Kinderbetreuung bei Kulturveranstaltungen – why not?!

„Social Inclusion“ ist ein Schlagwort, das sich in der europäischen Kulturpolitik zunehmender Aufmerksamkeit erfreut. Doch es gibt nach wie vor eine Gruppe von Menschen, die dabei dennoch immer wieder übersehen wird: Das sind Kinder und ihre Eltern. Dies betrifft auch die Durchführung und Organisation von Kulturveranstaltungen.

„Social Inclusion“ ist ein Schlagwort, das sich in der europäischen Kulturpolitik zunehmender Aufmerksamkeit erfreut. Es zielt hauptsächlich auf Menschen mit Behinderungen, gering qualifizierte junge und alte Arbeiter*innen oder Vertreter*innen sozialer Randgruppen ab. Doch es gibt auch eine Gruppe von Menschen, die dabei dennoch immer wieder übersehen wird: Das sind Kinder und ihre Eltern. Dies betrifft auch die Durchführung und Organisation von Kulturveranstaltungen. Da diese meistens am Nachmittag oder Abend stattfinden und es zu der Zeit keine öffentliche Kinderbetreuung gibt, müssen Eltern (vorrangig Frauen) eine private Betreuung finden, wenn sie daran teilnehmen wollen. In besonderem Maße sind davon alleinerziehende Mütter und Väter bzw. Eltern, die keine Großeltern oder andere Verwandte in ihrer Nähe haben, betroffen. Noch schwieriger wird es für Eltern, die sich aus finanziellen Gründen keine private Kinderbetreuung leisten können. Gleichzeitig bleiben Kinder dadurch auch von der Erwachsenenwelt ausgegrenzt und ihre kulturelle Bildung bleibt bis zum Teenager-Alter in der sogenannten "Kinderprogramm-Schiene" verhaftet – evtl. ein möglicher Mitgrund für das gegenseitige Unverständnis zwischen den Generationen.

 

Eine zusätzliche Dimension dieses Problems zeigt sich, wenn Eltern als Künstler*innen oder Kulturarbeiter*innen tätig sind. Nach der Geburt eines Kindes kämpfen fast alle Frauen mit gesellschaftlicher Isolierung. Für Künstlerinnen und Kulturarbeiterinnen ergeben sich dadurch auch berufliche Konsequenzen, sodass in deren Erwerbsarbeit Prekarisierung1 und Entgrenzung2 eine große Rolle spielen. Das heißt, dass die Grenze zwischen Arbeitsstunden und Freizeit verschwindet und die Orte, an denen Arbeit stattfindet, flexibel gestaltet werden müssen. Der Besuch von Kulturveranstaltungen ist für Kunst- und Kulturschaffende jedoch nicht nur bloß eine Freizeitaktivität, sondern auch eine Arbeitspraktik. Die unterschiedlichen Lebensbereiche – Familienleben und Erwerbsarbeit – müssen dabei nicht nur räumlich und zeitlich koordiniert werden, sondern brauchen deshalb auch die Unterstützung von Seiten der Politik.

 

Wir fordern daher von den Verantwortlichen in allen öffentlichen Kulturinstitutionen diese Unzulänglichkeiten zu ändern. Gleichzeitig fordern wir von den zuständigen Kulturpolitiker*innen, die Möglichkeit zur Förderung von Kinderbetreuung bei Kulturveranstaltungen in begrenztem Zeitrahmen (tagsüber/ früher Abend) einzuräumen. Damit kann auch eine öffentliche Sichtbarkeit für dieses Problem erreicht werden, das meistens bloß als „privates Problem" von Eltern, insbesondere von Müttern, gilt. Aber auch die Sensibilität dafür wird dadurch bei Kulturveranstalter*innen erhöht. Darüber hinaus werden die Kinder in die kulturelle Welt der Erwachsenen aufgenommen und den Eltern, die im Kulturbereich (erwerbs)tätig sind, das Comeback in „der Szene“ nach der Geburt ihres Kindes erleichtert.

 

1    Mit Prekarisierung wird in der Arbeitswelt eine Entwicklung hin zu unsicherer und nicht dauerhafter Beschäftigung beschrieben, wobei sich eine stetige Zunahme von Arbeitsplätzen mit geringer Einkommenssicherheit zeigt, also von Arbeitsplätzen, mit denen Betroffene ihre Existenz nicht bestreiten können.

 

2    Entgrenzung der Arbeit beschreibt die zunehmende Auflösung von zeitlichen, räumlichen und sachlichen Strukturen der Erwerbsarbeit. Im engeren Sinne ist damit oft die Auflösung von Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben gemeint.

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