Das Museum am Bach - Kulturarbeit in Kärnten

Wir sammeln soziale Modelle der Kunst und damit Alternativen zu den bestehenden Gesellschaftssystemen.
Alex Samyi im Gespräch mit der IG Kultur Österreich

Kulturarbeit in Kärnten – Das Museum am Bach


IG Kultur: Nach einer langen Phase der FPÖ/BZÖ-Landesführung und dem Finanzdesaster rund um die Hypo-Bank gibt es seit 2013 eine Regierung von SPÖ, ÖVP und Grünen. Inwiefern haben die politischen Verschiebungen das gesellschaftliche Klima verändert?

Alex Samyi: An den Theken herrscht immer noch der Populismus beziehungsweise ein gewisses bequemes Desinteresse an der Wahrheit. Die Dreierkoalition ist als solche kaum wirksam. Niemand kann sich sicher sein, dass seine Interessen gut vertreten sind.

IG Kultur: Ist trotz Schuldendruck und Einsparungsprogrammen ein Neubeginn hinsichtlich ökonomischer und ideologischer Aspekte spürbar und möglich?


Alex Samyi: Es scheint einen schwachen Optimismus hinsichtlich der ökonomischen Potenziale zu geben, aber sobald es um ein konkretes Projekt geht, erkennt man die eigentliche Lage Kärntens: top vielleicht bei den neuen Technologien, aber weit hinten in den Bereichen Bildung und Kultur. Da wäre die freie Szene gefordert. Sie bräuchte nur etwas mehr Ideen und Kraft – und politische Unterstützung.
Für die Ideologien, wie sie einmal waren, sehe ich kaum noch eine Zukunft. Für die BürgerInnen-Beteiligung schon. Es wird nur notwendig sein, dass irgendeine Gemeinde den Anfang macht und dann muss etwas herauskommen dabei.


IG Kultur: Siehst du Veränderungen bei den Beschäftigungsverhältnissen im Kulturbereich? Steigt der Anteil ehrenamtlicher Arbeit oder gibt es auch die Möglichkeit, Voll- und Teilzeit-Stellen zu schaffen?

Alex Samyi: Es tut sich etwas. Zwei, drei Stellen konnten bereits ausgeschrieben werden. Aber das Bekenntnis der Politik, in Jobs im Kulturbereich investieren zu wollen, geht nicht mit der Überzeugung einher, dass gerade diese ein Gewinn für alle werden könnten. Die Belohnung für jahrzehntelange Selbstausbeutung ist traditionellerweise ein Ehrenzeichen in Silber oder Gold. Das hat etwas von k.u.k. und ist nicht gerade zukunftsträchtig. Da sollten auch die Vielen, die meinen, sich über das Erträgliche hinaus ehrenamtlich für die Kultur aufopfern zu müssen, umdenken. Es geht auch anders.

IG Kultur: Verstärken sich hinsichtlich der Arbeitsbedingungen im kulturellen Feld eher konkurrenzorientierte oder solidarische Handlungsformen?

Alex Samyi: Solidarität als prinzipielle Bereitschaft zur Kooperation ist eine menschliche Anlage. Doch stellt sich die Gesellschaft heute eher als loser Haufen mit diversen unverbindlichen Verstrickungen dar. Da braucht es keinen organischen Bezug zum Ganzen. Da gilt es, die Ellbogen auszufahren und sich durchzukämpfen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Vielen ist das schon klar geworden. Die angesprochenen solidarischen Handlungsformen wären da wahrscheinlich der einzig richtige Ausweg. Auch hier sehe ich wieder die Initiativen gefragt. Konkurrenz ist nicht mehr so das Thema.


IG Kultur: Um Auswege geht es ja auch in der Kulturinitiative, die du leitest.
 

Alex Samyi: Ja, das Museum am Bach (MAB) in Ruden, Kärnten, sammelt soziale Modelle der Kunst und damit Alternativen zu den bestehenden Gesellschaftssystemen. Jährlich wechselnde Sonderausstellungen eröffnen mit ihren jeweils an die 30 zeitgenössischen künstlerischen Positionen immer neue Zugänge zu einem Wissensbereich, der von Missverständnissen, Ideologiestreit und Rückschritten überlagert ist. Die Mission ist, ein neuartig ganzheitliches, dem globalen Zeitalter angemessenes Bewusstsein der Gesellschaft herzustellen.

