Stefanie Fridrik — Der Künstler François Matarasso unterscheidet bei seiner Definition von Cultural Democracy zwischen der „Demokratisierung von Kultur“ und „kultureller Demokratie“. Während Ersteres auf die niederschwellige Zugänglichkeit zu einem (institutionellen) Kulturangebot als öffentliches Gut abzielt, verbindet Matarasso mit Zweiterem das Praktizieren von Kunst und Kultur als Schaffung kultureller Grundlagen für ein demokratisches gesellschaftliches Miteinander.
Bei dieser Unterscheidung stehen sich ein elitäres Kunstverständnis bzw. eine bildungsbürgerliche Vorstellung von Kulturvermittlung und ein Verweis auf partizipative und sozial diverse Formen kultureller Produktion gegenüber. Matarasso bezieht sich damit auf eine zentrale kulturpolitische Debatte, die unmittelbar die Gestaltung kulturellen Lebens innerhalb von Gesellschaften beeinflusst.
Meine erste Frage an dich ist also, was ist dein Verständnis von Cultural Democracy? An welche Begriffe von Kultur und Demokratie ist dieses Konzept für dich geknüpft?
Monika Mokre — Das ist eine Frage, bei der man sehr weit ausholen könnte. Sowohl Kultur als auch Demokratie sind außergewöhnlich unbestimmte Begriffe, deren Auslegung von normativen Einstellungen abhängt, die dann wiederum die Art beeinflussen, in der sich kulturelle Demokratie denken und implementieren lässt. Wenn du etwa den elitären Charakter eines bestimmten Kulturverständnisses erwähnst, dann beruht dieses Verständnis auf einer Gleichsetzung von Kultur mit Hochkultur. Gerade im deutschen Sprachraum war diese Gleichsetzung lange Zeit üblich und wird zum Teil auch heute noch vertreten. Und der Zugang zu dieser Hochkultur soll dann der moralischen Bildung dienen, wie du ja auch schon erwähnt hast – Friedrich Schiller etwa sprach von der Schaubühne (also dem Theater) als moralischer Anstalt.
Schon die Kulturdefinition, auf die man sich bezieht, hat also eine gesellschaftspolitische und damit auch demokratiepolitische Bedeutung. Ist es wertvoller oder relevanter, in die Oper oder in eine Ausstellung zeitgenössischer Bildender Kunst zu gehen, als eine Netflix-Serie zu sehen oder Rap zu hören?
Demokratiepolitisch ist hier wohl jedenfalls relevant, wie die rezipierten kulturellen Formen verarbeitet werden, inwiefern sie im weitesten Sinn politisch wirksam werden — doch häufig beeinflusst bereits die gewählte kulturelle Ausdrucksform das Werturteil. Dies ist wohl zu hinterfragen.
Wenn ich nun noch zum Demokratiebegriff komme, beziehe ich mich der Einfachheit halber auf die sogenannte Abraham-Lincoln-Formel: Demokratie ist Regierung des Volkes, für das Volk und durch das Volk. Hier ist zunächst zu fragen, wer zum Volk gehört — eine Frage, die in Migrationsgesellschaften an Bedeutung gewinnt, in denen ein hoher Prozentsatz von Menschen dem Wahlvolk nicht zugerechnet wird.
Dazu kommt dann noch die Frage, unter welchen Bedingungen sich Menschen einem Volk zugehörig fühlen, also die Frage nach kollektiver Identität oder gesellschaftlichem Zusammenhalt. Die Frage nach Identität ist immer auch die Frage nach Ausschlüssen — wenn wir definieren, wer wir sind, definieren wir stets zugleich, wer nicht dazu gehört. Dies verweist wiederum auf Migration, bzw. auf die nationale Verfasstheit zeitgenössischer Demokratien, aber etwa auch darauf, dass von rechtspopulistischer Seite vermehrt gefordert wird, bestimmte politische Haltungen aus dem demokratischen Willensbildungsprozess auszuschließen, da sie angeblich undemokratisch sind.
Stefanie Fridrik — In welchem Verhältnis stehen für dich vor diesem Hintergrund politische und kulturelle Teilhabe?
Monika Mokre — Wenn wir unter demokratischer Politik mehr verstehen als die Teilnahme an Wahlen in regelmäßigen Abständen, dann ist das öffentliche Abwägen unterschiedlicher politischer Konzepte und konkreter Politiken von zentraler Bedeutung, durchaus auch in konflikthafter Form. Hier spielen kulturelle Produktionen und Repräsentationen wie auch kulturelle Teilhabe von jeher eine wichtige Rolle. Einerseits ist etwa das sogenannte kulturelle Erbe zentraler Teil nationaler Identitätsbildung, andererseits stellen kulturelle Produktionen solche Identitätsbildungen in Frage. Eine ähnliche Rolle spielen Kulturproduktionen für konfligierende Definitionen des Gemeinwohls.
