Kollektive Raumaneignung reloaded

Die AktivistInnen schwören dem Traum vom verheimlichten Glück des Einfamilienhauses ab und glauben daran, dass auch hierzulande die Utopie selbstorganisierter und solidarisch verbundener Hausprojekte doch nicht ausgeräumt ist.
habiTAT

Elisabeth Ertl

Kollektive Raumaneignung reloaded

habiTAT – für eine selbstorganisierte und solidarische Zukunft ohne Eigentum

Die Lebenshaltungskosten steigen beständig und machen uns das schöne Leben immer schwerer. Ungerechtigkeiten in der Verteilungspolitik treffen dabei meist jene, die sie ohnehin nicht tragen können. Es ist der Zwang zur Gewinnmaximierung im kapitalistischen Wirtschaftssystem, der die Bedürfnisse der Menschen (z.B. Recht auf Wohnraum und Nahrung, Gleichberechtigung, freien Zugang zu Wissen usw.) zur Seite schiebt und den Profit für einige wenige als Ziel bestimmt. Besonders der Immobilienmarkt zeigt sich dabei als Spielwiese für profitorientierte Wohnbaukonzerne und global agierende ImmobilieninvestorInnen. Dabei wird das Menschenrecht Wohnen zu einer exklusiven Ware, die für gewiefte SpekulantInnen eine fette Rendite verspricht. Und nicht nur Wohnraum, sondern auch Arbeits-, Kultur- und Lebensräume sind dabei vom Ausverkauf bedroht. Wie können einzelne Menschen hier ausbrechen? Gibt es noch Möglichkeiten, auch mit einem kleinen Geldbeutel über den eigenen Wohn- und Lebensraum bestimmen zu können und mitzumischen?

Willy Fred

Seit 2014 arbeitet das habiTAT – Verein zur Förderung selbstverwalteter und solidarischer Lebens- und Wohnformen – daran, (Wohn-)Raum seinen privaten BesitzerInnen zu entziehen und langfristig zu vergemeinschaften. Dabei schwören die AktivistInnen dem Traum vom vermeintlichen Glück des Einfamilienhauses ab und glauben daran, dass auch hierzulande die Utopie selbstorganisierter und solidarisch verbundener Hausprojekte noch nicht ausgeträumt ist. Und dabei spielen nicht nur die Leistbarkeit und der gerechte Zugang zum Dach über dem Kopf eine Rolle. Viele aktuelle Modelle – von Baugemeinschaften, Co-Housing-Gruppen bis hin zum Ökodorf – zeigen auch den Wunsch nach einer Reaktivierung kollektiver Lebensformen auf. Mit dem Solidarzusammenschluss des habiTAT organisiert sich derzeit eine soziale Bewegung, die mit seinem ausgetüftelten Rechtsmodell dem Anspruch einer gerade aufkommenden solidarischen Hausprojektbewegung und -ökonomie Genüge leisten soll.

Ende 2015 ist dem habiTAT mit der Projektgruppe Willy*Fred in Linz dann auch der imposante Freikauf seines ersten konkreten Hauses gelungen. Mit einer in Österreich beispiellosen Crowdfunding-Kampagne konnten die AktivistInnen des Willy*Fred innerhalb von drei Monaten über eine Million Euro für den Eigenkapitalanteil der Kaufsumme von insgesamt 3,2 Millionen Euro in Form von privaten Krediten sammeln. Damit konnte ein zentralgelegenes Haus in der Linzer Innenstadt erworben werden. Seither sind die rund 1.600m2 Wohn- und Gewerberaum in der selbstverwalteten Hand seiner MieterInnen. Dabei bietet das teilweise über 300 Jahre alte Haus eine selbstbestimmte Heimat für über 30 BewohnerInnen und acht gemeinnützige Vereine und Initiativen. Benannt im Gedenken an das gegen den Nationalsozialismus agierende Widerstandsnetzwerk „Willy-Fred“ im Salzkammergut verfolgt die Hausprojektgruppe einen selbstgesteckten kulturpolitischen Auftrag. Neben dem Grundstreben des Dachverbandes habiTAT, dem Immobilienmarkt Häuser zu entziehen, gestalten und bespielen die BewohnerInnen und NutzerInnen das Haus mit eigenen Regeln und Ideen. Die Auswahl der eingemieteten Vereine belegt die emanzipatorische, antirassistische und queer-feministische Ausrichtung der unterschiedlichen NutzerInnengruppen. So bietet beispielsweise das kollektiv. kritische Bildungs-, Beratungs- und Kulturarbeit von und für Migrantinnen, welches ursprünglich aus dem altbekannten Verein maiz entstanden ist, täglich Basisbildungs- und Deutschkurse für über 100 Migrantinnen an. Dabei nimmt das kollektiv mit seinem Angebot mehr als die Hälfte der über 450m2 Gewerbeflächen des Hauses ein. Die weiteren Räume der Gewerbeflächen werden von fiftitu% – einer queer-feministischen KünstlerInnenvernetzungsstelle – und vimö – Verein intergeschlechtlicher Menschen – als homebase genutzt. Ein KostNixLaden, ein Infobeisl und das partisan beauty café organisieren sich dabei im hauseigenen Kulturverein FreDDa. Der Kulturverein bespielt die Gemeinschaftsflächen des Hauses, welche auch als Schnittstelle nach außen dienen und die Nachbarschaft beleben.  Durch den gemeinsam eroberten Gestaltungsfreiraum lässt sich die Entstehung eines Mehrwerts beobachten, der bisher ungeahnte Möglichkeiten birgt. So wirkt das junge Hausprojekt über seine Mauern hinaus und ist jetzt schon aus Linz nicht mehr wegzudenken.

