Die Geschichte der IG Kultur von 2000 - 2005

Als im Oktober 1999 die FPÖ als zweitstärkste Partei mit einem Stimmenanteil von über 27 Prozent aus den Wahlen zum österreichischen Nationalrat hervorging und im Februar 2000 schließlich von der ÖVP als Koalitionspartnerin in die Regierung geholt wurde, zog dies auch einen neuerlichen Politisierungsschub innerhalb des kulturellen Feldes sowie eine grundsätzliche Neupositionierung der IG Kultur Österreich im Verhältnis zum "gewendeten Staat" nach sich.
Noch bei dieser Konferenz im Jahr 2005 stellt die IG Kultur mit Geschäftsführerin Gabi Gerbasits den gesamten Frauenanteil am Podium

 

Vor- und Nachwirkungen des Regierungswechsels 2000

Als im Oktober 1999 die FPÖ als zweitstärkste Partei mit einem Stimmenanteil von über 27 Prozent aus den Wahlen zum österreichischen Nationalrat hervorging und im Februar 2000 schließlich von der ÖVP als Koalitionspartnerin in die Regierung geholt wurde, zog dies auch einen neuerlichen Politisierungsschub innerhalb des kulturellen Feldes sowie eine grundsätzliche Neupositionierung der IG Kultur Österreich im Verhältnis zum "gewendeten Staat" nach sich.

Bereits in den Herbstmonaten 1999 formierten sich insbesondere in Wien unter maßgeblicher Beteiligung von KünstlerInnen und Kulturschaffenden zahlreiche Initiativen, um dem in den Wahlergebnissen manifest gewordenen massiven Rechtsruck etwas entgegen zu setzen. Verstärkt bemühte sich die IG Kultur Österreich dabei um Allianzenbildungsprozesse mit zivilgesellschaftlichen AkteurInnen innerhalb wie außerhalb des kulturellen Feldes. Ein erstes Resultat besagter Bemühungen war dabei die Involvierung in die Plattform "gettoattack", die sich insbesondere eine Infragestellung des (vermeintlichen) rassistischen Konsens in Österreich zum Ziel gesetzt hatte. In einer Sondernummer der Kulturrisse vom November 1999 versammelten sich so unter dem Titel "gettoattack now!" programmatische Texte, um theoretische Grundlagen und politische Stoßrichtung des Protests zu diskutieren und auf die ersten Aktionstage und Großdemonstrationen hin zu mobilisieren.

Wenige Monate später versammelten sich auf Initiative der IG Kultur Österreich und in Vorbereitung auf die Konferenz "sektor3/kultur" ExpertInnen aus unterschiedlichen Kontexten in einer Mailingliste, um gemeinsam die Zusammenhänge von Widerstand, Kulturarbeit und Zivilgesellschaft zu diskutieren. Den Anlass dafür bildete zum einen der Lobgesang auf Ehrenamt, Vereinswesen und Freiwilligkeit in neokonservativen "Bügergesellschafts"-Diskurs von ÖVP und FPÖ und mithin die reaktionäre Wendung zivilgesellschaftlicher Konzepte; zum anderen jedoch auch der ambivalente Begriff "Zivilgesellschaft" selbst, wie er als Fremd-, aber auch als Selbstbezeichnung für die Widerstandsbewegungen gegen die Schwarz/Blaue-Bundesregierung zu Beginn des Jahres 2000 in Österreich firmierte. Das Ziel bestand dabei sowohl im Versuch, den subtil ausgetragenen Kulturkampf von Rechts als solchen kenntlich zu machen und ihm darüber Paroli zu bieten, als auch darin, über die Entwicklung progressiver Konzepte und Zielsetzungen das eigene Tun voranzutreiben. Die Konferenz "sektor3/kultur", welche von 31. März bis 2. April 2000 in der Kunsthalle Exnergasse im Wiener WUK stattfand und an der unter anderem auch der französische Starsoziologe Pierre Bourdieu mittels einer Video-Botschaft an die "fortschrittlichen Österreicher" teilnahm, wurde so zu einem vollen Erfolg. Die Beiträge zur Konferenz wurden inklusive zusätzlicher Materialien in dem von Gerald Raunig herausgegebnen Reader sektor3/kultur sowie - in gekürzter Form - in der Spezialausgabe der Kulturrisse zum Thema publiziert.

