar, so Al-Zubaidi. Außerhalb dieser Teile der Welt wirkte sie schon sehr lange sehr willkürlich. Mit Verwunderung stellt Al-Zubaidi fest, wie der Westen jetzt beginnen würde, sich ähnliche Fragen zu stellen. Wie konnte es zum Breixit kommen? Wie konnte Trump Präsident werden? Er wundert sich, warum Migrationsbewegungen in Europa für Aufsehen sorgen, die doch seit jeher stattfinden würden. Zumal die Flüchtlinge aus einem Konflikt stammen würden, zu dem man selbst einen guten Teil beigetragen hätte.
„Maybe the Problems came home after all“ meint Yamam Al-Zubaidi. Vielleicht ist es so, dass wir erst jetzt direkte Auswirkungen von Entwicklungen spüren, die wir andernorts schon vor langer Zeit selbst ausgelöst haben.

Der Antidiskriminierungsexperte lebt mittlerweile schon lange in Schweden und gibt uns damit zugleich eine europäische Selbstwahrnehmung: Schweden ist nicht das Schlaraffenland, dass es vielen aus der politischen Linken scheinen mag, wenn es in allen möglichen Debatten immer wieder als Best-Practice angeführt wird. Schweden kennt alle europäischen Probleme, meint er. Es gibt eine starke rechtsextreme Partei, die ihre Wurzeln direkt in der White-Supremacy Bewegung hat und laufend dazu gewinnt. Ironischerweise bezeichnen sie sich als Partei der Schwedischen Demokraten. Auf europäischer Ebene sind sie in der selben Fraktion wie Petrys AfD und Faranges UKIP. Sie verdoppeln ihre Stimmen bei jeder Wahl seit 2006, wo sie mit gerade einmal knappen 3% erstmals signifikant aufgetaucht sind. 2010 waren es bereits fast sechs Prozent. Nach dem letzten Urnengang 2014 stehen sie bei 13% als drittstärkste Partei Schwedens da und es wird erwartet, dass sie bei der nächsten Wahl zweitstärkste Kraft hinter den Sozialdemokraten werden.
Auf Ebene der Kulturpolitik fährt sie ein eigenes Programm. Kritik an ihr äußert sich häufig in Kommentaren, die Partei hätte schlichtweg keine Ahnung, wovon sie rede. Doch wenn man gut zuhören würde, so Yamam Al-Zubaidi, hörte man sie dieselben Sachen immer und immer wieder, und zwar schon seit Jahrzehnten. Wir sollten ihre Positionen sehr gut kennen und ernst nehmen.

Ihre Politik ist eine gegen zeitgenössische Kunst und Kultur. Und zwar ganz radikal. Dick Cheney war eines der Gesichter der US-Kriege im Irak. Doch der Neonationalismus führt nicht nur Kriege im Außen. Das Gesicht des Faschismus hat sich geändert, begegnet uns nun auch in Form der Identitären mit Hipster-Haarschnitten und führt den Kampf mit kulturellen Mitteln fort, die sonst eher linken und autonomen Gruppen vorbehalten waren. Das kündigte sich bereits früh an: Lynn Cheney, die Frau des ehemaligen US-amerikanischen Vizepräsidenten, war Vorsitzende der Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften. Sie meinte, der Krieg innerhalb des Landes wäre genauso wichtig, wie der Krieg außerhalb des Landes. Damit meinen sie einen Krieg gegen zeitgenössische Kunst und Kultur, so Al-Zubaidi.
Da dieser Konflikt nun mit den Mitteln geführt wird, mit denen die Rechtskonservative traditionell wenig anfangen konnte, wird man sich zunehmends Gedanken darüber machen müssen, wie man das Feld erfolgreich besetzt. Und zwar außerhalb der eigenen Comfort Zone. Es ist kein klares Heimspiel mehr.


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Yamam Al-Zubaidi sprach bei "Beyond the Obvious", die jährliche Konferenz von Culture Action Europe (CAE). Sie fand von 26. bis 28. Jänner 2017 in Budapest/Ungarn statt. 

 

 

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