Kunst auf Verschreibung. Eine neue Art der Medizin

Kunst auf Verschreibung? Das gibt es schon! Das Konzept ist sogar mit wissenschaftlichen Daten der WHO unterfüttert. Ein Beitrag über Hintergründe und die Entwicklungen im EU-Raum.

*** This article is also availabe in English ***

“Kunst bzw. Künste auf Verschreibung” steht als begrifffliche Klammer für Interventionen, die Kunst und Kultur nützen, um gesunde Verhaltensweisen zu fördern und Genesungsprozesse zu unterstützen. Es sind komplexe, multi-modale Interventionen, die Teil jenes Ansatzes sind, der sich für breiter gedachte Behandlungsmöglichkeiten einsetzt, um auch auf nicht-medizinische Problemlagen reagieren zu können. Darüber hinaus werden viele medizinische Probleme von sozialen oder politischen Faktoren verursacht oder verstärkt, sodass „Kunst auf Verschreibung“ einen Paradigmenwechsel in der Art, wie wir Menschen und ihre Schwierigkeiten „behandeln“, anstatt sie nur „zu behandeln“, repräsentiert. Als solcher macht dieser Ansatz auch Schwachstellen in der medizinischen Terminologie sichtbar, die in ihrem Bemühen, einen medizinischen Kontext zu wahren, Probleme individualisiert und das Individuum eher entmachtet, anstatt es zu ermächtigen. 

WHO-Bericht zu Kunst und Gesundheit

Die Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlichte im November 2019 zu Kunst und Gesundheit einen Bericht über die Evidenzbasis für innovative, wertgeleitete Behandlungsoptionen. Reflektiert wird ein wachsendes multidisziplinäres Feld, das sich im Laufe der letzten 30 Jahre entwickelt hat und von einer schnell wachsenden Faktenbasis gestützt wird. Die Praktiken selbst wurzeln seit 40.000 Jahren in der menschlichen Vernetzungsfähigkeit. Sie umfassen viele Arten kulturellen und kreativen Ausdrucks, wie z. B. Geschichten erzählen, dekorative Kunst, gemeinsames Trommeln, Tanzen oder Singen. Der WHO-Bericht beschreibt die Vorteile kunst-basierter Interventionen als risikoarm, kostengünstig und als ganzheitliche Optionen für komplexe Problemlagen, für die es häufig keine medizinischen Lösungen gibt. 

 

Entwicklungen im EU-Raum 

Zwischen 2012 und 2019 führte die finnische Regierung ein fünfjähriges Projekt durch, das gemeinsam von den Ministerien für Bildung, Kultur, Soziales und Gesundheit umgesetzt wurde. Ziel war Kunst und Kultur in der täglichen Gesundheitsvorsorge zu verankern. Im Jahr 2017 überprüften Jensen, Stickley, Torrissen und Stigmar aktuelle Forschung, Praktiken und Politiken in Schweden, Norwegen, Dänemark, Großbritannien und Nordirland im Hinblick auf Kunst und Kultur auf Rezept. Sie kamen zu dem Schluss, dass Aktivitäten in allen Ländern zu signifikanten Verbesserungen führten. Großbritannien nahm dabei eine Schlüsselrolle bezüglich der akademischen Forschung und der politischen Umsetzung ein. 

Langzeitevidenz hinsichtlich der positiven Auswirkungen auf Gesundheit und die Lebenserwartung in den Nordischen Ländern führte zur Einsetzung der „All-Party Parliamentary Group on Arts, Health and Wellbeing“ in Großbritannien. Deren Bericht „Creative Health“ (2017) führt Nachweise über ein Spektrum von klinischen Kunst-Interventionen bis hin zu nicht-klinischen partizipativen Kunst-Programmen an und prüft die Wirkung von Kunst im Laufe einer Lebenspanne als auch, wie Kunst auf mehreren Ebenen wirkt – auf individueller wie Gemeinschaftsebene sowie im Gesundheitswesen selbst. Kulturelles Engagement und kulturelle Teilhabe wirken dabei nachweislich sowohl vorbeugend als auch regenerierend; in Programmen, die auf den Erhalt des Wohlergehens abzielen, für Menschen, die mit leichten Beschwerden leben müssen, bis hin zu Kontexten wie Onkologie, Demenz, Sterbebegleitung und Leben in Gefängnissen. 

