Kulturarbeit – ein abgekartetes und unfaires Spiel?

Mark Banks fordert “creative justice” und argumentiert dies in seiner jüngsten, gleichnamigen Publikation. Über zehn Jahre forscht er bereits über die Arbeitsbedingungen im Kulturbereich. Und er ist bestürzt über die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die den Kultursektor prägen. Wer im Kulturbereich reüssieren und von seiner Kulturarbeit leben kann, sei ein “abgekartetes und unfaires Spiel”. Ein Interview.

IG Kultur: Professor Banks, geht es im Kultursektor wirklich so unfair und ungerecht zu?
Mark Banks:  Ich denke das ist so und wird sich verschärfen. Das trifft auf Großbritannien zu, aber auch allgemein auf die meisten anderen wohlhabenden Volkswirtschaften. Obwohl die Kreativwirtschaft, die Medien und Künste als offen, tolerant und inklusiv gelten, als Bereiche, in denen einzig und allein „Talent“ zählt, wird immer offensichtlicher, dass das schlichtweg nicht stimmt. Die Daten zeigen immer mehr, dass Menschen aus wirtschaftlich schwächeren Verhältnissen, Angehörige ethnischer Minderheiten und Frauen unverhältnismäßig unterrepräsentiert sind. Und das ist immer öfter der Fall. 
Wir haben hier Bereiche, die von weißen Männern aus gutbürgerlichem Milieu mit hohem Bildungsniveau dominiert werden – zumindest überwiegend – und diese soziale Gruppe arbeitet aktiv daran, ihre eigenen Privilegien zu reproduzieren, indem sie andere, die nicht diesem Profil entsprechen, ausschließt. Manchmal ist dieser Ausschluss offensichtlich, aber meistens ist er das nicht, sondern so in den Institutionen verankert, dass er schwer festzumachen ist. Diese Ausschlussmechanismen wirken beispielsweise in den Aufnahmeverfahren von Kunstuniversitäten oder in den Besetzungsverfahren für die besten Positionen in der Kreativbranche, die Bewerber*innen aus der Arbeiterklasse diskriminieren, indem sie implizit voraussetzen, dass sie jene Verhaltensweisen und Erfahrungen aufweisen, die typischerweise in einer bürgerlich geprägten Kultur- und Bildungsbiographie erworben werden oder indem Bewerber*innen sich selbst in einer Art und Weise präsentieren, die zum etablierten Kunstmilieu „passt“.

IG Kultur: Die Idee, den Kulturbereich sozial durchlässiger und insgesamt fairer zu gestalten, ist natürlich fesselnd. Das setzt aber voraus, dass überhaupt Handlungsbedarf besteht, dass überhaupt anerkannt wird, dass der Kultursektor, so wie er ist und funktioniert, nicht fair ist. Viele würden dem widersprechen. Die Überzeugung ist: Engagement aber vor allem künstlerische Qualität setzt sich letztlich durch. Und künstlerische Qualität kennt kein Geschlecht, Alter, sozialer oder ethnische Kontexte, etc. 
Mark Banks:  Nein, ich stimme überhaupt nicht zu! Das erste, was ich dazu feststellen muss, ist: Ja, Talent hat eine bestimmte objektive Grundlage. Die meisten Menschen sind mehr oder weniger fähig, etwas zu tun und es gibt bestimmte biologische Voraussetzungen, ein Talent zu entwickeln, wie Stimmbänder, die das Singen ermöglichen, bewegliche Gliedmaßen, die das Tanzen ermöglichen, etc. Aber die Idee, dass Talent etwas natürlich „Vorgegebenes “ ist, ist ziemlich weit von den Tatsachen entfernt. Ich würde argumentieren, dass die Idee von Talent eher dazu dient, die ungerechte und unfaire Verteilung von Chancen, Anerkennung aber auch Arbeitsplätzen in Kunst und Kultur ideologisch zu verschleiern. 
Im Arbeitskontext und im Bildungssystem wird die Idee eines Mangels an „Talent“ oft verwendet, um Routineprozesse der Diskriminierung und des Ausschlusses zu verbergen. Menschen werden nicht ausgeschlossen, weil sie zu wenig Talent in einem objektiven Sinne haben, sondern weil sie nicht die richtige Kleidung tragen, nicht den richtigen Stil haben, die richtigen Umgangsformen, die sprachlichen Kompetenzen, die sozialen Voraussetzungen und so weiter, die ihnen sonst ermöglichen würden, als talentiert angesehen zu werden. 
In soziologischen Untersuchungen des Bildungssystems wurde dies immer und immer wieder nachgewiesen. Wenn es um Aufnahme- und damit Selektionsprozesse für Eliteschulen und -universitäten geht, werden Kinder aus elitären Kreisen ausgewählt, und zwar nicht auf Basis irgendeiner natürlichen Befähigung für Kunst, sondern weil sie in einem Umfeld aufgewachsen sind, indem sie damit vertraut wurden, sich selbst als talentiert darzustellen. Und weil sie all die Vorteile genossen haben, die mit sozialen Privilegien einhergehen, wie Zugang zu besserer Schulbildung, Privatunterricht, Begegnung mit verschiedenen Kunstformen, wohlhabendere Eltern, die sich Kulturkonsum leisten können, etc. Sie genießen Privilegien, die sie mit jenem Rüstzeug ausstatten, um ihre kulturelle „Veranlagung“,„Affinität“ und Eignung besser zum Ausdruck bringen zu können. 
Ich finde auch, dass die Idee von „Talent“ selbst, allgemein gesehen, höchst problematisch ist. Sie verschleiert, dass alle Formen kultureller Produktion bis zu einem gewissen Grad sozial produziert sind und in einem sozialen Kontext stattfinden. Aber niemand, nicht einmal jene benachteiligten Gruppen, die selbst Opfer dieser ideologischen Konstrukte unserer Gesellschaft sind, die sie als „untalentiert“ klassifiziert, würden in Frage stellen, dass es „Talent“ als eine natürliche, individuelle Befähigung gibt. Für mich ist das aber etwas, dass wir in Frage stellen müssen, zumindest um jene tief verwurzelten Mechanismen offenzulegen, in denen die fadenscheinige Feststellung von Talent und Qualität als Filter für soziale Selektion dient.

