Kulturelle Vielfalt braucht verlässliche Politik

Das neue Schlusskommuniqué der ARGE Kulturelle Vielfalt zeigt: Kulturelle Vielfalt ist kein Zusatzprogramm, sondern demokratische Infrastruktur. Wer sie schützen will, muss freie Kulturarbeit, soziale Absicherung, faire Förderungen und regionale Kulturstrukturen verlässlich stärken. Eine Bestandsaufnahme und Appell an die Politik für stabile Strukturen und verlässliche Finanzierung.

Kulturelle Vielfalt klingt nach einem großen Begriff. Gemeint ist aber etwas sehr Konkretes: Welche Geschichten, Perspektiven, Sprachen, Lebensrealitäten und Kunstformen haben in einer Gesellschaft Platz? Wer kann Kultur machen, zeigen, vermitteln und organisieren? Wer wird gehört – und wer bleibt draußen?

Mit der UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen hat sich Österreich verpflichtet, kulturelle Vielfalt aktiv zu schützen und zu fördern. Das betrifft nicht nur internationale Kulturpolitik, sondern ganz konkrete Entscheidungen vor Ort: Förderbudgets, soziale Absicherung, Beteiligung, Antidiskriminierung, Medienvielfalt, kulturelle Bildung und Kulturarbeit in den Regionen.

Die ARGE Kulturelle Vielfalt der Österreichischen UNESCO-Kommission hat dazu ihr Schlusskommuniqué 2026 veröffentlicht. Darin analysieren Expert*innen und Interessenvertretungen aus Kunst und Kultur, wo Österreich bei der Umsetzung der UNESCO-Konvention steht – und wo dringender Handlungsbedarf besteht: 


 

Vielfalt braucht stabile Strukturen

Die zentrale Botschaft des Schlusskommuniqués lautet: Kulturelle Vielfalt entsteht nicht von selbst. Sie braucht stabile Rahmenbedingungen, verlässliche Finanzierung und politische Entscheidungen, die nicht nur große Institutionen absichern, sondern auch freie, gemeinnützige und selbstorganisierte Kulturarbeit ernst nehmen.

Gerade dort, wo Kulturvereine, Initiativen, freie Medien, Vermittlungsprojekte oder regionale Kulturorte arbeiten, wird kulturelle Vielfalt im Alltag erfahrbar. Sie schaffen Räume, in denen Menschen zusammenkommen, unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und gesellschaftliche Fragen verhandelt werden können. Diese Arbeit ist oft gemeinnützig, prekär finanziert und stark von ehrenamtlichem Engagement getragen. Wird hier gekürzt, geht nicht einfach ein einzelnes Programm verloren. Es verschwinden Orte der Teilhabe, der Auseinandersetzung und der demokratischen Öffentlichkeit.

Das Schlusskommuniqué warnt deshalb deutlich vor Kürzungen bei jenen, die ohnehin unter besonders unsicheren Bedingungen arbeiten. Öffentliche Kulturförderung ist kein Luxus, sondern ein Instrument, mit dem demokratische Gesellschaften Vielfalt ermöglichen und schützen.
 

Kulturarbeit ist Arbeit

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der sozialen Lage von Menschen, die in Kunst und Kultur arbeiten. Viele Erwerbsbiografien in diesem Feld sind nicht linear: selbstständige und unselbstständige Tätigkeiten wechseln sich ab, Projektarbeit trifft auf Phasen ohne Einkommen, unbezahlte Vorleistungen sind weit verbreitet. Gerade deshalb braucht es soziale Sicherungssysteme, die zu diesen Realitäten passen.

Das Kommuniqué fordert unter anderem Verbesserungen bei Sozialversicherung, Existenzsicherung und Förderstrukturen. Zentral ist dabei: Faire Arbeitsbedingungen dürfen nicht nur als Ziel formuliert werden, sondern müssen in Budgets, Förderverträgen und rechtlichen Rahmenbedingungen tatsächlich abgebildet werden.

