Familientradition mit vielen Saiten: Das Vorarlberger Unternehmen Lustenauer Senf
Inspiriert vom Call der oberösterreichischen KUPFzeitung zum Thema Senf wurde uns bewusst: Wir haben in Vorarlberg mit "Lustenauer Senf" ein kulturaffines Familienunternehmen, das auch mit dem Lustenauer "W*ORT" befreundet ist. Da liegt ein Austausch über Senf, Kultur und gewürzte Kompositionen aus beidem doch sehr nahe. Und auch wenn sich die Akteur:innen beider Einrichtungen schon lange kennen, erfuhren sie im Laufe des Gesprächs Neues über liegengebliebene Instrumente, Leidenschaften im Dunklen, den „heimeligen“ Geschmack der Erinnerung und über die große Verantwortung, ein Familienunternehmen zu führen.
Es braucht nur eine Stunde, um sich näher und in die Zusammenarbeit zu kommen, könnte die Schlussfolgerung dieses Gesprächs mit vielversprechendem Ausgang sein. Anlass dazu gab der Call der oberösterreichischen KUPFzeitung, die in der Ausgabe 196 das Motto Senf trägt. Wir wussten, dass der seit 1911 bestehende Familienbetrieb „Lustenauer Senf“ neben der Produktion des würzigen Lebensmittels eng mit der Kultur verbunden ist. Es gab zwischen dem W*ORT und dem Senfer Felix Bösch auch bereits künstlerische Zusammenarbeiten mit Kindern. Das schuf beste Voraussetzungen für einen erhellenden Austausch.
Gemeinsam mit Vorstandsmitglied und W*ORT Geschäftsführerin Gabi Hampson besuchte unsere Geschäftsführerin Mirjam Steinbock den Betrieb, um das Gespräch mit Stefan und Felix Bösch zu führen. Das 2024 neu eröffnete Gebäude besteht mit Produktionsstätte, dem Senfladen, dem Büro, der offenen Küche mit Sitzbereichen und dem Senfmuseum und riecht mehr nach Holz als nach Senf. Die Optimierung der Räumlichkeiten entstand in Zusammenarbeit zwischen Senfer:innen und Architekt:innen. "Entstanden ist ein Baukörper, der weit über einen Gewerbebau hinaus geht. Durchblicke, Einblicke und Transparenz zeigen ehrlich und einfach, wie ein Lebensmittel entsteht", so Die Architektin Julia Kick erläuternd.


Klangvolles Gebäude
Uns erinnert die Architektur mit ihrem Atrium, das den Klang der Gespräche aus dem Senfladen in das obere Stockwerk trägt, an ein Holzinstrument. Dabei wäre eher die Klarinette für das Unternehmen bezeichnend, sie findet sich sogar im Senfmuseum, das mit historischen Informationen und Senfsäcken zum Reingreifen in einem Rundgang durch Lagerraum und Produktion zu mäandern scheint. Am Ende des Rundgangs gelangt man zu einer Kommode, die neben der Klarinette u.a. auch einen QR-Code beinhaltet, der auf den Vorarlberger Mundart Song LUSTNAUA SENF des Dornbirner Rappers Justin Winsauer aka DORABIRA MC verweist. Zufällig entdeckten die Böschs die Hommage an ihre Marke, deren Tradition und Verwendung und integrierten sie kurzerhand in ihr Museum.
Bei der Familie selbst wurde das Musizieren über alle Generationen weitergegeben. Urgroßvater Richard Bösch gründete nicht nur Lustenauer Senf, sondern auch den Musikverein Concordia, der noch immer besteht. Und auch heute klingt es im Unternehmen, allerdings nach Dienstschluss, wenn das Gebäude zum Probenraum für die Band Tight Ships wird, in der Felix Bösch spielt. Sein Cousin Stefan bespielt sein Cello hingegen nicht mehr. Dies fristet sein Dasein im Kasten während auch Stefan jenseits des Tageslichts durch sein Teleskop blickt und fotografiert. Der Freizeit-Astronom beschäftigt sich mit Aufnahmen von Planeten und Sternen und stellt fest: „Die Menschen schauen viel zu wenig in den Himmel.“ Den Blick in die Ferne richtet auch Felix Bösch und gibt sich trotz des neu gebauten Firmensitzes realistisch: „Keine Firma ist für die Ewigkeit. Die Zukunft ist ungeschrieben.“
Das Geheimnis emotionaler Bindung
Lustenauer Senf ist jedoch weit mehr als ein Lebensmittel, es ist Familienerbe, Identitätsanker und emotionaler Speicher. Denise, Stefan und Felix Bösch führen den Betrieb in bereits vierter Generation mit großer Verantwortung für ein Traditions-Produkt weiter und stellen sich den Herausforderungen eines Familienbetriebs und dessen Fortführung sowie einem Wunsch nach Selbstbestimmung. „Man übernimmt nicht nur die Firma, sondern auch familiäre Angelegenheiten“, verrät Felix Bösch. Die Entscheidung zur Weiterführung sei weniger geplant als notwendig gewesen.
