Kritik als Kaffeeklatsch: Tibor Navracsics und die gezähmte Kultur

Der Auftritt von Tibor Navracsics war wohl der kontroverseste Punkt im Programm der Konferenz „Beyond the Obvious“ von Culture Action Europe (CAE). Allerdings nur in der Kaffeepause.

Tibor Navracsics, EU-Kommissar

Der Auftritt von Tibor Navracsics war wohl der kontroverseste Punkt im Programm der Konferenz „Beyond the Obvious“ von Culture Action Europe (CAE). Allerdings nur in der Kaffeepause. Und das obwohl in vielen Panels über Nationalismen, Trump und den Breixit, den Aufstieg des Rechtspopulismus und mögliche Gegenmaßnahmen diskutiert und ein Europa ohne Grenzen sogar im Programmheft gepriesen wurde. Denn die Organisation bevorzugte es, den Kommissar lieber nicht zu verärgern und den Hahn für Kritikfähigkeit im nächsten Panel wieder aufzudrehen.

Über die Kunst des Spagat im Feld der Kunst.  

Tibor Navracsics ist ungarischer Politiker und gehört der Fidesz an, der Partei von Viktor Orban. 2010 wurde der Jurist stellvertretender Ministerpräsident und Justizminister, später Außenminister Ungarns und war direkt für das repressive Mediengesetz zuständig. 2014 wurde er unter weitläufigen Protesten, unter anderem unsererseits, EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport. Das EU-Parlament hatte ihn zunächst abgelehnt. Seinem Kommissariat wurde daraufhin die Zuständigkeit für Bürgerrechte entzogen. Ein Schachzug Junckers, seinen Wunschkandidaten trotz Widerstand doch noch zu diesen Ehren zu verhelfen. 

Navracsics hielt auf der Konferenz von Culture Action Europe eine Rede darüber, wie das kulturelle Erbe Europas geschützt, sowie Vergangenheit und Zukunft harmonisiert werden müsse (ein Ausschnitt ist hier als Stream verfügbar). Was immer er damit meint. Kultur - und damit meint er die Kreativindustrie auch immer mit - sei ein starker Motor für europäische Identität. Sie sei auch Garant dafür, die EU zu einer Community aus Communities zu machen. Aber er hält den Sektor auch für einen potenten und profitablen Part der europäischen Wirtschaft. Vielleicht sogar für einen der stärksten, selbst noch während der Wirtschaftskrise. Ohne tatsächlich starke Zugehörigkeit zu dem rechtspopulistischen Biotop zu zeigen, in dem er groß wurde, redete er dem Wirtschaftsliberalismus das Wort. Es wirkt ganz so, als sei Kultur in erster Linie dazu da, Tradition hochzuhalten und die Wirtschaft zu stärken. Nur eine scheinbare Kehrtwende: Hier verbinden sich die Werte eines Ungarn des Orban und einer EU des Juncker. Das kennt man in Österreich schon länger, genauso verbinden sich auch wirtschaftsliberaler Flügel mit dem rechtsnationalen der FPÖ. Und dennoch ein Spagat, sobald man gesellschaftsliberale Töne anklingen lässt. Nämlich bei Gegenwind auf der einen Seite zu predigen, Mauern zu bauen und auf der anderen wiederum Windmühlen einzufordern

When the winds of change blow, some people build walls, some other build windmills.

