Regenerative Kulturarbeit als Schlüssel - Nachlese des UNESCO-Talks in Feldkirch

Am 2. März 2026 luden die IG Kultur Vorarlberg und die Österreichische UNESCO-Kommission zum Talk „Regenerative Kulturarbeit zwischen Krise und Transformation“ ins Theater am Saumarkt. Im Zentrum stand die Frage, welche Rolle Kunst und Kultur in Zeiten gesellschaftlicher, ökologischer und wirtschaftlicher Umbrüche bereits spielt und welche ihr zugunsten eines guten Lebens für alle im Einklang mit der Natur zukommt. Ausgangspunkt bildete die internationale Debatte um Kultur als „Missing SDG“ innerhalb der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Der Abend mit Beiträgen von Künstler:innen und Kulturakteur:innen veranschaulichte, dass Regenerative Kulturarbeit dort entsteht, wo Engagement, Zusammenarbeit und der Mut zum Mitgestalten aufeinandertreffen.

Der Talk, zu dem die IG Kultur Vorarlberg und die Österreichische UNESCO-Kommission gemeinsam einluden, fand im Rahmen der Klausurtagung der ARGE Kulturelle Vielfalt statt. „Regenerative Kulturarbeit zwischen Krise und Transformation“ war das Leitthema des Abends. Gemeinsam mit den Podiums-Gästen und einem interessierten Publikum wurde die Frage erörtert, inwiefern Kunst und Kultur in Zeiten gesellschaftlicher, ökologischer und wirtschaftlicher Umbrüche als transformierende Kraft genutzt werden kann.

Den Ausgangspunkt des von Klara Koštal (Österreichische UNESCO-Kommission) und Mirjam Steinbock (IG Kultur Vorarlberg) kuratierten und moderierten Abends bildete die internationale Diskussion über die Rolle von Kunst und Kultur in nachhaltigen Transformations-Prozessen. Obwohl sich Kultur in sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen findet, ist sie in den globalen Nachhaltigkeitszielen bislang nicht als eigenständiges Ziel verankert. Die UNESCO spricht in diesem Zusammenhang vom „Missing SDG“ und fordert, Kultur als eigenständige Dimension nachhaltiger Entwicklung sichtbarer zu machen.

Im Mittelpunkt des Abends stand der von der IG Kultur Vorarlberg im Jubiläumsjahr geprägte Begriff der „Regenerativen Kulturarbeit“. Er beschreibt die gesellschaftliche Wirkung von Kulturinitiativen und soziokulturellen Zentren als Orte der Begegnung, Teilhabe, Vielfalt und Zukunftsgestaltung. Regeneration wird von der Vorarlberger Interessenvertretung unabhängiger Kultureinrichtungen dabei nicht als kurzfristiges Projekt, sondern vielmehr als andauernder Beteiligungs-Prozess verstanden, der von stabilen Strukturen, Kooperationen und Zukunftsperspektiven getragen wird.

Die Panel- und Publikumsdiskussion zeigte eindrücklich, dass eine regenerative Kulturarbeit physische, soziale und strukturelle Räume braucht. Sie beinhaltet faire Arbeitsbedingungen, nachhaltige Fördermodelle, internationale Zusammenarbeit und die Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteur:innen. Ebenso zentral sind kulturelle Bildung, der Abbau von Berührungsängsten gegenüber Kunst und Kultur, sowie die Stärkung experimenteller Freiräume.
 

Politische und internationale Perspektiven

In der Begrüßung strich Bürgermeister Manfred Rädler den jungen und urbanen Charakter der Stadt Feldkirch heraus und ließ sich auf das Thema des Abends ein: „Regenerative Kulturarbeit versteht künstlerisches Schaffen als Teil eines Organismus, der sich verändert, sich erneuert und auf Impulse reagiert. Als Stadt ist es unsere Aufgabe, den Lebensraum für diesen Organismus zu gestalten und Rahmenbedingungen zu schaffen, die solche Prozesse dann auch möglich machen.“

Barbara Schöbi-Fink, Vorarlberger Landesrätin u.a. für Kultur, Wissenschaft und Weiterbildung, hob die gesellschaftliche Bedeutung von Kultur hervor und misst ihr eine tragende Rolle zu: „Wir werden kreativer, wir werden wahrscheinlich auch selbstbewusster. Wir werden kritischer, gleichzeitig aber auch toleranter, und wir lernen eigenständig zu denken. Das braucht unsere Demokratie ganz dringend: Dass wir Menschen haben, die in einen Diskurs treten und sich mit ihrer Meinung austauschen können.“ Angesichts knapper Budgets sprach sie sich für eine strategische Förderpolitik, den Erhalt bestehender Strukturen sowie faire Bezahlung aus.