"sektor3" diente dabei, wie Martin Wassermair - von 1999 bis 2005 kulturpolitischer Sprecher der IG Kultur Österreich - betont, nicht zuletzt als "Kampfbegriff", um gegenüber der neuen Bundesregierung zu signalisieren, dass seitens der autonomen Kulturszene und ihrer Interessenvertretung die "offene (kultur-)politische Konfrontation gesucht wird". Schließlich setzte die Verquickung von neoliberalen und national-konservativen Elementen im Regierungsprogramm der FPÖVP gerade die gesellschaftspolitisch agierende Initiativen der freien Kulturszene massiv unter Druck. Neben dem bereits erwähnten ideologischen Kulturkampf gegen progressive Tendenz in der Kulturarbeit waren es in den folgenden Monaten und Jahren immer öfter auch fiskalische und administrative "Reformen", welche den Strick um den Hals der Kulturschaffenden enger zog. Von diesen Maßnahmen betroffen war zum Teil der gesamte "dritte Sektor" (direkt über Subventionskürzungen oder indirekt z.B. über die Neuregelung des Postversandtarifs, die Verordnung von Sicherheitsgebühren bei Veranstaltungen usw.), insbesondere traf es jedoch die "Neuen Medien" und mithin jenen Bereich, in dem es erst seit Mitte/Ende der 90er Jahre verstärkt zu Bemühungen der szeneinternen aber auch darüber hinaus gehenden Vernetzung gekommen war. So kam es etwa im Bereich "Netzkultur" bereits im Jahr 2000 im Vergleich zum Vorjahr zu Subventionskürzungen von 33%, indem der Freien Radios sogar zu einer drastischen Einsparung von 57,5%, bevor die Bundesförderung im Jahr 2001 hier schließlich sogar zur Gänze gestrichen wurde.

Die IG Kultur Österreich nahm dies zum Anlass, um während der Sommermonate des Jahres 2000 über 150 Kunst- und Kultureinrichtungen nach den Ergebnissen ihrer Subventionsverhandlungen im Bundeskanzleramt/Kunstsektion zu befragen, aber auch um auf diesem Weg die eigene Arbeit von Seiten der IG-Mitglieder evaluieren zu lassen. Eine Konsequenz aus dieser Befragung war, einem hohen Grad an Zufriedenheit mit dem Auftreten der IG Kultur Österreich zum Trotz, ein Relaunch der MIF (Mitgliederinformation). Dieser hatte neben zahlreichen weiteren Neuerungen vor allem eine grundsätzliche Restrukturierung der internen Organisation zur Folge. In insgesamt neun Rubriken - von "Förderturm" bis "Gewerkschaft", von "Europa News" bis "Vernetzung" - werden seither die Mitglieder der IG Kultur Österreich neun Mal im Jahr mit aktuellen Informationen zu Kulturverwaltung, Kulturfinanzierung und Kulturpolitik versorgt.


Neuvermessung des Verhältnisses zum "gewendeten Staat"

Für die IG Kultur Österreich, die - beispielsweise als Mitveranstalterin der "Medienkonferenz Linz 1999" - gerade erst damit begonnen hatte, Medienpolitik als eine neues Betätigungsfeld systematisch für sich zu erschließen, implizierten diese Einschnitte die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Neuorientierung. Von zentraler Bedeutung hierfür, wie für die gesamte Tätigkeit der IG Kultur Österreich war freilich der mit der so genannten "Wende" durchgesetzte Verlust eines Ansprechpartners seitens der Bundesregierung. Hatte man Anfangs noch versucht, auch dieser gegenüber zumindest Forderungen zu präsentieren, so stellte sich bald schon aufgrund des gänzlichen Desinteresses seitens der Regierung gegenüber den IG-Themen die Sinnlosigkeit einer solchen Unternehmung heraus. Die Konsequenz war die Minimierung der Kontakte insbesondere zum neuen Staatssekretär für Kunst und Medien Franz Morak, wodurch die IG Kultur Österreich vor allem im Bereich Lobbying dazu gezwungen wurde, neue Strategien zu entwickeln.

