„Ich möchte gerne einmal einen Horrorfilm machen“

Ja, ich möchte gerne einmal einen politischen Horrorfilm machen. Die konstante Handlung: Unmerklich, nicht entzifferbar, nicht symbolisierbar.

So der Titel einer Videoarbeit, den ich schon immer klauen wollte – denn ich möchte oft einen Horrorfilm machen: Abends zum Beispiel, wenn ich den Fernseher aufdrehe und der einzige Beitrag zum Thema „Die Regeln dieser Gesellschaft in Frage stellen“ von einem Opernballbesucher kommt, der entgegen der Etikette – das Spiel „Wer hat die Vorschriften besser einverleibt?“ hat das ganze Jahr Saison – seine trendige Armbanduhr nicht abgelegt hat.
Morgens, wenn kopftuchtragende Freundinnen auf der Straße angegriffen werden und bis in aufgeklärte Zusammenhänge hinein als „nicht emanzipiert genug“ gelten; mittags, wenn lesbischen/schwulen FreundInnen Unsichtbarkeit als Schutz gegen Übergriffe nahe gelegt wird; Tag ein, Tag aus, wenn Schwarze FreundInnen unablässig Diskriminierungen erfahren, sobald sie aber für sich sein wollen und eigene Räume aufmachen, auch in „freisinnigen Kontexten“ mit dem Vorwurf konfrontiert werden, sich separieren zu wollen; unaufhörlich, wenn nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht zu spüren ist, dass Grenzen für Dinge aller Art porös, für bestimmte Menschen dieser Welt aber undurchdringlich gemacht werden.

Ja, ich möchte gerne einmal einen Horrorfilm machen. Einen politischen Horrorfilm. Ohne die bequeme Verortung der sich in Sicherheit wähnenden ZuschauerInnen in der kapitalisierbaren Unsichtbarkeit, ohne die Notwendigkeit des Verschiebens eines Gespenstisch-Realen ins Imaginäre, ohne den professionellen Cut beklemmender Paradoxa, ohne die gekonnte Vermeidung jeglicher Konfrontation mit dem pausenlos Verdrängtem.
Ja, ich möchte gerne einmal einen politischen Horrorfilm machen. Die konstante Handlung: Unmerklich, nicht entzifferbar, nicht symbolisierbar.

Die erkämpfte Perspektive: Auch wenn die Einstellungen fortwährend die Übersicht verweigern, werden dem Realen immer neue Blickwinkel abgerungen.

Die unverwechselbaren AkteurInnen: die Mehrheit – unterschiedlichst Minorisierte, welche die zentrifugale Kraft jeder universellen Forderung nach Gleichheit und Gerechtigkeit generiert.

Der zeitlose Plot: Am Ab/Grund der Geschichte ein Wir, das sich ohne Verweis auf die Macht zu artikulieren weiß, different wie allgemein. Tot, aber eben nicht ganz, nie ganz liegen hier, unbegraben, die großen Narrative erschlagen. Was prächtig am Leben und in Blüte zu sein scheint, erschreckt mehr als das vermeintlich Tote, und wir verkennen und erkennen uns in der labyrinthischen Landschaft, die sich der Kamera verwehrt. Wie unter so vielen Untoten lebendig bleiben? Ständig optional, dezentral, operativ bleiben? Stück für Stück, Schluck für Schluck, Tag für Tag – aufbröseln, enteignen, auflösen, berauben. Und zugleich erdichten, aneignen, vernetzen, verschlingen, hernehmen, hergeben? Strategisch verwesen, mutieren, stagnieren, performieren, agieren?

Das kitschige Happyend: Und sobald wir nicht gestorben sind – oder auch wenn? –, leben wir abseits der Spaltung, abseits der mangelnden Einheit, abseits der Zersplitterung des Denkens, Fühlens und Wollens. Jenseits der Schizophrenie leben wir glücklich die Aporien.

Ich möchte gerne einmal... 

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