Kunst, die darüber hinausgeht

Kunst als gelebte Praxis des Widerspruchs – gegen Ausschluss, Normalisierung und die Vereinnahmung durch Markt und Institutionen. Lia Kastiyo-Spinósa zeigt auf, wie Vielfalt in selbstorganisierten Räumen entsteht und warum sie eine Voraussetzung demokratischen Zusammenlebens ist.

Silencing Gaze ©  Lia Kastiyo-Spinósa

 

Österreich. Eine Gesellschaft, in der das Unerwartete nicht so gut vertragen wird. Wieso singt diese Person auf der Straße, aus dem Nichts? Was feiert sie eigentlich? Es wundert uns, dass Kunst und Kultur außerhalb der dafür zugewiesenen Rahmen stattfinden können. Alles muss als „kunst- und kulturgeeignet“ qualifiziert werden. Jeder Aspekt des Lebens ist geregelt – darunter auch jener der kreativen Kraft.
 

Und trotz restriktiver Bedingungen gibt es kulturelle Vielfalt, die zum sozialen Zusammenhalt beiträgt.


Kollektive, Vereine, informelle Gruppen organisieren sich, um die Gesellschaft an das Recht eines lebendigen Lebens zu erinnern. Wenn Menschen ohne Staatsbürgerschaft nicht wählen dürfen, obwohl viele von ihnen schon seit Jahren hier leben und mitwirken, bestehen deutliche Ungleichheiten bei der Ausübung eines demokratischen Gesellschaftssystems. Deshalb betonen wir in migrantischen Vereinen wie maiz – Autonomes Zentrum von und für Migrant*innen, dass wir durch Kultur- und Medienproduktion unsere fehlende Partizipation zurückfordern. Kunstbasierte Praktiken, die aktivistischen Strategien folgen, vermitteln Theorie und Politik als gelebte Praxis und ermöglichen Wege, um diskriminierende Diskurse und soziale Ausgrenzung brechen zu können.
 

Um tatsächliche Teilhabe zu schaffen, muss die kulturpolitische Agenda jedoch versichern können, dass Kunst- und Kulturangebote nicht das Privileg einiger Weniger bleiben. Nämlich jener sozio-ökonomisch begünstigten Gruppen (in der Regel „weiße“ und heterosexuelle Menschen), die mehr Freizeit haben, sich repräsentiert fühlen, sich Eintritte und Care-Arbeit leisten können oder über eine akademische Sprache verfügen. Es ist von zentraler Bedeutung, dass Kulturangebote nicht nur keine koloniale, sexistische Perspektive reproduzieren, sondern dass ihr Genuss keine sozialen Ungleichheiten verstärkt – und dadurch die Demokratie schwächt.
 

Und trotz schwieriger Bedingungen gibt es kulturelle Vielfalt, die zum sozialen Zusammenhalt beiträgt.


Laut der UNESCO-Konvention zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen von 2005, die auch von Österreich ratifiziert wurde, ist der Schutz kultureller Vielfalt eine Voraussetzung, um die Rechte und Grundfreiheiten aller Menschen zu garantieren. Diese Vielfalt ist also eine Grundbedingung einer Demokratie. Sie findet sich in den selbstorganisierten Netzwerken, die außerhalb der Institutionen entstehen, wobei unterschiedliche Methoden der Kreativität ausgeübt werden, um kollektives Handeln zu schaffen. Ohne konzeptuelle Einführung. Ohne staatliche Finanzierung. Nur aus dem kreativen Potenzial des Lebens und Mitmachens der Communities, die sich in den hegemonialen Diskursen einer vermeintlich homogenen Nation unsichtbar fühlen. Und sind.
 

 

 

 

Andere verführen diejenigen in Machtpositionen weiterhin mit raffinierten Worten und polierten Konzepten, damit diese ihren Wert anerkennen. Man muss aber vorsichtig sein, denn alles, sogar radikaler Aktivismus, kann kapitalisiert werden. Einige Farben in die Diskussion miteinzubeziehen, reicht nicht aus, um das System vollständig umzukrempeln. Für diejenigen, deren Kunstproduktion institutionell anerkannt wird, bleibt es dabei, sich anhand eurozentrischer Parameter materieller Qualität beweisen zu müssen. Wir vergessen aber, dass die Grundlage dafür in den „produktlosen“ Momenten liegt: in den kollektiven kreativen Prozessen, dem transformativen Austausch, den Widersprüchen, den nie fertiggestellten Entwürfen, den Streitereien und Missverständnissen, in dem politischen Bewusstsein, das wir dabei (nicht) erhalten.
 

Und trotz merkantilischer Bedingungen gibt es kulturelle Vielfalt, die zum sozialen Zusammenhalt beiträgt.


Mit Kunst, die über die Erwartungen des Marktes hinausgeht. Mit Kunst, die mit einer angeblichen Normalität bricht. Mit Kunst, die das Unbehagen und die kollektive Verantwortung weckt.

 

 

Lia Kastiyo-Spinósa ist Redakteur*in, Aktivist*in und Kunst- und Kulturschaffende aus der Karibik. Lia arbeitet als Koordinator*in des Kulturbereiches des Vereins maiz und des Magazins migrazine – Online-Magazin von Migrant:innen für alle (www.migrazine.at). Lia ist außerdem Co-Direktor*in bei MUSMIG – Museum der Migration. www.liakastiyospinosa.cargo.site

 

Coverbild: Ausschnitt von Silencing Gaze ©  Lia Kastiyo-Spinósa

 

Cover des IG Kultur Magazins 2026. Kultur Macht GesellschaftDieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026  "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen. 

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