Klimaschutz: „Man müsste die Aufmerksamkeit jetzt nutzen, damit wirklich einmal etwas geschieht.“

Tristan Jorde ist Schauspieler und Umwelttechniker. Er hat uns erzählt, wieso der Hype um den Klimaschutz jetzt schnell genutzt werden muss, warum es einen Systemwandel braucht und wieso er glaubt, dass der Rechtspopulismus schnell wieder verschwindet, wenn wieder vernünftige Politik gemacht wird.
Klimaschutz, Tristan Jordan, Foto: Gustavo Quepón

Schauspieler und Umwelttechniker ist eine Kombination, die man nicht so oft antrifft. Wie wird ein Schauspieler Umweltexperte, bzw. warum fängt ein Umweltexperte zum Schauspielen an?

Der Schauspieler war immer schon da. Nachdem meine Eltern meinten, ich sollte etwas Gescheites lernen, habe ich auch an der BOKU studiert. Ich habe sehr lange auch fast ausschließlich als Sänger, Regisseur und Schauspieler gearbeitet. Jetzt arbeite ich auch in Sachen Ökologie, Umweltschutz, Umwelttechnologie und es ist eine Mischung aus beidem geworden.


Kommt noch irgendjemand am Thema Umweltschutz vorbei?

Das ist ein ganz junger Hype. Wenn man mich vor einem halben Jahr gefragt hätte, dann hätte ich gesagt, dass keinen Menschen mehr die Umwelt interessiert. In meiner Jugend waren Hainburg und Zwentendorf ein Thema und das war ein Riesending und Österreich war eine Zeit lang Vorreiternation, zum Beispiel mit bleifreiem Benzin. Österreich in einer solchen Rolle kann sich ja heute niemand mehr vorstellen! Dann ist das im Zuge der neoliberalen Restauration immer mehr in den Hintergrund getreten. 

Das Lippenbekenntnis zu Umwelt hört man jetzt wieder von allen. Niemand kann sich mehr leisten, zu sagen, dass Thema sei egal. Aber es passiert dann nichts. Es ist leicht, dafür zu sein, solange man nichts dafür tun muss. Aber da müsste man auch Autofahren, Fliegen, Materialkonsum einschränken. Dann sieht es schon wieder ganz anders aus mit der Zustimmung. Dann heißt es wieder, das könne man so nicht machen. Als guter Kenner der Klimaszene habe ich das Thema allerdings schon für totgeritten gehalten und bin sehr erstaunt, dass es jetzt so stark zurückgekommen ist. 

 

Ist es ein Hype, der wieder abflaut oder bleibt das?

Es wird auf der Agenda bleiben, weil die Auswirkungen unseres Wirtschaftens dramatisch sind, nicht nur auf der Klimaebene. Das wird uns immer wieder in Form von Katastrophen beschäftigen. Ich glaube allerdings, dass der mediale Hype genauso wieder verschwinden wird. Man müsste die Aufmerksamkeit jetzt nutzen, damit wirklich einmal etwas geschieht. 


Ist das realistisch?

Der Druck muss aufrechterhalten werden! Ich bin allerdings sehr skeptisch, denn alles, was man substantiell und nicht nur kosmetisch machen müsste, rüttelt an den Grundfesten unseres Wirtschaftssystems. An dem möchte aber niemand ernsthaft etwas ändern. Nennen wir es nun Kapitalismus oder Neoliberalismus: Wenn wir das zu ändern versuchen, hört es schnell auf mit der Unterstützung. Wir reden immer von Wachstumsraten. Die Idee, dass alles immer ins Unendliche wachsen kann, ist pervers! Das wissen auch alle auf einer intellektuellen Ebene, es führt aber nicht zu Handlungen. Wir müssen den Druck aufrechterhalten und versuchen, genau jetzt einige Maßnahmen durchzusetzen! 

 

Das wissen wir ja eigentlich alles schon seit Jahrzehnten, warum kriegen wir das nicht hin?

Die ökologische Krise ist uns seit den 1970er Jahren bewusst. Dann haben alle gelacht, dass das Öl doch länger verfügbar war. Es wurden die Fördertechniken verbessert und sich dann über die „Ökos“ lustig gemacht und gemeint, es sei ja alles nicht so schlimm. Ähnlich war das beim Waldsterben, wo man einfach Zuwachsraten erzeugt, indem man langsamwüchsigen wertvollen Wald durch schnellwüchsigen monokulturellen Plantagenwald ersetzt, der nicht annähernd dieselbe ökologische Funktion hat. Da kommuniziert man dann nach außen, dass unser Wald wächst. Man würde kein Jahr brauchen, um aus der Kohle auszusteigen, aber es wird immer behauptet, dass dann das Licht ausgehen würde. Das haben sie uns bei Zwentendorf 1978 schon versucht einzubläuen und es ist nicht passiert. 

Wir tun uns als Gesellschaft so schwer, zu sagen, dass müssen wir jetzt tun! Das liegt daran, dass uns die große Vision fehlt, wo es hingehen soll. Es ist leicht, Ängste zu schüren, dass wenn die „Ökos“ erst mal an die Macht kommen, nichts mehr erlaubt ist. Mit angedrohten Entbehrungen wird Wahlkampf betrieben. Die Vision, wie das gute Leben für alle aussieht, dass das kein Verzicht ist, die fehlt. Sie ist vielleicht im akademischen Kreis formuliert, aber hat keine gesellschaftliche Tragweite. 