Das eigentliche Geheimnis des Lustenauer Senfs liege jedoch weniger im Rezept als in der Marke und ihrer kulturellen Aufladung, vermuten die engagierten Senfer: „Er gehört zur Vorarlberger Identität“, so Stefan Bösch, der Geschmack an Erinnerungen und emotionale Bindung knüpft: „Wenn du etwas schmeckst, kommen Kindheit, Mama, Oma in Erinnerung. Das ist wie daheim“, beschreibt Felix Bösch die Wirkung. Ökologische Verantwortung wird pragmatisch gelebt. Produziert wird mit naturbelassenen Zutaten, ohne Zusatzstoffe und teilweise in Bio-Qualität, aber nicht ausschließlich. „Wenn wir alles in Bio machen, steigt der Preis und geschmacklich ist es nicht eins zu eins dasselbe.“
Offenheit und Experiment statt Konsum und Leistungsdruck
Kunst und Kultur spielen im Leben aller Beteiligten als Ausgleich, Ausdruck und Quelle von Sinn eine zentrale Rolle. Felix Bösch bezeichnet Musik und Kunst als persönliche Ausdrucksmittel, die sich abseits von Kommerzialisierung bewegen und „ganz wichtig für das Individuum sind, um sich zu positionieren. Es geht um die Freude am Tun.“ Diese Haltung verbindet sich mit Gabi Hampsons Arbeit im W*ORT, wo künstlerische Aktivitäten Kindern und Jugendlichen Raum geben. Dabei werden Leistungsdruck und Konsumzwang bewusst abgelehnt zugunsten einer Offenheit für Prozesse. Das W*ORT schafft damit ein Angebot, das unlängst die Würdigung des Bundesministeriums erhielt. Der Kulturinitiative wurde im Dezember 2025 der Staatspreis für Integration verliehen und der gesellt sich nun in eine Reihe anderer Preise, die das Generationen-übergreifende Team für sein großes ehren- und hauptamtliches Engagement bereits erwirken konnte.
Im Gespräch wurde auch deutlich, wie gut sich Kultur und Wirtschaft jenseits klassischer Sponsoring-Logiken ergänzen können. Neben finanziellen Ressourcen stehen auch Räume, Zeit, Wissen, Netzwerke und Sachleistungen im Fokus. „Wir können vielleicht keine 10.000 Euro geben, aber wir haben ein Haus, Raum, Möglichkeiten“, sagt Felix Bösch und Gabi Hampson ergänzt: „Es geht auch darum, Verbindungen zu schaffen, nicht Freunderlwirtschaft, es geht um ein echtes Teilen.“
Der Ausblick ist konkret und optimistisch: Gemeinsame Schreibwerkstätten in der Senferei, Ausstellungen von Stefans Astrofotografie im W*ORT, Konzerte, Fundraising-Initiativen mit der IG Kultur Vorarlberg, Patenschaften und neue Formate als Good Practice für Kooperation zwischen Kultur und Wirtschaft. „Ein Senfkorn aufbrechen und schauen, was daraus wächst“, fasst Mirjam Steinbock das konstruktive und mit neuen Ideen gewürzte Gespräch zusammen.
Weiterführende Links:
Die Kulturinitiative W*ORT Lustenau: http://w-ort.at/
Das Unternehmen Lustenauer Senf: https://lustenauer-senf.at/
Ausgabe 196 der KUPFzeitung zum Thema Senf: https://kupf.at/zeitung/196/
Architekturbüro Julia Kick Architekten: https://www.juliakick.com/
Vorarlberger Band Tight Ships: https://tightships.bandcamp.com/
LUSTNAUA SENF Julian Winsauer aka DORABIRA MC: https://www.youtube.com/watch?v=nF7m9bDfy5M
© IG Kultur Vorarlberg