Geld ist politisch. Wer Zugang zu Finanzierung hat und wer nicht, entscheidet darüber, welche Ideen sich verwirklichen lassen und welche scheitern, bevor sie begonnen haben. Utopische Orte wie die GemSe im Kärntner Gailtal/Zila zeigen, dass es auch anders geht: Direktkredite, solidarische Netzwerke und kollektive Eigenverantwortung stehen Förderabhängigkeit, Bankschulden und Risikoprüfungen gegenüber. Dieser Artikel fragt, wie wir uns auch in puncto Geld solidarisch organisieren können – und wie eine echte Demokratisierung von Finanzen aussehen könnte.
Das Gemsiversum: Utopreality
Die GemSe ist ein nun bereits 4 Jahre altes Projekt. Mittlerweile besteht es aus mehreren Häusern im Dorf Wertschach/Dvorče, im Gailtal/Zila. Eine Region in Kärnten/Koroška, die von starker Abwanderung betroffen ist. Wir haben dort ein altes Landgasthaus samt dazugehöriger Villa im Wörthersee-Stil gekauft, unlängst auch das Nachbarhaus, das sich nun Murmeltierbau nennt. Ziel war es, einen möglichst diskriminierungsarmen Ort zu schaffen, an dem marginalisierte Gruppen und von Diskriminierung betroffene Menschen mal ausspannen können. Geworden ist daraus viel mehr. Es ist ein Ort, an dem Kulturveranstaltungen stattfinden, lokale Kirchtage gefeiert und diverse Workshops und Feste veranstaltet werden. Ein Zentrum queerfeministischen Lebens. Antifaschistisch und radikal zärtlich.
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Zugang zu Geld und Ressourcen
„Lieber 100 Friends im Rücken als eine Bank im Nacken.“ Unter diesem Leitspruch kaufte eine kleine Gruppe von Leuten den alten Landgasthof mit dazugehörigem Grund und Gebäuden – als Verein GemSe. Eigenkapital war keines vorhanden. Dafür ein großes Netzwerk verbündeter und befreundeter Menschen, denen das Projekt sofort am Herzen lag.
DIREKTKREDITE
Direktkredite sind kleine Kredite mit einfachen Verträgen zwischen Projekten und Unterstützer*innen. Geregelt im Alternativfinanzierungsgesetz. Wichtige Punkte bei Direktkrediten: Einfacher Vertrag, Zinsen meist 0-2 Prozent, wenig Bürokratie, kombinierbar mit Bankkrediten (als Eigenmittel), flexibel im Finanzierungsvolumen.
Krötenwanderung: Eine junge Plattform, die Initiativen und Kreditgebende vernetzt, damit Direktkredite dort ankommen, wo sie gerade dringend gebraucht werden, um Räume „freizukaufen“. www.kroetenwanderung.at
habiTAT: Nutzt das Modell des Mietshäuser Syndikats. Nachrangdarlehen helfen bei der Finanzierung; Mieten fließen in Erhalt, Kreditrückzahlung und einen Solidartopf. Die Räume bleiben entkommodifiziert und leistbar. www.habitat.servus.at
Der Verein startete eine Direktkreditkampagne im Herbst 2021 und innerhalb dreier Monate war die Summe von 400.000 Euro durch die Unterstützung von Friends und Verbündeten am Konto eingelangt. Gleich darauf stiegen weitere 30 Personen im Rahmen von Zukunftswerkstätten in die Organisation mit ein. Das Gemsiversum. Wertsteigernde Maßnahmen werden auch weiterhin mittels Direktkrediten finanziert. Das dahinterstehende Prinzip lautet für die GemSe nicht Entschuldung, sondern Umschuldung.
Warum? Weil es viel Geld gibt, das in Österreich auf Bankkonten liegt. Ca. 700 Milliarden Euro. Dieses arbeitet, je nach Portfolio der jeweiligen Bank, auch mit an Aufrüstung und Klimakrise. Deshalb denken wir, es ist eine gute Möglichkeit, Geld als Direktkredite zur Verfügung zu stellen und damit solidarischen, ökologischen und demokratiefördernden Projekten die Basis für die Umsetzung von Ansätzen solidarischer Vergesellschaftung zu geben.