Für die freie Kulturarbeit ist das entscheidend. Denn Kulturvereine und Initiativen können faire Bezahlung nicht aus dem Nichts herstellen. Wer faire Arbeit erwartet, muss auch Förderungen ermöglichen, die reale Kosten berücksichtigen – inklusive Personal, Administration, Miete, Technik, Vermittlung, Barrierefreiheit und langfristiger Strukturarbeit.
 

Beteiligung muss ernst gemeint sein

Das Schlusskommuniqué betont außerdem die Rolle der Zivilgesellschaft. Kulturpolitik wird besser, wenn jene einbezogen werden, die täglich mit den Folgen politischer Entscheidungen arbeiten: Kulturvereine, Interessenvertretungen, freie Medien, Initiativen, Expert*innen aus Praxis und Forschung.

Beteiligung darf aber nicht bloß symbolisch sein. Es braucht klare Ziele, transparente Prozesse, nachvollziehbare Entscheidungen und ausreichend Zeit, damit zivilgesellschaftliches Wissen tatsächlich einfließen kann. Besonders wichtig ist das bei Gesetzesänderungen, Förderreformen, Budgetentscheidungen und Strategien, die die Arbeitsgrundlagen freier Kulturarbeit betreffen.

Die ARGE fordert daher verbindlichere Beteiligungsstandards, bessere Transparenz und eine stärkere Anerkennung von freiwilligen Interessenzusammenschlüssen und gemeinnützigen Kulturorganisationen als demokratisch relevante Akteur*innen.
 

Kultur in den Regionen sichern

Kulturelle Vielfalt entscheidet sich nicht nur in den großen Städten. Auch in Gemeinden, Bezirken und ländlichen Regionen braucht es verlässliche Kulturorte, freie Initiativen, Begegnungsräume und professionelle Kulturarbeit. Regionale Kulturarbeit trägt zur Lebensqualität bei, stärkt Teilhabe und ermöglicht Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen vor Ort.

Das Schlusskommuniqué hält fest: Kultur ist Teil regionaler Infrastruktur. Wenn kommunale Budgets gekürzt, Finanzierungsgrundlagen kurzfristig verändert oder Kulturstrategien politisch ausgehöhlt werden, geraten nicht nur einzelne Projekte unter Druck. Es wird die kulturelle Grundversorgung geschwächt.

Notwendig sind daher planbare Förderinstrumente, eine bessere Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden sowie Daten, die sichtbar machen, wie Kulturarbeit in den Regionen tatsächlich finanziert, getragen und genutzt wird.
 

Antidiskriminierung als Grundlage von Kulturpolitik

Kulturelle Vielfalt bedeutet auch, Ausschlüsse aktiv abzubauen. Das betrifft Barrierefreiheit, Mehrsprachigkeit, soziale Zugänglichkeit, diskriminierungskritische Förderpolitik und faire Ressourcenverteilung. Wer Vielfalt fördern will, muss sich mit Machtverhältnissen beschäftigen: Wer bekommt Geld? Wer entscheidet? Welche Kunstformen gelten als förderwürdig? Welche Communities leisten wichtige Arbeit, bleiben aber strukturell unterfinanziert?

Das Schlusskommuniqué fordert deshalb unter anderem Diversitäts-Aktionspläne, Awareness- und Antidiskriminierungsleitlinien, langfristige Kooperationen mit Vereinen und Communities sowie eine Basisfinanzierung für selbstorganisierte Initiativen von und für marginalisierte Kunst- und Kulturakteur*innen.
 

Ein Auftrag an Bund, Länder und Gemeinden

Die UNESCO-Konvention ist kein symbolisches Bekenntnis. Sie ist ein Auftrag an die Politik, kulturelle Vielfalt zu schützen und zu fördern. Das betrifft alle Ebenen: Bund, Länder und Gemeinden.

