Kulturarbeit ist eine bedeutsame Soft Power – vor allem für marginalisierte Communitys und vulnerable Positionen. Denn in einer Gesellschaft, die von den starren Vorstellungen bezüglich „Vaterland“ und „Muttersprache“ geprägt ist, bleiben Minderheiten oftmals nur die Aktionsräume Kunst und Kultur, um ihre Bedürfnisse, Emotionen und Forderungen artikulieren zu können.
In einer Gesellschaft, die von den starren Vorstellungen bezüglich „Vaterland“ und „Muttersprache“ geprägt ist, bleiben Minderheiten oftmals nur die Aktionsräume Kunst und Kultur.
Kulturelle und künstlerische Arbeit wird hierbei zur aktivistischen, widerständigen Strategie, welche auf ein befreites Leben aller Menschen hinarbeitet. Diese Strategien beinhalten jedoch immer auch eine Problematisierung des Kunst- und Kulturbetriebs selbst. Denn auch dieser ist kein luftleerer Raum, sondern wurde entlang der Vorstellungen der Mächtigen geformt. So müssen Minderheiten Taktiken entwickeln, die Zucker in den Tank der nationalistischen, heteronormativen, patriarchalen, ableistischen, weißen[1] K&K[2]-Maschinerie schleusen und diese so zum Stottern bringen. Darum queeren sie den Kanon, übersetzen den Text, wechseln die Linse. Widerständige Kulturpraxis erschafft Momente der Irritation, des Stolperns und dadurch Raum für Anderes, Verborgenes, Neues.
Kultur als subversive Praxis, Kunst als Widerstand sind jedoch keine neuen Erfindungen. Auf umfassende Weise zeigt das die Wanderausstellung „Partizan*ke Art“, welche Ende 2025 im kärnten.museum Station machte. Kuratiert wurde sie vom gleichnamigen Kollektiv (bestehend aus Elena Messner, Brigita Malenica, Julia Stolba, Sabina Ferhadbegović und Goran Lazičić) und machte mit über 30 internationalen künstlerischen Beiträ gen den Widerstand von Frauen* gegen Nationalsozialismus und Faschismus in Kärnten/Koroška und dem ehemaligen Jugoslawien sichtbar.[3]

© Kolektiv štih iz leve
Der weibliche Widerstand war ein wichtiger Bestandteil der Befreiungsbewegung und jugoslawische und kärntner-Slowenische Frauen* waren in ihm ungewöhnlich stark vertreten. Sie verrichteten wichtige Hilfsarbeiten, beteiligten sich mit der Waffe am Kampf und/oder trugen künstlerisch zur Befreiung bei. Die eigene künstlerische und kulturelle Tätigkeit war eine prägende Erfahrung für viele Partisan*innen – und sie nahm verschiedenste Formen an. Künstlerischer Widerstand wurde gemalt, gesungen, gedichtet, getanzt, gespielt, gelehrt, geschrieben, gebaut, gedruckt, gefilmt und fotografiert. Die Kuratorin Elena Messner beschreibt die Funktionen der Partisan*innenkunst folgendermaßen: Je nach Medium war die Kunst des Widerstands zugleich ein Mittel zum Erwerb von Alphabetisierung, eine Quelle politischer Bildung (Antifaschismus und Antirassismus), ein Instrument sozialer Emanzipation und Transformation sowie ein Medium zur Auseinandersetzung mit den metaphysischen Fragen der menschlichen Existenz.[4]
Die Partisan*innen waren Bäuer*innen, Mägde, aber auch Mitglieder der Kunst Avantgarde – es verbanden sie der Kampf gegen den Faschismus und Nazismus sowie der Drang nach Emanzipation.[5] Ihre Kunst mobilisierte, war utopisch, überlebenswichtig und strebte dem Frieden entgegen.
In Kärnten/Koroška entwickelte sich die Partisan*innenkunst vor allem in der slowenischen Volksgruppe weiter. Um die erlebte NS-Gewalt[6], die Verdrängung der Widerstandserinnerungen aus dem öffentlichen Diskurs und die vermehrte Diffamierung der Partisan*innen zu verarbeiten, entwickelte die Volksgruppe eine kulturelle und künstlerische Gegenbewegung. In Form von Erinnerungsliteratur, Denkmälern, bildender Kunst, Poesie, Theater usw. wurde die Geschichte dem Vergessen enthoben und der Zusammenhalt der Volksgruppe gestärkt. Messner ergänzt: In beiden Kulturräumen [ehemaliges Jugoslawien und Kärnten/ Koroška] diente diese Kunstform als Raum für eine alternative Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand, indem sie von zeitgenössischen Künstler*innen und Kulturaktivist*innen nachgestellt, neu angeeignet und rekonstruiert wurde.[7]
Durch diese künstlerische und kulturelle Praxis verfestigte sich auch das von den Partisan*innen praktizierte Verständnis von „Kunst und Kultur als Widerstand“ in der Minderheit. Auch nach dem Krieg wurde somit die Kulturarbeit zur Überlebensstrategie der Volksgruppe.
