Ist die Kulturförderung des Bundes eine Wienförderung?
Fast die Hälfte der regional zuordenbaren Bundeskulturförderung geht nach Wien – rechnet man die großen Bundeseinrichtungen mit, sind es sogar 86 Prozent. Ist die Kulturförderung des Bundes also vor allem Wienförderung? Ein Blick hinter die Zahlen zeigt, wie das Ungleichgewicht zustande kommt – und welche Fragen sich daraus für die Kulturpolitik dringend stellen.
Der Bund hat 2025 laut Kunst- und Kulturbericht rund 623 Millionen Euro für Kunst und Kultur ausgegeben. Rechnet man die Bundeseinrichtungen – also Bundestheater, Bundesmuseen, Nationalbibliothek und weitere – Wien vollständig zu, entfallen 86 % der Mittel auf die Bundeshauptstadt (2024: 84 %). Das entspricht rund 230 Euro pro Kopf in Wien, gegenüber rund 10 Euro in den übrigen Bundesländern.
Aber auch ohne Bundeseinrichtungen bleibt das Bild deutlich. Von den 147,3 Millionen Euro, die laut Kunst- und Kulturbericht eindeutig einem Bundesland zuordenbar sind, entfallen 73,1 Millionen bzw. 49,6 % auf Wien (2024: 46,6 %). Das entspricht 35,80 Euro pro Kopf. Oberösterreich liegt mit 6,20 Euro am unteren Ende, der Österreich-Schnitt beträgt rund 16 Euro.
Der Bevölkerungsanteil ist zwar ein naheliegender Vergleichsmaßstab, aber kein gesetzlicher Verteilungsschlüssel. Die Rechtsgrundlage der Kunst- und Kulturförderung verpflichtet den Bund, Zuschüsse nach inhaltlichen Kriterien zu vergeben (etwa überregionales Interesse, beispielgebende oder innovative Wirkung); die kulturelle Breiten- und Nahversorgung ist keine Zielsetzung des Kunstförderungsgesetzes.1 Ein höherer Förderanteil als der Bevölkerungsanteil ist daher kein Beleg für eine einseitige Vergabepraxis. Er zeigt aber eine starke räumliche Konzentration – nicht nur in Wien, sondern z. B. auch in Salzburg und Vorarlberg. Deren Ursachen sind politisch relevant – oder sollten es zumindest sein.
Woran liegt’s?
Ein großer Teil der Wien-Dominanz lässt sich durch Sondereffekte erklären, die mit freier Kunst- und Kulturförderung wenig zu tun haben.
Bundeseinrichtungen. Rund 397 Millionen Euro – knapp zwei Drittel der Gesamtausgaben des Ressorts – entfielen 2025 auf Bundesinstitutionen und strukturell gebundene Ausgaben. Allein die Bundestheater schlagen mit rund 204 Millionen Euro zu Buche.
Festspiele und Großposten. Auch die hohen Pro-Kopf-Werte Salzburgs und Vorarlbergs werden von wenigen großen Positionen geprägt, insbesondere von den Salzburger Festspielen und den Bregenzer Festspielen.
Drei große Wiener Bühnen. Theater in der Josefstadt (10,2 Mio. Euro), Volkstheater (4,4 Mio.) und Theater der Jugend (3,1 Mio.) erhalten 2025 zusammen 17,7 Millionen Euro. Das sind rund 24 % der Wien zugeordneten Förderungen.
Bundesweit tätige Organisationen. Ein weiterer Stolperstein ist der Sitz von Organisationen mit österreichweitem Wirkungskreis, z. B. Dokumentationsstellen, Interessenvertretungen und Dachverbände. Der Kunst- und Kulturbericht sollte solche Mittel in der Bundesländerauswertung eigentlich nicht Wien, sondern „gemischt/österreichweit“ zuordnen, tut dies aber nicht einheitlich: mica, vera* und die IG Bildende Kunst etwa werden Wien zugeordnet.
Film. Die Filmförderung über das Österreichische Filminstitut (ÖFI) bleibt in der offiziellen Auswertung außen vor, aber auch andere Förderprogramme zur Herstellung und Verbreitung zahlen auf Wien ein, obwohl der Sitz einer Produktionsfirma oder eines Vertriebs kein verlässlicher Indikator dafür ist, in welchem Bundesland die kulturelle oder wirtschaftliche Wirkung einer Produktion anfällt.
Förderungen an Einzelpersonen. Bei Stipendien und Projektförderungen an Einzelpersonen ist die Wien-Konzentration sehr stark. Laut den Detaildaten für 2025 entfallen von rund 6,6 Millionen Euro an personenbezogenen Stipendien- und Projektförderungen etwa 73 % auf Wien. Eine aktuelle Vollerhebung dazu, wo Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen leben, gibt es allerdings nicht. Die jüngste umfassende Studie mit Wohnortdaten stammt weiterhin aus 2018: Damals lebten 56,8 % der Befragten in Wien (2008: 43,9 %).2 Aktuellere Arbeitsmarktdaten bestätigen die Konzentration: Laut Kulturstatistik 2024 haben in Wien 7,9 % aller Erwerbstätigen einen Kulturbezug.3
Die hohe Wien-Konzentration in der Gesamtrechnung sagt also wenig darüber aus, ob Wiener Förderwerber*innen bei frei vergebenen Förderungen systematisch bessergestellt sind. Dafür lohnt ein detaillierter Blick auf einzelne Förderbereiche, etwa auf die Kulturinitiativen:
Kulturinitiativen: Wien im Mittelfeld
Die Analyse der Jahresprogramm- und Projektförderungen des Bundes für Kulturinitiativen von 2018 bis 2025 zeigt folgendes Bild:
2018 lag Wien mit 0,35 Euro pro Kopf deutlich unter dem Österreich-Schnitt von 0,46 Euro. Wiens Anteil an den Mitteln betrug 16,5 %. Erst 2023 erreichte Wien ungefähr seinen Bevölkerungsanteil; 2025 liegt der Förderanteil bei 23,0 %. Mit 0,74 Euro pro Kopf liegt Wien heute knapp über dem Österreich-Schnitt von 0,71 Euro.