Als Kind der Umweltbewegung der 90er Jahre habe ich den Eindruck, Umweltschutz wurde lange stark als Aufgabe der Einzelnen betrachtet, im Sinne von „I’m starting with the Man in the Mirror.“ Lösen wir das Problem alle jeweils von zuhause aus?

 

Auf keinen Fall! Die Menschen sind auch sehr frustriert, wenn man ihnen das einredet. Es sollen zwar alle versuchen, in ihrem Umfeld das Mögliche zu tun und das, was sich gut in ihren Alltag integrieren lässt, aber vieles lässt sich da nicht machen. Dass AUDI, BMW und Volkswagen in Deutschland als Dienstwägen steuerlich begünstigt werden, suche ich mir nicht aus. Dass wir Kohlekraftwerke subventionieren, suche ich mir nicht aus. Das ist Politik, die gemacht wird. Das nichts mehr reparaturfähig ist und meine Waschmaschine nach drei Jahren kaputt ist, das sucht sich niemand aus, außer vielleicht der Marketingmensch beim Waschmaschinenhersteller. 
Das sind Mechanismen, die kann ich auf individueller Ebene nicht ändern. Da kann man nur politisch ein anderes Regelwerk einfordern. Da dürfen wir uns von der Behauptung, dass man der Wirtschaft keine Regeln vorsetzen darf, nicht ablenken lassen. Von diesem Wild-West-Kapitalismus müssen wir uns verabschieden. Das hilft ja auch der Wirtschaft. Als sich Österreich von bleifreiem Sprit verabschiedet hat, meinten alle, das ginge nicht. Und dann waren wir plötzlich Technologieführer. Auf anständiges, bewusstes Wirtschaften umzusteigen, ist kein Verlust!


Bei den Rechtspopulisten aller Länder, von Trump über die AfD bis zur FPÖ gibt’s ja regelrechte Leugner der Klimakatastrophe. Trump verkauft jetzt Plastikstrohhalme mit seinem Namen drauf, weil er meint, wir hätten größere Probleme als das. Von Boris Johnson in Großbritannien ist nichts viel Besseres zu erwarten. Und auch in Österreich hat der letzte Verkehrsminister der türkisblauen Regierung sogar wieder High Speed Strecken auf der Autobahn getestet. Wie soll eine Wende klappen, solange die an den Hebeln sitzen?

Inhaltlich sind das idiotische Maßnahmen, aber darum ging es ja gar nicht. Es ging ja nur darum, diese Maßnahmen demonstrativ zu setzen, um den Leuten zu zeigen, was alles möglich ist. Diese Typen sind deshalb hochgekommen, weil aus dem traditionellen marktwirtschaftlichen System viel Enttäuschung oder gar Verelendung passiert ist. Es gab eine starke Liberalisierungswelle, und zwar nicht unter den Trumps und Johnsons und diesen Idioten. Der Finanzkapitalismus ist von Menschen wie Bill Clinton oder Gerhard Schröder eingeführt worden. Dann sind die Figuren des Rechtspopulismus auf den Plan getreten und haben gesagt: „Ich verstehe eure Enttäuschung, mit mir wird das ganz anders!“ Ich glaube nicht, dass da eine echte Identifikation stattfindet, sondern eher, dass sich ein Teil der Wahlberechtigten denkt, dass diese Figuren denen an der Macht einmal ordentlich die Meinung geigen sollen. 
Aber überall, wo versucht wird, konkrete Verbesserungen zu erreichen, da ist der Rechtspopulismus schnell abgerüstet. Dort, wo die Zustände auf äußere Umstände geschoben oder als unausweichlich präsentiert werden, dort können Populisten ihre große Show abziehen. In Polen und Ungarn – weil wir am liebsten über die Populisten dort schimpfen – ist davor in unglaublich brutaler Art und Weise liberalisiert worden, das Sozialsystem zerstört worden. Den Menschen wurde alles weggenommen, der Staat verscherbelt. Die PiS in Polen war auch noch so clever neben dem nationalistischen Irrsinn zwei, drei soziale Maßnahmen zu setzen, um die Leute zu ködern, damit der Anschein erzeugt wird, man würde tatsächlich was für die Verbesserung ihrer Lage machen.  

Wenn wir nicht den grundsätzlichen Systemwandel anstreben, dann müssen wir darauf abzielen, zumindest die ärgsten Spitzen eines unmenschlichen Systems zu kappen, wie Kreisky es in den 70ern gemacht hat. Das es geht, das sieht man auch in Ländern wie Portugal oder Island. Diese Idioten werden so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind, sobald wieder vernünftige Politik gemacht wird.

 

Jorde, Tristan, © Karin Gerdes | Hamburg

 

 

Tristan Jorde ist Schauspieler und Umwelttechniker bei der Verbraucherzentrale Hamburg. 

 

 

 

 

Podcast zum Thema:

Foto: Gustavo Quepón
Portrait: Karin Gerdes | Hamburg

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