Willy Fred

Doch wie genau gelingt es, dass die MieterInnen eines Hauses über alle Belange des täglichen  Zusammenlebens, -wohnens und -arbeitens eigenständig bestimmen und sich selbst verwalten können? Und das auch noch ganz ohne Eigentum und -kapital der AktivistInnen selbst? Das dieses Hausprojekt realisiert und belebt werden konnte, liegt an der besonderen Modellierung der habiTAT-Struktur. Dabei hat das habiTAT die Ideen des deutschen Mietshäusersyndikats kopiert und dessen Strukturen auf den österreichischen Rechtsraum übertragen. Denn das Mietshäusersyndikat macht selbstverwaltetes und solidarisches Wohnen schon seit bald 25 Jahren vor. In diesem Dachverband organisieren sich derzeit über 120 Hausprojekte mit über 3.000 BewohnerInnen, die auch ständig neue Projekte dabei unterstützen, sich Häuser kollektiv anzueignen. Doch WIE können die Räume kollektiv angeeignet werden, ohne sie dabei zu besitzen oder besetzen? Tatsächlich entstand die Idee des Syndikats in Deutschland unter dem Druck steigender Repression und Zwangsräumungen in der HausbesetzerInnenszene Anfang der 1980er in Freiburg. Um die Häuser dauerhaft aus dem Immobilienmarkt zu befreien, bewohnen und beleben zu können, wurde nach einer Realisierungsmöglichkeit gesucht.

Dabei ist ein Modell entstanden, welches den Eigentumstitel eines Hauses an eine juristische Person überträgt (hier: GmbH). GesellschafterInnen der Hausbesitz-GmbH sind dabei zu 49% das habiTAT und zu 51% der Hausverein, welcher sich aus den MieterInnen bildet und auch die Geschäftsführung stellt. Die Rechte der GesellschafterInnen werden dabei soweit eingeschränkt, dass von einem Wiederverkauf des Hauses oder dessen Mieteinnahmen niemand persönlichen Profit abschöpfen kann. Aus privatem Kapital entsteht somit ein Nutzungseigentum, welches auf den Erhalt und die Verbesserung der Lebensqualität der MieterInnen ausgerichtet ist. Die BewohnerInnen des Hausprojekts sind dadurch gleichzeitig MieterInnen und ihre eigenen VermieterInnen. Es wird kein privater Besitz erworben, sondern weiterhin Miete bezahlt und zudem kann über den eigenen Wohnraum selbst bestimmt und dieser frei gestaltet werden.

Micha Gerersdorfer

Durch den gemeinsam eroberten Gestaltungsfreiraum lässt sich die Entstehung eines Mehrwertes beobachten, der bisher ungeahnte Möglichkeiten birgt.

