Ein Precarity Office in Wien

Mit dem Precarity Office (auf Österreichisch: Büro für Prekarisierungsangelegenheiten) eröffnen wir einen monatlichen Raum, in dem wir uns gegenseitig über arbeits- und migrationsbezogene Fragen Rat geben, Selbstorganisierungspraktiken diskutieren und entwickeln sowie über die laufenden Krisen reden.

Notizen vom Beginn eines Experiments

Mit dem Precarity Office (auf Österreichisch: Büro für Prekarisierungsangelegenheiten) eröffnen wir einen monatlichen Raum, in dem wir uns gegenseitig über arbeits- und migrationsbezogene Fragen Rat geben, Selbstorganisierungspraktiken diskutieren und entwickeln sowie über die laufenden Krisen reden. Als Lohnabhängige und oftmals MigrantInnen wollen wir einen Raum schaffen, um informell Auskunft zu erhalten und zu geben, uns zu treffen und ins Gespräch zu kommen, uns über unsere politischen Initiativen auszutauschen und diese weiterzudenken. Inspiriert von ähnlichen selbstorganisierten Initiativen in Spanien, Italien und anderswo öffnen wir dieses „Büro“ vorerst einmal im Monat.

Das Precarity Office in Wien entsteht also aus den gegenwärtigen Überschneidungen von Prekarität, Migration und Krise. Die Initiative geht von den gemeinsamen Bedürfnissen und Wünschen lokaler prekärer Leute aus, die oftmals von anderswo, oftmals von hier kommen. In diesem bescheidenen Experiment entsteht eine neue soziale und affektive Zusammensetzung: Die sich ausbreitenden Geografien der Prekarisierung und Migration bringen uns dazu, neue Allianzen und Komplizenschaften zu kreieren. Unsere gemeinsamen Kämpfe um Rechte und das Schaffen kollektiver Handlungsfähigkeit brauchen Netzwerke, die solidarisch-affektiven Widerstand im Alltag verwurzeln. Deshalb organisieren wir uns im Wiener Mikrokosmos der Krise als Raum der Begegnung, Vernetzung und Geselligkeit. Transnationale Solidarität soll hier jenseits von Symboliken und Sprechakten auf andauernden und tiefgreifenden Beziehungen aufbauen.

Hier sind alle herzlich willkommen, die Informationen teilen oder bekommen, einen Tee oder ein Bier in solidarischer Gesellschaft trinken, über ihre prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Erfahrungen von Krise und Migration plaudern wollen – und natürlich auch über gemeinsame Strategien der Veränderung. Unter uns werden viele verschiedene Sprachen gesprochen, wir übersetzen gerne und bemühen uns, einander nützliche Informationen zugänglich zu machen. Hier entsteht ein Netzwerk der wechselseitigen Unterstützung und Zusammenarbeit mit transnationaler Ausrichtung.

Ausgangspunkte

Die Initiative ging ursprünglich von drei Gruppen aus. In den letzten Monaten haben sich zudem einige andere Leute und Gruppen dem Precarity Office angeschlossen. Was diese verbindet, ist ein Wunsch nach einem transversalen Ankerpunkt und meeting point in Wien, wo Beziehungen zu laufenden Kämpfen geschaffen werden können, seien diese in Österreich oder anderen Ländern der Welt lokalisiert. Wir hoffen, dadurch ein paar Koordinaten und Schlüsselpunkte der momentanen europäischen und globalen Situation begreifen und diese direkt in Bezug auf unsere Lebensrealitäten angehen zu können.

Einerseits ist da ein breites Netzwerk spanischer AktivistInnen, die sich rund um die Krise und die ruinöse Politik organisieren, welche die meisten von ihnen nach Österreich getrieben haben. „Wir gehen nicht, wir werden rausgeschmissen“, heißt der Ausgangsslogan von Juventud Sin Futuro (Jugend ohne Zukunft), deren Wiener Pendant im Precarity Office mitorganisiert. Diese Gruppierung, die sich mit dem globalen Emigrantinnennetzwerk Marea Granate überschneidet, bringt viele Energien und Praktiken der 15M-Bewegung mit. Es gibt in den meisten Hauptstädten der Welt lokale Zusammenkünfte von SpanierInnen, die mangels Zukunftsperspektiven aus ihrem Land ausgewandert sind (die Jugendarbeitslosigkeit liegt hier über 50 Prozent; junge Menschen emigrieren massenhaft). Die aus der 15M-Bewegung entstandenen „Oficina Precaria“-Zentren sind hier auch ein starker Inspirations- und Anknüpfungspunkt für uns.

