Kulturpolitische (Über-)forderung: Herausforderungen für den Kulturbetrieb der Zukunft

Künstliche Intelligenz, schlechte Kulturstrategien, mangelnde Partizipation, geringe Einbindung der Jugend, Verschwinden des Publikums, Klimakatastrophe, steigender Rassismus, Rechtsextremismus im Aufwind und die humanitäre Krise im Mittelmeer - Herausforderungen gibt es genug. Während die Kulturpolitik weitgehend an den Realitäten des Kulturbetriebs vorbei agiert, scheint auch die Kultur teilweise an der Vielzahl drängender gesellschaftlicher Probleme vorbeizugehen. Sind wir mit der Vielzahl an Herausforderungen überfordert?

Herausforderungen Kultur

„Historisch betrachtet waren es immer technische Entwicklungen, die auch Veränderungen im Kulturbetrieb angestoßen haben,“ so eröffnete Michael Wimmer das Symposium an der Universität für angewandte Kunst Wien unter dem Titel „Eine andere Zukunft des Kulturbetriebs ist möglich“. Die Aussage spielt auf das Thema der künstlichen Intelligenz an, das in letzter Zeit für viel Aufsehen und auch Nervosität gesorgt hat. Große Veränderungen wären auch schon bei der Einführung der Eisenbahn oder der Massenmedien, Radio, Film, Fernsehen und des Internets eingetreten. „Das beeinflusst das kulturelle Verhalten ganz nachhaltig!“ so Wimmer. Nun kommt auch noch die sich überschlagende Entwicklung künstlicher Intelligenz dazu. Auch wenn ChatGPT und Co. zeitweise die Schlagzeilen zu bestimmen scheinen, darf man jedoch nicht in Schnappatmung verfallen – denn wir werden noch Luft für andere Baustellen brauchen. Die Probleme sind zahlreich. Und andere Bedrohungen schon viel konkreter. 