IG Kultur: Eigentlich wollten wir über unfaire Arbeitsbedingungen reden, also über die Situation von jenen, die bereits im Kultursektor aktiv sind. Die spärlichen Daten, die über die Lebens- und Arbeitssituation von Kunst- und Kulturarbeiter*innen Auskunft geben, sprechen eine klare Sprache: Abgesehen von ein paar Ausnahmen, können die meisten nicht von Kulturarbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Woran liegt das?
Mark Banks:  Das ist ein sehr umstrittenes Thema. Tatsächlich gibt es viele Ökonom*innen, die sagen, dass man den Markt entscheiden lassen sollte und die argumentieren, dass jede Art von Niedriglohn schlicht den Preis wiedergibt, der sich am Markt für künstlerische Arbeit bildet. 
Aber ich würde anders argumentieren: Einer der Hauptgründe, warum die Bezahlung von Künstler*innen verglichen mit anderen Berufsgruppen niedrig ist, sind die Ungleichheiten im System Kunst und Kultur, durch die einige wenige „Stars“ unverhältnismäßig viel auf Kosten einer faireren Verteilung des Einkommens für die Mehrheit bekommen. Obwohl zwar oft gesagt wird, eine kleine Anzahl an „Hits“ finanziert den Großteil an „Fehlschlägen“, ist mir wichtig zu betonen, dass die meisten Künstler*innen heutzutage nicht annähernd so gut bezahlt werden, wie Manager*innen, Führungskräfte und jene kleine elitäre Gruppe im Feld, die den Großteil der Anerkennung künstlerischer Arbeit für sich beansprucht. Der Kreativbereich ist tendenziell ausbeuterisch und ungerecht. Das ist einer der Hauptgründe, warum Kunst- und Kulturarbeit so schlecht bezahlt wird und nicht die „natürlichen“ ökonomischen Gesetzlichkeiten. 

IG Kultur: Der Arts Council England versucht hier gegenzusteuern und fordert von Förderwerber*innen, dass sie in der Kostenkalkulation von Projekten angeben, auf Basis welcher Fair Pay Richtlinien oder Kollektivverträge sie die Entlohnung künstlerischer Leistungen im Projekt berechnen. Zeigt diese Maßnahme bislang irgendeine Wirkung? 
Mark Banks:  Ich denke, der Arts Council England wurde in der Vergangenheit zurecht dafür kritisiert, in seiner Förderpolitik nicht auf eine faire Entlohnung von Künstler*innen zu achten. Es ist gut, dass sie beginnen, dieses Thema anzugehen. Aber das Problem ist im öffentlichen Sektor allgemein weit verbreitet. Die Bezahlung von Künstler*innen ist kein großes Anliegen oder gar eine Priorität von öffentlichen Einrichtungen. Glücklicherweise beginnt sich das zu ändern. 
In England gibt es die neue Artists Union England, die sich verstärkt für die Erarbeitung angemessener Honorarrichtlinien für Künstler*innen engagiert und immer aktiver und lauter die institutionalisierte Praxis von Förderstellen, Galerien und Arbeitgeber*innen allgemein in Frage stellt. Das kann man nur begrüßen. Wie effektiv dieser Ansatz ist, werden wir in den kommenden Jahren sehen. 