Das habiTAT, als Dachverband vieler Projekte und Initiativen, hat neben dem Vetorecht gegen eine Veräußerung der Immobilien noch eine weitere zentrale Aufgabe. Es dient als Solidarnetzwerk, welches innerhalb vieler bestehender Hausprojekte, vor allem aber für neue Projekte, den Transfer von Know-How und finanziellen Mitteln sicherstellt. Eine wichtige Basis dieses Austausches ist der Solidarbeitrag, der in den Mieten bestehender Projekte eingerechnet ist. Dieser fließt in den Syndikatsdachverband, um neuen Projekten in der Anschubfinanzierung zu unterstützen und die kapitalmäßige Beteiligung des habiTAT an den einzelnen Hausbesitz-GmbHs zu ermöglichen. Der Grundgedanke ist dabei, dass ein Teil des durch die Tilgung der Kredite über die Jahre entstehenden finanziellen Freiraums dazu verwendet werden soll, noch viele Häuser vom Markt zu befreien oder auch neue Gebäude zu bauen.

Eine weitere Besonderheit des Modells liegt auch im solidarischen Finanzierungskonzept, das den Hauskauf überhaupt erst ermöglicht. Denn die Hausbesitz-GmbH benötigt – selbst um für eine Bank kreditfähig zu werden – ein gewisses Eigenkapital, welches hier mittels Direktkrediten aufgebaut wird. Direktkredite sind Darlehen von privaten Personen, die ihr Geld statt bei einer Bank in einem Projekt ihres Vertrauens einlegen. Ein Crowdinvesting also, bei dem viele kleine Beträge gesammelt werden, um den Eigenkapitalanteil für den Hauskauf aufzubringen. Zwar bringt das Beschaffen des Eigenkapitalanteils einen gewissen Verwaltungsaufwand für die Hausprojektgruppe, da immer wieder einzelne private Kredite ausgewechselt werden müssen, doch kann mit dieser Methode des Wirtschaftens auch ein autonomes und selbstbestimmtes Leben für alle MieterInnen frei von Vermögensverhältnissen sichergestellt werden. Zudem stellen Direktkredite in diesem Fall ebenso eine interessante Form der sozialen Investition dar, mit welcher eine weitreichende Unabhängigkeit von kapitalistischer Ellbogenmentalität und/oder politischem Goodwill der Projekte unterstützt werden kann.

Und der Freikauf von Häusern, an welchen sich das habiTAT beteiligt, will auch fleißig weiter gehen. Mittlerweile befinden sich unter dem Dach das habiTAT neben dem ersten realisierten Hausprojekt Willy*Fred in der oberösterreichischen Hauptstadt sechs weitere  Hausprojektinitiativen im Solidarverbund. Aktuell entstehen die nächsten konkreten Hausprojekte, in den vom Immobilienmarkt besonders stark umkämpften Städten Salzburg und Wien. Nach Unterzeichnung des Kaufvorvertrags ist die Projektgruppe rund um die autonome Wohnfabrik gerade eben dabei, ihr Traumhaus dem Markt zu entziehen und selbstverwaltetes und solidarisches Wohnen auch in Salzburg Wirklichkeit werden zu lassen. Mit der Hausprojektgruppe Bikes & Rails wird auch noch in diesem Sommer in Wien der Spatenstich für das erste Neubauprojekt, an welchem sich das habiTAT beteiligt, getätigt. Und natürlich soll auch hier der Aufruf nicht fehlen, sich am Freikauf der Häuser mit der Bereitstellung privater Direktkredite zu beteiligen. Denn wie immer haben die AktivistInnen des habiTAT lieber tausend FreundInnen im Rücken, als eine Bank im Nacken! 

Für alle jene, die noch mehr über die Struktur und das Konzept des habiTAT wissen möchten, gibt es bald Gelegenheit, druckfrisch alle Infos und Hintergründe in einem kleinen Heft nachzulesen. Mit dem vom OÖ Kupf Innovationstopf geförderten Projekt Mach‘s dir doch selbst! An Occupant‘s Guide to the Galaxy“ veröffentlichen AktivistInnen des habiTAT und Willy*Fred alles gesammelte Know-How in einem Leitfaden für (angehende) Hausprojekte (erhältlich am nächsten Infostand oder Veranstaltung des habiTATs und sowieso auch im Netz  zum freien Download als Datei).[i]

Elisabeth Ertl ist Kulturschaffende und engagiert sich derzeit aktiv in den Vereinen habiTAT und fiftitu%. Sie lebt im Hausprojekt Willy*Fred in Linz.

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