Das Projekt GemSe finanziert sich völlig unabhängig von Förderungen durch Gemeinde, Land oder Bund. Das Gros an finanziellen Mitteln stammt aus solidarischen Quellen. Die GemSe hat als regelmäßige Kleinspendenform die Goldene Gams für sich erfunden: monatliche Kleinbetragsüberweisungen von Unterstützer*innen, die Beträge reichen von 5 bis 300 Euro. Größere Spenden kamen über Stiftungen und aus dem Umfeld der Tax-Me-Now-Bewegung, die sich für gerechtere Besteuerung großer Vermögen einsetzt.
CROWDFUNDING UND FUNDRAISING
kulturspenden.at: Eine Plattform der KUPF OÖ, die gemeinnützigen Kulturvereinen eine rechtssichere und unkomplizierte Abwicklung von Online-Spenden ermöglicht (inkl. automatischen Spendenbestätigungen). Neben klassischen Spenden sind auch Crowdfunding-Kampagnen möglich. www.kulturspenden.at
imGrätzl: Eine österreichweit aktive Plattform für lokales Crowdfunding, über die Initiativen, Vereine und Kulturprojekte Geld-, Zeit- oder Sachspenden mobilisieren können. Neben der technischen Infrastruktur bietet sie persönliche Begleitung, Community-Sichtbarkeit und praxisnahe Unterstützung bei der Umsetzung von Kampagnen. www.imgraetzl.at
Fundraising Verband Austria: Informiert zu rechtlichen Rahmenbedingungen, Standards und Weiterbildung. Er kann als Anlaufstelle für Kooperationen mit Unternehmen und privaten Förder*innen dienen. www.fundraising.at
Kontenkündigungen für die linke Bewegung
Kontenkündigungen linker Organisationen wie der Roten Hilfe, der DKP (Deutsche Kommunistische Partei) oder lokaler, Antifa-naher Gruppen, durch Institute wie GLS Bank und Sparkassen zeigen konkret, wie zentralisierte Finanzmacht in Konflikt mit demokratischen Strukturen geraten kann. Wird einer Organisation das Konto entzogen, ist ihre Fähigkeit, Mitgliedsbeiträge einzuziehen, Mieten zu zahlen oder solidarische Unterstützung zu organisieren, faktisch massiv eingeschränkt, obwohl sie nicht als verbotene oder terroristische Vereinigung gilt.
SPENDENBEGÜNSTIGUNG
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Die Gemeinnützigkeitsreform 2024 brachte zentrale Verbesserungen: Alle gemeinnützigen Kulturvereine können seit 01. 04. 2024 die Spendenbegünstigung beantragen. Vereine müssen nur mehr ein Jahr gemeinnützig tätig sein. Für kleine Vereine gibt es ein vereinfachtes Antragsverfahren über die Steuerberatung.
Schritte zur Erlangung der Spendenbegünstigung: www.igkultur.at/spendenbeguenstigung
Das neueste Projekt im „Gemsiversum“, der Verein Murmeltierbau, ist aktuell von Ablehnung durch Banken betroffen. Die Bank Austria verschleppte den Kontoeröffnungsprozess so lange, dass es nötig war, sich an eine andere Bank zu wenden. Die Bawag lehnte die Kontoeröffnung des Murmeltierbaus im Rahmen der Risikoprüfung ab.
Dilemma und Alternativen
Ich höre immer wieder in linken Kreisen, dass es nötig sei, sich finanziell zu emanzipieren und sich eine Pension zu sichern. Hier sehe ich eine Erosion von klarer Kante und konsequenter Verweigerung.
ETFs (Exchange Traded Funds) werden oft als demokratischer Zugang zum Kapitalmarkt beworben, doch aus kapitalismuskritischer Perspektive verstärken sie bestehende Ungleichheitsstrukturen. Kapitaleinkommen wachsen tendenziell stärker als Arbeitseinkommen und investieren kann nur, wer über entsprechende Mittel verfügt. Als Arbeitnehmer*in profitiert man von hohen Löhnen, als Aktionär*in von deren Senkung. ETFs treiben die Privatisierung der Altersvorsorge voran und verschieben damit Risiken vom Kollektiv aufs Individuum. Sie fördern die Finanzialisierung der Wirtschaft. Wenige große Anbieter wie Black-Rock oder Vanguard kontrollieren durch ihre Fondsprodukte gigantische Stimmrechtsanteile in nahezu allen großen Konzernen[1].