IG Kultur: Viele sind allgemein skeptisch, ob das der richtige Ansatz ist. Die Einführung von Fair Pay oder Mindesthonoraren in der öffentlichen Fördermittelvergabe würde, ohne gleichzeitige Erhöhung der Förderbudgets, zu einer Reduktion der geförderten Projekte führen. Viele Kulturprojekte könnten gar nicht mehr realisiert werden. 
Mark Banks:  Meine Sicht darauf, für die sich auch anderen Akademiker*innen einsetzten, ist, dass wir „Gerechtigkeit im Kontext“ oder vielleicht „Fairness innerhalb von Produktionen“ brauchen. Damit meine ich, dass wenn Geld zur Verfügung steht, um eine künstlerische oder kulturelle Aktivität zu finanzieren, dann sollte dieses Geld so angemessen und fair wie möglich verteilt werden. Wenn eine Förderstelle wie das Arts Council oder die öffentliche Hand Kulturarbeit oder ein Kunstwerk finanziert, dann sollten die involvierten Kunst- und Kulturschaffenden einen gerechten Anteil in Form von Bezahlung erhalten. 
Aber natürlich ist es nicht immer möglich, Kunst zu finanzieren. Manchmal ist es vollkommen in Ordnung, ohne Bezahlung zu arbeiten, weil das Projekt spannend, aber nicht gefördert ist, oder weil die austragende Einrichtung sehr geschätzt oder weil eine gute Sache damit unterstützen wird oder einfach, weil man mitwirken will. Das ist auch in Ordnung. Aber mein Rat an angehende Künstler*innen ist: Arbeitet nicht gratis für Projekte, wenn andere im Projekt offensichtlich bezahlt werden. 

IG Kultur: Prekäre Lebens- und Arbeitsbedingungen äußern sich nicht nur im Einkommen bzw. der Bezahlung. Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Chancen auf Arbeit sind ebenso Thema, bzw. korrekter: die Chancen auf bezahlte Arbeit, mit einem regelmäßigen, vorhersehbaren Einkommen. Finden sich auch hier strukturelle Ungleichheiten? 
Mark Banks:  Ja, das ist sehr stark der Fall. Am offensichtlichsten wird dies am Beispiel von Praktika oder an der schlechten Bezahlung von Berufsanfänger*innen bzw. von Einstiegs-Jobs in die Branche. Bewerber*innen, die es sich leisten können, gratis oder für ein sehr geringes Entgelt über einen längeren Zeitraum hinweg zu arbeiten, kommen tendenziell aus wohlhabenderen Familien, die den Lebensunterhalt bei schlechter Bezahlung oder einer langen Suche nach einer unbefristeten Anstellung subventionieren können. 
Ein weiteres offensichtliches Beispiel ist, dass Frauen ab Mitte 30 beginnen beispielsweise im Mediensektor zu „verschwinden“. Meistens geschieht das zu dem Zeitpunkt, an dem sie beginnen, Kinder zu bekommen und mehr Flexibilität und Rücksichtnahme des/der Arbeitgeber*in brauchen würden, da Frauen noch immer den überwiegenden Teil der Kinderbetreuung und Hausarbeit leisten. Die Annahme, Menschen müssten bereit sein, 24 Stunden sieben Tage die Woche projektbasiert zu arbeiten, diskriminiert massiv all jene, die auch andere, nicht-arbeitsbezogene Verpflichtungen haben. 