Publikumsschwund und Kulturstrategien


Das Internet bringt nicht nur neue Formen der kulturellen Interaktion mit sich, die Pandemie hat bedingt, dass kulturelle Aktivitäten stärker in digitalen Formen stattfinden. Davon profitieren zunächst einmal die großen Streaming-Plattformen. Der Publikumsschwund der Pandemie scheint sich einzuzementieren. Aber machen wir es uns nicht zu einfach. „So sehe ich auch die Jahre der Pandemie nicht als den großen Einschnitt, als den sie immer dargestellt werden,“ so der Theaterkritiker Uwe Mattheiß. Die Pandemie habe Tendenzen nur beschleunigt, die schon seit Jahren da gewesen wären. „So wie sich unser Umgang mit Arbeit, Medien etc. ändern, so wie sich unser Lebensstil und unsere Milieus ändern, so verändert sich auch unser kulturelles Verhalten.“ Laut ihm gibt es eigentlich kein Stammpublikum mehr, das Bildungsbürgertum schwindet und damit langjährige Gewissheiten. Diese Lücke müsste ein neuer Zugang zu Kultur und auch Publikumsentwicklung schließen (so zunächst Publikum anders gedacht wird). Das Problem der Publikumsentwicklung ist älter als die Pandemie, das Projekt der Europäischen Theaternacht stelle sich dem beispielsweise schon seit 2013 und wurde nun mangels Ausfinanzierung des Bundes eingestellt, obwohl es Publikumsentwicklungsprojekte mehr denn je bräuchte. 
Ehe Publikumsentwicklung auf breiter Basis geschehen kann, bräuchte man erst einmal eine Strategie für die Kulturentwicklung. Allgemein hat man in der Kulturpolitik große Schwierigkeiten dabei, schon der Prozess zur Entwicklung einer Kulturstrategie scheitert. Wie Anke Schad-Spindler in ihrer Keynote zum Symposium herausstreicht, sind solche Strategien meist nicht nur erst dadurch gefordert, dass eine Unzufriedenheit mit Kulturpolitik herrscht, sie brauchen auch Konflikt, Auseinandersetzung. Der Konflikt ist auch dadurch vorprogrammiert, wie die Kulturpolitik seit Jahrzehnten am Kulturbetrieb vorbeiagiert, wie Michael Wimmer es in unserem Webtalk zur Agenda der Kulturpolitik formuliert hat. Ernst Schmiederer äußerte sein persönliches Unbehagen folgendermaßen: „Das Verhältnis zwischen meiner Kulturarbeit und der Kulturpolitik bleibt durch das Schubladendenken zu weiten Strecken ein Nicht-Verhältnis.“ Kenndatum dabei ist laut Wimmer 2015, als die Kunst- und Kultursektion zusammengelegt wurden. Zeitgenössische Formen wurden nun gleichbehandelt wie repräsentative Kultur, die vielen kleineren Initiativen genauso wie die großen Tanker – jedoch nicht auf Augenhöhe, sondern nach deren Maßstäben. Das führte zu einer Entpolitisierung der Kulturpolitik und schließlich in die aktuelle Phase der Verunsicherung ohne politisches Projekt für die Zukunft. „Eine Bundeskulturpolitik, die die Einstellung der ältesten österreichischen Zeitung zur strategischen Großtat umdeutet, keine belastbare Position zum Leiden und Sterben an Europas Außengrenzen zu formulieren imstande ist, die nicht massiv auf den Desastermix aus Klimakatastrophe, Pandemie und Krieg reagiert, wird auch weiterhin im gestern verhaftet bleiben und ihrer Erneuerung harren,“ so Schmiederer. 
Es fehlt an Visionen und einer Politik, die nach Lösungen überhaupt ernsthaft suchen möchte. Dafür bräuchte es die Auseinandersetzung mit der Szene. Im kulturpolitischen Feld ist man daran nicht interessiert, man ist es gewohnt, durchzuverwalten und sich bei Eröffnungen fotografieren zu lassen. Uwe Mattheiß ergänzt, dass die Vertretenden der Politik zwar gewählt werden, aber nicht als in ihrer Funktion in der Kulturpolitik: „Eine besonders progressive Kulturpolitik macht ihre Wiederwahl nicht wahrscheinlicher und schlechte Politik führt hier nicht zu ihrer Abwahl. Das mindert ein Stück weit die Wirkung des besseren Arguments. Erfolgreich sind jene, die schaffen, Konfliktpotenziale zu minimieren.“ Das hat sich auch Andrea Mayer nach dem Rücktritt Lunaceks und einem Sturm der Kritik zum ultimativen Credo gemacht. Der kürzlich in den Bach gesetzte Strategieprozess des Bundes offenbarte sich spätestens beim Forum Kultur als eine Alibi- oder Beschwichtigungsveranstaltung und nicht als ernsthafter Versuch, jahre- und jahrzehntealte Probleme zu lösen. 

 


