Diversität ist heute in vielen Kunst- und Kulturinstitutionen zur Standardformel geworden. Sie taucht in Leitbildern auf, in Förderkriterien, in Jurysitzungen und Programmtexten. Diversität gilt als Wert, als Haltung, als Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig fehlen oft genau dort, wo Diversität beschworen wird, die strukturellen Voraussetzungen für echte Mitbestimmung, für Machtverschiebung, für nachhaltige Veränderung.
Die Frage ist daher nicht, ob Diversität gewollt ist, sondern was genau damit gemeint ist – und für wen. „Diversität wird gefeiert, solange sie nichts verändert.“
Wenn Diversität zur Beruhigungsformel wird
Sara Ahmed beschreibt in On Being Included, wie institutionelle Diversitätspolitiken häufig nicht als Kritik, sondern als Risikomanagement% funktionieren. Diversitätsarbeit soll Spannungen entschärfen, Konflikte moderieren, Probleme „bearbeitbar“ machen – nicht unbedingt Strukturen verändern. Diversität wird zur Geste: sichtbar, gut gemeint, aber folgenlos.[1]
Institutionen sprechen gerne über Diversität, vermeiden aber Kritik an sich selbst. Rassismus, Ausschlüsse oder Machtungleichheiten werden nicht benannt, weil sie als Imageschaden gelten. Stattdessen wird Diversität zum Beweis einer vermeintlich offenen, diskriminierungskritischen Haltung – und steigert damit nicht selten den eigenen Marktwert und das institutionelle Image, ohne dass tatsächliche Verantwortungsübernahme, Machtabgabe oder angemessene Bezahlung folgen. Ahmed beschreibt diesen Mechanismus als paradox: Gerade dort, wo Diversität institutionalisiert wird, wird sie entpolitisiert.[2]
Diese Logik findet sich auch in zeitgenössischen Diskursen, die Diversität vor allem über Nutzenargumente legitimieren. Diversität, so heißt es, steigere Innovation, Reichweite oder Förderwürdigkeit. Sie lohne sich. Doch gerade im Kunst- und Kulturbereich ist diese Argumentation problematisch: Diversität wird nur dann akzeptiert, wenn sie Output produziert – Publikum, Aufmerksamkeit, Image. Nicht, weil sie demokratisch notwendig ist.
Diversität heißt nicht Repräsentation, sondern Verantwortung
Wenn Diversität ernst gemeint ist, reicht Repräsentation nicht aus. Es geht nicht nur darum, wer auf dem Podium sitzt, auf Postern auftaucht oder im Programmheft vorkommt. Es geht um Entscheidungsmacht, um Ressourcen, um langfristige Strukturen.
Teilhabe ohne Macht ist keine Teilhabe
Demokratische Kulturarbeit bedeutet, Risiken einzugehen: Fehler zuzulassen, Kritik auszuhalten, Konflikte nicht zu glätten. Sie bedeutet, Räume nicht nur zu öffnen, sondern abzugeben. Und sie bedeutet anzuerkennen, dass Kunst und Kultur gesellschaftliche Realitäten nicht „abbilden“, sondern aktiv mitproduzieren. Wenn bestimmte Gruppen systematisch nicht vorkommen – oder nur unter bestimmten Bedingungen – dann ist das keine neutrale Entscheidung, sondern eine politische.
Besonders sichtbar wird das dort, wo mehrfach marginalisierte Künstler*innen, die seit Jahren die Kulturlandschaft mitgestalten, in Hochkulturinstitutionen vor allem dann eingeladen werden, wenn sie sogenannte „Community-Projekte“ umsetzen sollen. Während ihre Communities als Publikum erwünscht sind, werden ihre Ästhetiken, Kunstformen und Themen entlang weißer, akademisch geprägter Qualitätskriterien häufig als zu politisch, zu spezifisch oder unprofessionell abgewertet. Dabei bleibt oft unhinterfragt, dass Institutionen selbst sehr gezielt ein bestimmtes Publikum adressieren – vor allem weiße Akademiker*innen – und damit weder die gesamte Stadtgesellschaft noch nicht einmal die weiße Arbeiter*innenschaft erreichen, ihre Programme aber dennoch als universell gelten.
Reden wir Klartext: Gesehen, aber nicht gemeint
Gehen wir das an einem Beispiel durch – stellvertretend für viele ähnliche Erfahrungen. Diese Dynamiken lassen sich besonders deutlich bei muslimischen und muslimisch gelesenen Künstler*innen, Schwarzen Künstler*innen, People of Color, migrantischen Künstler*innen, Künstler*innen mit Behinderung sowie anderen marginalisierten Positionen im Kunst- und Kulturbereich beobachten.