Dann ist da Solidarity4All, ein griechisches Netzwerk selbstorganisierter Initiativen (Solidaritätskliniken, Volksküchen etc.), das infolge der Zerstörung öffentlicher Infrastruktur grundlegende Bedürfnisse abdeckt. In verschiedenen europäischen und globalen Städten entstehen seit dem letzten Jahr lokale Solidarity4All-Gruppen, die auf die griechische Situation aufmerksam machen und Solidaritätsinitiativen in Griechenland unterstützen (ein Teil der Ressourcen kommt von der Syriza Partei). Die extreme Dringlichkeit der Situation in Griechenland ist ein wichtiger Katalysator des Precarity Office, weil hier ein Echoraum für das Erzählen, Diskutieren und Unterstützen gegeben ist.

Last but not least ist da das PrekärCafé, eine Wiener Gruppe, die aus dem EuroMayDay entstanden ist und sich seit Jahren rund um Prekarisierung organisiert, forscht und Diskussionen anregt. Wissensarbeit, Migration und Sorge waren in den letzten Jahren Schwerpunkte der Gruppe. Die Potenziale und Grenzen des Prekaritätsbegriffs sind hier verschiedenst aufgearbeitet worden, nicht zuletzt in Bezug zu lokalen Kämpfen, Netzwerken und Institutionen. So spielt das PrekärCafé eine wichtige Rolle beim Vermitteln von rechtlichem Wissen, von Vernetzungen und von „indigenem Wissen“ zur Wiener und österreichischen Landschaft. Und natürlich stammt aus den Erfahrungen des EuroMayDay auch das Wissen um die Punti San Precario in Italien, von denen als selbstorganisierte Beratungsräume gelernt werden kann.

Uns geht es momentan um drei Ebenen: einerseits um eine Plattform, auf der arbeits- und migrationsbezogene Rechte in einem kollektiven und politisierenden Umfeld angesprochen werden können; wo wir Infos teilen und einander gegebenenfalls zu Gruppen, Kampagnen und Organisationen weitervermitteln können. (Wir sind keine RechtsexpertInnen und wollen auch nicht geförderte NGOs und öffentliche Institutionen ersetzen.) Andererseits schaffen wir einen freundlichen Raum, in dem wir uns treffen, austauschen und gegenseitig unterstützen können, um uns zu orientieren, zu organisieren und zu vernetzen. Drittens wollen wir die europäische und erweiterte globale Situation ansprechen und gemeinsame soziale Kämpfe und Lebensformen ergründen und weiterentwickeln.

Alte und neue Rechte, Kartografien der Veränderung

Der laufende Abbau von sozialen sowie arbeits- und migrationsbezogenen Rechten stellt den Hintergrund für unser gemeinsames Erforschen und Verteidigen von existierenden Rechten dar. Wissend, dass Rechte immer das Produkt von Kämpfen sind, wollen wir im Precarity Office eine Art Kartografie der verschiedenen Angriffe auf Rechte sowie Verteidigungskämpfe erarbeiten. Europa ist ein Rahmen, in dem sich das momentan anbietet. Der einfache Grundgestus, auf dem das Office basiert, nämlich gegenseitige Beratung und Vermittlung – oft in Bezug auf Rechte –, geht einher mit einer Kultur des Berichtens, Erzählens und Zuhörens. Hier wird gemeinsames Wissen und Verständnis entwickelt – über gemeinsames Kochen, Plaudern, Präsentieren usw.

Welche Forderungen und Perspektiven können wir in diesem Moment der Krise gemeinsam vorschlagen – besonders wenn es um Arbeit und Mobilität geht? Wie können wir über Grenzen hinweg für soziale Rechte kämpfen? Diese Fragen blubbern im Hintergrund wenn wir uns treffen – ob wir nun Karotten schälen, Bier ausschenken oder diskutieren. Es geht hier um die Voraussetzungen, unter denen wir diese Fragen überhaupt sinnvoll stellen können, über lokale Kontexte hinweg. Da wird es wohl singuläre Ansätze geben müssen, die den Lebenswelten der involvierten Personen entsprechen.