An der Spitze liegt 2025 Salzburg mit 1,43 Euro pro Kopf, gefolgt von Vorarlberg (1,03 Euro) und der Steiermark (0,91 Euro). Oberösterreich hat seit 2018 stark aufgeholt: von 0,34 auf 0,66 Euro pro Kopf, inflationsbereinigt ein Plus von rund 45 %. Das Burgenland (real rund -39 % seit 2018) und Vorarlberg (rund -17 %) haben über den Gesamtzeitraum inflationsbereinigt verloren.
Auch die Höhe der einzelnen Förderungen spricht bei Kulturinitiativen nicht für einen Wiener Sonderbonus. Der Median der Jahresprogramme liegt in Wien bei 25.000 Euro, gleichauf mit Oberösterreich und etwas über dem Österreich-Schnitt von 21.000 Euro. Den höchsten Median hat Salzburg mit 46.000 Euro, den niedrigsten Niederösterreich mit 8.500 Euro. Bei Projekten liegt Wien mit einem Median von 9.000 Euro nahe beim Österreich-Wert von 8.500 Euro; 47 von insgesamt 163 Projekten entfallen auf Wien.
Die Aussagekraft dieses Teilbereichs ist freilich begrenzt. Dabei gilt es immer zu bedenken: Die 6,80 Millionen Euro, die sich alle Kulturinitiativen für Programme und Projekte teilen, entsprechen nur rund 1,1 % der Kunst- und Kulturausgaben – und etwa einem Dreißigstel der Mittel für die Bundestheater.
Fazit: Keine falschen Verteilungskämpfe
Der hohe Wien-Anteil im Kunst- und Kulturbericht ist real. Wird allein der Sitz geförderter Institutionen und Personen herangezogen, ist die Bundesförderung stark auf Wien konzentriert. Das liegt vor allem an Bundeseinrichtungen, großen Bühnen, der Hauptstadtfunktion und der hohen Dichte an Künstler*innen und Organisationen in der Stadt. Bei den frei vergebenen, regulären Förderungen für Kulturinitiativen zeigt sich dieses Muster dagegen nicht: Wien liegt 2025 pro Kopf ungefähr im Österreich-Schnitt und lag jahrelang unter seinem Bevölkerungsanteil.
Das ist nur ein Ausschnitt und lässt sich nicht auf alle Förderbereiche übertragen. Aber es sollten schon die richtigen Missverhältnisse in den Block genommen, statt um ein immer kleiner werdendes Stück eines schrumpfenden Kuchens zu streiten. Die Linie verläuft nicht zwischen Wien und dem Rest, sondern zwischen gesetzlich und vertraglich stark abgesicherten Großstrukturen, deren Förderungen regelmäßig valorisiert werden, und einer freien Kulturarbeit, deren reguläre Förderungen nicht nur inflationsbedingt real an Wert verlieren, sondern sogar nominal gekürzt werden. Eine Initiative im Mühlviertel gewinnt nichts, wenn einer Initiative in Ottakring Mittel entzogen werden. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Geld für frei vergebene Förderung und dezentrale kulturelle Infrastruktur insgesamt zur Verfügung steht.
Und wenn man schon bei einem größeren Teil des Ganzens ist: 2027 plant der Bund Auszahlungen von rund 128,2 Milliarden Euro; das gesamte Kunst- und Kulturbudget (608,7 Millionen Euro) entspricht damit etwa 0,47 Prozent der Bundesausgaben – von 100 Euro im Bundeshaushalt fließen nicht einmal 50 Cent in Kunst und Kultur.5 Zum Vergleich: Die klimaschädlichen Subventionen des Bundes beziffert das WIFO auf 4,1 bis 5,7 Milliarden Euro pro Jahr, ein Vielfaches des gesamten Kulturbudgets. Allein das Dieselprivileg kostet bis zu 1,1 Milliarden Euro jährlich, rund 160-mal so viel, wie der Bund für die Programme und Projekte sämtlicher Kulturinitiativen in ganz Österreich ausgibt.6Die Frage ist also weniger, ob Geld da ist, als wofür es ausgegeben wird – und das ist eine Frage des politischen Willens, nicht des EU-Defizitverfahrens oder anderer vermeintlicher „Sachzwänge“.
Das Regierungsprogramm hat ausdrücklich die „Stärkung kultureller Infrastruktur in ländlichen und städtischen Räumen und regionaler Kulturinitiativen als kulturelle Nahversorger in den Regionen“ als Ziel.4 Soll dieser Anspruch wirksam werden, braucht es konkrete Förderinstrumente und entsprechende Budgets. Wer dezentrale kulturelle Infrastruktur stärken will, muss dieses Ziel zumindest ausdrücklich in der Förderpraxis verankern oder – viel besser – gesetzlich absichern und für eine angemessene Finanzierung sorgen.
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12 Oktober 2026 / Politik / Anton Limmer, Yvonne GImpel
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