Wirkungsmessung kultureller Demokratieförderung

Wirkung lässt sich nicht auf Besucher*innenzahlen oder verkaufte Tickets reduzieren. Stefan Schöggl zeigt auf, wie kulturelle Teilhabe als Beitrag zu Demokratieförderung greifbar gemacht werden kann, ohne Kunst und Kultur zu Instrumentalisieren. Eine praxisnahe Orientierung, wie Wirkungsziele, Datenerhebung und politische Argumentation zusammengedacht werden können – oder vielfach eher könnten.

 

Die Themen gesellschaftlicher Mehrwert, Social Impact und Wirkungsmessung etablieren sich zunehmend auch im Kulturbereich. Ein aktuelles Beispiel ist die Ermittlung des gesellschaftlichen Mehrwerts der Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024 mittels einer Social Return on Investment-Analyse, einer besonders umfassenden Form der Wirkungsanalyse[1]. Dieser Trend stößt in Verbindung mit der Sorge vor zunehmender Instrumentalisierung durchaus auf Skepsis. Wenn Kunst und Kultur nur noch nach ihrem instrumentellen Nutzen bewertet werden, besteht die Gefahr, dass ihr intrinsischer Wert und die Freiheit der Kunst unter die Räder einer rein zweckgebundenen Legitimationslogik geraten[2]. In Zeiten von Budgetkürzungen wird es jedoch auch im Kulturbereich zunehmend wichtiger, den Mehrwert des eigenen Handelns zu belegen. Dies kann für die politische Advocacy, die eigene organisationale Weiterentwicklung oder die Legitimation von Fördergeldern von entscheidender Bedeutung sein.

Der Übergang zu einer wirkungsorientierten Perspektive stellt einen Paradigmenwechsel dar. Erfolg wird nicht mehr ausschließlich leistungsorientiert in Output-Zahlen, wie etwa der Anzahl der erreichten Personen oder der verkauften Tickets, gemessen. Vielmehr rückt die Frage nach den erzielten Veränderungen in den Fokus: Welche gesellschaftlichen Wirkungen erzeugen die kulturellen Aktivitäten? Und welchen Beitrag leisten sie zur Erreichung gesellschaftlicher Ziele wie Demokratieförderung? Antworten auf diese Fragen sind aussagekräftigere Belege für die Bedeutung des eigenen Handelns.
 

In Zeiten von Budgetkürzungen wird es jedoch auch im Kulturbereich zunehmend wichtiger, den Mehrwert des eigenen Handelns zu belegen.


In der Regel erweist sich die Messung von Wirkungen jedoch als komplizierter als die von Leistungskennzahlen. So ist die Frage „Was ist mein Beitrag zu einer lebendigen Demokratie?” aufgrund ihrer hohen Flughöhe schwierig und höchstens theoretisch beantwortbar. Demokratieförderung ist ein komplexes Konstrukt, das sich einer einfachen Messung entzieht. Um dennoch Machbarkeit herzustellen, empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen[3]. Dies soll im Folgenden grob skizziert werden, mit dem Fokus darauf, wie einzelne Akteur*innen im Kulturbereich vorgehen könnten, um ihren Beitrag zur Demokratieförderung zu messen.


Konzeptionelles zur Komplexitätsreduktion

Zunächst sollte die grundlegende Wirkungslogik der eigenen Aktivitäten definiert werden. So muss geklärt werden, welches gesellschaftliche Ziel verfolgt wird und durch welche Hebel es erreicht werden soll. Ein entscheidender Punkt im Fall der Messung von Demokratieförderung ist die Reduktion von Komplexität durch Zerlegung in greifbare Teilaspekte. Es gilt, die Faktoren zu ermitteln, die bei Individuen und Organisationen zu einer funktionierenden Demokratie beitragen (z. B. Werte, Kompetenzen, Strukturen usw.). Dadurch wird das Unterfangen von der Makroebene (Gesamtgesellschaft) auf die Mesoebene (Organisationen) und die Mikroebene (Individuen) verlagert. Erst durch diesen Schritt wird die Messung des eigenen Beitrags handhabbar.

Danach folgt, darauf aufbauend, eine Stakeholder-Analyse, die sich mit der Frage befasst bei welchen Gruppen durch die eigenen Aktivitäten Veränderungen hervorgerufen werden. Hier sind natürlich die Rezipient*innen zentral. Diese können, sofern relevant, in besondere Untergruppen unterteilt werden, beispielsweise Jugendliche oder Angehörige von Minderheiten. Im Anschluss werden für jede relevante Gruppe hypothetische Wirkungen formuliert, die vermutlich durch das eigene Handeln ausgelöst werden. Sind die Wirkungen intendiert, spricht man von Wirkungszielen, sind sie unintendiert, können sie als Nebeneffekte bezeichnet werden. Im Kontext der Demokratieförderung ist also die Frage zu stellen, welche Wirkungen, die zur Demokratieförderung beitragen, können und/oder sollen durch die untersuchten kulturellen Aktivitäten bei Individuen und/oder Organisationen ausgelöst werden. Dafür kann nach Quellen recherchiert werden, die beispielsweise demokratiefördernde Eigenschaften nennen[4].