Hierfür erwiesen sich die bereits im Laufe der zweiten Hälfte der 90er Jahre intensivierten Bemühungen um Profilierung der IG Kultur Österreich in kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen als zentral. Die Verfestigung und Pointierung des eigenen Standpunkts gelang dabei, wie Gabi Gerbasits betont, "nicht nur durch klassisch interessenvertreterische Pressearbeit, sondern hauptsächlich durch Vernetzung mit anderen Szenen, zugespitzte Positionierung und Veranstaltungen" wie die Konferenzen und Publikationen, aber auch über die "hauseigene Medien" wie die Website oder die Zeitschrift "Kulturrisse". Nicht zuletzt aufgrund der besagten, ihr zur Verfügung stehenden Medien gelang es der IG Kultur Österreich darüber hinaus zahlreiche oppositionelle Kräfte der österreichischen Zivilgesellschaft um sich zu sammeln beziehungsweise die strukturelle Zusammenarbeit mit diesen aufrecht zu erhalten. Der dadurch gesicherte "Ruf" und die klare politische Positionierung erleichterte natürlich das Auftreten der IG Kultur Österreich nach Außen hin und mithin ihr politisches Agieren - der gekappten Beziehungen zu VertreterInnen der Regierung zum Trotz.

Die Kehrseite dieser Entwicklung war eine gewisse Verfestigung der internen Strukturen, was auch das Einschleifen einer bestimmten Distanz zwischen den IG-Strukturen und der "Basis" implizierte und allen gegenläufigen Bemühungen zum Trotz auf Seiten der Mitglieder Tendenzen zur "Passivierung" mit sich brachte. Der Umstand der seit Ende der 90er Jahre quasi stagnierenden Mitgliedszahlen - waren es im Jahr 2000 bereits 330 Mitglieder, so lag man fünf Jahre später mit 337 auf einem nur geringfügig höherem Niveau - hingegen ist wohl hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass das Feld der autonomen Kulturarbeit in Österreich aufgrund der konsequent betriebenen Aufbauarbeit bereits weitestgehend abgedeckt ist.

Die so genannte "Wende" im Februar 2000 zog für die Arbeit der IG Kultur Österreich indirekt allerdings noch eine weitere schwerwiegende Konsequenz nach sich. Aufgrund der späten Regierungsbildung kam es nämlich zu massiven Verzögerungen bei der Budget-Zusage und folglich natürlich auch bei der Auszahlung der zugesicherten Subventionen, was sich behindernd auf die Arbeit der IG Kultur Österreich auswirkte und kurzzeitig sogar zu einer Pro-forma-Kündigung sämtlicher MitarbeiterInnen führte. Trotz dieser budgettechnischen Komplikationen ging man jedoch neben dem intensivierten (kultur-)politischen Engagement nach Außen hin, auch in der internen Organisation bereits im Jahr 2000 zahlreiche Neuerungen an. Zu nennen ist dabei in erster Linie wohl die neue Website der IG Kultur Österreich, welche nicht bloß mit einer erweiterten Ballette an Serviceleistungen für die Mitglieder aufwartete, sondern auch ihrem öffentlichen Auftreten eine zusätzliche Akzentuierung verschaffte. Heute zählt sie mit bis zu 15.000 Unique Visitors im Monat zu den zweifelsohne meistfrequentierten deutschsprachigen Websites im kulturpolitischen Bereich. Als eine zweite wichtige interne Neuerung im Jahr 2000 kann der Relaunch der "Kulturrisse" betrachtet werden, in dessen Rahmen die Zeitschrift sowohl einer grafischen Neugestaltung als auch einer inhaltlichen Reorganisation unterzogen wurde. So ermöglichte die Aufteilung in vier Ressorts ("Kulturpolitiken", "Kunstpraxen", "Kosmopolitiken", "Oppositionen") nicht bloß eine pointiertere Ausrichtung sondern auch die Erschließung von Themen abseits der "klassischen Kulturarbeit". Seit 2001 ist die IG Kultur Österreich darüber hinaus in der Lage, ihren Mitgliedern kontinuierlich ein qualitativ hochwertiges und vor allem leistbares Weiterbildungsangebot zu offerieren. Durch die Kooperation mit 8 NGOs aus anderen Bereichen ist die Finanzierung und Auslastung von 3 bis 4 Seminaren jährlich gewährleistet.

