Die Grenzen der Kunst und das Lehrstück der Documenta15

Die Documenta ist eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt. Die aktuelle Ausgabe war Sensation und Skandal zugleich. Die Documenta hat versucht, die institutionellen Schranken zu überwinden und es auch tatsächlich geschafft, die politischste, partizipativste, vielfältigste und dynamischste Documenta zu werden, die es je gab. So viel freie Szene gab es in der Hochkultur noch nie. Doch über die Kunstwelt hinaus drangen die Nachrichten über antisemitische Bilder und die Frage, was Kunst darf. Die Documenta ist auch ein Lehrstück über die Grenzen der Kunst. Nur nicht so, wie ihr denkt.

Documenta15, ©Patrick Kwasi

Die diesjährige Documenta ging einen ganz neuen Weg. Sie vergab die Kuration an das indonesische Kollektiv Ruangrupa. Sie haben die Bespielung der Documenta vielen anderen Kollektiven überlassen, größtenteils aus dem globalen Süden. Und diese wiederum stellten Kunst aus, schafften Diskussionsräume, nutzten die Documenta als Plattform, um ihre Räume dem politischen Aktivismus für alle möglichen Themen, von Fast Fashion über Antikapitalismus oder Rassismuskritik bis Umweltschutz oder LGBTQ-Themen zur Verfügung zu stellen. Ein großer Kulturtanker eliminierte weitgehend die Gatekeeper der großen Kunstwelt und öffnete sich. Noch nie hatte Kunst, die die Welt verändern wollte und sich selbst auch basisdemokratisch organisiert, so einen großen Wirkkreis eröffnet. Noch nie war freie Szene so weit im Mainstream. Und tatsächlich wurden bei der Documenta15 neben etablierten Größen, die in die politische Ausrichtung passten (die junge Romnia Małgorzata Mirga-Tas stellte in Kooperation mit der Biennale Venedig aus), etliche Kunstschaffende ausgestellt, die erst selten oder sogar überhaupt das erste Mal ausstellen. Manche davon kommen noch nicht einmal aus dem Kunstbereich und werden möglicherweise das letzte Mal ausgestellt haben. Der Fokus liegt klar auf kollektiven Arbeiten mit politisch-widerständiger Ausrichtung, die sogar das Publikum involvieren sollen - Aktivismus, Outsider Art und Amateurkunst auf einer der größten Kunstmessen der Welt. Das ist schon eine Sensation.

Doch damit beschäftigt sich leider niemand. Das liegt am Antisemitismusskandal, der die Documenta erschüttern sollte. Eines der Kollektive, die von Ruangrupa zur Documenta eingeladen wurden, ist Paring Tadi. Es handelt sich um eine Gruppe Künstler*innen, die sich angesichts der tristen politischen Lage vor einer Entscheidung sahen: Nihilistische oder doch politische Kunst? Sie haben sich für das Zweite entschieden. Dabei stehen sie sinnbildlich für die gesamte Documenta15. Kaum irgendwo sind Kunst und Aktivismus so verwoben wie im Kasseler Hallenbad Ost, das zu einer Kunsthalle umfunktioniert wurde und von Taring Padi bespielt wird. Eine wahrlich inspirierende Ausstellung, sowohl was das Verantwortungsbewusstsein als auch die Courage der Gruppe betrifft. Umso trauriger ist es, dass Paring Tadi im Zentrum des Antisemitismusskandals der Documenta steht. Das indonesische Kollektiv verwendet bei Protestaktionen regelmäßig Karikaturen, die das Regime bloßstellen wollen. Diese Transparente, Plakate und Schilder wurden bei der Documenta ausgestellt. Ausgerechnet das größte Banner, das nicht wie die anderen Werke des Kollektivs am Stadtrand beim Hallenbad Ost, sondern auch noch prominent mitten im Stadtzentrum Kassels im öffentlichen Raum platziert wurde, zeigte antisemitische Bilder. Es handelte sich nicht nur um Andeutungen, es gibt hier wenig Interpretationsspielraum. Die Bildsprache kannte man von Karikaturen aus dem Stürmer, mit denen in der NS-Zeit Juden als raffgierige Monster dargestellt wurden: Teufelszähne, Schweinsnasen, diabolische Ohren, Hakennasen. Die Figuren sind mit Judenstern versehen und in einem Fall auch noch mit dem Symbol der nationalsozialistischen SS. Damit wird angedeutet, die Juden wären mittlerweile selbst wie die Nazis. Das indonesische Kollektiv sieht dabei nur die symbolische Komponente, nämlich die Kritik an einem korrupten und fehlgeleiteten System. Dabei ist das Symbol an sich schon falsch, denn es handelt sich um eine fehlgeleitete Kritik an der Politik des Staates Israel, der nicht mit dem Judentum gleichgesetzt werden darf. Die kritikwürdige Politik kann auch nicht mit den Greueltaten von Hitlerdeutschland gleichgesetzt werden und schon gar nicht sollte man die Nachfahren der 6 Millionen ermordeten Juden mit ihren Mördern gleichsetzen.

