Kunst wieder relevant machen

Nationalismus, Rassismus, Faschismus, Heuchelei, Dekadenz
Woyzeck
Antonija Letinić

Kunst wieder relevant machen

Als ich gerade damit begonnen hatte, diesen Artikel zu schreiben, veröffentlichten rechtsradikale Parteien mit der Unterstützung der katholischen Kirche in Kroatien verschiedene Aufrufe zum Protest gegen die Performance „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ („Nase nasilje i vase nasilje“), die im Rahmen der „Marulić Days – National Drama Festival“ aufgeführt werden sollte.[i] Einige Tage später fand vor dem HNK u Splitu,  dem kroatischen Nationaltheater in Split (Hrvatsko Narodno Kazalište u Splitu), eine Demonstration statt, die ein Verbot der Performance forderte. Die DemonstrantInnen trugen Kreuze, nationalistische Symbole sowie Fahnen und beschimpften die TheaterbesucherInnen auf abscheulichste Weise, von „kommunistische Huren“ über „leprakranke Verräter“ und „menschlicher Abschaum“ bis hin zur Aufforderung, Kroatien umgehend zu verlassen. Einer Gruppe von Rechtsradikalen gelang es, in das Theater einzudringen, wo sie den Anfang der Performance durch das Grölen nationalistischer Lieder störte, bis sie von der Polizei abgeführt wurde. Schließlich verzögerte sich die Performance um eine halbe Stunde und endete mit einem tosenden Applaus des verbliebenen Publikums.

Bei Oliver Frljić sind derartige Szenen keine Seltenheit. Mit seinen AutorInnenprojekten konnte der Theaterregisseur bereits das Publikum in Polen, Bosnien, Serbien und Österreich gegen sich aufbringen und die kroatische Öffentlichkeit fühlt sich ohnehin permanent vom eigenen Enfant terrible vor den Kopf gestoßen. Mit seiner ersten „professionellen“ Performance „Turbo-Folk“ begann er damit, den Fokus auf soziale Dynamiken und gesellschaftliche Makel zu richten, die aktuelle (Fehl-)Entwicklungen im sozialen Gefüge zum Ausdruck bringen. Das Stück wurde ursprünglich 2008 für das HNK u Rijeci, dem Kroatischen Nationaltheater „Ivan Zajc” in Rijeka (Hrvatsko narodno kazalište Ivana pl. Zajca u Rijeci) produziert, das Frljić von 2014 bis 2016 leitete und auf das wir noch zu sprechen kommen werden.

Woyzeck

Auch wenn man „Turbo-Folk“ als Ausgangspunkt für den Stil und die Sprache definieren könnte, für die der kontroversielle Frljić heute bekannt ist, so haben sich sein Zugang zum Theater und seine künstlerischen Positionen bereits wesentlich früher abgezeichnet. In den späten 1990er-Jahren trat er als Gründungsmitglied der Theaterformation „Le Cheval“ in Erscheinung, eine von unzähligen Gruppen, die sich zu dieser Zeit innerhalb der alternativen Theaterszene Kroatiens gegründet hatten. Neben der Entwicklung unterschiedlicher Sprachen des Theaters und dem Experimentieren mit verschiedenen Strategien, teilten all diese Gruppen den Drang, so Oliver Frljić in seinem Essay „Die Alternative der 90er“, „sich den ästhetischen, politischen und organisatorischen Positionen wie auch dem Repertoire des institutionalisierten Theaters zu widersetzen.“[ii] „Le Cheval“ konzentrierte sich dabei „auf die Suche nach einer Destabilisierung von Referenzsystemen und den Möglichkeiten zu deren unendlicher Reproduktion bei gleichzeitiger Legitimation eines engagierten Theaters, das sich mit den unübersehbaren sozialen Problemen beschäftigt.“[iii] Im Repertoire von „Le Cheval“ stellt der Einsatz schockierender Elemente, Attacken auf das Publikum, unverblümter Botschaften und direkter Angriffe auf Symbole und Idole einen fixen Bestandteil dar. Dabei bilden institutionelle Kritik, Nationalismus, Rassismus, Faschismus, Heuchelei, Dekadenz und das unaufhörliche Verschwimmen von Lüge und Wahrheit den roten Faden bei einem Zugang zu Theater, den Frljić von Anfang an beständig verfolgt. 

Ab 2008 beschäftigte sich Oliver Frljić mit AutorInnenprojekten, die sich meist mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen in der Region des ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzen. Indem er vor der direkten Auseinandersetzung nicht zurückscheut und dabei konkrete Beschuldigungen als eine Strategie einsetzt, um eine öffentliche Diskussion zu provozieren, gelingt es Frljić regelmäßig sich selbst, das Theater und manchmal sogar das Thema seiner Stücke ins Zentrum einer öffentlichen Debatte zu stellen.