Kathrin Kneißel, Leiterin der Abteilung Europäische und internationale Kulturpolitik im Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS), strich die internationale Dimension heraus, die sie als das Um und Auf bezeichnete. „Das Forcieren von Zusammenarbeit über Grenzen hinweg ermöglicht uns, voneinander zu lernen und ich glaube, je schwieriger die Zeiten werden, desto wichtiger wird das sein.“ Darüber hinaus betonte sie die Relevanz des Fair-Pay-Prozesses, die Zusammenarbeit mit den Interessensvertretungen sowie die Bedeutung der UNESCO-Konvention über die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen.

Zum Auftakt in die Gespräche wurden die Teilnehmenden eingeladen, sich gedanklich in das Jahr 2040 zu versetzen und als Ausgangspunkt für die anschließende Diskussion eine lebens- und kraftspendende Zukunft zu imaginieren. Künstlerisch begleitet und interaktiv gestaltet wurde der Talk-Abend von der Autorin Sarah Kuratle, die aus ihrem aktuellen und thematisch passenden Roman "Chimäre" las, und vom griechischen Musiker, Komponisten Andreas Paragioudakis, der den ganzen Saal zu einem gemeinsamen Klangerlebnis inspirierte.

 
 

Verbindung von Kultur, Natur und gesellschaftlicher Verantwortung

In der ersten Gesprächsrunde boten die Gäste einen Einblick in ihre Arbeit, insbesondere in Bezug auf deren regenerative Aspekte und Wirkungen auf Gesellschaft und Umwelt. Autorin Sarah Kuratle verwies über ihren Roman „Chimäre“ auf die Qualität der Verwobenheit und Vielfalt, denen sie schreibend nachgespürt habe. „Wenn es mir gelingt, mit Chimäre ein Stück weit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass alles ineinander übergeht, zusammengehört und auch nur so funktioniert, also auch auf einer praktischen Ebene und darüber hinaus als Qualitäten unseres Lebens als Menschen in Natur und Gesellschaft, dann habe ich sehr viel erreicht“, erklärt Kuratle, die auch als Bibliothekarin in einem Bildungsauftrag tätig ist.

Der Manager des Biosphärenpark Großes Walsertal, Matthias Merta, sprach über Regeneration als Prozess im Zusammenspiel von Gemeinschaft, Natur und Zeit. In einer Region mit begrenzten Ressourcen sei Regeneration oft eine praktische Notwendigkeit: „Wenn wenig vorhanden ist, muss besonders sorgsam mit Umwelt und Lebensgrundlagen umgegangen werden.“ Regenerative Prozesse entstünden daher aus dem Zusammenspiel von Gemeinschaft, Natur und langfristiger Perspektive.
 



Die Klimabotschafterin und Musikerin Lea Brückner zeigte anhand des Projekts „Green Mondays“, das in der Tonhalle Düsseldorf umgesetzt wurde, wie Kultur gesellschaftliche Diskurse sichtbar machen kann, gibt sich aber auch reflektiert: „30 Prozent der unter 30-Jährigen waren noch nie in einem klassischen Konzert oder in einer Oper oder in einem Theater, und ungefähr 5 Prozent der gesamten Bevölkerung in Deutschland machen über 50 Prozent des Umsatzes in der Klassik aus. Das heißt, wir sprechen bei Weitem nicht alle an und wir sind bei Weitem nicht Kultur für alle, obwohl wir das immer so verinnerlichen.“

Die Kulturmanagerin und Theater am Saumarkt-Geschäftsführerin Sabine Benzer erläuterte die doppelte Aufgabe von Kulturinitiativen, sowohl offene Begegnungsräume zu schaffen als auch faire Arbeitsbedingungen zu bieten und benannte deutlich die existenziellen Herausforderungen von Kultureinrichtungen: „Wir haben z.B. eine Literaturreihe, die uns sehr ans Herz gewachsen ist, weil von dort so viele Impulse für unsere partizipative Arbeit kommen. Und die gilt es, fair zu bezahlen. Das ist in Zeiten, in der sich die öffentliche Hand immer mehr zurückzieht, aber enorm schwierig.“

Daniela Koweindl, kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst und Vorstandsmitglied des österreichischen Kulturrats und der ARGE Kulturelle Vielfalt, verwies ebenfalls auf soziale Gerechtigkeit und die Notwendigkeit fairer Arbeits- und Visabedingungen. Im Rahmen zunehmender Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand skizzierte sie das realistische Bild der Arbeits- und Lebensumstände im Sektor: „Alles, was an kleinen Puzzlesteinen weggenommen wird, erschwert die Überlebensfähigkeit von Akteur:innen und deren Möglichkeit, kontinuierlich in dem Feld tätig zu bleiben. Und es gefährdet auch, zur Vielfalt in Kunst und Kultur beizutragen.“ In diesem Zusammenhang nennt sie auch die Einschränkungen der Zuverdienstgrenze zum Arbeitslosengeld seit Anfang des Jahres, was den überwiegend hybrid erwerbstätigen Kultursektor zusätzlich belaste.
 