Das MAB ist eine Kulturinitiative und ein neuer Typus Museum, der sich auf einen Bereich der politischen Kunst spezialisiert hat, der erst seit der „documenta5“ 1972 entsprechende Anerkennung findet. Schon um 1900 haben KünstlerInnen begonnen, im Widerstand zu den herrschenden autoritären und konservativen Verhältnissen neue Formen des Zusammenlebens zu entwerfen. Der Fokus der Sammlungstätigkeit des MAB liegt auf dem Erforschen und Nachzeichnen dieser Gesellschaftsalternativen.

Zur Gründung des MAB im Sommer 2014 hat sich eine Handvoll Kulturschaffende und MuseologInnen zusammengetan, die schon seit mehr als zwei Jahrzehnten überzeugt sind, dass das Museum der Zukunft ein partizipatives sein wird, das nicht nur für, sondern mit den BesucherInnen gestaltet wird.

In diesem Zusammenhang ist auch das Herzstück der Sammlung zu sehen: das von den Bahai[i] inspirierte Modell der „United Communities“, provokant auch „Weltherrschaft der Gemeinden“ genannt, mit den Museen als neue politische Zentren. Das übergeordnete Bezugssystem dieses Modells ist die Gesamtgesellschaft, die sozialen Belange werden aber bei monatlichen BürgerInnenversammlungen direkt in den Gemeinden/Communities verhandelt, wo einmal jährlich auch frei gewählt werden kann, wobei die Wahl des fünf-, sieben- oder neunköpfigen Rates ohne Kandidatur erfolgt. Eine Gemeinde besteht aus maximal 500 Personen. Über Delegierte und Delegiertenversammlungen werden von unten nach oben, also von derselben Basis aus, auch nationale wie supranationale Räte gewählt. Auch radikalere Modelle wie das hierarchiefreie „Rhizom“ oder andere anarchistische Konzepte werden Gegenstand noch in Vorbereitung befindlicher Artists in Residence Programme sein: Vier Wochen lang arbeiten Kunstschaffende und WissenschafterInnen gemeinsam an einer Mindmap bzw. einem Modell für die Sammlung. Gewohnt wird auf 120m2 im Dach des Museums.

2014 bei der Ausstellung „Slow! Erster Weltkrieg Dada“ sind einige der dem MAB mittlerweile schon lange verbundenen Medienkünstler wie Peter Moosgaard, Herwig Steiner oder Friedrich Zorn bei ihren Arbeiten davon ausgegangen, dass der eigentlich notwendige gesellschaftliche Wandel bis heute noch nicht wirklich stattgefunden hat. Sie zeigen, wo die Gesellschaft steht, quasi den aktuellen Spielstand, wenn man denn das Leben und Zusammenleben auf ein Spiel reduzieren möchte. Es braucht vielleicht diese Metaebene, um die Systeme nicht bloß nach ihren Wirkungen, sondern auch in ihren Ordnungen zu begreifen.

IG Kultur: An welchem Projekt arbeitet ihr zurzeit?

 

Alex Samyi: Die Innen- und Außenwirkung von Spielen, Ritualen und Festen ist das Thema der aktuellen Sonderausstellung „Games & Circles“, die in der ehemaligen Mühle und Bäckerei noch bis 26. Oktober 2017 läuft und wie bereits gewohnt neben zeitgenössischer Medienkunst auch ein wenig Zeichnung und Malerei zu bieten hat: gleich hinterm Eingang die vier Meter langen Wasserspiele des Kärntner Künstlers Markus Orsini-Rosenberg oder im zweiten Stock eine in gemalte Kreise übersetzte World Beyond der New Yorker Künstlerin Vera Lambert Kaplan. Zum hohen Anteil kunstschaffender Frauen in der Ausstellung gehören noch Zenita Komad, Martha Laschkolnig, Marie Lenoble, Burgi Maierhofer, Magga Ploder, Rine Rodin Flyckt, Evelin Stermitz, Anna Vasof, Dolores XT.
An die 30 KünstlerInnen haben auch schon 2016 die Ausstellung „Schöne Operation“ und 2015 die Ausstellung „Von Oben“ mitgestaltet. Im Gegensatz zu den Modellen der Sammlung handelt es sich bei den Sonderausstellungsbeiträgen niemals um Lösungsangebote, manchmal um Andeutungen. Besonders heuer wird einfach nur gespielt, mit gesellschaftlichen Phänomenen sowie mit Strategien, eben diese zu hinterfragen.

IG Kultur: Wie geht ihr denn als Projektbetreiber mit diesen möglichen Modellen um? Findet ihr hier auch für euch selbst Lösungsansätze?

 

Alex Samyi: Eine Strategie, die das MAB schon in der Gründungsphase überzeugt hat, wäre, selbst, nämlich mit der eigenen Organisation ein Beispiel dafür zu geben, wie leicht es doch ist, Spielregeln zu ändern und neue Systeme auszuprobieren.