Für die slowenische Volksgruppe in Kärnten/Koroška waren kulturelle Räume von jeher Orte der Vernetzung, Politisierung und Bewusstseinsstärkung. Die Kärntner Slowen*innen haben seit dem 19. Jahrhundert starke Vereinsstrukturen aufgebaut[8], welche sowohl die urbanen Zentren als auch den ländlichen Raum miteinander vernetzen. Durch die erfolgreiche Assimilationspolitik der letzten Jahrzehnte und die Folgen der NS-Gewalt gegen die Minderheit, ist ein stetiger Schwund der Volksgruppenstärke zu verzeichnen[9]. Dadurch wurden Vereinsräume und -veranstaltungen zu Inseln, welche die Nutzung der slowenischen Sprache, die Pflege der Minderheitenkultur sowie die Weitergabe marginalisierten Wissens ermöglichen. Kulturelle Produkte, die aus diesen Strukturen kamen, konnten trotz einer teilweise stark minderheitenfeindlichen Umgebung im öffentlichen Raum präsentiert werden. Darum entwickelte sich ab dem Jahre 1975 vor allem das kärntner-slowenische Puppentheater zu einer kulturell-essenziellen Strategie, durch welche Jugendliche in die Vereinsarbeit eingeführt, ein kulturelles Angebot für Kinder in ihrer Erstsprache geschaffen und die slowenische Sprache in der Öffentlichkeit hörbar gemacht werden konnten. Ab den 1980er Jahren behandelte das Puppentheater auch zunehmend aktuelle, gesellschaftspolitische Themen und wurde vor allem für Studierende ein Werkzeug des Aktivismus.[10] Bis heute sind das kärntner-Slowenische Puppentheater, minderheitenpolitische Fragen sowie Volksgruppenaktivismus intrinsisch miteinander verwoben: Sowohl auf der Bühne als auch im Demo-Zug.
Dass antifaschistische Kulturarbeit meist in Kollektiven, Gruppen oder Vereinen durchgeführt wird, ist darin begründet, dass so Widerstandszellen gebildet, nachhaltige Bildungs- und Kulturangebote bereitgestellt und der öffentliche Raum sowohl symbolisch als auch physisch besetzt werden können. Vor allem in ländlichen Gebieten, welche z.B. in Kärnten/Koroška stark von einer Rechtsaußen-Politik geprägt sind[11], sind Kulturvereine oftmals die letzte antifaschistische Bastion im Dorf. Der Container 25 in Hattendorf bei Wolfsberg/Volšperk, welcher sich intensiv mit der Geschichte der Gewalt im Lavanttal auseinandersetzt, oder der queerfeministische Verein GemSe, welcher einen alten Landgasthof in Nötsch/Čajna bespielt, sind nur zwei Beispiele gelebter, antifaschistischer Kulturarbeit.
Antifaschistische Kulturarbeit wird etablierten Strukturen gefährlich, da sie ihre Definitionsmacht hinterfragt. Ihr Beharren auf Mehrperspektivität und Egalität, ihr machtkritischer Ansatz, ihre kollektive Form – all dies arbeitet aktiv gegen ungerechte Verhältnisse, von denen nur eine privilegierte Elite profitiert. Ironischerweise sind es vor allem deutschnationale und rechtsextreme Kräfte, die das Potenzial, welches von antifaschistischer Kulturarbeit ausgeht, spüren und darauf reagieren: Und zwar mit der Razzia gegen das antifaschistische Bildungscamp am Peršmanhof, mit der medialen und parlamentarischen Kampagne der FPÖ gegen antifaschistische NGOs oder mit dem Angriff auf die Ausstellung „Partizan*ke Art“[12].
[Es] braucht […] Kunstformen, die daran erinnern, dass der antifaschistische Kampf um Würde, Lebensfreude, Frieden, oder Gleichheit ja schon mal gewonnen wurde, und dass man den destruktiven Kräften etwas entgegensetzen kann.
Doch widerständige Kulturpraxis und Partisan*innenkunst können die scheinbare Übermacht der rechten Hass- und Hetznarrative brechen. Sie können eine in die Apathie getriebene Gesellschaft motivieren und mobilisieren. [Es] braucht […] Kunstformen, die daran erinnern, dass der antifaschistische Kampf um Würde, Lebensfreude, Frieden, oder Gleichheit ja schon mal gewonnen wurde, und dass man den destruktiven Kräften etwas entgegensetzen kann, meint Elena Messner[13].
Denn letztendlich sind antifaschistische Kunst und Kultur eine Bejahung des Lebens – Form und Werkzeug eines befreiten Lebens für alle.