Wie kam es dazu? Die Erklärung vonseiten der Kollektive ist die, dass die Bilder in Indonesien einen anderen Kontext haben, also dort nicht antisemitisch gelesen werden. Das mag sein. Es ändert aber nichts daran, dass die antisemitische Bildsprache von Europa aus in die Welt exportiert wurde. Die Bilder wollen nun in Indonesien als Herrschaftskritik verstanden werden, ihr Ursprung ist aber trotzdem ein anderer, nämlich ein europäisch antisemitischer. Die Argumentation, dass der indonesische Kontext ein anderer sei, ist insofern frappierend, da die Bilder eben nach Deutschland gebracht wurden, und somit wieder in den originalen Kontext rückgeführt wurden. Daran hat aber niemand bei den so stark antirassistisch ausgerichteten Kollektiven der Documenta gedacht.
Es hat eine gewisse Ironie, dass eine antikolonialistische Gruppe durch europäischen Antisemitismus kolonialisiert wurde. Die Aufregung in Deutschland ist verständlich. Die Frage ist aber, ob wir marginalisierten Gruppen zugestehen, dieselben Vorurteile zu zeigen, wie wir selbst. Müssen wir uns von der Idee lösen, dass (Selbst)Ermächtigung auch mit einer moralischen Überlegenheit einhergeht? Wenn wir Macht umverteilen, sollten wir dann den an der Gesellschaft teilhabenden marginalisierten Menschen nicht auch zugestehen, dabei die gleichen problematischen Ansichten zu teilen, wie wir sie auch haben?

Ich habe einmal in einem großen EU-Kulturprojekt eine ähnliche Erfahrung gemacht. In dem Projekt ging es um Roma und Sinti. Im österreichischen Kontext geht man vom Begriff „Zigeuner“ ab, der als Schimpfwort verwendet wird. In anderen Ländern, wie Spanien ist „Gitano“, die wörtliche Übersetzung davon, eine Aneignung und eine positive Selbstbezeichnung. Eine österreichische Mitarbeiterin, die sich besonders dem politischen Antirassismus verschrieben hat, wollte die Verwendung des Wortes verhindern. Das war grundsätzlich gut gemeint, doch wie gut ist es, einer marginalisierten Gruppe vorzuschreiben, wie sie sich zu bezeichnen hat? Auch hier ist der Kontext relevant und doch ist er nicht immer eindeutig. Halten wir den Widerspruch aus, dass Gut und Böse bei Marginalisierung und im politischen Kampf nicht immer eindeutig sind? Halten wir es aus, dass auch Menschen, die wie Ruangrupa die Documenta enthierarchisieren und Repräsentationskontrolle auflösen wollten, gerade dadurch Antisemitismus das Tor öffneten? Womöglich sogar ihrem eigenen latenten Antisemitismus? 
Vielleicht kann die freie Szene oder sogar die politische Linke ganz allgemein einen großen Lerneffekt aus der Misere ziehen. Nur weil wir uns für eine bessere Welt einsetzen, sind wir keine besseren Menschen. Wir haben alle unsere blinden Flecken. Vielleicht liegt unsere große Chance nun darin, uns damit zu beschäftigen. Diese blinden Flecken liegen meiner Einschätzung nach vor allem in einer subtilen Islamophobie, versteckt hinter allgemeiner Religionskritik. Ich habe auf keinen Beitrag so viel negative und sogar zornige Rückmeldungen gekriegt, wie auf jenem zu Feminismus innerhalb der österreichischen muslimen Community. Das Kopftuch bzw. der Islam seien grundlegend frauenverachtend, eine muslime Feministin, erst recht mit Kopftuch, sei undenkbar. Dabei könnte uns nichts Besseres passieren, als eine feministische Bewegung innerhalb religiöser Communities. Vor allem sollten wir aber erst einmal zuhören, bevor wir uns pauschal ein Bild machen. Ein anderer blinder Fleck ist eben auch ein latenter Antisemitismus – und der ist gar nicht unähnlich dem, was wir auf der Documenta zu sehen kriegen. Eben auch, weil dieselben Konnotationsketten exportiert wurden, die auch den Karikaturen zugrunde liegen.