Wenn kulturelle Produktionen in diesem Sinne demokratisch relevant sind, dann gilt dies auch für möglichst breite und vielfältige Formen kultureller Teilhabe, damit viele und möglichst alle gesellschaftlichen Gruppen an der Bildung von Kollektividentitäten und der Entwicklung gesellschaftlicher Ziele teilnehmen. Dies gilt umso mehr für gesellschaftliche Gruppen, die aus der formalisierten Teilhabe an Wahlen ausgeschlossen sind.
Stefanie Fridrik — Demzufolge geht es bei demokratischer Kunst- und Kulturproduktion auch darum, die Ordnung und Gestaltung von Gesellschaft in Frage zu stellen. Wie steht es darum in Österreich heute, Anfang 2026?
Monika Mokre — Ich sehe hier eine durchaus besorgniserregende Entwicklung in mehreren Hinsichten. Einerseits werden gerade Finanzen und Infrastrukturen reduziert oder völlig gestrichen, die für kleinere Akteur*innen der Kulturproduktion von essentieller Bedeutung sind — in Wien etwa das Amerlinghaus und Radio Orange. Freie Kulturarbeit kann ohne öffentliche Unterstützung nicht überleben und dafür spielen auch Infrastrukturen eine entscheidende Rolle. Werden diese einmal abgeschafft, sind sie nur schwer und langfristig zu ersetzen.
Freie Kulturarbeit, also Kulturarbeit außerhalb der Institutionen, trägt wesentlich zur Pluralität kultureller Ausdrucksformen und politischer Positionen bei, ist also sowohl für den Kultursektor als auch für die politische Öffentlichkeit relevant.
Andererseits werden politische Konflikte zunehmend weniger ausgetragen; stattdessen werden politische Gegner*innen desavouiert oder öffentliche Äußerungen verhindert. Ich beobachte das seit der Covid-Pandemie, in der Auseinandersetzungen zwischen Befürworter*innen und Gegner*innen der staatlichen Maßnahmen von beiden Seiten abgelehnt wurden. Statt eines Austauschs von Argumenten wurde der einen Seite blinde Staatstreue vorgeworfen, der anderen ein allgemeiner Hang zu Verschwörungstheorien. Der Unwillen, Konflikten Raum zu geben, wurde dann in Diskursen zum Ukrainekrieg noch einmal deutlicher und hat einen bisherigen Höhepunkt im Umgang mit dem Nahostkonflikt gefunden. Staatliche Verbote, institutionelle Absagen, aber auch „Cancelling“ in der Linken verhindern hier demokratische Konflikte.
Stefanie Fridrik — Welche Rolle spielt freie Kulturarbeit dabei, solchen Konflikten Raum zu geben?
Monika Mokre — Freie Kulturarbeit, also Kulturarbeit außerhalb der Institutionen, trägt wesentlich zur Pluralität kultureller Ausdrucksformen und politischer Positionen bei, ist also sowohl für den Kultursektor als auch für die politische Öffentlichkeit relevant. Sie ist zusätzlich zumeist schneller in der Lage, auf politische Veränderungen zu reagieren als Institutionen, durch das kulturelle Engagement neuer Akteur*innen oder die Entwicklung neuer Inhalte und Formen. Allerdings läuft freie Kulturarbeit auch immer Gefahr, nur von einer sehr kleinen Minderheit wahrgenommen zu werden, die in ihren ästhetischen wie auch politischen Vorstellungen den Produzierenden nahestehen, was die mögliche Wirkung dieser Initiativen einschränkt. Dies ist zum Teil in der stets ungenügenden finanziellen und infrastrukturellen Ausstattung dieser Projekte begründet, könnte und sollte aber durch klarere Überlegungen zum Zielpublikum und größeres Engagement im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit verbessert werden.
Daraus ergibt sich auch ein Auftrag an die Kulturpolitik, nämlich Räume und Möglichkeiten für freie Kulturarbeit zu schaffen. Dies bedeutet in erster Linie ausreichende Finanzierung, die es einerseits bestehenden Initiativen ermöglicht, längerfristig zu planen, und andererseits auch neue Aktivitäten unterstützt. Damit meine ich insbesondere Aktivitäten von und für gesellschaftliche Gruppen, die bisher von Kulturarbeit und damit auch von einem wichtigen Teil demokratischer Öffentlichkeit ausgeschlossen sind.
Monika Mokre arbeitet als Politikwissenschafterin am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ist Aktivistin in den Bereichen Asyl, Migration und Gefängnis.
Stefanie Fridrik arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Demokratiezentrum Wien. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit kritischer politischer Bildung an der Schnittstelle zu künstlerischem Aktivismus.
Dieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026 "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen.
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