Bitcoin wird als dezentrales Zahlungsmittel zur Demokratisierung des Finanzwesens beworben, verstärkt jedoch bestehende Machtstrukturen und Ungleichheiten. Die extreme Volatilität macht Bitcoin zu reiner Spekulation. Unerfahrene Kleinanleger*innen verlieren systematisch Vermögen, während professionelle Akteure gezielt profitieren. Die ökologische Bilanz ist verheerend: Bitcoin verbraucht etwa 212 Terawattstunden Strom jährlich (vergleichbar mit Thailand), mit CO2-Emissionen zwischen 40 und 98 Millionen Tonnen. Die pseudonyme Struktur erleichtert Geldwäsche und Kriminalität. Das Fehlen jeglicher Einlagensicherung lässt Anleger*innen schutzlos[2].
Finanzialisierung
Finanzialisierung verschärft globale Ausbeutung, weil Gewinne, Macht und Entscheidungsgewalt sich in transnationalen Finanzzentren konzentrieren, während Arbeit, Ressourcenverbrauch und soziale Kosten in den globalen Süden und in prekäre Milieus des Nordens ausgelagert werden. Demokratisierung von Finanzen müsste deshalb an drei Ebenen ansetzen: Erstens braucht es öffentlichen und gemeinwohlorientierten Zugang zu grundlegender Finanzinfrastruktur (Konten, Zahlungsverkehr, Kredite), damit nicht private Banken faktisch definieren, welche politi schen, sozialen oder ökologischen Projekte überhaupt handlungsfähig sind. Zweitens erfordert sie demokratische Kontrolle über Kapitalströme und Verschuldung, damit Finanzierungsentscheidungen nicht länger Renditevorgaben, sondern soziale und ökologische Kriterien priorisieren. Drittens impliziert Demokratisierung von Finanzen eine Machtverschiebung weg von anonymen Finanzeliten hin zu Instrumenten wie Gemeinwohlbanken, Genossenschaften und solidarischen Fonds, die demokratisch legitimiert sind und Ausbeutung als Problem definieren.
Fazit
Deshalb plädiere ich hier dafür, sich nicht in die gleiche Schiene einzufädeln. Bleiben wir solidarisch und stellen wir einander die Ressourcen zur Verfügung, an die wir durch Akkumulation und durch Ausbeutung an irgendeiner Stelle gekommen sind.
Lasst uns mehr Orte, mehr Freiräume und mehr Utopien gestalten, anstatt vor lauter Angst Überreichtum, globale Ungleichheiten und die Erosion erkämpfter Rechte wie Pension, Krankensystem und Generationenvertrag aufzugeben für eine minimale Rendite.
Mika Palmisano arbeitet bei der IG KiKK, vor allem in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsmanagement. Im Vorstand des queer-feministischen Vereins „GemSe – Gemeinsam Sein“ gestaltet Mika einen solidarischen Projektort in Wertschach/Dvorče im Gailtal/Zila mit. Daneben ist Mika selbstständig als Trainer*in und Moderator*in in Gender- und Diversitythemen sowie in antifaschistischer Bildungsarbeit tätig. Außerdem ist Mika als Bergwanderführer*in bei www.wildwandern.at aktiv, wo geführte Bergtouren von Finta* Personen für Finta* Personen* angeboten werden.
Coverbild: GemSe Festival © Carolina Frank
1 Quellen ETF: Finanzwende Recherche (2023); DWS Research (2019); Jiang, Vayanos und Zheng (2025); Julius Raab Stiftung (2025); WirtschaftsWoche und Deutsche Bundesbank (2022).
2 Quellen Bitcoin: Cambridge Centre for Alternative Finance (2021–2025); Chainalysis, Crypto Crime Report (2025); Bindseil und Schaaf (EZB-Paper, 2024); Blakeley (Jacobin, 2021).
Dieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026 "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen.
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