Nicht alles, was israelkritisch ist, ist antisemitisch. Aber mitunter versteckt sich dahinter ein Antisemitismus, auch wenn er nicht so offen daherkommt, wie bei Karikaturen mit Anleihen aus der NS-Zeit. Eine fehlgeleitete Linke hat es sich in Europa zur Angewohnheit werden lassen, „globaler Kapitalismus“ fast synonym mit „Weltjudentum“ zu verwenden und folglich aufgrund der führenden Rolle der USA in der Verbreitung des Kapitalismus auch die Existenzberechtigung Israels als amerikanischen Imperialismus abzutun. Auch diese Konnotationskette wurde von Europa aus exportiert. Der Nahost-Konflikt dauert nicht zuletzt deshalb seit über 70 Jahren trotz regionaler wie internationaler Schlichtungsversuche an, weil es der amerikanische Imperialismus so will und der europäische Schuldkomplex duldet. Polemiken verstecken sich häufig in der europäischen Israelkritik. Israel baut kein Apartheidssystem auf, diese Art der Diskriminierung wie man sie aus Südafrika kannte, existiert weder in den Palästinensergebieten noch gegenüber den palästinensischen Israelis, die auch die höchsten Ämter im Staat besetzen. Polemische Vergleiche von Apartheid bis zur NS-Zeit tun einer fundierten Kritik keinen Gefallen, denn tatsächlich ist die israelische Politik stark nationalistisch bis rechtsextrem geprägt und bräuchte dringend eine Korrektur. Doch jedes „Free Palestine“-Posting ist doch wieder eine ebenso utopische wie ignorante Forderung, wenn man bedenkt, dass sich Palästinenser eine Führung wählen, die die Zerstörung Israels in ihrer Gründungscharta verankert hat und der palästinensische Islamische Dschihad letztes Monat wieder Raketen in Richtung Israel abfeuerte. Wenn man sich nicht mit der Komplexität der Situation beschäftigen möchte, gerät eine Kritik zur Polemik. 


Gloria Kino, Kassel, Tokyo Reels, Documenta15Auch außerhalb der explizit antisemitischen Bilder zeigt sich diese hohle Pose in vielen Beiträgen bei der Documenta. Es ist eine plumpe Israelkritik als leere politische Geste und Selbstpositionierung von größtenteils nicht-arabischen Kunstschaffenden. Die „Tokyo-Reels“ zeigten ein Kinoprogramm, in dem manche Filme schlecht recherchiert waren oder sogar Fehlinformationen brachten, andere wiederum offen antiisraelische Propagandafilme waren. Sie zeigen nicht Unterdrückung oder Kampf um Gerechtigkeit, sie sind noch nicht einmal eine Kritik an israelischer Politik, da es ihnen dazu am nötigen Futter fehlt, es ist eine Sammlung antiisraelischer Propaganda. Man kann und muss sich auch mit dem Propagandafilm beschäftigen – aber nicht ohne erklärende Begleittexte und Kontext.
Dabei gab es auch gute Beiträge zum Thema und die kamen eben nicht von japanischen Kollektiven sondern aus Palästina selbst. In einem Raum im WH22 in Kassel stellten palästinensische Kunstschaffende aus. Interessanterweise ohne explizite politische Positionierung oder Antiisraelismus, jedoch mit Kommentaren zur konkreten Lebens- oder Arbeitssituation, Gesellschaftskritik oder künstlerisch-utopischen Neuentwürfen. The Question of Funding beschäftigte sich mit der Frage nach Selbstbestimmung und eigener Währung, Dabei ging es um Schikanen zum willkürlichen Einfuhrverbot künstlerischer Materialien oder auch darum, als palästinensischer Künstler, der eigentlich keine politische Kunst machen möchte, im Ausland immer als Kommentar zum Nahost-Konflikt gelesen zu werden.