Ein Hindernis war nur der Umstand, dass schnell irgendwelche Statuten her mussten und das Team des MAB noch kein eingespieltes Team war, um diese Mission zu verwirklichen. Das, was in Österreich auch in vielen anderen Vereinen, Initiativen und vor allem den großen Museen und Theaterhäusern für veraltete Strukturen sorgt, konkret also zurück in die k.u.k.-Zeit blicken lässt, selbst wenn die Belegschaften nach außen hin oft revolutionär und frei erscheinen, hat mit mangelndem Interesse daran zu tun, wie Gesellschaft genau funktioniert. Nach vier Jahren sind sich noch nicht einmal die fleißig forschenden Mitglieder des MAB sicher, ob sie der gegenwärtigen Komplexität und Dynamik der Gesellschaft gerecht werden. Lässt sich Gesellschaft heute noch nach einem Modell verstehen?

Das MAB will aus den vielen Routen, die bereits genommen wurden, eine Landkarte erstellen, die zeigt, wie viele Lösungen es schon gegeben hat und gibt. Es soll das ganze Potenzial der Möglichkeiten sichtbar werden, dann erst kann eine grobe Einschätzung getroffen werden, wohin es gehen soll.

Wie groß diese Mission ist, zeigen erst die Zusammenhänge jenseits der Ideologien. Während die Vision von den Vereinten Gemeinden der Welt mit den Museen als neue politische Zentren bereits zum Maßstab wird, gestaltet sich die eigentliche Sammlungsrecherche immer komplizierter. Von Ernst Bloch bis zurück zu Aristoteles haben sich die KünstlerInnen der Moderne wie der Gegenwart eben nicht nur von den ganz großen DenkerInnen beeinflussen lassen.

Erstaunlich aber zugleich auch logisch, dass die meisten Modelle für den Frieden von den Religionen ausgehen, die gerne mit Konservatismus, Fanatismus und allzu strenger Machtausübung assoziiert werden. Zenita Komad, eine der erfolgreichsten Künstlerinnen Österreichs unter 40, hat sich in den letzten Jahren einem kabbalistischen Thema gewidmet. Ihr „CircleXperiment“ ist ein 10er-Sitzkreis, der versucht, das Wir in seiner ganzen Vielfalt als neuen spirituellen Wert zu definieren.

Zenita Komad sollte heuer zur „Ruden Live Art“, einem biennal stattfindenden Festival des MAB eingeladen werden, doch sind wegen der schon wieder verzögerten Förderzusagen des Landes Kärnten für die freie Szene – nachdem das Jahr der Freien Initiativen 2016 vergangen ist – immer noch keine Verträge möglich. Die „Ruden Live Art“ von 27. bis 30. Juli bleibt dennoch ein Fixtermin. Unter anderem mit dem „Duo Nuleinn“ aus Dänemark, die am 29. Juli einen Familienlauf durch Ruden anführen werden, nämlich durch die Wohnungen, Büros, Ställe, das Amt, die Schule und die Kirche von Ruden. Weitere Highlights sind das Lippitzbacher Forellenfest und der Carinthische Sommer mit dem Ensemble Blechreiz.

Schon 2015 war die „Ruden Live Art“ ein Fest für die Gegenwartskunst, das mit den NachbarInnen gefeiert wird. Das heimatkundlich sammelnde Komitee Lippitzbach zum Beispiel, das sich um den Erhalt der alten Draubrücke und der Grabkapelle des Grafen und der Gräfin von Egger bemüht. Nur einen Kilometer unterhalb des MAB wurde das erste Blech-Walzwerk Europas betrieben.

 

Die Gemeinde Ruden ist mit ihren Sachleistungen und der persönlichen Unterstützung ihres Bürgermeisters, Amtsleiters und der übrigen MitarbeiterInnen ein wichtiger Partner der Initiative Museum am Bach. Vielleicht wird Ruden einmal die erste Gemeinde der United Communities.

IG Kultur: Vielen Dank für das Gespräch.

Wir
sammeln soziale Modelle der Kunst und damit Alternativen zu den bestehenden Gesellschaftssystemen 
 

Alex Samyi ist Künstler, Szenograf und Museologe sowie Geschäftsführer der IG KIKK (Interessensgemeinschaft der Kulturinitiativen in Kärnten)

 

 

[i] Das Bahaitum ist eine weltweit verbreitete monotheistische Religion, die ihren Ursprung im Iran hat und rund 8 Millionen AnhängerInnen zählt.




 

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