„Kreative Interventionen sind effektiver als Psychopharmaka“ – ein Interview mit Katherine Taylor über Kunst und Gesundheit

In Großbritannien wird eine Idee verfolgt, die das Gesundheitswesen, sowie den Kunst- und Kultursektor grundlegend neu aufstellen könnte: Kunst auf Verschreibung! Wo kommt die Idee her, welche Effekte sind dazu bereits belegt und wie realistisch ist es, dass die Politik diese Schiene weiterverfolgt? Ein Interview mit Katherine Taylor, Leiterin des iTHRIVE Programms für Kunst und psychische Gesundheitsdienste in der Region Manchester.
Kunst und Kultur auf Rezept, Gesundheit Foto: Tim Goedhart

Patrick Kwasi: Ihn ihrem Artikel geht es um Kunst auf Verschreibung, eine neue Art der Medizin. Für viele Menschen ist das ganz was Neues. Worum geht es da?

Katherine Taylor: Der Gedanke, dass es eine neue Idee wäre, ist interessant, denn es ist ein sehr altes Konzept. Über 40.000 Jahre haben sich Menschen über Rituale und kulturelle Prozesse mit ihrer Gesundheit beschäftigt, mit Tanz, Gesang, kreativer Betätigung und so weiter. Der Zugang mittels Medizin ist ein relativ neuer in der Menschheitsgeschichte. Wir blicken nun wieder genau auf die Rolle, die Kunst und Kultur dabei spielt, Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern. Und dafür gibt es von der Geburt bis zum Tode viele Beispiele. 

 

Kwasi: Wie genau funktioniert es, dass von Kunst und Kultur ein positiver Gesundheitseffekt ausgeht?

Taylor: Dafür gibt es unzählige Beispiele. Eine Studie hat beispielsweise herausgefunden, dass Frühgeburten auf der Intensivstadion schneller Gewicht zunehmen, wenn gelegentlich zum Beispiel ein Musiker entspannende Musik auf dem Cello spielt. Sie brauchen dann weniger Medizin und können früher aus dem Krankenhaus nachhause. Genauso gibt es Studien, die die Wirkung von Antidepressiva bei Jungmüttern mit jener von Gesangsgruppen vergleichen. Dort kam heraus, dass Depressionen sich schneller lindern, wenn man an einer Gesangsgruppe teilnimmt. Ein weiteres Beispiel wäre Kommunikationsunterstützung bei Demenz oder Tanz für Parkinson. Es gibt alle möglichen Beispiele für viele Einsatzmöglichkeiten, wenn man bedenkt, wie weit das Feld der Kunst ist. Die Möglichkeiten sind endlos. 

 

Kwasi: Vielleicht ist es ein neues Konzept, weil die Entwicklung in diese Richtung in vielen EU-Ländern noch sehr unterschiedlich ist. Wie sehen Sie das?

Taylor: Die Felder der Kunst und der Gesundheit zu vermählen ist da in der Tat neu. Es wissenschaftlich zu fundieren ist auch neu. Finnland sind da vorne mit dabei, die bereits in einem fünfjährigen Programm Kunst und Kultur in Gesundheit und Sozialarbeit einbetten. Im Umfeld von Manchester manage ich das Programm für Innovation in Kunst und mentaler Gesundheit, in dem wir versuchen die Gesundheitsvorsorge von Kindern mit mehr Optionen zu versorgen. Bei der Tagung in Wien haben wir darüber diskutiert, wie man den nächsten Schritt gehen und das in Gesetze ummünzen könnte. Denn die Weltgesundheitsorganisation hat nun einen Bericht veröffentlicht, der weltweit Belege dafür bringt, wie Kunst die Gesundheit beeinflusst. 

 

Kwasi: In ihrem Artikel nenne Sie Kunst auf Verschreibung einen Teil von einem breiteren Ansatz, den Sie als soziale Verschreibungen benennen. Worum handelt es sich da?

Taylor: Es ist ein Begriff, der darauf basiert, dass viele gesundheitliche Probleme nicht primär medizinische Ursachen haben, sondern soziale. Sie können daraus resultieren, dass Menschen einsam oder isoliert sind. Viele Faktoren, die Gesundheit fördern, sind sozial bedingt, der sozioökonomische Status, Armut, die Wohnsituation, Bildung. Das sind alles keine medizinischen Faktoren. Deshalb betrachten wir den Menschen und sein Umfeld besser als Ganzes. Wir haben da zum Beispiel sogenannte Link-Worker, welche die Menschen mit ihrer sozialen Verschreibung in Verbindung. Das könnte ein Chor sein, ein Schrebergarten, etwas, dass die Leute dazu bringt, ein wenig rauszugehen, etwas zu kreieren, sich zu sozialisieren. 

Kwasi: Wie sehen sie zukünftige Entwicklungen? 

Taylor: Bei der Tagung in Wien haben wir über den Paradigmenwechsel gesprochen, dass viele Erkrankungen nicht mehr im Individuum zu verorten sind, sondern in den sozialen, politischen oder ökonomischen Beziehungen. Darauf müssen wir unser Gesundheitssystem anpassen. Viel Medizin, die wir nehmen ist sehr hilfreich. Aber nicht immer so sehr, wie wir denken wollen, vor allem Psychopharmaka. Die helfen in etwa nur 30% der Menschen, die sie nehmen. Das ist nur knapp besser, als ein Placebo. Wenn man jemanden in eine kreative Aktivität involviert, messen wir weit bessere Quoten, nur ohne die großen Kosten der Psychopharmaka, die vor allem langfristig auch teilweise starke Nebenwirkungen haben. Ich würde es gerne sehen, dass wir da andere Optionen anbieten können. Vor allem bei Kinder sehen wir starke Wirkungen, es stärkt ihre Identität, ihre Kompetenzen, anstatt etwas medizinisch zu behandelt, dass keine rein medizinische Ursache hat. 

 

Kwasi: Sehen Sie da, dass die Politik zu überzeugen ist, ein Umdenken einzuleiten? Vor allem angesichts der momentanen politischen Verhältnisse?

Taylor: Wir sprechen von der Pharmaindustrie und wie stark sie ist. Sie ist die zweitstärkste Industrie der Welt. Das ist eine große Herausforderung, ihren Einfluss zu verringern. Wenn wir allerdings sehen, dass kreative Interventionen effektiv sind, aber auch weniger kosten und keine schädlichen Nebenwirkungen hat, dann haben wir damit ein sehr starkes Argument in der Hand. Politisch wird es bestimmt Widerstände geben, aber die Wahrheit wird sich letzten Endes durchsetzen. 

 

 

Katherine Taylor, iThrive Manchester, Arts+Health

 

 

Katherine Taylor ist Forscherin und klinische Psychologin im Bereich psychischer Gesundheitsdienste für Kinder und Jugendliche. Sie leitet das iTHRIVE Programm für Kunst und psychische Gesundheitsdienste in der Region „Greater Manchester“, Großbritannien. 

 

 

Podcast zum Beitrag:

Ähnliche Artikel