Je nach Zielsetzung und Aktivitäten sind verschiedene potenziell demokratierfördernde Wirkungen denkbar. Einige Beispiele auf der Mikroebene: Werden Räume für Dialog und Debatten geschaffen, können Reflexionsfähigkeit und kritisches Denken gesteigert werden. Durch partizipative Interventionen kann das Publikum sensibilisiert, inspiriert und mobilisiert werden, wodurch sich wiederum die Bereitschaft zur politischen Teilhabe erhöhen könnte. Weiters könnten bestimmte Aktivitäten ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen oder zwischenmenschliches Vertrauen schaffen. Darüber hinaus könnte künstlerische Vermittlung den Zuspruch zu demokratischen Werten erhöhen, die Toleranz gegenüber unpopulären Ansichten stärken oder das politische Wissen des Publikums erweitern. Eine Kombination dieser Faktoren könnte die politische Wirksamkeit steigern, also das Gefühl, Politik verstehen und beeinflussen zu können. All diese Wirkungen sind nachweislich demokratiefördernd. Für die Praxis bedeutet dies, aus einer Fülle an Möglichkeiten jene Wirkungen zu definieren, die im Zusammenhang mit der eigenen Kulturarbeit stehen, und sich dann zu überlegen, wie gemessen werden kann, ob und in welchem Ausmaß diese tatsächlich ausgelöst werden.


Empirische Schritte zur Sammlung von Daten

Nach der Ausarbeitung der hypothetischen Wirkungen folgt die empirische Phase, in der diese Annahmen überprüft werden. Es müssen natürlich nicht alle hypothetischen Wirkungen gemessen werden. Der Fokus liegt auf den Wirkungszielen, die danach priorisiert werden, bei welcher Wirkung eine Datenerhebung am wichtigsten und machbarsten ist. Zur Sammlung von Daten stehen qualitative und quantitative Methoden zur Verfügung, die jeweils unterschiedliche Zwecke erfüllen. Ein qualitatives Vorgehen, etwa durch Interviews oder Fokusgruppen, zielt auf ein tieferes Verständnis ab. Dabei geht es darum, die Wirkungsweisen nachzuvollziehen und sie durch Anekdoten oder Zitate greifbar zu machen.

Die quantitative Messung, die meist in Form von Fragebögen erfolgt, ermöglicht es, die Breite (den Anteil an den Befragten) und die Intensität einer Wirkung zu erfassen. Hierbei kann auf sehr unterschiedliche Arten vorgegangen werden. Soll ein Längsschnittdesign (Vorher-/Nachher-Vergleich) oder ein Querschnittsdesign (nur retrospektiv im Nachhinein) gewählt werden? Soll es ein Kurzfragebogen mit wenigen Fragen oder ein langer Fragebogen werden, der mehr als zehn Minuten in Anspruch nimmt? Wie kommen die Teilnehmenden zustande – durch einen ausgehängten QR-Code, durch das physische Auslegen ausgedruckter Fragebögen oder durch den Versand per E-Mail?

 

Jeder kleine Schritt in Richtung Wirkungsorientierung lohnt sich, auch wenn er nur zu einem Grundverständnis des eigenen Beitrags oder zur Formulierung der eigenen Wirkungsziele führt.


Beim Inhalt des Fragebogens liegt die Herausforderung in der Operationalisierung der Wirkungen. Zwar gibt es validierte Testverfahren, deren Nutzung die wissenschaftliche Rigidität der erhobenen Daten maximiert. Zur Messung einer Veränderung der politischen Wirksamkeit existiert beispielsweise die „Political Efficacy Kurzskala“ (PEKS)[5]. In der Praxis sind solche Instrumente jedoch meist zu ausführlich und nicht notwendig. In vielen Fällen ist es ausreichend, eigene Überlegungen dazu anzustellen, wie spezifische Wirkungen erfragt werden können. Um beispielsweise zu ermitteln, ob die Intention geweckt wurde, selbst politisch aktiv zu werden, muss ich nicht zwangsläufig ein validiertes Testverfahren verwenden – eine direkte Abfrage in Form einer Skala zur Zustimmung reicht aus. Bestehende Fragebogenelemente können aber auch als Inspirationsquelle dienen. In jedem Fall muss transparent kommuniziert werden, wie eine bestimmte Wirkung abgefragt wurde.