Die erste Serie seiner AutorInnenprojekte begann 2008 mit den Stücken „Turbo-Folk“ in Rijeka, „Damned be the traitor of his homeland!“ („Preklet naj bo izdajalec svoje domovine“), das 2010 im Mladinsko Theatre Ljubljana uraufgeführt wurde, sowie dem für das 2011 im National Theatre im serbischen Subotica produzierten „Cowardice“. Es folgte eine Reihe ähnlicher Projekte, die in der Region des ehemaligen Jugoslawien ausgeführt wurden. In all diesen Stücken bringt Frljić zahlreiche generalisierende, aber zweifellos prägende Schwächen, Fehltritte, den Aberglauben und Vorurteile einer Gesellschaft zum Ausdruck, die bis vor drei Jahrzehnten noch in einem gemeinsamen Land vereint war, seitdem jedoch auseinander gewachsen ist und deren Einzelteile ihre Unabhängigkeit auf der Grundlage von gegenseitigem Hass und Verachtung errichtet haben. Die Tatsache, dass sich Oliver Frljić dabei mit strukturellen Phänomenen auf der Ebene des sozialen Gefüges beschäftigt und dabei Themen wie Mikrorassismus, urbanen Faschismus und Diskriminierung aufgreift, macht ihn für die westliche Szene überaus anziehend, die in seinen Stücken eine willkommene Aufdeckung eines Balkan-Primitivismus sieht. Im Gegensatz zum Zuspruch und der Bewunderung, die er auf internationaler Ebene erfährt, sieht sich Frljić bei seinen Auftritten vor Ort regelmäßig massiven Angriffen ausgesetzt, im Zuge derer er als Verräter, Rabauke und Schurke bezeichnet wird, der Gefühle verletze und Kirche, Staat und Nation beleidige. Sobald Frljić jedoch mit Hilfe derselben Strategie die Schwächen und Fehltritte der westlichen Gesellschaft anprangert, kühlt die Begeisterung des Publikums rasch ab: so geschehen bei den Produktionen „Un-Göttliche Komödie“ („Nie-Boska komedia. Szczątki“, 2013) am Narodowy Stary Teatr in Kraków, „Woyzeck“ (2015) am Schauspielhaus Graz[iv] und auch bei einer seiner jüngsten Produktionen „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ („Nase nasilje i vase nasilje“), die am HNK u Rijeci, dem Berliner HAU (Hebbel am Ufer), bei den Wiener Festwochen, am Slovensko mladinsko gledališče in Ljubljana, beim Kunstfest im Weimar, am Zürcher Theater Spektakel und im Rahmen des in Sarajevo ansässigen Theaterfestival MESS gezeigt wurde und von der deutschen Kulturstiftung des Bundes unterstützt wird. Im Extremfall werden seine Stücke auch zensuriert, wie es etwa bei der „Un-Göttliche Komödie“ in Polen[v] oder dem Stück „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ in der Schweiz der Fall war. Auch in Kroatien und Bosnien sind seine Stücke einem massiven Zensurdruck ausgesetzt. Allerdings haben diese Kampagnen meist den genau gegenteiligen Effekt, da die gesteigerte Medienaufmerksamkeit die Neugierde des liberalen Publikums befeuert und die allgemeine Akzeptanz der Performances erhöht.

Damned be the creator of homeland2

Im Gegensatz zum Zuspruch under der Bewunderun, die er auf internationaler Ebene erfährt, sieht sich Frljić bei seinen Auftritten vor Ort regelmäßig massiven Angriffen ausgesetzt...

Die Produktion „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ wirft einen genauen Blick auf Europa, das unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise steht, während es seine koloniale Vergangenheit vergessen hat und mit der Schließung der Grenzen für Tausende reagiert, die vor den Konsequenzen der europäischen und amerikanischen Politik fliehen. Frljić stellt dazu folgende Fragen: Sind wir uns dessen bewusst, dass unser Wohlstand auf der Ermordung tausender Menschen im Mittleren Osten beruht? Erkaufen wir uns mit unserer erklärten Solidarität ein besseres Gewissen? Können wir stolz darauf sein, EuropäerInnen zu sein oder sollten wir uns angesichts einer der größten Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg dafür schämen? Sind wir bereit, uns den Konsequenzen einer jahrhundertelangen, arroganten, europäischen Dominanz zu stellen? Und so weiter...[vi]