UK Creative Health bericht

In den letzten Dekaden ist das Verständnis für den Einfluss sozialer Faktoren auf die Gesundheit sowie die schädlichen Effekte seelischer Traumata beträchtlich gewachsen. Bessel van de Kolks 2015 erschienenes Buch „The Body Keeps the Score“ veranschaulicht dies eindrücklich. Es zeigt die fesselnde Entwicklung dieses weitreichenden Feldes, welche negative Auswirkungen Traumata auf den Körper haben und wie sie das soziale Leben im Laufe einer Lebensspanne beeinflussen können. Die Fortschritte verdeutlichen zunehmend, dass die herkömmliche Trennung zwischen körperlicher und geistiger Gesundheit ein gefährlicher Irrweg ist. Wir können heute mit Sicherheit sagen, dass Maßnahmen, die zwischenmenschliche Beziehungen, Ausdruck und Resilienz im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit unterstützen auch die physische Gesundheit unterstützen – und umgekehrt. 

Indem wir diesen Ansatz weiterentwickeln, können wir „verkörperte“ bzw. „intrinsische“ Auswirkungen auf Individuen verbessern, Selbstvertrauen, Selbstwert und Zugehörigkeitsgefühl stärken. Auf Kunst basierende Strategien nutzen die Fähigkeit von Individuen, neue Fertigkeiten zu entwickeln, Erfahrungen zu machen und daraus Stolz zu ziehen, was wiederum Hoffnung fördert und bei der Identitätsbildung hilft. Anders als Medikamente, die dazu gedacht sind, Symptome zu verringern, wirkt sich die Einbeziehung von Kunst auf die Grundlagen des Wohlergehens aus. Sie ist somit wichtig für therapeutische und heilende Prozesse. Kulturelles Engagement und kulturelle Teilhabe können Verstand und Körper dabei unterstützen, Stress, Ungleichheit und Unglück besser zu verarbeiten und zu tolerieren, indem sie das Bedürfnis nach Spezi tät überbrücken. 

Ein weiterer Vorteil von „Kunst auf Rezept“ ist die Bandbreite der damit verbundenen Ansätze. Kreative und kulturelle Aktivitäten umfassen eine fast unbegrenzte Auswahl an Werkzeugen, mit vielseitigen Zugangspunkten, die Raum bieten, um individuelle Vorlieben, Geschichten und Fähigkeiten zu erforschen. Ein Kernanliegen dieses Ansatzes ist, das öffentlich verfügbare Repertoire an Behandlungsstrategien zu erweitern. Das führt potenziell zu mehr Wahlmöglichkeiten sowie einer stärkeren Beteiligung seitens der Patient*innen als auch zu einer Entlastung des Gesundheitssystems. 

Psychische Gesundheit - Politikzugänge in Großbritannien 

Der Bedarf nach Dienstleistungen im Bereich psychische Gesundheit steigt. Als Reaktion darauf hat die britische Regierung einige neue Initiativen angekündigt. Im Oktober 2014 veröffentlichten das „National Health Service England“ (NHS) und das Gesundheitsamt einen Fahrplan zur Verbesserung des Zugangs zu psychischen Gesundheitsdiensten bis 2020. Gemeinsame Themenfelder im Rahmen der aktuellen Politik sind die Förderung von Resilienz und Selbstwertgefühl sowie die Bedeutung, die dem Aufbau gesunder Beziehungen zukommt. Unterstützt werden dabei seitens der Regierung Förderschienen der „sozialen Verschreibung“. Kunstaktivitäten, die im Rahmen dieser Förderschienen angeboten werden, belegen dabei zunehmend positive Effekte. 