Ein wichtiger Aspekt der Messung ist die sogenannte Attribution, auch als "Deadweight" bezeichnet. Es besteht die Möglichkeit, dass gemessene Veränderungen auch andere Ursachen haben als die eigenen Aktivitäten. In diesem Fall wäre es unzulässig, den gesamten gemessenen Effekt allein auf die eigene Intervention zurückzuführen. Um die eigene Wirkung zu isolieren, können zusätzliche Fragen gestellt werden. Beispielsweise kann erfragt werden, ob die befragte Person auch vergleichbare Angebote in Anspruch nimmt, die eine ähnliche Wirkung vermuten lassen. Sobald der Fragebogen erstellt ist, wird empfohlen, diesen einem Pre-Test zu unterziehen und Feedback von unbeteiligten Dritten einzuholen. So kann sichergestellt werden, dass die Fragen verständlich sind und der Zeitaufwand für die Teilnehmenden nicht höher ist als erwartet.
 

Pragmatismus in der Anwendung

In der Praxis ist Pragmatismus entscheidend, um Durchführbarkeit zu gewährleisten. Der Ressourcenaufwand für die Wirkungsmessung muss in einem vernünftigen Verhältnis zur eigentlichen Intervention stehen. Hier kommt es häufig zu einem Trade-off zwischen Machbarkeit und wissenschaftlicher Rigidität. Bei einer punktuellen Ausstellung wird ein aufwendiges Längsschnittdesign kaum umsetzbar sein, hier eignen sich eher einzelne Fragen im Querschnittdesign, die unmittelbar nach dem Besuch gestellt werden. Zudem ist die Zielgruppe zu berücksichtigen: Alter, Sprachkenntnisse und digitale Kompetenzen entscheiden beispielsweise darüber, ob ein Online-Fragebogen per QR-Code (kostenlos z.B. mit Google Forms erstellbar) oder ein persönliches Interview der richtige Weg ist.

Am Ende dieses Prozesses steht die Fähigkeit, fundierte und evidenzbasierte Aussagen über den Beitrag der eigenen Arbeit zu treffen. Mögliche Aussagen könnten lauten: „Durch unsere Aktivitäten stieg bei XY Personen die politische Wirksamkeit“ oder „Bei XY % unserer Besucher*innen stieg die politische Wirksamkeit“. Mit dem ergänzenden Satz: „Durch diese Steigerung der politischen Wirksamkeit tragen wir zur Demokratieförderung bei, da eine weite Verbreitung politischer Wirksamkeit die Demokratie stärkt.“ (mit anschließender Quellenangabe). In der Kommunikation nach außen entsteht so eine starke Argumentationsbasis für Legitimierung und Advocacy, während nach innen wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der eigenen Aktivitäten gewonnen werden. 

Es ist offensichtlich, dass für Wirkungsmessung Ressourcen benötigt werden und dass Erfahrung und Expertise dabei förderlich sind. Aber jeder kleine Schritt in Richtung Wirkungsorientierung lohnt sich, auch wenn er nur zu einem Grundverständnis des eigenen Beitrags oder zur Formulierung der eigenen Wirkungsziele führt.

 

Stefan Schöggl ist Researcher am Zentrum für Nonprofit-Organisationen und Social Impact. Er beschäftigt sich vor allem mit Wirkungsanalysen und Wirkungsmessung, unter anderem im Kulturbereich.

 


1 Schöggl, S., Grünhaus, C., Wankat, K. und Walde, F. (2025): ‚Social Return on Investment (SROI) der Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024. Endbericht‘. doi: www.doi.org/10.57938/e4df217b-4310-406d-a236-2701ac5ee571. 

2 Teissl, V., Schöggl, S., Krainhöfer, T. C. und Unnold, Y. (2026): ‚Transdisziplinäre Wirkungsanalyse im Kunst- und Kulturbereich. Ein Schlüssel zur strategischen und operativen Weiterentwicklung‘. In: Momentum Quarterly, 14 (1), S. 14–41 (angenommen, im Druck). Auf Nachfrage beim Autor erhältlich. 

3 Grünhaus, C. und O. Rauscher (2021): ‚Impact und Wirkungsanalyse in Nonprofit Organisationen, Unternehmen und Organisationen mit gesellschaftlichem Mehrwert. Vom Wirkungsmodell über die Messung, Bewertung bis zur Steuerung, Darstellung und Kommunikation‘. Working Paper, NPO & SE Kompetenzzentrum WU Wien. URL: www.short.wu.ac.at/impact-paper. 

4 Beispiele: https://degede.de/wp-content/uploads/2020/02/heft-2-demokratische-handl…, https://rm.coe.int/16806ccc07, https://doi.org/10.7577/information.3742, https://doi.org/10.1177/02633957251324529 

5 Beierlein, C., Kemper, C. J., Kovaleva, A. und Rammstedt, B. (2012): ‚PEKS. Political Efficacy Kurzskala‘. In: Leibniz-Institut für Psychologie (ZPID) (Hg*innen): Open Test Archive. Trier: ZPID. doi: www.doi.org/10.23668/psycharchives.6561.

 

Cover des IG Kultur Magazins 2026. Kultur Macht GesellschaftDieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026  "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen. 

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