Infolge des Kappens der Beziehungen zur neuen Bundesregierung entschied sich die IG Kultur Österreich dafür, ihre Forderungen zukünftig nur mehr an die Adresse der Opposition zu richten. Als im Jahr 2001 das Kunststaatssekretariat die Entsendung ihres Förderbriefs zum Anlass nahm, an die Interessenvertretung der österreichischen Kulturinitiativen den Vorwurf zu adressieren, diese habe sich von den ursprünglichen Bestimmungen entfernt und müsse ab 2002 ihr Konzept neu überdenken, sah man sich seitens der IG Kultur Österreich in dieser Entscheidung erneut bestätigt. Die Ländervertretung reagierte auf den Vorwurf mit der Formulierung einer Resolution, in der dieser aufs schärfste zurückgewiesen wurde. An ihrem konsequenten Auftreten in kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen änderte die IG Kultur Österreich freilich auch infolge solcher Einschüchterungsversuche nichts. Ganz im Gegenteil, wartete sie anlässlich der Nationalratswahlen 2002 sogar mit einem eigenen, wenn auch leider nur virtuellen "Kunstminister" auf. Dieser präsentierte auf seiner Website einen ausgefeilten Maßnahmenkatalog für ein zu realisierendes Kunstministerium und verdeutlichte so die Erwartungshaltung der Szene gegenüber einer bis heute nicht in Ansätzen realisierten Politik.

 

Ausweitung der Interventionszone I: Aktivismus, Anti-Rassismus und Politische Kulturarbeit

Besagte Erschließung neuer Diskurs- und Interventionsfelder kann als allgemein verbindlich für die Tätigkeit der IG Kultur Österreich im neuen Jahrzehnt betrachtet werden. Dies gelang durch eine "sukzessive Verbreiterung der politischen Kontexte, ohne dass dabei auf eine klare Positionierung als kulturpolitisch tätige Organisation verzichtet worden wäre" (Gabi Gerbasits).

Einen wichtige Station in diesem Prozess bildete dabei das von der IG Kultur Österreich in Kooperation mit dem European Institute for Progressive Cultural Policies (eipcp) veranstaltete Symposion "Transversal. Kunst und Globalisierungskritik", das im Frühjahr 2002 in der Kunsthalle Exnergasse in Wien über die Bühne ging. Diese sich vor allem durch seine internationale Ausrichtung gegenüber ihren Vorgängerkonferenzen abhebende Veranstaltung kann als ein weiterer Versuch der "Expansion", diesmal v.a. in aktivistische und globalisierungskritische Felder hinein, verstanden werden. Begleitend zur Konferenz erschienen Abstracts der Vorträge in der Zeitschrift MALMOE, wobei auch die Langversion der Texte seit einiger Zeit bereits in einem gleichnamigen, von Gerald Raunig herausgegebenen und beim Verlag "Turia und Kant" publizierten Buch nachgelesen werden können.

IG Kultur Kaktus Animation


 

 

Einen weiteren wichtigen Schritt in diese Richtung markiert das Engagement der IG Kultur Österreich in antirassistischen Zusammenhängen. Dieses kann zum einen als das indirekte Resultat langjähriger Diskussionen betrachtet werden, welche sich um die Frage drehten, inwiefern und wie die IG-Strukturen auch für migrantische (Selbst-)Organisationen im Kulturbereich zu öffnen wären. Zum anderen war es das Ergebnis von Debatten um die Möglichkeit und Form eines verstärkten Agierens der IG Kultur Österreich im Bereich Anti-Rassismus, das sich gerade wegen des verschärften rassistischen Klimas in Österreich seit dem Regierungswechsel im Februar 2000 quasi aufdrängte. Eine zentrale Rolle hierfür spielte die infolge der Generalversammlung im April 2002 erfolgte Involvierung Rubia Salgados (MAIZ, Linz) in die Vorstandsarbeit der IG Kultur Österreich, wodurch besagte Debatte zusätzlichen Antrieb erfuhr und 2003 schließlich in die Formulierung eines Positionspapiers zum Politischen Antirassismus mündete.