Generationenwechsel und Klimaschutz


„Die junge Generation ist da, sie wird nur nicht abgeholt. Das macht mir Sorgen,“ so eine Stellungnahme aus dem Publikum beim Symposium. Es mag auch daran liegen, dass das Publikum immer mehr dazu geneigt ist, partizipative Formen zu suchen. Das trifft vor allem auf junge Menschen zu. „Wenn ich mir heute das Verhalten junger Menschen ansehe – die wollen nicht passiv bespielt werden! Die wollen aktiv mitgestalten!“ bemerkt Wimmer. Laut Uwe Mattheiß dünnt ein klassisches Bildungsbürgertum aus, das traditionellerweise das Stammpublikum der Kultur ausmachte und den größten Anteil jener stellte, die Abos halten, in den Sitzreihen abgedunkelter Säle jauchzen, die Nase rümpfen oder applaudieren und sich damit begnügen, danach in privater Runde das Gesehene bei einem Spritzer zu besprechen. Wenn sich die institutionalisierte Kultur dem Ruf nach partizipativen Formen nicht öffnet, findet eine onlineaffine Jugend diese Möglichkeiten nun mal im Internet.
Die Kultur hat also auch ein Generationenproblem: Die Jugend sucht (oder findet) keinen Anschluss mehr an die kulturelle Infrastruktur. 
Das betrifft auch die freie Szene, deren Gründungsmoment eigentlich schon von der Forderung der Jugend nach Partizipation getragen war. Während mühsam Orte erkämpft wurden – den Ursprung machten Hausbesetzungen der Studierendenproteste – die dann auch lange einen Ort der Teilhabe und Verwirklichung für die Jugend darstellten, so hat selbige keine Lust mehr, sich noch den Effekten der letzten Jahrzehnte hinzugeben, die Professionalisierung und Bürokratisierung mit sich gebracht haben, und selbst in kleinen Initiativen erstmal jahrelang den verdienten Altvordern zuzuarbeiten, die mittlerweile in jahrzehntelangen Geschäftsführungen die kulturellen Zentren leiten, ehe man einen kleinen eigenen Beitrag umsetzen darf. Ich bin selbst durch den Weg des Flyers, Plakatierens, Assistierens, Programm planen (und Credit für die Arbeit anfangs einem älteren Kollegen überlassen müssen) gegangen, ehe ich erst nach Jahren selbst Dinge umsetzen konnte (oder eher durfte). Ich hatte einen Hang zur freien Szene, aber immer das zweite Auge auf Alternativen schielend - sozusagen Alternativen von der Alternative. Schon ich fand das ermüdend und bediente mich da besserer anderweitiger Entfaltungsräume. Man konzentriert sich mittlerweile lieber auf bewährte Programme, anstatt Risiken einzugehen, obwohl das Experimentieren eigentlich ein Wesenszug der Kunst wie auch der freien Kultur ist und sich als Lösung anbietet, wie Milica Tomic feststellt: „Der Druck, Anspruchsgruppen und erwartete Besuchenden vorauseilend zufriedenzustellen widerspricht der Freiheit des Bereichs, etwas zu probieren und auch mal unpassend oder unverstanden zu sein. Hier muss man jenseits der Dichotomie Produktion und Konsumption denken. So stärkt man die Kunst, aber letztlich auch das Publikum.“ 
Das hat sich in der nächsten Generation nur verschärft, die bessere Alternativen vorfindet, als ich sie noch hatte: online Aktivismus ist die dominante Organisationsform der Jugend und der Klimaschutz, ein stark von jüngeren Generationen getragenes Thema, ging zu großen Teilen an der Kultur vorbei. Die Fridays for Future haben den Klimaschutz mit ihrer dezentralen digitalen Mobilisation wieder ganz groß auf die Agenda gesetzt, die Rebellion Extinction und Letzte Generation macht klar, dass es ihnen ernst ist mit der Sache und gehen dabei auch ein großes persönliches Risiko ein. Es ist also Jugendlichen zu verdanken, dass es noch Hoffnung gibt. Vielleicht kann der Kunst- und Kultursektor nun seinen Beitrag zur Wende leisten – indem der Jugend, ihren präferierten Formen und Inhalten der Platz eingeräumt wird. Vielleicht muss sich einmal mehr die Kultur von der Jugend abholen lassen. 
 

 