Diversität wird gefeiert, solange sie nichts verändert.
Sichtbare Personen aus diesen Gruppen werden gerne eingeladen, wenn es um „Vielfalt“, „Dialog“ oder „gesellschaftliche Spannungen“ geht – oft auch mit der Erwartung, neue Zielgruppen zu erreichen, neue Communities anzusprechen und das eigene Publikum zu „diversifizieren“. Diversität wird dabei nicht selten mit Reichweite verwechselt. Der unausgesprochene Auftrag, Communities mitzubringen, zu organisieren oder langfristig an Institutionen zu binden, bleibt häufig unbezahlt – wirkt aber als zentrales Bewertungskriterium für Kooperationen und mögliche Folgeaufträge.
Sichtbare Personen aus diesen Gruppen werden gerne eingeladen, wenn es um „Vielfalt“, „Dialog“ oder „gesellschaftliche Spannungen“ geht – oft auch mit der Erwartung, neue Zielgruppen zu erreichen, neue Communities anzusprechen und das eigene Publikum zu „diversifizieren“. Diversität wird dabei nicht selten mit Reichweite verwechselt. Der unausgesprochene Auftrag, Communities mitzubringen, zu organisieren oder langfristig an Institutionen zu binden, bleibt häufig unbezahlt – wirkt aber als zentrales Bewertungskriterium für Kooperationen und mögliche Folgeaufträge.

Ihre Körper, Biografien und Zuschreibungen gelten als relevant. Ihre ästhetischen Positionen, politischen Forderungen oder theoretischen Beiträge hingegen werden häufig als zu spezifisch, zu unbequem oder „nicht künstlerisch genug“ markiert – und damit an den Rand des eigentlich Anerkannten gedrängt. Das zentrale Problem ist dabei nicht fehlende Sichtbarkeit, sondern fehlende Anerkennung. Unterstützung bleibt punktuell, Projekte einmalig, Perspektiven auf Weiterarbeit fehlen. Nachhaltigkeit wird eingefordert, strukturell jedoch verunmöglicht – inklusive der unausgesprochenen Erwartung kostenloser Aufklärungs-, Vermittlungs- und Outreach-Arbeit.
Wenn Förderungen auslaufen, wird dies meist mit Sparzwängen erklärt oder mit dem Verweis darauf, dass nun wieder „echte Kunst und Kultur“ gefördert werden müsse. Mitunter wird auch gefragt, ob die Arbeit „nicht zu spezifisch“ sei – ob sie nicht andere ausschließe. Die implizite Botschaft ist klar: Man soll dankbar sein für die Gelegenheit. Dass diese Arbeiten gesellschaftlich notwendig, künstlerisch relevant und demokratiepolitisch zentral sind, bleibt unausgesprochen. So entsteht der Eindruck, Diversität sei eine Form von Entgegenkommen. Eine Zusatzleistung. Ein Bonus. Doch marginalisierte Existenzen sind keine Almosen – und ihre Arbeit ist es erst recht nicht.
Teilhabe ist mehr als Präsenz
Wenn Institutionen von Teilhabe sprechen, meinen sie oft Zahlen: mehr Besucher*innen, mehr Teilnehmende, mehr diverse Namen im Programm. Teilhabe wird messbar gemacht – und damit entpolitisiert. Demokratische Teilhabe meint jedoch etwas anderes: Mitbestimmung, Rahmensetzung, Konfliktfähigkeit.
Die freie Szene zeigt seit Jahrzehnten, wie demokratische Prozesse im Alltag gelebt werden können – durch Aushandlung, Widerspruch und kollektive Arbeit. Gleichzeitig ist auch sie nicht frei von Machtasymmetrien und Ausschlüssen. Prekarität, Konkurrenz um knappe Mittel und internalisierte Dominanzlogiken wirken auch hier. Der Fair-Pay-Diskurs macht deutlich: Faire Bezahlung ist keine Zusatzleistung, sondern eine Grundvoraussetzung für Teilhabe.[3]

Ästhetische Ausschlüsse und die Frage nach Qualität
Ein zentraler Mechanismus von Exklusion verläuft über Ästhetik. Arbeiten marginalisierter Künstler*innen gelten oft als „zu politisch“, „zu aktivistisch“ oder „nicht künstlerisch genug“. Was hier als Geschmacksurteil erscheint, ist meist eine Reproduktion kultureller Leitnormen.