Der Zuschlag für das EQUAL-Projekt "Work in Process - WIP", das von Juni 2005 bis Mai 2007 laufen wird und für welches die IG Kultur Österreich neben der Verantwortung für eines der Module auch die Finanzkoordination übernommen hat, kann als konsequente Fortführung dieses Engagements gewertet werden. Handelt es sich bei EQUAL doch um eine EU-Gemeinschaftsinitiative zur Bekämpfung von Diskriminierung und Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt, wobei der Fokus des IG-Moduls einmal mehr auf die Situation von MigrantInnen in der Kulturarbeit gerichtet ist. Auch die nächste Konferenz der IG Kultur Österreich wird 2006 im Rahmen von EQUAL über die Bühne gehen, was nicht zuletzt mit der bereits gesicherten Finanzierung zu tun hat. Dies kann als eine indirekte Konsequenz aus den budgettechnischen Problemen im Rahmen früherer IG-Konferenzen betrachtet werden. Im Rahmen von "Transversal" war es nämlich am ersten Tagungstag mittels schriftlichem Bescheid zu einer Halbierung der mündlich bereits zugesagten Sondersubvention seitens der Stadt Wien gekommen, was für die IG Kultur Österreich über das laufende Budgetjahr hinaus eine finanzielle Zusatzbelastung bedeutete. Dadurch wurde die Realisierbarkeit und Sinnhaltigkeit solcher Veranstaltungen für die IG nachdrücklich in Frage gestellt.

Die nächste Etappe in diesem Prozess wurde durch die Entscheidung angegangen, anstelle einer Konferenz, wie sie für gewöhnlich im 2-Jahres-Rhythmus von der IG Kultur Österreich ausgetragen wird, 2004 einen Förderpreis für politische Kulturarbeit auszuschreiben und zu vergeben. Den Ausgang nahm dieses Vorhaben von der Idee, der explizit gesellschaftspolitisch agierenden Kulturarbeit eine Podium und mithin eine breitere Öffentlichkeit zu bieten, als ihr für gewöhnlich zugestanden wird. Zwischen Oktober 2003 und Februar 2004 wurden so sukzessive und gezielt Initiativen aus den österreichischen Bundesländern nach Wien eingeladen, um sich und ihre Arbeit in den Räumlichkeiten der Kunst- und Diskussionsplattform "Depot" zu präsentieren. Am 9. Mai 2004 kam es schließlich im Rahmen der Generalversammlung der IG Kultur Österreich im ARGEkultur Gelände Salzburg zu einer öffentlichen Jurysitzung. Unter den circa 50 Einreichungen wählte eine prominent besetzte Jury (Marlene Streeruwitz, Jeff Bernard, Monika Mokre, Tina Leisch, Gerald Raunig, Juliane Alton) 4 Siegerprojekte aus, um sie mit dem ersten Förderpreis für politische Kulturarbeit zu prämieren.



Ausweitung der Interventionszone II: Sozialforen, Wahlpartien und Vorsorgepakete

Nach einem Besuch von Rubia Salgado als Vorstandsmitglied der IG Kultur Österreich am Weltsozialforum in Porto Allegre im Jahr 2001, welcher u.a. eine Einschätzung der Relevanz der damals noch jungen Sozialforenbewegung zum Ziel hatte, bemühte sich die IG in den Folgejahren des weiteren auch vermehrt um Mitwirkung bei den österreichischen und europäischen Sozialforen. Neben der Austragung eines eigenen Workshops beim ersten österreichischen Sozialforum 2003 in Hallein und einer gemeinsamen Veranstaltung mit der GPA (Gewerkschaft der Privatangestellten) und ATTAC ein Jahre später in Linz, entsandte die IG Kultur Österreich mit Jo Schmeiser, Ljubomir Bratic und Andreas Görg 2003 auch mehrere VertreterInnen zum zweiten europäischen Sozialforum nach Paris. Trotz des mit der Zeit sinkenden Engagements aufgrund mangelnder Ressourcen, bemühte sich die IG Kultur Österreich bis zuletzt vor allem aufgrund der zentralen Bedeutung im Hinblick auf zivilgesellschaftliche Vernetzungsversuche um die Sozialforenbewegung.

Daneben blieb aber auch die spezifische politische Konstellation in Österreich weiterhin auf der Agenda der IG Kultur. So initiierte nach dem frühzeitigen Zerbrechen der ersten Schwarz/Blauen-Koalition und anlässlich der bevorstehenden Nationalratswahlen im November 2002 ein Zusammenschluss diverser zivilgesellschaftlicher Organisationen und Institutionen wie ANAR (Austrian Network Against Racism), BEIGEWUM (Beirat für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen) oder eben die IG Kultur Österreich die Kampagne "Wahlpartie". Mittels eines Forderungskatalogs, der Themen in unterschiedlichen Politikbereichen in emanzipatorischer Perspektive bearbeitete, versuchte die Wahlpartie dabei zum einen die "parlamentarische Linke" in Österreich zu klaren Positionierungen zu bewegen. Zum anderen ging es den involvierten Gruppen und Einzelpersonen jedoch auch darum, erste Ansätze für ein weitergehendes linkes Projekt für die Zeit nach den Nationalratswahlen 2002 anzudenken und zu formulieren.