Gute Beispiele zu Regeneration auch aus dem Publikum

Im zweiten Teil der Diskussionsrunde sprach Musiker und Komponist Andreas Paragioudakis:
über seine Aufgabe, Menschen einzubinden: „Egal, ob sie eine musikalische Bildung haben oder nicht, ich lade sie ein, zusammenzukommen und mit der Kraft der Musik zu arbeiten.“ Angesprochen auf seine Visionen, um noch mehr in die Kraft zu kommen, appellierte der Musikvermittler, auch mal in die Stille zu gehen.

Michael Kaspar, Direktor des vorarlberg museum, stellte das Pilotprojekt „Museum auf Rezept“ vor und verwies auf die gesundheitliche und soziale Wirkung von Kultur und die Musikerin und Kulturmanagerin Claudia Christa von Die Pforte sprach über die Sichtbarmachung übersehener Komponistinnen und über kulturelle Teilhabe auf Augenhöhe.



Yvonne Gimpel, Vorsitzende der ARGE Kulturelle Vielfalt, nannte die Relevanz von Räumen und Struktur: „Über den eigenen kleinen Bereich das Befruchtende mitzudenken, das ist ja alles da, aber es braucht die physikalischen Räume und es braucht die Zeit, sich zu entwickeln. Projekte sind gut, um etwas zu erproben, aber es braucht eine Struktur, um eine gemeinsame Basis zu entwickeln, gerade in diesen Zeiten. Ich sehe da eine Chance, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass es im Sektor strukturelle möglich ist, gemeinsam weiter zu entwickeln.“
 

Abschluss-Statements

Die Panelist:innen waren sich einig, dass regenerative Kulturarbeit vor allem Zeit, Räume und strukturelle Rahmenbedingungen braucht und nicht nur Projektförderung. Gefordert wurden stabile Strukturen, neue Kooperationsmodelle und der Mut zu Experimenten, um nachhaltige Transformation langfristig zu verankern.

Zentrale Impulse waren:

  • Innezuhalten und bewusst zu reflektieren, statt Leistungs- und Handlungsdruck zu erhöhen,
  • den Einklang mit der Natur zu suchen und zu finden,
  • offene Begegnungsräume und aktives Zuhören als Grundlage für Kooperation zu schaffen,
  • Offenheit für experimentelle Formate zu pflegen,
  • bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen, um Entwicklung und Innovation zu ermöglichen,
  • die Bevölkerung und junge Generationen in kulturelle Entscheidungsprozesse einzubinden,
  • Geschlechtergerechtigkeit und faire Bezahlung zentral zu verankern. 

Gemeinsam stand die Vision einer Kulturarbeit im Mittelpunkt, die Strukturen stärkt, Allianzen bildet, soziale Gerechtigkeit fördert und mutig neue Wege geht – mit dem klaren Wunsch nach nachhaltigen Rahmenbedingungen für eine vielfältige, gerechte und zukunftsfähige Kulturlandschaft. Herausgestrichen wurde auch, dass Regenerative Kulturarbeit kein Projekt, sondern ein langfristiger, gemeinschaftlicher Prozess und eine Haltung ist.

Martin Fritz, Generalsekretär der Österreichischen UNESCO-Kommission, unterstrich im Abschluss die Bedeutung langfristiger Transformationsprozesse. Er bezeichnete den Abend als eine Quelle der Inspiration. Gerade in herausfordernden Zeiten brauche es starke Allianzen, gegenseitige Unterstützung, Mut und Resilienz, um regenerative Prozesse gemeinsam zu gestalten.




Bereichernde Perspektiven

Klara Koštal und Mirjam Steinbock resümierten einen um viele Perspektiven bereichernden Abend, der zugleich den öffentlichen Auftakt für das Thema Regenerative Kulturarbeit bildete. Die IG Kultur Vorarlberg und die Österreichische UNESCO-Kommission werden den Dialog gemeinsam mit Mitgliedern, Partner:innen aus Politik, Verwaltung, Kunst und Kultur sowie allen, die an einer nachhaltigen und vielfältigen Zukunft mitwirken möchten, fortführen.
 

Fotos: © Sarah Mistura
Vielen Dank an das Theater am Saumarkt für die Gastgeberschaft. 

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