Gipsy Dreams - von Träumen, Strategien und der Angst

„Roma-Träume – Gipsy Dreams - Romano Suno“ heißt eines der Alben von Harri Stojka, einem der wenigen prominenten Menschen dieser Erde, der sich zu seiner Roma-Herkunft bekennt. Aber träumen, das können die Roma schon lange nicht mehr.

„Roma-Träume – Gipsy Dreams - Romano Suno“ heißt eines der Alben von Harri Stojka, einem der wenigen prominenten Menschen dieser Erde, der sich zu seiner Roma-Herkunft bekennt. Aber träumen, das können die Roma schon lange nicht mehr.

Nur Albträume, aus denen es kein Erwachen gibt: Morde an Roma in Ungarn, Verfolgung und Hetze in Bulgarien, Abschiebungen in Frankreich, ethnische Registrierung und Zwangsräumung von Roma-Camps in Italien... Leider lässt sich diese Liste verschiedener Arten der Diskriminierung beliebig lange fortsetzen. Kein Wunder also, dass die Roma nicht mehr fähig sind von besseren Zeiten zu träumen.

Mit Ende dieses Jahres 2011 „müssen" alle EU-Mitgliedsstaaten eine „Roma-Strategie“ abgeben. Das ist zumindest der Wunsch der EU-Kommission. Ein Papier, das beschreibt, was bis zum Jahr 2020 für die „Integration" der Roma getan wird. Manche Länder ignorieren diesen Ruf der EU-Kommission völlig, andere versuchen sich durch zu schummeln und das Papier geheim an sämtlichen Roma-Organisationen vorbei und möglichst klein zu halten.

Und in Österreich?

In Österreich lud das Bundeskanzleramt am 28. 11. 2011 die Roma-Community zu einem offiziellen Round-Table, um Ideen für dieses Papier zu sammeln. Reichlich spät, wie ich finde, wissen die Betrauten doch bereits seit Anfang des Jahres (im Februar wurde der Plan zur Roma-Strategie offiziell in Ungarn präsentiert) Bescheid.

Trotzdem träume ich weiter davon, dass die Bemühungen in Österreich besser vorangehen, als sie nun begonnen haben. Davon, dass die Roma-Vereine in Österreich endlich gemeinsam ihre Stimme erheben, als geeinte Kraft auftreten. Davon, dass in Österreich diese „Roma-Strategie“ ernster genommen wird, als in anderen Ländern, auch weil Österreich historisch gesehen einen besonderen Stellenwert hat, wenn es um die Bemühungen den Roma gegenüber geht.

Die Schuldfrage

Die berühmte „Schuldfrage“ schwingt bei allem was in Österreich passiert immer mit. Aber der Staat Österreich sollte damit aufhören jedes Zugeständnis an die Roma-Volksgruppe als Schuldeingeständnis zum Holocaust zu sehen. Viel mehr sollte man endlich auf Experten wie die Historiker Dr. Gerhard Baumgartner oder Dr. Florian Freund hören, die betonen, dass es um Verantwortung geht.

Die Roma in Österreich sind dankbar dafür in Österreich zu leben. Aber ist es genug sich damit zufrieden zu geben nicht offen verfolgt zu werden? Österreich trägt Verantwortung für die Roma, Verantwortung dafür, ihnen den Zugang zu Bildung und Arbeit nicht nur theoretisch, sondern auch de facto zu ermöglichen. Dies ist keine Frage von Schuld. Es ist die Pflicht, die dieses Land gegenüber jedem/r StaatsbürgerIn hat.

Angst

Zu sagen die Integration der Roma wäre eine reine Bringschuld ist zynisch. Immerhin wurden die Roma während der Nazi-Zeit von jeder offiziellen Stelle verraten: Die Kinder wurden aus den Schulen abgeholt, Arbeitsämter denunzierten die ihnen bekannten Roma und wer am Meldeamt registriert war, hatte sein Todesurteil bereits unterschrieben. Nach dem Holocaust oder Porjamos (Romanes für „das Verschlingen“), veränderte sich die Menschheit nicht von einem Tag auf den anderen – noch bis in die späten 90er Jahre wurden Roma direkt in Sonderschulen abgeschoben. Dies ist besonders im Burgenland mittlerweile historisch belegt und dokumentiert. Die historisch gewachsenen Ängste sind in die Herzen der Roma-Community eingebrannt. Auch in die Herzen der nachfolgenden Generationen, die sich bis heute berechtigterweise fragen, ob die Sammlung von Daten ethnischer Gruppen nicht noch einmal ein böses Ende nehmen könnte.

Wir müssen aufeinander zu gehen, Ängste besiegen, uns von den Albträumen der Realität lösen. Um einen Weg zueinander zu finden braucht es Vermittler, die Brücken bauen. Brückenpersonen, die sowohl die Ängste der Roma verstehen, als auch die Bemühungen des österreichischen Staates und der Stadt Wien. Personen, die Vertrauen aufbauen und es ermöglichen, dass wir uns in der Mitte treffen. Ich hoffe, dies alles bleibt kein Traum.

Wer jetzt meint, ich selbst wäre eine Träumerin, dem stimme ich zu. Wenn wir aufhören zu träumen, aufhören zu fordern, wird sich auch niemand bemüßigt fühlen etwas zu tun.

Alles beginnt mit einem Traum und endet mit seinem Verlust.

Gilda-Nancy Horvath ist 28 Jahre alt und in Wien als Angehörige der Lovara-Roma geboren. Als Journalistin der ORF Volksgruppenredaktion und Obfrau des Vereins der Lovara-Roma Österreich ist sie europaweit als Expertin und Aktivistin beschäftigt.

 

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