Wie kommt man vom Wissen zum Handeln?

IG Kultur Österreich im Gespräch mit Jacob Silvester Bilabel, dem Leiter des Aktionsnetzwerks Nachhaltigkeit in Berlin.

Aktionsnetzwerks Nachhaltigkeit

Warum gibt es das Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit?
Ich würde das vom Namen her erklären. Wir sind nicht ein Netzwerk, wir sind ein Aktionsnetzwerk. Und als Aktionsnetzwerk gibt es uns, weil die deutsche Kultur jetzt die Brücke vom Wissen zum Handeln schlagen will. Man kann fairerweise behaupten, dass wir keinen Mangel an Problembewusstsein haben. Wir wissen alle, was uns droht, wenn wir nichts tun. Wir nicken beim Wort klimaneutral, und nachhaltig wollen wir ohnehin alle sein. Da kommt die ganz berechtigte Frage: Ja wie denn?
Und das ist die Frage, die wir uns im Aktionsnetzwerk stellen: Was tun wir und wie tun wir es, um gemäß den Klimaschutzzielen 2030 oder des Pariser 1,5-Grad-Abkommens die Einwirkungen der Kultur auf die Umwelt zu verringern. 
Nebenbei begleitet uns eine weitere Frage: Wenn wir über fünfzig, sechzig, siebzig Prozent Reduktion sprechen, könnten manche das Gefühl haben, dass wir uns in Zukunft entsprechend weniger Kultur erlauben können. Wir müssen da aber den gegenteiligen Weg finden, wir wollen mehr Kultur, aber mit einem minimalen klimatischen Fußabdruck. Also warum gibt es das Aktionsnetzwerk? Um in die Aktion zu kommen.

Wer klopft bei Ihnen an, um, wie Sie es sagen, in die Aktion zu kommen?
Das Aktionsnetzwerk ist ja maßgeblich gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Dementsprechend sind die Partner*innen bei uns derzeit 35 große Bundesinstitutionen. Wir arbeiten z.B. mit der Documenta und dem Humboldt Forum, mit klassischen Verbandsorganisationen oder der Industrie- und Handelskammer IHK, also ganz unterschiedlichen Akteuren. 
In dem breiten Spektrum der Nachhaltigkeit richten wir den Fokus auf die Betriebsökologie. Sie ist das Betriebssystem von Kunst und Kultur, sie ist das, was im Maschinenraum passiert. 
Und das Spannende daran ist: hier kann ein Museum von einer Bibliothek lernen, wenn es um Kühlung geht, hier kann eine Filmproduktion von einem Musikfestival lernen, wenn es um Mobilität geht, und hier kann ein Theater etwas von einem freischaffenden Tänzer lernen, wenn es um Ressourcen geht. Es ist ein Querschnittsthema, dass sich durch alle Kulturbereiche zieht. 

Wo fängt man an, wenn man ins Handeln kommen will?
Es gibt da zwei Hebel. Es gibt den Hebel der Wirksamkeit, also die Maßnahmen, die die größte Wirkung entfalten. Und es gibt den Hebel der Maßnahmen, die die höchste Sichtbarkeit entfalten. Kühlung, Lüftung, Heizung machen den größten Anteil der energetischen Klimabilanz aus, sind aber für die Besucher*innen komplett unsichtbar. 
Sie können aber auch eine Maßnahme nehmen, die total sichtbar ist: Mit einem Klimateller im Restaurant erreichen Sie z.B. an der Gesamtmenge gesehen einen relativ kleinen Anteil, aber es ist eine total sichtbare Maßnahme, und wirksam, weil die Besuchenden damit Haltung vermittelt bekommen. 
Unter diesen Gesichtspunkten entsteht eine Maßnahmen-Matrix von wirksam bis sichtbar. Und aus dem riesigen Spektrum der Möglichkeiten entscheidet man sich für einige erste Maßnahmen. 

