20 Jahre Open Air Ottensheim

Stefan Parnreiter-Mathys: 16 zwanzixtl+1. 20 Jahre Open Air Ottensheim. Ottensheim: Eigenverlag 2013

Stefan Parnreiter-Mathys hat ein Interviewbuch über das Musikfestival in Ottensheim geschrieben, das seit 1993 stattfindet. Im Gegensatz zu anderen (Selbst-)Historisierungen österreichischer Popgeschichte, wie sie gerade gehäuft auftreten, stehen hier Strukturen, Fragen von Selbstorganisation und Emanzipation im Vordergrund und weniger der nostalgische Blick auf die – eigene – Vergangenheit. Parnreiter-Mathys, der selbst aus Ottensheim stammt, interessiert sich für den Ablauf der Prozesse, für Organisationsfragen und für die Arten, wie das Praxiswissen, das die vielen AkteurInnen im Laufe der Jahre aufgebaut haben, weitergegeben wird. Um diese Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, hat er über 70 Interviews geführt – es dabei für österreichische Poppublikationen sogar auf den beachtlichen Frauenanteil von ca. einem Drittel geschafft – und GastautorInnen einbezogen, die jeweils einen subjektiven Blick auf das Festival und seine Entwicklung werfen. Ergänzt werden die Zitate durch umfassendes Fotomaterial, das die Atmosphäre unprätentiös skizziert.

Die Systeme und Strukturen werden im sozialen Kontext der Gemeinde gesehen: Was passiert mit einem kleinen Ort, in dem seit Jahrzehnten sich immer wieder erneuernde Gruppen ehrenamtlich ein Musikfestival organisieren? Welche Auswirkungen haben selbst beauftragte, selbst organisierte und nicht zuletzt weitgehend selbst finanzierte Strukturen auf ein Gemeinwesen? Das Verdienst des Buches liegt genau in dieser Perspektive: Es versucht darzustellen, welche Auswirkungen soziokulturelle Arbeit hat, es geht also um jene Faktoren, die im Bereich von Großinstitutionen gerne als „Umwegrentabilität“ bezeichnet werden. Parnreiter-Mathys bringt die Situation der Gemeinde nach dem Hochwasser von 2013 auf den Punkt: „Die Wichtigkeit von Engagement, Wissen darüber, wie man Dinge anpackt, (Selbst)Organisation, Empathie und Motivation, der Gemeinschaft dienliche Arbeit zu leisten – die Werte und Treiber des Open Airs sind in diesen ersten Junitagen zu einer für die ganze Gemeinde hilfreichen Externalität der Kulturarbeit geworden.“

Die Darstellung der Geschichte des Festivals und seiner Vorgeschichte, dem „Rock in Ottensheim“ aus 1982, aber besonders dem JO (Jugendzentrum Ottensheim) zeigen, wie über nun mehr als 30 Jahre lang abseits von großen Städten, Kommerzialisierung und politischer Vereinnahmung Kulturarbeit von und für junge Leute gemacht wird. Mit allen Schwierigkeiten, Rückschlägen und Neustarts. Wobei letztere besonders spannend sind, wenn es zum Generationenwechsel kommt, eines der zentralen Themen vieler Projekte und Bewegungen, die auf Ehrenamt und Idealismus aufbauen: Wie können personelle und inhaltliche Verkrustungen verhindert werden, ohne deshalb auf die vorhergegangene Arbeit und das Wissen verzichten zu müssen? Nach einer Pause, in der keine Festivals stattfanden, hat eine jüngere Generation die Organisation übernommen, unterstützt von den Älteren, aber auch von anderen Institutionen wie der Kapu in Linz. Dass das „antiidentitäre Moment“ des Festivals ohne IntendantInnen-Figuren dabei geholfen hat, liegt auf der Hand: Kollektive brauchen keinen Vater- oder Muttermord.

Es wurde in vielen Besprechungen bereits festgestellt und soll an dieser Stelle noch einmal wiederholt werden: 16 zwanzixtl+1 geht weit über das konkrete Beispiel Ottensheim hinaus. Es wäre weitaus sinnvoller, wenn es als Nachtkastlbuch regionaler EntscheidungsträgerInnen Richard Florida endgültig ablösen könnte.

Stefan Parnreiter-Mathys: 16 zwanzixtl+1. 20 Jahre Open Air Ottensheim. Ottensheim: Eigenverlag 2013

 

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