Auf jeden Fall scheint klar, dass wir jenseits des Sozial- und Nationalstaats neue und inklusivere Formen der Verteilung erfinden müssen. Dieses Dilemma rund um Rechte und Sozialleistungen ist typisch für das zeitgenössische Europa: Die EU hat nicht nur Hegemonie, sondern auch einige neue Rechte sowie einige offene Grenzen und neue transnationale soziale und kulturelle Netzwerke mit sich gebracht. Gegenüber „Europa“ empfinden wir eine starke Ambivalenz, über die wir uns weder mit Nichtssagen noch mit In-die-Ferne-Schauen hinwegsetzen werden können, geschweige denn mit einer Flucht ins Hyperlokale oder in den Nationalismus. Wenn wir das Soziale vom Hegemonialen trennen wollen in diesem monströsen Gebiet namens Europa oder EU, müssen wir davon ausgehen, dass dieses Gebiet ein Produkt von Planung und Management, aber auch von Kämpfen ist, und uns innerhalb dessen neu orientieren.

Die Möglichkeiten des relativ leichten kontinentalen Reisens, Arbeitens und Kommunizierens sind schließlich auch das, was uns hier in Wien zusammenbringt. Österreich ist eine Seifenblase des Reichtums und der Arbeit ebenso wie eine zentrale Schaltstelle, durch die europäisches und globales Kapital nach Osten fließt. Hier sind wir gelandet oder geblieben. Die Komposition der Leute, die zum monatlichen Precarity Office kommen, spiegelt das Auseinanderrutschen Europas in Süd und Nord bzw. Zentrum und Peripherie wider. Südeuropa ist natürlich ein großes Thema, und langsam entwickeln sich auch Beziehungen Richtung Osten. Wir wollen zusammenarbeiten, nicht nur Solidarität ausrufen und hitzig mobilisieren: So wie verschiedene experimentelle psychiatrische Anstalten mit Formen des kollektiven Tuns weit gekommen sind (zum Beispiel die Clinique de la Borde mit einem rotativen System, in dem sich ÄrztInnen und PatientInnen das Kochen, Putzen oder Medikamente-Verabreichen teilten), so können wir ruinösen EuropäerInnen vielleicht auch beim Organisieren eines gemeinsamen Raums ansetzen; bei einer regulären Praxis, durch die sich die mächtigen Widersprüche der Globalisierung und des Empire anders auftun, gezeichnet von freudiger Begegnung und kollektiver Sensibilität.

In dem Kontext könnte man hier auch vom Schaffen gemeinsamer transnationaler Institutionen sprechen, die sich lokalen Situationen und Bedürfnissen widmen und so die multiple Krise in Europa gewissermaßen umdeuten. Solche Experimente bringen einen Blick auf verschiedene Rekompositionen von Klasse und Herkunft mit sich. In unserem Fall unter anderem die Übersetzungen zwischen einem Land mit solider Mittelklasse (Österreich) und anderen Ländern, in denen es die Mittelklasse so nie gegeben hat oder in denen sie zerstört wurde, sowie auch die neuen Formen der Stereotypisierung und Xenophobie, die das rechtslastige Schnüren von Sparpaketen und das Missbrauchen von Migrationsthemen mit sich bringen. Wir versuchen, den unterschiedlichen Geschwindigkeiten neoliberaler Reform und Finanzialisierung nachzugehen und zu durchschauen, was angrenzende Geschichten der Privatisierung und Schuldenpolitik damit zu tun haben, wie zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien oder in Afrika. Schließlich ist es unmöglich, unsere jeweiligen Kämpfe und Forderungen abseits von sozialen, geopolitischen und wirtschaftlichen Fragen zu positionieren. In Anbetracht der unheimlichen Stille, in der Krisen an Österreich vermeintlich vorbeiziehen, fragen wir uns: Wie können wir uns in hier situieren, wie heterogene Situationen denken und transportieren?

Unser Ausgangspunkt ist also ein gemeinsames „Büro“ als eine clinic, eine Praxis, eine Werkzeugkiste, eine Basis, eine Adresse, ein Raum für Zusammenarbeit. Das Precarity Office ist jeden ersten Dienstag im Monat ab 18 Uhr offen, es gibt Essen und Trinken und meist auch Veranstaltungen oder Workshops.

Link

www.precarityoffice.wordpress.com

Manuela Zechner ist im Precarity Office sowie zwischen Forschung, Kultur und Pädagogik tätig.

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