Bei ihren Anleitungen stellen Sie der Innovation die „Exnovation“ gegenüber. Besteht hier nicht eine große Angst, etwas zu verlieren?
Wir sprechen so viel über Innovation, weil wir immer alles neu wollen. Aber das ist wie mit einem Kleiderschrank: Irgendwann ist das Ding einfach voll. Und dann muss man sich von Gegenständen trennen. Das gilt auch für Systeme. Es wird aber nur in dem Maße gelingen, in dem wir diese Prozesse auch als lustvoll, schön, attraktiv und anziehend empfinden. 
Das Besondere in der Kultur ist ja, dass sie einen permanenten Prozess von Innovation und Exnovation in sich trägt. In den Kulturzentren wird es kaum eine Intendantin geben, die sagt, die Spielzeit im letzten Jahr war so super, wir spielen den Shakespeare so lange, bis keiner mehr kommt. 
Außerdem neigen wir oft zu vergessen, dass Kultur ein Betriebssystem hat.  Für jede Schauspielerin, die auf die Bühne geht, sind viele Bedingungen geschaffen worden, damit Kunst und Kultur produziert werden kann. Wenn wir jetzt beginnen, uns diese Grundbedingungen anzuschauen, dann können wir uns bei der echten Kulturproduktion wahnsinnig viel Freiheitsgrade erlauben. 

Sie bilden Transformationsmanager*innen aus, worin besteht deren Tätigkeitsbereich? 
Wenn alle Transformationen wollen, dann braucht es Menschen, die das professionell betreiben. Die Herausforderung ist, dass Menschen, die heute in soziokulturellen Zentren, Theatern, oder Museen arbeiten, in der Regel etwas anderes gelernt haben. Sie sind Expert*innen in ihren Fachbereichen, aber nicht in der Transformation. Also lautete unsere Frage, wie können wir sie weiterbilden, damit sie diese Prozesse in Zukunft aktiv steuern können.
Die Kompetenzen, die sie dafür brauchen, sind z. B. Kenntnisse um Fragen der Klimabilanzierung, der Zertifizierung, wir bringen Ihnen bei, wie sie Klimabilanzen erstellen. Wir sprechen über den Umgang mit Widerständen, über die Kommunikation von Nachhaltigkeit, Fragen wie Green-Washing oder White-Washing. Müssen wir moralisch kommunizieren oder ist gerade das vielleicht die größte Gefahr? Wir sprechen auch viel über Themen der Verhaltensökonomie, also wie binden wir unsere Besucher*innen ein?  Und dann geht es auch noch um die Rolle des Einzelnen. In der gesamten Klimadiskussion treffen wir viele intrinsisch motivierte passionierte Laien, also Menschen, die ganz viel wollen, aber denen oft die Kompetenzen fehlen. Das ist dann leider auch ein Geheimrezept für Burn-out: wenn man ganz viel will, aber nicht die Kapazitäten und Ressourcen dafür hat. 

Es entstehen also gerade neue Berufsfelder? 
Ich glaube, wir werden diese Transformation nicht mit Menschen schaffen, die das in ihrer Freizeit zusätzlich machen. In ganz vielen Bereichen werden diese Prozesse gefördert. Automobilindustrie, Landwirtschaft oder Energiewirtschaft fangen ja auch nicht an, ihre Systeme von alleine umzubauen. Alle großen Schlüsselindustrien in Europa werden maßgeblich dabei unterstützt. Und genau so muss auch die Kultur unterstützt werden. Wir müssen nur vorsichtig sein, dass diese Gelder nicht aus den Kulturtöpfen kommen, dass es nicht heißt, wir nehmen aus den ohnehin schon knappen Kulturgeldern zwanzig Prozent raus und machen damit jetzt noch Nachhaltigkeit. Das muss aus anderen Töpfen, wie denen des Wirtschafts-, Bau- oder Umweltministeriums finanziert werden.