Im Hinblick auf Kinder und junge Menschen diskutiert ein aktueller Bericht von Zarobe & Bungay (2017) den Beitrag von Kunstaktivitäten zum Aufbau von Resilienz. Sie berichten von positiven Effekten für das Selbstbewusstsein, das Selbstwertgefühl, den Aufbau von Beziehungen sowie eines Zugehörigkeitsgefühls. 

Der gerade statt findende Umbau des „NRH Children Services“ (hiernach: Kinder-Dienste), bekannt als das THRIVE Modell, betont wertgeleitete und auf Gemeinschaft fokussierte Zugänge. Die Schwerpunktsetzung auf Vorbeugung hat bereits zu einem vermehrten Angebot von psychischen Gesundheitstrainings in Schulen geführt: hier spielen Kunst und Kultur klar eine besonders wichtige Rolle. 

 

Einige Problemstellungen 

Obwohl hunderte an Studien durchgeführt wurden, diskutieren Gutachter*innen ein generelles Fehlen methodischer Stringenz. Da der Kunstsektor weder finanziell noch politisch so ausgestattet ist, dass er mit medizinischer Forschung ernsthaft wetteifern könnte, wird oft beanstandet, dass die Nachweisbasis schwach oder „anekdotenhaft“ sei. Das Wissen ist über zahlreiche Studienfelder verteilt, die ein voneinander abhängiges Bild der multi- modalen Effekten reflektieren, die kritisch betrachtet werden müssen, um effektiv verstanden zu werden. Solche Einschränkungen reduzieren die potenzielle Kraft der Ergebnisse aus evidenz- basierter Praxis. Um darauf reagieren zu können, ist eine umfassendere, systematisch durchgeführte Forschung notwendig. 

Um Entscheidungsträger*innen in den Kommissionen, die über die Förderung von Kunst als zusätzliche Option zu den konventionellen psychischen Gesundheitsdiensten entscheiden, zu überzeugen, muss das Potenzial von „Kunst auf Verschreibung“ unter deren Bedingungen nachgewiesen werden. Wichtige Schritte in diese Richtung stellten der „Creative Health“ Bericht und das als „Devolution in Greater Manchester“ bezeichnete Gesundheitsexperiment dar. 

 

Einige Lösungen 

GMiTHRIVE nennt sich der neu gestaltete Kinder-Service der Region „Greater Manchester“, der auf dem lösungsbezogenen nationalen Rahmenplan für CAMHS (kurz für „Child and Adolescent Mental Health Services“, Psychische Gesundheitsdienste für Kinder und Jugendliche) aufbaut. Er versucht Zugang, Auswahlmöglichkeiten von Patient*innen, Patient*innen-Sicherheit und Qualität zu verbessern. Zu diesem Zweck werden strategisch kunstorientierte Interventionen innerhalb und außerhalb von psychischen Gesundheitsdiensten für Kinder und Erwachsene umgesetzt. Innerhalb Großbritanniens bieten etliche gut etablierte Organisationen Programme mit Kunstaktivitäten für Kinder und junge Menschen an (z. B. Arts and Minds, www.artsandminds.org.uk; Start Youth Arts, www.startinsalford.org.uk). GMiTHRIVE unterstützt den Kunstsektor dabei, akzeptierte Methoden der Ergebnismessungen zu verstehen und anzuwenden, hochqualifizierte Forschung durchzuführen und identifizierte Probleme, wie z. B. lange Wartezeiten und Kosten, den Entscheidungs- träger*innen in den Kommissionen zu berichten. 

