Amt, Ehre, Freiwilligkeit

Die gegenwärtigen Bemühungen, lieber von „freiwilligem Engagement“ zu reden, markieren somit eine spezifische Sprachgrenze, an der zugleich vom Amt Abstand genommen und der Begriff in Richtung neoliberale Persönlichkeitsentwicklung hin verschoben wird. Fortan sollen die individuellen Züge vorteilhaft in Erscheinung treten. Damit auch die Generation Praktikum Höhepunkte in ihren Lebensläufen haben darf.

Neulich kam mir im Netz eine so genannte Akademie für Ehrenamtlichkeit unter, die das Ehrenamt als die Chance für jede und jeden anpries, sich – bemerkenswerterweise als einzelne/r – einzumischen und mitzugestalten. Wie so oft, wenn das Wort „Chance“ vorkommt, löste dies einen begründbaren Verdacht bei mir aus, spricht man doch für gewöhnlich gerne dort von Chancen, wo wenig Rechte zu verorten sind. Doch diesmal bannte einmal nicht das nach dem Prinzip der Kommunizierenden Gefäße aufgebaute Verhältnis zwischen Chancen und Rechten meine Aufmerksamkeit, sondern das Wort „Ehrenamt“.

Die Sprache, wie auch die mit ihr in mehr oder weniger loser Verbindung stehende Realität, hält immer wieder ein paar Überraschungen parat – für EinsteigerInnen, Fortgeschrittene und InsiderInnen. Einiges braucht manchmal erst mal ein bisschen Zeit, um so richtig unverständlich zu werden. Nicht anders auch die Deutsche Sprache. Unzählige Tage und Nächte angestrengten Denkens, gar das Vertrauen in die als allerhöchstes Gut beschworene Qualität dieser Sprache – ihre angebliche Rationalität – stehen manchmal am Spiel. Denn wie ist sonst für nicht EtymologieexpertInnen beispielsweise der Titel „Geheimrat“ ohne einen Anschlag auf die Grundsätze der Logik oder zumindest auf den „gesunden Verstand“ zu verstehen? Das klingt geradezu so, als würde Agent 007 auf seinen alles könnenden Kugelschreiber fett „Geheimwaffe“ eingravieren lassen.

Nicht unähnlich ergeht es auch beim Wort „Ehrenamt“. Was soll das eigentlich mit diesem Amt und der Ehre, wie kommen sie überhaupt zueinander? Man könnte bei diesen Überlegungen richtig ins Schwärmen hineinschlittern: Handelt es sich dabei um ein Amt, das nur den Ehrenvollen vorbehalten ist oder ist es etwas, das alles, was mit ihm in Kontakt kommt, ehrenvoll macht? Geht es um einen gut bezahlten Posten ohne Arbeit oder doch um ein Amt, das Ehren aller Art austeilt, ja diese erst erdenkt? Bald stoßen solch amüsante Überlegungen jedoch an ihre natürliche Grenze – die Realität. Die eigene nämlich. Denn in dieser Umgebung läuft es immer wieder bzw. immer öfter eher genau umgekehrt – zuhauf viel Arbeit, dafür aber verschwindend wenig (Arbeits)Plätze, sprich Jobs, sprich Gehalt, sprich Kohle plus/minus soziale Leistungen, sprich soziale Sicherheit. Dafür entdeckt man die Vorzüge der ehrenamtlichen Arbeit, neulich auch für die so genannte Integration. Locker steigt inzwischen die als „Generation Praktikum“ bekannt gewordene Altersklasse in ihr drittes Jahrzehnt, ohne das muntere Hopping zwischen fragwürdigen Praktika, zweifelhaft bezahlten Jobs und Ehrenamtlichkeit – die oft schon die Voraussetzung für den Erhalt von besseren Praktikumsplätzen bildet – aufgeben zu können.

Die gegenwärtigen Bemühungen, lieber von „freiwilligem Engagement“ zu reden, markieren somit eine spezifische Sprachgrenze, an der zugleich vom Amt Abstand genommen und der Begriff in Richtung neoliberale Persönlichkeitsentwicklung hin verschoben wird. Fortan sollen die individuellen Züge vorteilhaft in Erscheinung treten. Damit auch die Generation Praktikum Höhepunkte in ihren Lebensläufen haben darf.

 

 

 

 

 

Ähnliche Artikel

Ob Bar, Aufbau oder Gästebetreuung: Ohne ehrenamtliche Unterstützung geht es oft nicht. Aber wie sehen das die Behörden? Rechtsanwalt Mag. Rudolf Vouk hat Acoustic Lakeside zu genau dieser Frage vor Gericht vertreten. Im Webinar am 14. Oktober erfahrt ihr, worauf ihr in der Praxis achten solltet, um die freiwillige Mitarbeit in eurem Kulturverein sicherer zu organisieren.
Der Verein Acoustic Lakeside bekommt vor Gericht Recht. Nach drei Jahren Rechtsstreit ist im Fall Acoustic Lakeside nun klar: Die freiwillige und unentgeltliche Mitarbeit der Vereinsmitglieder wurde hier nicht als anmeldepflichtiges Beschäftigungsverhältnis eingestuft. Zugleich zeigt der Fall, wie groß die rechtlichen und finanziellen Risiken für ehrenamtlich getragene Kulturvereine sein können und welche grundsätzlichen Fragen sich daraus für die Rahmenbedingungen und die Rechtssicherheit ehrenamtlicher Kulturarbeit ergeben.
Kulturtunnel Treffen Teilnehmer*innen Bei der vierten Kulturtunnelfahrt von IG KiKK und IG Kultur Steiermark diskutierten Kulturtätige aus Kärnten|Koroška und der Steiermark über die Herausforderungen und Chancen von Kulturarbeit im ländlichen Raum. Im Mittelpunkt standen Vernetzung, nachhaltige Strukturen, die Zusammenarbeit mit Gemeinden und die Bedeutung von Kulturinitiativen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Teilhabe. Die Veranstaltung zeigte einmal mehr, wie wichtig der Austausch über regionale Grenzen hinweg für eine starke freie Kulturszene ist. Nachlese auch in einfach Sprache.