Jacques Rancière beschreibt Ästhetik als Ordnung dessen, was sichtbar, hörbar und denkbar ist – eine Ordnung, die immer politisch ist.[4] Wenn diese Ordnung von Dominanzkulturen geprägt ist, wird „Qualität“ zur Grenztechnik: Sie entscheidet, was Kunst ist – und was als Sozialarbeit, Community-Projekt oder Identitätsthema abgewertet wird.
Claire Bishop warnt davor, Partizipation unkritisch zu feiern. Sie kann auch instrumentalisierend wirken – insbesondere dann, wenn Institutionen Begriffe wie Partizipation oder Community, die ursprünglich auf Publikum bezogen waren, plötzlich auf Künstler*innen anwenden, als wären diese neuen Zielgruppen, die „mitmachen“ sollen.[5] Kollaborative Kunst kann neue Öffentlichkeiten schaffen kann – aber nur dann, wenn Prozess, Beziehung und Aushandlung als ästhetischer Wert anerkannt werden.[6]
Ästhetik der Teilhabe: Wer entscheidet, was Kunst sein darf?
Was in diesen Auseinandersetzungen oft ausgeblendet wird, ist die ästhetische Dimension von Teilhabe. Teilhabe ist nicht nur eine Frage von Zugang, Publikum oder Vermittlung, sondern immer auch eine Frage von ästhetischer Legitimität: Wer darf wie sprechen, welche Formen gelten als Kunst, welches Wissen wird anerkannt?
Diversität und Inklusion sind keine Almosen, kein Goodwill, keine PR-Strategie. Sie sind das bare-minimum demokratischer Kulturarbeit.
Wenn marginalisierte Künstler*innen vor allem als „Community Builder“, Vermittler*innen oder Übersetzer*innen adressiert werden, während ihre ästhetischen Praxen abgewertet oder funktionalisiert werden, wird Teilhabe auf Sozialarbeit reduziert. Dabei verkennen Institutionen, dass diese künstlerischen Positionen eigene ästhetische Logiken, Genealogien und Formen des Wissens hervorbringen – oft jenseits westlich-kanonischer Kunstbegriffe.
Eine Ästhetik der Teilhabe bedeutet daher nicht, bestehende Normen zu öffnen, sondern sie neu zu ordnen. Sie fragt nicht nur, wer Zugang bekommt, sondern wer Maßstäbe setzt. Sie verschiebt den Blick von Repräsentation zu Artikulation, von Integration zu Selbstermächtigung. Teilhabe wird hier zu einer ästhetisch-politischen Praxis, die bestehende Vorstellungen von Kunst, Qualität und Öffentlichkeit irritiert – und genau darin ihr demokratisches Potenzial entfaltet.
Diversität ist kein Geschenk
Diversität und Inklusion sind keine Almosen, kein Goodwill, keine PR-Strategie. Sie sind das bare Minimum demokratischer Kulturarbeit. Sie bedeuten, Macht zu teilen, Ressourcen zu verschieben, ästhetische Normen zu hinterfragen – und Konflikte auszuhalten. Freie Kulturarbeit lebt diese Praxis längst. Was sie braucht, ist nicht mehr Anerkennung, sondern politische Absicherung.
Asma Aiad ist Künstlerin, Kuratorin und Kulturarbeiterin. Sie arbeitet zu Teilhabe, Repräsentation und politischen Ästhetiken im Kunst- und Kulturbereich. Sie ist Mitbegründerin von Salam Oida und Initiatorin des multidisziplinären Kunstfestivals Muslim*Contemporary. www.asmaaiad.com
Cover- und Artikelbild: Muslim* Contemporary, Salam Oida Künstler*innen 2022 © Minitta Photography Artikelbild links: Muslim* Contemporary Eröffnung © SunaFilms
1Ahmed, Sara (2012): ‚On Being Included. Racism and Diversity in Institutional Life‘. Durham, NC: Duke University Press.
2 Ahmed, Sara (2012).
3IG Kultur Österreich: ‚Fair Pay – Für faire Arbeitsbedingungen im Kulturbereich‘. Positionspapiere und Publikationen, laufend aktualisiert.
4 Rancière, Jacques (2006): ‚Die Aufteilung des Sinnlichen. Die Politik der Kunst und ihre Paradoxien‘. Übersetzt von Maria Muhle. Berlin: b_books.
5 Bishop, Claire (2012): ‚Artificial Hells. Participatory Art and the Politics of Spectatorship‘. London: Verso.
6 Bishop, Claire (2012).
Dieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026 "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen.
Mitglieder der IG Kultur erhalten das Magazin kostenlos direkt per Post. Print-Exemplar können per E-Mail unter office@igkultur.at bestellt werden (Preis: 5,50 Euro + Portokosten).
Weitere Ausgaben des IG Kultur Magazins