 

Die Metapher mit den Windmühlen hing ironischerweise am Gang der Konferenz. Genau dort wurde auch kein Blatt vor den Mund genommen. Am Podium musste es auf verlagertem Feld geschehen. Der Wind verkam zu einem Lüftchen. Robert Manchin, President von CAE hielt dem Kommissar entgegen, wie man denn eine europäische Community schaffen könnte, während doch so gravierende Auffassungsunterschiede durch die europäischen Gesellschaften gingen. Auffassungsunterschiede auch dahingehend, wo die größten Problemfelder, Notwendigkeiten und wichtigsten Themen liegen würden. Nur vier Mitgliedsstaaten (Finnland, Schweden, Dänemark und die Niederlande) fühlten sich von der Globalisierung nicht in ihrer Nationalidentität gefährdet. Deutschland wäre darin gespalten. Der Rest sehe dort eines ihrer Hauptprobleme. Problemdefinitionen und Art der Diskursführung gehen stark auseinander. Wie hätte der Kommissar also gesehen, die Vergangenheit, das kulturelle Erbe, nicht nur zur Steigerung des Tourismus, sondern für eine kulturelle Praxis in der Gegenwart einzusetzen, die tatsächlich positive Effekte in der Zukunft zeigen kann? Auch eine Art von Spagat, eine Form des Einwandes vorzubringen, ohne dass sie das Gegenüber als Kritik werten könnte. 

So hat Navracsics kein Problem mit der Kultur. Er tut sich nicht schwer damit, in Ungarn einen hilfreichen Umbauhelfer einer nationalistischen Regierung Orban zu machen und in Brüssel den liberalistischen Bürokraten. Wenn man sich das vor Augen hält, lässt sich seine charismatische Rede vor dem WhoIsWho der europäischen Kultur und Kreativwirtschaft auf der Konferenz in Budapest besser verstehen. Er ist glatt genug, keine starken Angriffsflächen zu bieten, vor einem Gastgeber, der politisch betrachtet gegenüber der Hand, die ihn füttert, ohnehin nicht sehr beißfreudig zu sein scheint. Gleichzeitig malt er Sinnbilder, die uns vermitteln, wie so ein Spagat funktioniert, nämlich gleichzeitig Liebkind autoritaristischer sowie liberalistischer Politik sein zu können. Die Antwort liegt für ihn nämlich im Selbstbewusstsein. Wir würden entscheiden, ob Europa nur eine Halbinsel Asiens sei, oder aber ein Kontinent. Geographisch wären wir Erstes, nur unsere starke Kultur mache uns zu Zweitem. Für ihn ist Europa eine kulturelle Großmacht und er verwendet genau diese Rhetorik. Was KritikerInnen als kulturellen Imperialismus bezeichnen, sei für ihn einfach nur gesundes Selbstbewusstsein. Wir sollten doch Stolz sein, so der Kommissar. 

Wie konnten auch noch beobachten, wie ein anderer Spagat funktioniert. Denn sehr viel Kritik kam weder vom Podium, noch vom Publikum. Wie jemand vom Board des CAE in der Kaffeepause sagte, müsse man mit Navracsics arbeiten, ob man wolle oder nicht. Eine zu scharfe Kritik hätte Türen zugeschlagen. Das beträfe allerdings nur das Board und die Organisation, nicht aber die Mitglieder, was genau das Schöne daran sei. Die könnten scharfe Kritik üben. Nur ist es nicht passiert und das liegt auch an der Organisation, die nicht nur den Ton anstimmt, sondern auch den Rahmen festsetzt. Für das Publikum war bei diesem Programmpunkt nämlich nicht vorgesehen, Fragen zu stellen. Man hätte das Panel bestenfalls mit einem Flashmob oder anderen Aktionen stören können. Ob das dem CAE lieber wäre, steht auf einem anderen Blatt. Idealerweise gäbe es wohl etwas dazwischen und man würde es wohl produktive Kritik nennen.
Das CAE beißt lieber nicht die Hand, die sie füttert. Und sie gehören immerhin zu den bestfinanzierten Kulturnetzwerken in der europäischen Union. Sie haben wohl gute Chancen, es zu bleiben. Man fragt sich nur, um welchen Preis. 


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"Beyond the Obvious" heißt die jährliche Konferenz von Culture Action Europe (CAE). Sie fand von 26. bis 28. Jänner 2017 in Budapest/Ungarn statt. 

 

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