IG Kultur: Sie arbeiten zu diesen Themenkomplexen schon sehr lange. Hat sich die Situation im Kulturbereich insgesamt verbessert oder verschlechtert? 
Mark Banks:  Ich denke, das Bild fällt ambivalent aus. In manchen Bereichen gibt es Verbesserungen. Es gibt viel mehr Fokus und Bewusstsein für Fragen der Vielfalt und der Inklusion im Kreativbereich – eine Reaktion auf all die Missstände. Es gibt eine größere Sensibilität für Themen wie unbezahlte Arbeit und eine allgemeine Überzeugung, dass „etwas getan werden muss“, die noch vor zehn Jahren keineswegs so ausgeprägt war. Das hängt aber auch damit zusammen, dass die Arbeitsbedingungen in Kunst und Kultur vermutlich schlechter geworden sind, vor allem durch die globale Finanzkrise, die allgemeine Sparpolitik und dem allgemeinen Rückzug eines wohlfahrtsstaatlich-geprägten Kapitalismus, der früher „gewöhnlichen“ als auch sozial-benachteiligten Menschen half, einen Fuß in die Tür zu bekommen, einen ersten Schritt in Richtung Karriere im Kreativbereich zu setzen. 
In Großbritannien werden Jobs im Kunstfeld heutzutage immer mehr von einer privilegierten Elite dominiert. Frauen sind im Kreativsektor nach wie vor erschreckend unterbezahlt und unterrepräsentiert. Der Anteil an Arbeitenden im Kunst- und Kulturbereich, die ethnischen Minderheiten angehören oder beeinträchtigt sind, ist peinlich niedrig. Wir sind weit von irgendeiner Art von „kreativer Gerechtigkeit“ entfernt. 
Glücklicherweise gibt es auch einen engagierten aktivistischen Sektor, mehr öffentliches Bewusstsein und wesentlich mehr Forschung und Daten als noch vor zehn Jahren. Das rüstet uns immer besser dafür, für faire und gerechte Arbeitsplätze zu kämpfen, von denen ich überzeugt bin, dass sie auch die Mehrheit der Kulturarbeiter*innen in der Praxis sehen will. Wir müssen zusammenkommen, über Sektoren und Einzelinteressen hinweg, und gemeinsam den Kampf für jene Bedingungen im Kreativbereich führen, die wir gemeinsam schaffen und leben wollen. 

IG Kultur: Kulturpolitische Fragen werden zumindest in Österreich meist unter “ferner liefen” verhandelt, die bestenfalls ein Nischenpublikum interessieren. Provokant gefragt: Warum sollte sich die Gesellschaft dafür interessieren? 
Mark Banks:  Ich glaube, es sollte uns allen aus drei Gründen wichtig sein:
Erstens sollte es uns wichtig sein, weil es um „ökonomische Chancenverteilung“ geht. Jede und jeder sollte die faire Chancen haben, im Kreativ- und Kulturbereich Fuß zu fassen, daran teilzuhaben und sein/ihr Leben von kreativer oder kultureller Arbeit zu bestreiten, wenn er oder sie sich dafür entscheidet, es versuchen zu wollen. 
Zweitens sollte es uns im Hinblick auf die „Vielfalt im kulturellen Ausdruck“ wichtig sein. Alle Menschen sollten vergleichbare Chancen haben, sich selbst und ihre Positionen auszudrücken, innerhalb bestimmter, demokratisch-definierter Grenzen. 
Drittens sollte es uns wichtig sein, weil es um eine „Erweiterung des politischen Diskurses“ geht. Kunst und Kultur haben das Potential, zum Aufbau einer pluralistischen, vielstimmigen Gesellschaft beizutragen, die kulturellen Dialog zwischen den verschiedenen, demokratisch-ausgerichteten Parteien und Interessen ermöglicht. Und das ist viel besser, als wenn dies nicht möglich ist. Für mich sind das drei fundamentale Grundlagen, auf denen die Forderung nach kreativer Gerechtigkeit aufbauen sollte. 

Aber viel einfacher ausgedrückt würde ich auch sagen, es sollte uns wichtig sein, weil Kunst und Kultur ein Teil dessen sind, was das Leben lebenswert macht. Sie sind nicht das Sahnehäubchen auf dem Kuchen, sie sind Teil des Kuchens selbst. Und daher ist es nur richtig, dass nicht nur jede und jeder eine faire Chance hat, von dem Kuchen zu naschen, sondern auch mitzuhelfen, diesen Kuchen zu backen. 


buch

 

BUCHTIPP: 
„Creative Justice. Culture Industries, Work and Inequality“ 
von Mark Banks 
Verlag Rowman & Littlefield, 2017 
ISBN 978-1-786-60129-2
189 Seiten, Softcover

 


Mark Banks ist Professor für Kultur und Kommunikation an der Universität von Leicester (Großbritannien) und leitet das CAMEo Forschungsinstitut für Kultur- und Medienökonomie. 

Übersetzung aus dem Englischen: Yvonne Gimpel

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe „prekär leben“ des Magazins der IG Kultur in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien erschienen. Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5€) bestellt werden. 

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