Nach dem klaren Wahlsieg der ÖVP und der im Februar 2003 vollzogenen Neuauflage ihrer Koalition mit der FPÖ erfuhren Projekte wie dieses einen nachhaltigen Rückschlag, drohte nunmehr doch die durch den Wahlsieg der Volkspartei beflügelte, endgültige Durchsetzung und Konsolidierung einer neuen konservativen Hegemonie ist Österreich. Besonders deutlich trat dies bereits im Vorfeld des von der Regierung zum "Jubiläums-" und "Gedankenjahr" deklarierten Jahres 2005 zutage, indem neben dem 60. Jahrestag der Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus, dem 50. des Staatsvertrags und dem 10. des EU-Beitritts noch eine ganze Reihe weiterer Jubiläen zelebriert werden sollten. Die IG Kultur Österreich nahm dies zum Anlass, dem drohenden "Schub an Geschichtsverzerrung, Opfermythen und diversen rot-weiß-roten Identitätskonstruktionen" (Martin Wassermair) über eine Spezialnummer der Kulturrisse zum Thema, diverse Veranstaltungen und die Beteiligung an der Plattform Österreich 2005: Das Vorsorgepaket gegen ein Jahr Heimat-Feiernentgegenzuarbeiten.



Kulturpolitische Vernetzungsversuche in Österreich und Europa

Von tiefgreifenden Veränderungsprozessen ergriffen wurde im neuen Jahrzehnt auch die Kulturpolitische Kommission. Der lose Zusammenschluss der österreichischen Dachverbände im kulturellen Sektor entlang dem 1-Punkt-Programm "KünstlerInnensozialversicherung" (s.o.) erfuhr mit der Zeit nämlich nicht nur eine nachhaltige Konsolidierung, sondern auch eine inhaltliche und personelle Erweiterung. Unter maßgeblicher Beteiligung der IG Kultur Österreich wurden so zum einen die neuen Interessenvertretungen im Bereich der Freien Radios (Verband freier Radios) sowie der Netzkultur (konsortium.Netz.kultur) in die Kulturpolitische Kommission aufgenommen, als auch die Ballette der bearbeiteten Themen jenseits der Forderung nach einer KünstlerInnensozialversicherung sukzessive erweitert. Im Frühjahr 2004 konstituierte sich die Kulturpolitische Kommission unter dem Namen Kulturratschließlich als Verein und trat so - ausgestattet mit einer eigenen Homepage und neuen internen Strukturen - in die eine neue Phase ihres Bestehens ein. Die alte Forderung nach einer adäquaten sozialen Absicherung von KünstlerInnen und Kulturschaffenden steht dabei freilich auch weiterhin im Zentrum der Arbeit des Kulturrats. Und zwar nicht zuletzt deshalb, als Moraks bislang in diesem Zusammenhang realisierten Maßnahmen, insbesondere das so genannte "Künstlersozialversicherungsfondsgesetz", im Großen und Ganzen als "Propagandalügen" (Gabi Gerbasits) einzustufen sind, insofern sie in keiner Weise den geforderten umfassenden Schutz von KulturarbeiterInnen gegenüber sozialen Risiken wie Unfall, Krankheit oder Alter zu gewährleisten vermögen.
Die Involvierung des Kulturrats unter maßgeblicher Beteiligung der IG Kultur Österreich in die Diskussionen und Vernetzungen rund um das Thema der "Prekarisierung" ist wohl ebenso eine Konsequenz aus dieser wenig zufriedenstellenden Situation, wie die Forderung nach einem Grundeinkommen, wie sie zuletzt etwa im Kontext des von ATTAC und dem Netzwerk Grundeinkommen in Kooperation mit u.a. der IG Kultur veranstalteten Kongresses zum Thema im Oktober 2005 in Wien artikuliert wurde. Auch die Vernetzungsarbeit mit ATTAC Österreich und anderen Gruppen im Rahmen der "STOPP GATS Kampagne" kann in diesem Zusammenhang genannt werden, richtete sich doch diese ebenso wie auch die oben genannten Projekte zentral gegen neoliberal Liberalisierungsbemühungen und mithin auch gegen die Individualisierung sozialer Risiken.