Eine andere Frage, der sich die Kollektive stellten, war, wie lokale Initiativen involviert werden können, anstatt Kassel einfach ein Großevent überzustülpen. Denn in Kassel gibt es aber natürlich auch Kultur, die abseits des Tankers existiert und nicht nur alle fünf Jahre arbeitet. Eine solche Einrichtung ist die Caricatura, die seit 1987 aktiv ist und ursprünglich als Antwort auf die Documenta entstanden ist. Damals hatte sich eine Gruppe Studierende zusammengetan: „Was die Documenta kann, können wir schon lange“, so Geschäftsführer Martin Sonntag. Da hat man parallel zur Documenta eben auch einen Gegenentwurf positioniert. „Komische Kunst“ lautet das Motto der Caricatura. Das sind Cartoons, Karikaturen und komische Malerei. Das Feedback war so überwältigend, dass sie sich mittlerweile in der Kasseler Kulturlandschaft etabliert hat.
„Früher war klar, da wo Documenta draufsteht, ist schwer abgezäunt und niemand darf da etwas mit reinreden,“ so Sonntag. Die freie Szene hatte also dort nichts verloren. „Das hat sich mit der aktuellen Ausgabe radikal verändert!“ Das kuratorische Kollektiv Ruangrupa involviert lokale Gruppen, bindet lokale Institutionen ein, sogar ein Imbissstand, betrieben von einem Syrer, ist Teil der Documenta. Der Karikaturist Burkhardt Fritsche hat mit einem lokalen Fanklub des KSV Hessen Kassel ein Wimmelbild zum Thema Fußball gezeichnet, dass sich kritisch mit der Kommerzialisierung des modernen Fußballs auseinandersetzt. 
Doch im ganzen Rummel um den Skandal geht das alles etwas unter. Sonntag meint, dass auch in fünf Jahren dasselbe passieren wird: Die Presse wird erneut die Kunst für tot erklären und die Documenta zur schlechtesten seit jeher erklären. „Das ist ein Zyklus, der jedes Mal stattfindet und in fünf Jahren auch bestimmt wieder passieren wird!“. Leider hätte das trotz des Skandals auch anders laufen können, so Sonntag: „Als das erste Banner aufgestellt wurde, musste man sagen, das ist ganz klar antisemitische Bildsprache, allerdings war das Krisenmanagement der Documenta eine einzige Katastrophe, weshalb uns diese Debatte bis zum Ende der Ausstellungen nicht verlassen wird“.

Die Documenta15 ist ein Lehrstück über die Grenzen der Kunst. Doch die Fragen um Kunstfreiheit, Pietät oder politische Korrektheit sind dabei nicht so zentral, viel spannender sind andere Aspekte. Die Documenta hat gezeigt, dass es im Kampf um eine gerechtere Gesellschaft um mehr gehen muss als Repräsentation oder Inklusion. Das sind beides wichtige Faktoren, aber nicht die einzigen. Das System Kolonialisierung, genauso wie Kapitalismus oder Rassismus, ist nicht an den handelnden Personen alleine zu messen - es ist eben ein System, das auch weiterläuft, wenn man die Personen austauscht. Selbst wenn wir Hierarchien auf den Kopf stellen, wirkt die Struktur weiter. Dann bringen marginalisierte Gruppen in den ntemporären Machtpositionen eben doch wieder antisemitische Bilder. Im Fall der Documenta verwenden sie sogar dieselben Ausreden, wie wir es von unseren rücktrittsscheuen Politikern kennen. Die Documenta15 war der große Selbstversuch mit starker Infrastruktur und großem Budget gesellschaftliche Grenzen zu transzendieren und trotz bester Grundvoraussetzungen zu erkennen, wie die Grenzen eben dennoch weiterwirken. Die Documenta hat uns den Gefallen getan, eben diese Grenzen erst aufzuzeigen, auch wenn sie daran scheitern musste. Gleichzeitig wird die nächste Documenta wohl nicht mehr auf das Kollektiv, Transformation oder politische Kunst setzen, musste doch die Documenta-Chefin im Zuge des Skandals ihren Hut nehmen. Die nächste Leitung wird sich hüten, die Kontrolle entsprechend abzugeben. Doch vielleicht haben wir doch etwas daraus gelernt, kommen langsam aus dem Primat der Identitäts- und Repräsentationspolitik heraus und bekommen wieder einen Blick auf das große Ganze. So bliebe doch etwas über von den fantastischen Dingen, welche die Documenta15 geleistet hat. Selbst wenn sie an ihnen gescheitert ist.


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"Meine Arbeit enthält für jeden etwas, und wenn es die Wurst am Imbissstand ist."