Rassismus, Rechtsextremismus und humanitäre Krisen


Während in progressiven Kreisen das geflügelte Wort von Antirassismus zu Intersektionalität wechselte und von Integration zu Inklusion, so zeigt der Kulturbetrieb selbst, dass gern darüber gesprochen, aber wenig davon umgesetzt wird. Die Besetzungen spiegeln bei weitem nicht die Gesellschaft wider. Selbst in der freien Szene ist man dermaßen homogen, dass jemand aus Deutschland schon exotisch wirkt. „Für mich ist es ein Privileg, hier zu sein,“ erzählt Zehra Baraçkılıç beim Symposium: „Menschen wie ich sind in dieser Branche unsichtbar – oder werden unsichtbar gemacht.“ Führungspersonen werden ebenso wenig divers besetzt (auch nicht in Genderperspektive), da wir es noch nicht mal bei Podien oder Line-Ups schaffen. Und dass, obwohl wir den Anspruch in unseren Leitbildern und Mission Statements tragen, in unseren Postings und Redebeiträgen wie Mantras wiederholen. Eine Haltung, die nicht gelebt wird, wird zur Pose. 
Der Kulturbetrieb spiegelt die Gesellschaft womöglich nur in dem Unvermögen wider, ihrer Vielfalt gerecht zu werden. Da wir uns von unserem Anspruch der politischen Intervention jenseits von Klientelismus längst wegprofessionalisiert haben, haben Kunst und Kultur gegenüber einer anderen sich verschärfenden Unkultur womöglich bereits kapituliert: „Wenn an den Rändern Europas Vertreter des Staates Kinder und Kleinkinder am Meer aussetzen, dann zeigt das, wie brüchig unser kulturelles Selbstverständnis geworden ist,“ sagt Michael Wimmer zur humanitären Krise im Mittelmeer. Nicht erst seit die Katastrophe 2015 in das öffentliche Bewusstsein eingedrungen ist, vegetieren Menschen in Camps unter widrigsten Bedingungen - die Geschichten vom mehrfach abgebrannten Camp Moria auf Lesbos sollte mittlerweile allen bekannt sein. Anstatt endlich legale Fluchtrouten zu schaffen und Einwanderung aktiv zu gestalten, begnügt sich die Politik auf Populismus, der islamophoben und ausländerfeindlichen Ressentiments Vorschub leistet. Die gewählten Vertreter dieser Haltung bauen Zäune, wie Viktor Orban in Ungarn oder kürzen Integrationsprogramme, wie die Türkis-Blaue Regierung unter Kurz. Kampf der illegalen Migration ist immer ein Kampf gegen Schutzsuchende, solange es für Flüchtlinge keine legalen Möglichkeiten der Einreise gibt. Man erzeugt also bewusst das Problem, über das man in Sonntagsreden hetzen kann, um auf Stimmenfang zu gehen. Mittlerweile schaut Europa nicht mehr nur weg, wenn es um die Hunderten, ja mittlerweile Tausenden an Ertrinkenden im Mittelmeer geht. Wir sehen zu dabei, wie unsere Küstenwachen Schlauchboote zurück auf das offene Meer treiben, ihnen die Motoren abmontieren und sie ihrem grausamen Schicksaal überlassen. Denken wir bei unseren Strandurlauben im Mittelmeer daran – wir sind auf einem Friedhof! 
Diese Politik ist Steigbügelhalter für Rechtsextremismus. Das dies mehr ist, als eine linksaktivistische Phrase, sollte allen engagierten Zeitungslesenden klar sein. In den letzten Jahren waren Gruppierungen im Aufwind, wie die Identitären, die für ihre Attacken und Übergriffe bekannt sind, wie der Gewaltanwendung am Rektor der Universität Klagenfurt oder der Verwendung einer Schreckschusspistole in einer Wiener U-Bahn. Der Gruppierung, die anfangs als „rechte Hipster“ vom Feuilleton fast hofiert wurden, konnten finanzielle Verbindungen zum rechtsextremen Christchurch-Attentäter nachgewiesen werden, der bei seinem Anschlag auf zwei Moscheen 51 Menschen tötete und 50 weitere teils schwer verletzte. Zur selben Zeit führte das Beschwichtigen der Querdenker und Corona-Leugner mit ihren Vergleichen der Pandemie-Schutzmaßnahmen mit dem Holocaust zu einer Reorganisation der Reichsbürgerszene, gegen die mittlerweile wegen Umsturzplänen ermittelt wird. Dem Anstieg rechtsextremer Gewalt, gegen den in Österreich wenig unternommen wurde, kam entgegen, dass der damalige Innenminister Kickl der Türkis-Blauen Regierung den Verfassungsschutz quasi ausschaltete. In den letzten Jahren wuchs die Neonazi Szene nicht nur, sie militarisierte sich. Es kam zu mehreren großen Waffenfunden. Besagter Innenminister führt mit seiner Partei gerade konstant in allen Umfragen und rechnet sich für die nächste Wahl durchaus Chancen auf die Kanzlerschaft aus. Andere politische Kräfte haben sich zu lange damit begnügt, sich über seine Antworten zu echauffieren, anstatt sich selbst für brauchbare Lösungen einzusetzen. 

 

„Ich glaube, dass uns diese Entwicklungen in den letzten zwanzig Jahren, auch wenn wir es nicht zugeben wollen, massiv überfordern!“ war es aus einer Publikumsmeldung beim Symposium zu hören. All das kann zu lähmenden Gefühlen der Überforderung führen. Es ist menschlich nachvollziehbar. Eine passive Politik, die unter dem Radar durchverwalten möchte, überlässt anderen, teils höchstbedenklichen Kräften das Feld. Das kann nicht in unserem Interesse sein. Wir können uns nicht mehr mit Schöngeistigkeit ablenken und gelegentlicher Empörung über die Auswüchse dessen begnügen, was uns hier bedroht. Wir müssen uns für eine Politik einsetzen, die unsere Gesellschaft aktiv gestalten möchte. Denn die Zukunft kommt trotzdem, ob wir wollen oder nicht. 

 

 

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