In einer der skandalisierten Szenen der Performance zieht eine Schauspielerin die jeweilige Nationalflagge des Landes, in dem die Performance stattfindet, aus ihrer Vagina; in einer anderen steigt Jesus von einem Kreuz aus Ölkanistern herab und vergewaltigt eine junge Muslimin. Religiöse Menschen und NationalistInnen fühlten sich von diesen Szenen beleidigt, selbst wenn sie die Performance nicht selbst gesehen hatten. Die Unterstellung, sie seien nur deshalb verletzt, weil sie die Szenen wörtlich nehmen würden, führt allerdings zu der falschen Vorstellung, dass sich diese Menschen nicht mehr verletzt und angegriffen fühlen würden, wenn sie der Performance doch bloß eine Chance gegeben hätten und versucht hätten, zu verstehen, was ihnen der Autor sagen möchte. Dabei handelt es sich aber um eine Fehlannahme! Diese Leute sind in jedem Fall betroffen, denn laut Frljić sind nicht Jesus oder die christliche Religion das Problem, sondern jene Institutionen und Gläubigen, welche diese für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Daher ist auch jener Jesus, der die Muslimin vergewaltigt, kein „echter” Jesus, sondern einer, der erst durch ein Verhalten geschaffen wird, welches auf der Politik und den Werten unserer Gesellschaft beruht. Aus diesem Grund fühlen sich die VertreterInnen dieser Politik und der damit verbundenen Werte durch die Konfrontation mit der Realität beleidigt. „Unsere Gewalt und eure Gewalt“ stellt damit auch eine Zusammenfassung von Frljićs bisherigen Arbeiten dar, in denen er sich der paneuropäischen Misere in Verbindung mit den beiden Hauptproblemen unserer Gesellschaft widmet: der Heuchelei und der Verantwortungslosigkeit.

Damned be the creator of homeland2

Was Frljić allerdings besser gelingt als den meisten seiner ZeitgenossInnen, ist, dass er das Theater in der öffentlichen Depatte wieder zu einem wichtigen Faktor macht.

Den überraschenden Höhepunkt der Kontroverse rund um die Performance stellte jedoch nicht der aufgebrachte Mob Ende April vor dem kroatischen Nationaltheater in Split dar, sondern die Haltung des kroatischen Kulturministeriums. Da man nicht mit der Freiheit des künstlerischen Ausdrucks in Konflikt geraten wollte, bat man den Künstler, die Gefühle von KirchenbesucherInnen, Minderheiten und anderen Gruppen zu berücksichtigen – so als ob Kunst eine Schachtel Pralinen sei, mit der man jemandem eine Freude bereitet, anstatt ein Mittel, das sich dazu eignet, Vorurteile und Überzeugungen zu hinterfragen.

Was die künstlerische Sprache von Oliver Frljić auszeichnet – und das hier besprochene Stück kann diesbezüglich als paradigmatisch für sein Œuvre verstanden werden – ist die Tatsache, dass Theater nur ein Teilaspekt seiner Arbeit ist. Seine Projekte gehen über das, was auf der Bühne passiert, hinaus und schließen Öffentlichkeitsarbeit genauso mit ein wie auch die Reaktionen des Publikums, der Institutionen und der Medien. In diesem Sinne wird Frljić zum Regisseur einer öffentlichen Debatte und stellt jenen Themen eine Plattform zur Verfügung, die er ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken möchte. Eine ähnliche Strategie hat Frljić auch zwischen 2014 und 2016 als Direktor des HNK u Rijeci angewandt, als er die Fassade des Gebäudes – gleich einer zweiten Bühne – zur Plakatfläche umfunktionierte. Darauf ließ er regelmäßig Statements veröffentlichen, die sich auf aktuelle Themen bezogen oder verschiedene Feierlichkeiten und Gedenkveranstaltungen kommentierten und die als Rahmen für Diskussionen und Performances auf dem Platz vor dem Theater dienten. Alles wurde zum öffentlichen Theater und das Publikum in das 17. Jahrhundert zurückversetzt, als es noch aktiv an den Geschehnissen auf der Bühne teilnehmen konnte.

Wir können von Oliver Frljićs Ästhetik halten was wir wollen. Wir können seinen Ansichten zustimmen oder diese ablehnen. Wir können einen Standpunkt einnehmen, der dem seinen diametral entgegengesetzt ist. Wir können seinen Standpunkt als fruchtlos oder sinnlos empfinden. Was Frljić allerdings besser gelingt als den meisten seiner ZeitgenossInnen, ist, dass er das Theater in der Arena der öffentlichen Debatte wieder zu einem wichtigen Faktor macht. Er gibt der Kunst ihre Relevanz zurück und macht ihre soziale Rolle sichtbar. Das ist heutzutage etwas sehr Wertvolles – nicht nur für das Theater, sondern für die gesamte Gesellschaft.

Antonija Letinić hat in Zagreb Kunstgeschichte und französische Philologie studiert. Sie ist leitendes Mitglied  von „Kurziv - Platform for Matters of Culture, Media and Society“ und Chefredakteurin des Portals Kulturpunkt.hr.

 


[i] Aus dem Englischen übersetzt von Chris Hessle.

[ii] Marin Blažević (Hg.), Frakcija – Magazine for Performing Arts 26/27. Zagreb: Centre for Drama Arts and Academy of Drama Arts, 2002, S. 117.

[iii] Ebd. S. 131.

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