Weniger erfolgreich war hingegen das vom Kulturrat erarbeiteten Geschäftsordnungs-Modell für die Beiräte in der Kunstsektion, stieß man hier doch auf Seiten der Regierung einmal mehr auf weitestgehend taube Ohren. Zum Ausgleich nutzte man im Jänner 2004 die Einladung nicht-staatlicher Organisationen zum Österreich-Konvent dafür, neben konkreten Forderungen an eine neue Verfassung auch Kritik an scheindemokratischen Verfahren wie dem des - damals gerade besonders en voguen - Konvents zu äußern.

Neben diesen Fortschritten hinsichtlich der kulturpolitischen Vernetzung und Organisation in Österreich, veränderte sich jedoch auch innerhalb der IG Kultur Österreich in personeller Hinsicht einiges. Die bereits im April 2002 über die Bühne gegangene Generalversammlung brachte nämlich neben zahlreichen Neubesetzungen im Vorstand für die IG Kultur Österreich auch einen neuen Obmann mit sich. An die Stelle Gerald Raunigs, der seit 1998 die Geschicke des Vorstands geleitet hatte, trat nun Bernhard Amann vom Hohenemser Kulturverein Transmitter.

Aber auch sonst gab es einige maßgebliche Neuerungen, insbesondere was das Agieren der IG Kultur Österreich auf europäischer und internationaler Ebene anbelangte. An erster Stelle ist dabei wohl die Gründung des bereits erwähnten European Institute for Progressive Cultural Policies (eipcp) zu nennen, welche zentral auf Initiative des damaligen Obmanns Gerald Raunig, der ehemaligen Geschäftsführerin Andrea Hummer sowie des IG Kultur Österreich -Mitarbeiters Raimund Minichbauers bereits im Jahr 2000 vollzogen wurde. Den Ausgangspunkt dieser Unternehmung bildete der Versuch, die "kulturpolitischen und -theoretischen Erfahrungen der IG Kultur Österreich auf internationale Ebene zu transformieren" (Gerald Raunig) sowie die Idee, ein ihr vergleichbares Netzwerk auf Ebene der EU zu initiieren. Da dies in Ermangelung analoger Strukturen in zahlreichen anderen nationalstaatlichen Kontexten jedoch scheiterte, verlagerte sich die Tätigkeit des eipcp mit der Zeit zunehmend auf die Formulierung kulturpolitischer Diskurse in europäischen Zusammenhängen. Darüber hinaus löste sich das 2001 schließlich in einen eigenen Verein verwandelte eipcp langsam aus dem Framework der IG Kultur Österreich heraus und generierte autonome Strukturen.

Der zu Beginn des neuen Jahrzehnts fehlgeschlagene Versuch der Gründung eines internationalen Netzwerks freier und autonomer Kulturinitiativen erfährt gegenwärtig eine Neuauflage. Auf Initiative der Bundesvereinigung soziokultureller Zentren in Deutschland bemühen sich derzeit nämlich diverse AkteurInnen auf europäischer Ebene unter dem Dach des European Network of Cultural Centres (ENCC) erneut um eine weitergehende Vernetzung ihrer Aktivitäten. Auch im Vorstand des ENCC ist die IG Kultur Österreich seit seiner Neugründung im September 2005 vertreten.

Nichtsdestotrotz gelang durch die Gründung des eipcp eine entscheidende Erweiterung der kulturpolitischen Kompetenzen der IG Kultur Österreich auf europäischer Ebene, ohne dass dabei jedoch auf ein eigenständiges Agieren in diesem Feld verzichtet worden wäre. Davon zeugen beispielsweise die verschiedenen Positionspapiere zum und Vernetzungsversuche rund um den EU-Verfassungsvertrag, das Grundsatzpapier zur EU-Dienstleistungsrichtlinie, das Lobbying für die nationale Co-Finanzierung von Kultur2000/2007-Projekten usw. Dasselbe gilt freilich auch für die über die EU hinausgehenden Bemühungen um internationale Positionierung, wie sie unter anderem in den Veranstaltungen, Beratungen und Positionspapieren zum GATS oder auch zur UNESCO-Konvention zu "kultureller Vielfalt" zum Ausdruck kommen. Aufgrund der begrenzten personellen Ressourcen, verdanken viele dieser Unternehmungen ihr Zustandekommen dabei dem Engagement von PraktikantInnen und Trainees.

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