Die Kärntner Slowenin Ana Grilc ist Schriftstellerin, freie Journalistin und Puppentheaterregisseurin.
Coverbild: Demonstration „Manjšinski Štrajk“ des Klubs slovenskih študentk*študentov na Dunaju / Klub slowenischer Studierender in Wien (KSŠŠD) und des Hrvatski akademski klub / Kroatischer akademischer Klub (HAK), 15.05.2025. © Grilic / štih iz leve
1 Im Text wird, nach dem Vorbild der Kritischen Weißseinsforschung, weiß kursiv und Schwarz mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben, um auf den Status der Bezeichnungen als soziales Konstrukt hinzuweisen.
2 Natürlich Kunst und Kultur.
3 Partizan*ke Art. ‚Die Kunst des weiblichen Widerstands in Jugoslawien und Kärnten‘. Kollektiv Partizan*ke Art. URL: partizanke-art.jimdosite.com/ (Abruf: 15.01.2026).
4 Korrespondenz mit Elena Messner, 26. 01. 2026.
5 Grilc, Ana: ‚Ženske so bile v raziskavah odpora predolgo marginalizirane‘. In: Novice. www.novice.at/intervju/zenske-so-bile-v-raziskavah-odpora-pre-dolgo-mar…(Abruf: 15.01. 2026).
6 Im April 1942 wurden nach jahrelangen Repressionen gegen die Volksgruppe rund 1000 Kärntner Slowen:innen als „Volks- und Staatfeinde“ ins Sammellager in Ebenthal/Žrelec getrieben. 917 von ihnen wurden dann weiter in Arbeits- und Konzentrationslager ins Deutsche Reich deportiert. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes: ‚Die Deportation der Kärntner Slowen:innen‘. URL: www.ausstellung.de.doew.at/b168.html (Abruf: 17. 01.2026).
7 Korrespondenz mit Elena Messner, 26.01. 2026.
8 Klemenčič, Matjaž und Vladimir Klemenčič (2010): ‚Die Kärntner Slowenen und die Zweite Republik. Zwischen Assimilierungsdruck und dem Einsatz für die Umsetzung der Minderheitenrechte‘. Klagenfurt/Celovec – Ljubljana/Laibach – Wien/Dunaj.
9 Bei der Volkszählung im Jahre 1951 gaben rund 42.000 Personen Slowenisch als Umgangssprache an. Im Jahr 2001 waren es nur noch rund 14.000 Kärntner:innen. Österreichisches Volksgruppenzentrum (1997): ‚Volksgruppenreport 1997‘. Wien/Dunaj – Klagenfurt/Celovec, S. 18.; Statistik Austria (2001): ‚Volkszählung 2001. Hauptergebnisse I – Kärnten‘. Bundesanstalt Statistik Österreich. URL: www.statistik.at/fileadmin/publications/Volkszaehlung_2001__Hauptergebn… (Abruf: 18.01.2026). Diese Daten sind nur zur Veranschaulichung gedacht. Volkszählungen als Erhebungsinstrument sind kritisch zu betrachten, da sie oft gegen Minderheiten instrumentalisiert wurden (z.B. während der NS-Zeit) und/oder problematisch in ihrer Formulierung sind (z.B. durch die Trennung der (konstruierten) Kategorie windisch und der Sprachkategorie slowenisch).
10 Verflechtungen von Kirche, Volksgruppenbewusstsein und Aktivismus in der kärntner-slowenischen Kulturarbeit der 1980er Jahre am Beispiel des Puppentheaterstückes „Božanska komedija“. Grilc, Ana (2024): ‚S strahom božjim žal navzkriž / Leider wider die göttliche Angst‘. Wien/Dunaj
11 Wobei anzumerken ist, dass bei den Nationalratswahlen 2024 die FPÖ in allen Wahlbezirken Kärnten/Koroškas die meisten Stimmen bekam. Bundesministerium für Inneres (2024): ‚Nationalratswahlen 2024. Kärnten‘. www.bundeswahlen.gv.at/2024/nr/2.html (Abruf: 26.01. 2026).
12 In der Nacht vom 13. auf den 14. November 2025 wurde die Installation des Künstler*innenduos zweintopf vor dem kärnten.museum vandalisiert. Über dem Stein wurde ein Transparent mit der Aufschrift „Die Kunst der Partisanen ist der Mord!“ angebracht. Zu dieser Zeit wurde in den Räumlichkeiten des Museums gerade die Ausstellung „Partizan*ke Art“ gezeigt. Redaktion Novice (2025): ‚Deželni muzej: Napad na spominski kamen‘. In: Novice. www.novice.at/politika/dezelni-muzej-napad-na-spominski-kamen/ (Abruf: 26.01.2026).
13 Korrespondenz mit Elena Messner, 26.01.2026.
Dieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026 "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen.
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