„Kunst auf Verschreibung“ ist Teil der umfassenderen Maßnahme „soziale Verschreibung“, in der Kunst, körperliches Training, Ernährungsberatung und Gemeinschafts-Klassen als Lösungs- ansätze angeboten werden, um individuelle Probleme zu be- handeln. Im Norden Englands setzt das „Manchester Institute für Künste, Gesundheit und Soziale Veränderung“ diese Aufgabe und deren Erforschung bereits um. Im Rahmen der Kinder- Dienste wird ein Evaluationsrahmen für bestehende Kunst- und Kulturprogramme der Region entwickelt, der auch von Klinikärzt*innen und Akademiker*innen unterstützt wird, die die Wirkung für die Entscheidungsträger*innen in den Kommissionen aufbereiten. Bis Januar 2020 werden zahlreiche Fallstudien durchgeführt und eine Reihe kunstgeleiteter Pilot-Maßnahmen von GMiTHRIVE gefördert, als Anstoß für die erforderlichen Änderungen. 

 

Katherine Taylor ist Forscherin und klinische Psychologin im Bereich psychischer Gesundheitsdienste für Kinder und Jugendliche. Sie leitet das iTHRIVE Programm für Kunst und psychische Gesundheitsdienste in der Region „Greater Manchester“, Großbritannien. 

 


Literatur:

Gordon-Nesbitt, R . Creative health: the arts for health and wellbeing. London: National Criminal Justice Arts Alliance; 2017, Google Scholar

Crone, DM, O’Connell, EE, Tyson, PJ. ‘Art lift’ intervention to improve mental well-being: an observational study from U.K. general practice. Int J Ment Health Nurs 2013; 22(3): 279–86. Available online at: http://www-ncbi-nlm-nih-gov.ezproxy.lancs.ac.uk/pubmed/22897659 

Zarobe, H. & Bungay, H. The role of arts activities in developing resilience and mental wellbeing in children and young people a rapid review of the literature,https://doi-org.ezproxy.lancs.ac.uk/10.1177/1757913917712283 

Taylor, Katherine. Art Thou Well: Towards Creative Devolution of Mental Health, Winston Churchill Travelling Fellowship Report, 2017

Callaghan J, Fellin L, warner-Gale F. A critical analysis of child and adolescent mental health services policy in england. Clinical Child Psychology and Psychiatry. epub 2016 April 6, DOi: 10.1177/1359104516640318.

Department of Health. Getting It Right for Children and Young People: Overcoming Cultural Barriers in the NHS so as to Meet Their Needs. London: Department of Health, 2010. 

Jensen, Stickley, Torrissen & Stigmar (2017) Arts on prescription in Scandinavia: a review of current practice and future possibilities. Perspectives in Public Health, 137 (5): 268-274

Marmot M. Fair Society, Healthy Lives: Strategic Review of Health Inequalities in England Post-2010. London: The Marmot review, 2010. 10. Lewis i. Report on the Children and Young People Health Outcomes Forum. Children and Young people’s Health Outcomes Strategy, 2012. London: Department of Health.  

The role of arts activities in developing resilience and mental wellbeing in children and young people a rapid review of the literature November 2017 Vol 137 No 6 l Perspectives in Public Health 347

Department of Health. Future in Mind: Promoting, Protecting and Improving Our Children and Young People’s Mental Health and Wellbeing. London: Department of Health, 2015.

Department of Health. NHS Five Year Forward View. London: Department of Health, 2014.

Thomson LJ, Camic PM, Chatterjee HJ. Social Prescribing: A Review of Community Referral Schemes. London: University College London, 2015.

Daykin N, Orme J, evans D et al. The impact of participation in performing arts on adolescent health and behaviour: A systematic review of the literature. Journal of Health Psychology 2008; 13: 251–64.


IG Magazin 2019
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.19 „Kultur als Rezept“ des Magazins der IG Kultur Österreich - Zentralorgan für Kulturpolitik und Propaganda erschienen.
Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5 €) bestellt werden. 

Ähnliche Artikel