Für die IG Kultur ist klar: Wer kulturelle Vielfalt ernst nimmt, muss die Arbeitsbedingungen freier Kulturarbeit verbessern. Es braucht verlässliche Förderungen, weniger bürokratische Hürden, soziale Absicherung, faire Bezahlung, starke regionale Kulturstrukturen und eine Politik, die gemeinnützige Kulturvereine nicht als Randthema behandelt.

Denn kulturelle Vielfalt zeigt sich dort, wo Menschen Zugang zu Kultur haben, selbst aktiv werden können und unterschiedliche Perspektiven öffentlich sichtbar bleiben. Sie ist kein Luxus für gute Zeiten. Sie ist Voraussetzung für eine offene, demokratische Gesellschaft.
 
 

Eine demokratische Gesellschaft braucht einen vielfältigen Kunst- und Kultursektor – und dieser braucht stabile Strukturen und verlässliche Finanzierung. Gerade in der Zweiten Republik war der Schutz dieser zentralen europäischen Errungenschaft noch nie so wichtig wie heute. Budgetkürzungen gefährden die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen als demokratisches Fundament, während autoritäre Angriffe weiter zunehmen.

– Schlusskommuniqué der ARGE kulturelle Vielfalt, 2026


Download & Links:

Schlusskommuniqué 2026, ARGE Kulturelle Vielfalt 

UNESCO Konvention zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen

Kontaktstelle zur UNESCO-Konvention, Österreichische UNESCO-Kommission


Weiterführende Infos: 

Drohende Kürzungen in Kunst und Kultur ab 2027

Zerrieben zwischen Zuständigkeiten – alle kürzen, niemand übernimmt Verantwortung

Mögliche Neuordnung der Bundeskulturförderung – Ergebnisse der Förder-Taskforce

Zuverdienstverbot verschlechtert Arbeitsverhältnisse in Kunst und Kultur massiv

 

ARGE Kulturelle Vielfalt
Die Arbeitsgemeinschaft Kulturelle Vielfalt (ARGE) ist die zentrale Dialogplattform der Österreichischen UNESCO-Kommission zur aktiven Beteiligung der Zivilgesellschaft am Prozess der Umsetzung der „UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ in und durch Österreich. 

Den aktuellen Vorsitz in der ARGE Kulturelle Vielfalt hat Yvonne Gimpel (IG Kultur Österreich) inne. 

 


 

Ähnliche Artikel

Die IG Kultur Vorarlberg sammelt Fragen aus der freien Szene, bündelt zentrale Anliegen und bringt sie am 21. Juli in der Landeshauptstadt Bregenz direkt in ein offenes Gespräch mit Kulturminister Andreas Babler ein. Damit entsteht eine wichtige Schnittstelle für Austausch, Klarheit und öffentliche Antworten zwischen Kulturszene und Ministerium.
Pressesaussendung vom 9. Juli 2026: Das Kulturbündnis und die Kulturabteilung des Landes Vorarlberg präsentieren in ihrer ersten Zusammenarbeit den neuen Katalog „FAQ – Fragen und Antworten zu Kulturförderung“. Die Übersicht klärt zentrale Fragen zu Förderungen in allen Sparten der Kunst und Kultur und möchte mit detaillierten Informationen zu Rahmenbedingungen und Abläufen mehr Transparenz schaffen. Das Kulturbündnis Vorarlberg, ein Zusammenschluss der Interessensvertretungen, tritt damit erstmals öffentlich auf.
Wirkung lässt sich nicht auf Besucher*innenzahlen oder verkaufte Tickets reduzieren. Stefan Schöggl zeigt auf, wie kulturelle Teilhabe als Beitrag zu Demokratieförderung greifbar gemacht werden kann, ohne Kunst und Kultur zu Instrumentalisieren. Eine praxisnahe Orientierung, wie Wirkungsziele, Datenerhebung und politische Argumentation zusammengedacht werden können – oder vielfach eher könnten.