Große Einrichtungen tun sich da sicher leichter, derartige Stellen in ihrem Budget unterzubringen.
Wir sind am Beginn einer Entwicklung. Nehmen wir das Beispiel Filmwirtschaft, die bei diesem Thema dem restlichen Kultursektor zwei bis drei Jahre voraus ist: Hier kann man Gelder für einen „Green Consulter“, also einen Menschen, der in der Produktion auf das Thema Nachhaltigkeit achtet, im Rahmen der Filmförderung beantragen. Und damit eine zusätzliche Stelle schaffen. 

Wie ist die Nachfrage nach den Ausbildungen?
Wir kommen nicht hinterher. Durch die Prüfgesetzgebung dürfen wir nur eine zu definierende Anzahl von Menschen prüfen. Wir haben bei der nächsten Runde 24 Plätze und hatten 75 Anmeldungen. Schauen wir das Beispiel Deutschland an: Wir haben hier circa 20.000 geförderte Kulturinstitutionen, vom großen Museum bis zur kleinen Stadtteilbibliothek. Wenn nur zehn Prozent von ihnen im nächsten Jahr irgendwas zu diesem Thema machen wollen, dann ahnt man schon, wie viele Menschen wir ausbilden müssten. 

Sie haben auch das Pilotprojekt eines CO2-Rechners. Wie funktioniert das?
Es geht auch da wieder darum: Wie komme ich vom Wissen zum Handeln? Jeder nickt beim Thema Klimabilanz, aber wenn man es machen will, dann wird es kompliziert.
Den CO2-Rechner haben wir von den englischen Organisationen Arts Council und Julie’s Bicycle adaptiert, übersetzt und angepasst. Er ist in der Zwischenzeit von einhundert Institutionen in Deutschland getestet worden. Sobald er öffentlich ist, wird er umsonst nutzbar sein. Er ist dann ein niedrigschwellig praktikables Angebot, mit dem man für seine Kulturinstitution eine Klimabilanz berechnen kann.

Werden da auch österreichische Organisation darauf zugreifen können?
Ich gehe davon aus. Er funktioniert so, dass im Hintergrund Emissionsfaktoren hinterlegt werden, zum Beispiel 1 kWh Strom. Derzeit sind dies die deutschen Werte, von denen die österreichischen abweichen. Das Ergebnis wird vielleicht um fünf Prozent falsch sein. Aber es geht ja nicht nur darum, dass das Ergebnis richtig ist, sondern dass man sich selber vergleicht und jedes Jahr besser wird. Und vielleicht gibt es auch irgendwann eine österreichische Version davon, da sind wir sehr offen.

Wie schauen ihre Zeithorizonte zum Thema Nachhaltigkeit aus?
Sie wissen, wir haben da jetzt noch knappe zehn Jahre Zeit. Mein Ziel ist es, dass die Kultur in zwei Jahren lernt, wie es geht, in vier Jahren alle Prozesse eingeleitet hat, und in fünf Jahr die echten Reduktionen zeigt. 
Ich sehe aber schon jetzt bei den bis dato privat initiierten Projekten tolle Ergebnisse.
Hier zeigen sich zwischen zehn und vierzig Prozent an Einsparungen, und da habe ich das Gefühl, dass hier bald ganz tolle Signale ausgesendet werden können.

 

 

Jacob Sylvester Bilabel. Seit Sommer 2020 Leiter des Aktionsnetzwerks Nachhaltigkeit. 2009 gründet er die europäischen Green Music Initiative (GMI) als sektorübergreifende Innovations- und Forschungsagentur für die europäische Musik- und Unterhaltungsindustrie. Mitglied des deutschen technischen Spiegelgremiums für die Norm ISO 20121 (Nachhaltigkeit im Veranstaltungsmanagement). 2018 wurde Bilabel Teil eines europäischen Forschungskonsortiums, das Wasserstoff-Brennstoffzellen für Festivals und Veranstaltungen entwickelt und produziert.

www.aktionsnetzwerk-nachhaltigkeit.de

 

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